Klaus-Jürgen Grün
Freitag, der 19. Februar 2010

Eilmeldungen

Am 18. Februar 2010 werden am späten Vormittag in Deutschland alle Nachrichtensender unterbrochen durch die „Eilmeldung“: „Amokläufer tötet Lehrer an einer Schule in Ludwigshafen“. Warum ist dies eine Eilmeldung?

Wodurch wird diese Meldung wichtig? Was wollen die Medien durch diese Meldung erreichen?

Es handelt sich deswegen um eine Eilmeldung, weil sie geeignet ist, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Egal was Menschen gerade machen – Sex, Zahnbürsten oder Bankgeschäfte – ihre Konzentration wird durch diese Meldung abgelenkt. Die Medien machen sich selbst wichtig durch das, was sie erfolgreich als wichtig vermelden können. Sex und Crime – beides möglichst pervers – versprechen die größte Aufmerksamkeit, aber auch Katastrophen.

In der Eilmeldung selbst kommen die genannten Gründe für ihr Gemeldet-werden nicht zur Sprache. Dass die Meldung erscheint, weil sie den Melder höchstpersönlich wichtig macht, oder dass jede Nachrichtenagentur melden muss, was die andere auch gerade gemeldet hat, erfahren wir niemals aus den Nachrichten. Statt dessen werden wir vertröstet mit dem Hinweis auf die Informationspflicht der Nachrichtensender und -agenturen.

Der neuerliche Amok-Fall vom Februar 2010 ist vor allem ein neuerliches Beispiel für die Schädlichkeit vorgeschobener Pflichtgefühle. Statt ihre Pflicht erfüllen zu wollen, sollten Menschen sich auf die Einschätzung der Folgen ihres Handelns konzentrieren. Was in Ludwigshafen geschah, hat nicht den Charakter der Wichtigkeit, zumindest außerhalb der auf schlimmste Weise Betroffenen. Der vermittelte Eindruck, dass sich durch die Häufung solcher Ausnahmezustände durch Amokläufer an deutschen Schulen die zunehmende Schlechtigkeit der Welt belegen lasse, ist falsch.

Wenn es eine Zunahme an Amokläufern gibt, dann deswegen, weil sie mit genau derjenigen Aufmerksamkeit rechnen dürfen, die ihnen die Medien dann auch einräumen.

Wenn Medien ihre Informationspflicht mit einer Verantwortung zur Vermeidung von Gefahren abwägen könnten, würden wir die Anreize für Amokläufer auf ein Minimum reduzieren. Statt dessen werden wir mit erheblichem Kostenaufwand Schulen noch mehr zu militärisch überwachten Gefängnissen umgestalten müssen. Dadurch werden wir den Druck auf junge Menschen weiter erhöhen, von denen noch mehr durch Gewaltakte ausbrechen werden, die ihrerseits eine Verschärfung der Überwachung nach sich ziehen und die Aggression der Verwalteten und Überwachten steigern werden.

Bei all dem dienen wir der Beförderung der Tendenz, bürokratischen Aufwand zu vervielfachen, ohne dass Schüler irgend etwas gelernt hätten. Die Klagen über den Schwund an Bildung haben die Nachrichten-Industrien bereits heute in den Schubladen.

Es handelt sich bei der Eilmeldung von Ludwigshafen um eine Eilmeldung, weil sich Nachrichten-Hersteller nicht darauf einigen werden, Amokläufe und Terrorattentate künftig nicht mehr als Eilmeldung zu verkünden, sondern unter den nebensächlichen Ereignissen des Tages mit lokaler Wichtigkeit.

Solange es solche Eilmeldungen gibt, werden wir stets die Strukturfehler einer Gesellschaft als moralische Defizite von menschlichen Individuen vorgeführt bekommen. Tatsächlich hat aber in Ludwigshafen wieder einmal ein Psychopath der Gesellschaft genau diejenigen Informationen bereitgestellt, nach denen die Gesellschaft hungert.

Der Amokläufer von Ludwigshafen steht so wenig außerhalb der Gesellschaft wie alle anderen Mörder ähnlichen Musters: Sie verstehen es, mit einer letzten großen Tat, sich und dem Rest der Welt zu zeigen, über welche Macht sie verfügen und wie machtlos diejenigen sind, unter deren Macht sie selbst zu leiden geglaubt haben. Und solche Menschen ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich, statt uns kalt zu lassen.

