Klaus-Jürgen Grün
Montag, der 15. Dezember 2008

Recht auf Leben und Sterben

Zur besten Sendezeit hat im Dezember 2008 ein Fernsehteam den unheilbar kranken Craig Ewert bei seiner Selbsttötung begleitet. Empört haben nicht nur die Mitglieder der Anti-Sterbehilfe-Aktion „Care not Killing“ reagiert. Der Film habe ausschließlich die Einschaltquoten erhöhen wollen und sei ein zynisch-barbarischer Akt der Unmenschlichkeit des Reality-Fernsehens. Es handelte sich zudem um eine Verherrlichung der Selbsttötung. Der Augenblick des Todes sei wahrscheinlich überhaupt keine Angelegenheit fürs Fernsehen, meinte der Sprecher der Mediawatch-UK, John Beyer. Man sollte aus diesem Thema kein Entertainment machen.

Die Witwe des Getöteten sieht das nach wie vor anders. Sie gab bekannt, dass es ihrem Mann, als er seine letzten Momente filmen ließ, darum ging, sich „ehrlich dem Ende des Lebens zu stellen“. (Die Welt, 11.12.2008) „Wenn der Tod privat und versteckt ist, verdrängen die Menschen ihre Angst davor. Mein Mann war Lehrer, und gewissermaßen hat er diesen Film als Lehrer gemacht.“

Das öffentliche Töten hat eine lange Tradition. Berühmtestes Beispiel der westlichen Kulturgeschichte ist die Selbsttötung des Sokrates im Jahr 399 vor unserer Zeitrechnung. Er wurde per Gerichtsurteil gezwungen, den Schierlingsbecher zu trinken. Jeden Augenblick der langsamen Wirkung des Giftes hat er im Beisein seiner Freunde bewusst ausgesprochen, und die Freunde haben aufgeschrieben, was er gesagt hat. Wirkungsvoller als jede Fernsehsendung hat die Weltgeschichte seit mehr als Tausend Jahren diese Selbsttötung aus der schlechtesten Sendezeit im Gedächtnis behalten. Aber Empörungen haben wir keine vernommen. Vielmehr gilt dem moralisierenden Bewusstsein der Tötungsakt des Sokrates als beispiellose Tat eines mutigen Menschen, der moralische Maßstäbe setzte, indem er das Gerichtsurteil der Athener Richter angenommen hatte. Dabei war seine Situation längst nicht so ausweglos wie die Krankheit des Craig Ewert aus Großbritannien.

Sokrates hätte sich freikaufen können. Seine Freunde hatten ihm angeboten, das Geld dafür bereit zu stellen. Ausweglos war Sokrates Situation nicht. Er hätte durchaus gesund noch ein Dutzend Jahre und mehr leben können. Aber Sokrates wollte mit seinem autonomen Entschluss die Aufforderung zur Selbsttötung als selbstbestimmte Person ausführen und damit öffentlichkeitswirksamer als jede bislang gesendete Fernsehsendung auf sich, auf die Sterblichkeit der Menschen und auf deren Unaufgeklärtheit in moralischen Dingen aufmerksam machen.

Die Augenzeugen der Selbsttötung des Sokrates haben jeden Moment seines Ablebens dokumentiert. Sie haben Respekt gezeigt vor dem Freund und dem Toten, dass sie seine Tat nicht mit moralisierenden Vorwürfen begleitet haben. Warum geben wir Herrn Craig Ewert und seiner Witwe nicht ein ähnliches Signal? Nicht die Selbsttötung Craig Ewerts zeugt von der Verrohung unserer menschlichen Haltungen, sondern die Vorwürfe, die ihm entgegen gebracht werden.

KJG

1 Kommentar zu “Recht auf Leben und Sterben”

  1. Chris Wood (Dienstag, der 16. Dezember 2008)

    Good stuff! See http://chss.montclair.edu/english/furr/essays/ifstoneonsocrates.html
    Stone’s book explains that Socrates did almost everything he could to get a death sentence. The reason behind the death sentence was that he taught very undemocratic ideas, and that democracy was endangered in Athens at the time. Two of his pupils had already seized power for short periods. (Socrates was also not very nice to his wife).

Kommentar verfassen

*