Klaus-Jürgen Grün
Mittwoch, der 15. Juni 2011

Kirchen tagen …

Es ist in diesen Tagen viel beklagt worden, dass der 33. Evangelische Kirchentag viele Worte erzeugte, jedoch wenig Handeln erwarten lässt.

Was ist interessant an dieser Auffassung?

Politik wird nicht mit Paternostern gemacht, vermutete Machiavelli vor beinahe einem halben Jahrtausend. Heute wissen wir, dass er sich irrte. Kirchentage machen Politik, aber nicht auf verantwortungsvolle Weise, sondern weil sie moralischen Druck aufbauen. Denn ein Handeln, das aus Angst vor moralischen Tabubrüchen erzeugt wird, meistens sogar bloß verhindert wird, ist alles andere als verantwortungsbewusst.

Betrachten wir nämlich einmal im Detail, was ein frommer Besucher eine Kirchentages – sei er katholisch oder evangelisch – versteht, dann stoßen wir auf recht bedenkliche Kriterien. Zunächst einmal ist das Handeln eines Kirchtentagfreundes kein Handeln im eigentlichen Sinn des Wortes. Es ist vielmehr ein Gewirktwerden. Denn der fromme Christ geht zum Kirchentag, um sich dort zu versichern, dass er den Willen seines Gottes vollstrecke. Nur dasjenige Handeln ist gut im christlichen Sinn, das der Gläubige mit dem Gewissen seines Gottes vereinbaren kann.

Es ist allerdings ein Merkmal großer Unsicherheit, wenn Menschen, um zu entscheiden, was zu tun sei, zuvor beanspruchen, nicht nur den Willen Gottes zu kennen, sondern ihn auch in dessen Auftrag höchst persönlich vollstrecken zu müssen. In einem solchen Größenwahn erlebt sich der Mensch als nicht wirklich autonom und verantwortungsbewusst. Er hat ja alle Verantwortung in Gottes Willen gelegt und macht sich selbst bloß noch zum ausführenden Organ.

Bedenklich ist diese verbreitete und von Kirchen als besonders wertvoll gepriesene Geisteshaltung auch deswegen, weil sie Menschen nicht zur Übernahme eigener Verantwortung erzieht. Für ein verantwortungsvolles Handeln ist es aber unabdingbar, dass ein Mensch lernt, Entscheidungen zu treffen, die aus der klaren Einschätzung der Folgen seines Handelns resultieren. Die ohnehin in unserer Kultur schlecht ausgebildete Fähigkeit zur Einschätzung realer Gefahren und der Folgen unseres Handelns wird durch die anmaßende Haltung, Gottes Willen erfassen zu müssen, nicht verbessert, sondern eher noch weiter geschwächt. Das Nötige muss allerdings getan werden, weil es die Sache selbst erfordert, und nicht die eingebildete Stimme eines für allmächtig und allwissend gehaltenen Überwesens geboten habe. Das Befolgen der Stimme eines höchsten Wesens löst weder Probleme, noch wehrt es reale Gefahren ab. Es befriedigt einzig und allein den grenzenlosen Narzissmus desjenigen, der sich wähnt, dem höchsten Wesen ähnlich zu sein.

Das Wirken von Menschen, die aus einer solchen Zwangsneurose heraus tätig werden, kann auf Dauer nichts Gutes herbeiführen. Gleichwohl erleben wir auf breiter Front, dass die Paternoster der zum Beten pilgernden Teilnehmer von Kirchentagen nach einem bestimmten Muster handlungswirksam werden. Es ist der Druck einer Minderheit, zusammengesetzt aus Individuen, die – sehen wir einmal ab von den Promis auf dem Kirchentag – alleine kaum aus der Anonymität heraustreten würden. Denn Menschen, die aus der Erwartung einer Gefahr oder eines Glücks oder eines Erfolgs ohne Gruppenzwang zum Handeln schreiten, werden wir kaum auf dem Kirchentag finden. Wir finden sie eher als Unternehmer wieder, wo sie täglich weitreichende Entscheidungen zu treffen haben. Und es ist wünschenswert, dass sie diese Entscheidungen nicht aus Größenwahn heraus treffen oder um sich einen besseren Platz neben Gott zu erwirtschaften, sondern einzig und allein aus der möglichst präzisen Einschätzung der zu erwarten Folgen im Hier und Jetzt.