KJG

6 Kommentare zu “Eilmeldungen”

  1. Enno (Freitag, der 19. Februar 2010)

    Hätten Sie zumindest bei der Eilmeldung aufgepasst, dann wüssten Sie, dass es keine „letzte große Tat“ war. Der Täter lebt.

    In Ihrem Beitrag klingt es außerdem so, als sei in Schulen eine Entwicklung zu „überwachten Gefängnissen“ festzustellen, in denen die Schüler nichts lernten.

    Meine Schulzeit ist jetzt erst etwa zwei Jahre her, zwei meiner Geschwister gehen noch zur Schule. Von einer solchen Tendenz habe ich nichts mitbekommen, von den Tagen unmittelbar nach einem Amoklauf abgesehen.
    Aber selbst da gab es keinen zusätzlichen bürokratischen Aufwand, und gelernt haben wir eine Menge.

    Wie kommen Sie darauf, dass die Schulen so aussähen?

  2. rd (Freitag, der 19. Februar 2010)

    Eilmeldungen bezwecken mittlerweile auch eine Erhöhung von Seitenbesuchen. Sie sind Teil einer medialen Kommunikationsstrategie. Die großen Informationsprovider können damit die Anzahl der Besucher auf ihren Seiten erhöhen.

    Am besten geeignet für eine Erhöhung der „Klickraten“ sind Katastrophen aller Art: 9/11, Erdbeben, Flugzeugabstürze, Amokläufe etc.

    Und wenn „tote Hose“ ist, dann nimmt man halt auch ein unbedeutendes Attentat.

    RMD

  3. Chris Wood (Freitag, der 19. Februar 2010)

    I was surprised by the amount of attention given by the local media. By comparison, reporting of cricket results in Germany is miserable.
    One report purported to give „all that is known about the killer“; but did not mention whether he was really bad at maths.

  4. kjg (Freitag, der 19. Februar 2010)

    Das der Attentäter noch lebt, ändert nichts an der Sache seiner großen Tat. Dass Schulen mit Gefängnissen vergleichen werden ist nicht meine Erfindung. (Vgl. beispielsweise: http://www.wahrheiten.org/blog/2010/02/04/schule-oder-bildung-gefaengnis-oder-freiheit/).

    Wie sich die in Zeittakte organisierten Lerneinheiten der Schulen als Machtinstrumente wie in Gefängnissen verstehen lassen, erfahren wir auch bei Stefan Klein, Die Zeit. Erste Forschungen zur Unterwerfung von Gefangenen durch Vorschreibung ihrer Zeiteinteilung und ihrem Überwacht werden finden wir bei Jeremy Bentham in der Beschreibung seines Panoptikums. Schließlich hat Michel Foucault in „Überwachen und Strafen“ Eindeutiges darüber mitgeteilt. Wer das zunehmende Verwaltetwerden der Schüler nicht nicht als eine Strafe empfindet, dessen Charakter möchte ich gerne näher kennen lernen. Es gibt ja auch Menschen, die nichts gegen totale Überwachung und Vorschreibung haben, weil sie nichts zu verbergen hätten, wie diese Menschen sagen. Ich hoffe nur, es gibt nicht sehr viele von diesen arglosen Zeitgenossen.

  5. Chris Wood (Samstag, der 20. Februar 2010)

    I must be one of KJG’s „arglosen Zeitgenossen“. My impression of school is much nearer to ENNO’s. My school days (1946 to 1960) were among the happiest of my life, helped by being good at sport and learning, as well as having nice parents and siblings. I quite liked having my life organised; it left me free to think about other things. I was not closely controlled. Otherwise my spare time activities could well have landed me in court. Discipline was less strict than in German schools then, but stricter than what my daughters experienced in Germany.
    The other particularly happy period of my life was my first job. I was much more closely controlled at work, with one „boss“ for every few people at each level, and five to seven levels of hierarchy upwards.
    I suppose KJG is an alpha animal.

  6. rd (Samstag, der 20. Februar 2010)

    Ich bin da beim Klaus. Meine Schulzeit war weniger verschult und reguliert als die meiner Kinder. Trotzdem war das schönste die Freizeit. Und nur zu oft ging der Blick aus dem Schulzimmer sehnsüchtig ins Freie.

    Es hat trotzdem gepasst, ich konnte die überdurchschnittliche Bräune im Sommer immer halbwegs mit vernünftigen Noten zusammen bringen.

    🙂 Wahrscheinlich bin ich auch ein alpha-Tier.

    RMD

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