Klaus-Jürgen Grün
Donnerstag, der 18. März 2010

Katholische Fürsorge und priesterliches Zölibat

Die Menschheit erwartet eine Stellungnahme des Papstes. Er soll öffentlich und mit starken Worten verabscheuen, dass katholische Priester in Klöstern seit Jahrtausenden Novizen als Lustobjekte missbraucht haben. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit zeigt, wie wenig sie Mechanismen und Wirkungsweise moralischer Urteile sowie Verurteilungen im Allgemeinen und katholische Sexuallehre im Besonderen verstanden hat.

Denn wenn sich der Papst überhaupt vom moralisierenden Druck des Zeitgeistes beeindrucken lässt und ihm nachgibt, wird seine Bekundung genau denjenigen Grad an Verbindlichkeit haben, der nach außen den Zeitgeist halbwegs beruhigt und ihm nach innen die Möglichkeit gibt, seinen Kopf jederzeit wieder nach allen Seiten aus der Schlinge des öffentlichen Urteils zu ziehen.

Die katholische Kirche hat seit zweitausend Jahren alle Moden – seien sie moralischer, naturwissenschaftlicher, weltanschaulicher oder pekuniärer Natur – an sich vorüber ziehen sehen. Sie wird auch die moralisierenden Moden des 3. Jahrtausends überleben und am Ende ihren inneren Dogmenbestand wie seit Ewigkeiten tradieren.

In diesem inneren Dogmenbestand ist der Mann als eine sexuelle Gefahr so wenig definiert, wie Homosexualität im heutigen Iran, von der Ahmadinedschad behauptet, sie existiere gar nicht. Als eine Gefahr für den Priester gilt nur die sexuelle Macht der Frau, die er meiden soll wie der Teufel das Weihwasser. Der Kirchenvater Aurelius Augustinus stellte in Kapitel 22 seiner um das Jahr 400 entstandenen Ordensregel den ersten Maßstab für alle folgenden Ordensregeln auf.

„Wenn ihr eine Frau seht“, warnt er als einer, der bis zu seinem einunddreißigsten Lebensjahr den Reizen der Frauen vollkommen erlegen war, seine zölibatären Brüder, „lasst euren Blick nicht lüstern auf ihr ruhen. Wenn ihr ausgeht, kann euch natürlich niemand verwehren, Frauen zu sehen, wohl aber ist es schuldhaft, eine Frau sexuell zu begehren oder von ihr begehrt werden zu wollen (Vgl. Mt 5,28). Denn nicht nur die Gebärden der Zuneigung, sondern auch die Augen erregen in Mann und Frau die Begierde zueinander.

Behauptet also nicht, euer Herz sei rein, wenn eure Augen unrein sind, denn das Auge ist der Bote des Herzens. Und wenn man sich gegenseitig seine unkeuschen Absichten zu erkennen gibt, auch ohne Worte, nur indem man nach der anderen Ausschau hält, und wenn man an der zueinander entbrannten Leidenschaft Gefallen findet, dann ist – selbst wenn man sich nicht in den Armen liegt – von der echten Reinheit, nämlich der Reinheit des Herzens, schon keine Rede mehr.“

Von den Reizen der Knaben ist ebenfalls nicht die Rede. Es würde die gesamte katholische Ordnung von Gut und Böse zum Einsturz führen, wenn katholische Geistliche erkennen müssten, dass Versuchung und Enthaltsamkeit nicht von der vermeintlich übernatürlichen Gerechtigkeit über den Menschen ausgegossen wurde, sondern aus der natürlichen Sexualität, wie sie durch die Biologie des Tieres und des Menschen vorgegeben sind, erwachsen.

Die Sexuallehre, die sich von der sündhaften Eva und dem verführten Adam herleitet, steht im Widerspruch zur Naturlehre, nach der Sexualität nichts mit Gut und Böse zu tun hat, sondern mit dem stärksten Trieb zur Sicherung des Fortbestands der Gattung. Sexualmoralen sind einem Wandel unterworfen und haben die Aufgabe, die überbordenden Emotionen der Sexualität halbwegs erträglich für das Funktionieren einer sozialen Ordnung zu machen. Dass dabei manchmal Homosexualität als Delikt, Polygamie als Selbstverständlichkeit, Enthaltsamkeit als Pflicht auftreten kann, liegt an der Vielseitigkeit natürlicher Sublimation, aus der Menschen ihre Kultur erschaffen.

Von Natur aus, vermutete bereits Sigmund Freud korrekt, sind die Menschen sogar bisexuell angelegt. Gegen diese Natur können auch kirchliche Dogmen nicht ankämpfen. Wer sich jedoch auf ein natürliches Verständnis dafür einlässt, dass auch bei katholischen Priestern nicht nur der Anblick einer Frau „lüsterne“ Erwartungen wecken kann, sondern ebenso der Anblick eines Mannes, vor allem, wenn er so jung und unschuldig ist wie die den Priestern anvertrauten Knaben, der hat die Allmacht der Natur bereits über das kirchliche Dogma gestellt. Aber keine Naturlehre – nicht die kopernikanische, die darwinsche, die freudianische oder die hirnphysiologische – hat es bislang vermocht, die ehernen Denkgesetze kirchlicher Autorität zu beeindrucken.

KJG

1 Kommentar zu “Katholische Fürsorge und priesterliches Zölibat”

  1. Chris Wood (Donnerstag, der 18. März 2010)

    Good stuff, but two minor disagreements: I have not heard that anybody expects or even hopes that the Pope will say sorry for thousands of years of abuse of children. People are concerned about the last 50 years, where incidentally the Pope could have seen what was happening.
    Also, I think he has expressed his disgust. But he has concentrated on the sinful action and not bothered much about the damage done.
    I have heard that about 1•5% of priests are doing this. Is this more than the proportion among men in general? Most child abuse takes place in the family, (fathers, uncles etc.).
    I guess that most of us young men have to hold ourselves back from unaccepted sexual behaviour, just as most of us would be tempted to pocket a large sum of money found on the street.

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