Der moralische Druck einer Gruppe namenloser Individuen, die für sich allein niemals starke Forderungen stellen würden, zwingt inzwischen die politische Klasse irgendwie tätig zu werden, irgend etwas zu tun, damit nicht der Eindruck entsteht, sie sei untätig. So werden Generäle und Vorstände aus ihren Ämtern getrieben, selbst wenn sie sich gar nichts zuschulden haben kommen lassen; so werden Gurken aus Spanien verdächtigt und Bauern in den Ruin getrieben, nur um den Eindruck zu verstärken, man tue etwas; so werden Superkraftstoffe verordnet, die kaum einer haben will oder gebrauchen könnte, unter Aufwendung enormer Transaktionskosten. So werden auch Aschewolken angedroht und Computerszenarien zur Verbreitung von Angst erfunden. Der moralische Druck, den neurotische Massen ausüben, ist eine politische Kraft. Sie zwingt zum Handeln, damit irgendetwas getan wird. Es kommt aber nicht darauf an, irgendetwas Kostenaufwändiges, sondern das zur Abwehr von Gefahren Geeignete zu tun.

Solange Kirchentage Gott zu wichtig nehmen und es versäumen, den Menschen zur Bewältigung realer Gefahren tüchtig zu machen, solange sie Maßstäbe setzen im frommen Reden, werden wir uns wohl darauf einstellen müssen, dass unverantwortliches Geschwätz auch in Zukunft billiger zu haben ist als die Bildung zum verantwortungsbewussten Handeln.

KJG

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7 Kommentare zu “Kirchen tagen …”

  1. hans-peter kuhn (Mittwoch, der 15. Juni 2011)

    Bravo, das ist eine erfrischende Abwechslung, messerscharf argumentiert und viel würziger als die biedere, gutbürgerliche Stammtischkost, die Roland seit Wochen zu ähnlichen Themen serviert.

    Düfte von verfeinerter Kost vertreiben die Ausdünstungen von Bratkartoffeln. Welcome back to the blog Klaus-Jürgen.

  2. rd (Mittwoch, der 15. Juni 2011)

    Naja, Klaus ist ja auch einer der besten Philosophen und Dialektiker, die ich kenne – und ich bin ja nur ein kleiner Programmierer 🙂

    Aber ernsthaft: Ich ziehe immer wieder vor Klaus, seinen Veröffentlichungen und seinen Reden meinen Hut – und wünsche mir auch, dass er öfters für uns schreibt!

  3. Chris Wood (Mittwoch, der 15. Juni 2011)

    I am happy to say that I do not join in with the shouts of admiration! Perhaps I even prefer Roland’s (justified?) self satisfaction. Of course I have never been to one of these Church festivals. And as a solid atheist, I do not want to tell people they should concentrate on doing God’s will. But where amid his polemic (OK Roland, dialectic), does Klaus-Jürgen tell us how else to find our ethics? Of course we find our ethics during our upbringing, (apart from aspects that are congenital). We may say that some such cases are good and some are bad, but then we are judging by our own ethics which have similar dubious origins. In my famous (IF-blog) treatise, (which nobody has disputed, (or read?)), I went some way towards establishing an objective ethic, but clearly this didn’t much interest anybody. So my ideas also fall victim to the grim reaper (evolution).
    As a practical (i.e. surviving) source of ethics, the teachings of Christ, (Sermon on the Mount, and Parables) seem pretty good. Of course it is a bit nasty to curse a fig tree because it is not the fruit season. We need to modernise things a bit, but most Protestants, including most of my dear old Anglican Church, seem to manage this quite well, (consider Desmond Tutu). As a basis, „Love your neighbour as yourself“ is wonderful, even if a bit exaggerated. It seems to have got through to the Beatles, („All you need is love“).
    I find it courageous to defend generals, bankers, etc. Does this include the people who sent an overweight girl repeatedly up the ship’s rigging until she fell, and the bankers whose greed for bonuses really got the World finances into a mess? I would rather defend the planners of the Stuttgart station, and the designers of nuclear power stations.
    Nix für ungut, Klaus-Jürgen, Ich mag dich trotzdem.

  4. Hans Bonfigt (Mittwoch, der 15. Juni 2011)

    Es geht auch kürzer:

    http://www.steinhoefel.de/blog/2011/06/um-deutschlands-zukunft.html

  5. six (Donnerstag, der 16. Juni 2011)

    Ach Gott, Klaus, wenn’s nur so einfach wäre, mit der schwarzweißen Welt der Selbstbestimmten und der Fremdbestimmten. Was hilft es dem selbstbestimmten, utilitaristischen Unternehmer, wenn ihm keine andere Existenz bleibt, als die des Geisterfahrers auf der Autobahn, der zwar im Rückspiegel sieht, wo er herkommt, der aber über das, was vor ihm liegt, nur weiß, daß es demnächst krachen wird. Lieber Hans-Peter, da lobe ich mir einen kleistianisch (die allmähliche Verfertigung des Unternehmers während des Unternehmens) gestrickten Roland, der eine offensichtlich hochüberlebensfähige Spezienmischung aus Fremd-und Selbstbestimmung ist – oder aus Gesinnungsethiker und Utilitarist.

  6. Hans Bonfigt (Donnerstag, der 16. Juni 2011)

    @Chris Wood, quoting:
    „Tell us how else to find our ethics“

    So, there were times when the Protestants
    really tried to find their ethics. As an
    agnostic, I always tried to know my enemy
    and so clearly I attended several „church
    festivals“ of which I’m remembering the one
    in Nuremberg, in the early 1980s, very well.
    That’s because they had fantastic speakers,
    e.g. the triple Albertz, Scharf, Gollwitzer,
    they covered very interesting topics – with
    regard to my restricted knowledge of English,
    I will only mention one:
    „How did it happen to happen?“ („Wie konnte
    es dazu kommen?“)
    The theological faculty of the german univer-
    sity Erlangen, in the late 1930s, released
    the „Erlanger Gutachten“. Therein the well-
    reputated faculty came to the conclusion that,
    from a theological point of view,
    it was quite correct to force the exclusion
    of jews from the „Abendmahl“ and to revoke
    marriages between jews and christs.
    The remarkable point ist that the faculty
    stated this without being forced and they
    tried hard to deduct an argumentation that
    was solidly based on the bible.
    They even imcorporated Martin Heidegger.

    40 years later, it was an intersting ap-
    proach to analyse this theological deduc-
    tions in one direction:
    „Could this happen today again?“

    There were many interesting discussions
    with very intersting persons, Helmut Schmidt,
    Ernesto Cardenal, Tobias Brocher and many
    more. The discussions and fora were held
    in a controverse but constructive manner
    and, as a 20-year aged boy, i found it so
    interesting that i even forgot to consume
    as much Frankenwein as possible.

    But what happens to happen nowadays at
    the „church festivals“ ? If you can stand
    serveral minutes to look in the faces of
    the unwashed masses glancing at Margot
    Käßmann, you will be aware that they
    surely would shout „YES“ if she was going
    to ask them, „Wollt Ihr den totalen
    Krieg ?“.
    In the evening, they drink more than they
    can afford and then they’re stumbling
    through the streets singing „Wir sind die
    Moorsoldaten“, not kidding, I heared that
    by myself and then had to throw up.

    So I think that the author of this article
    has a „church festival“ in mind that cele-
    brates God and its deputy, whether he or she
    is called Ratzinger or Käßmann does not
    matter.
    Astonishingly enough they did not ivite
    Guido Westerwelle or Kristina Ponyhof.

    So,
    „Früher war alles besser.
    Sogar die Zukunft“

  7. Hans Bonfigt (Donnerstag, der 16. Juni 2011)

    Oh, just after having pressed ’submit‘,
    here’s a good one in german:

    „Stell‘ Dir vor es sind tausend Weiber
    auf der Straße und Du willst mit keiner
    in die Kiste — DANN IST KIRCHENTAG“

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