Klaus-Jürgen Grün
Mittwoch, der 28. Oktober 2009

Tagreste

Ein Tagrest ist ein kleines Stück Erinnerung. Er kann ein Eindruck vom Vortag sein. Meistens ist er unscheinbar. Wir haben ihn in einen unserer Träume mitgenommen. Dort gärt er nun weiter und bildet eine Art chemischer Verbindung mit den verdrängten Wünschen und Ängsten, die jedes menschliche Individuum als unerledigte Forderung mit sich herumschleppt.

So entstehen die Gespenster, von denen sich Menschen gerne beherrschen lassen. Es sind Halluzinationen, die sie mit Vorliebe weiter erzählen. Aber das Weitererzählte existiert plötzlich in Raum und Zeit. Es hat die Gestalt eines historischen Ereignisses angenommen.

Ich schleppe seit einer Weile einen Tagrest mit mir herum, der in einer Frankfurter S-Bahn seinen Urspung hatte. Eine freundliche junge Frau stieg ein und bot mir die Hälfte ihres Brötchens an. Als ich ebenso freundlich ablehnte, breitete sie trotzdem ihre Seele vor mir aus. Sie war Krankenpflegerin in einer muslimischen Pflegeanstalt. Früher sei sie katholisch gewesen, das Kopftuch trage sie erst seit vier Wochen.

Die Widersprüche der christlichen Religion hätten sie zur Wahrheit des Islam geführt. Der Islam sei die einzig wahre Religion. Die Menschen, die einen Auftrag zur Gewalt oder zur Unterdrückung der Frauen aus dem Islam ableiteten, hätten ihn nicht richtig verstanden. Ihr größtes Glück sei es nun, dem wahren Gott dienen zu können. Denn er sei bei allem, was sie tue, dabei. Alles im Geiste ihres Gottes zu tun, führe sie auf geradem Weg ins Paradies.

Ich gab der aufrichtigen jungen Frau meine Auffassung zu verstehen, dass ich es für ziemlich vermessen hielte, Gott gefallen zu wollen und sich einzubilden, seinen Willen zu kennen. Außerdem sei es doch viel wertvoller, wenn Menschen Gutes zu tun bereit wären, auch dann, wenn sie keinen Lohn im Paradies dafür erwarten dürften.
Jetzt zögerte sie einen Moment.

Dann aber lud sie mich ein, in die Moschee zu kommen. Vor allem sollte ich mich mit dem islamischen Beratungszentrum in Verbindung setzen. Dort würden mir Muslime, die viel mehr wüssten als sie, meine Fragen beantworten. Aber ich könnte sicher sein, es würde mir gehen wie ihr, dass ich die Wahrheit des Islam dort erkennen würde.

Ich glaube nun, ohne dort gewesen zu sein, dass es im islamischen Beratungszentrum viele gibt, die sich gut darauf verstehen, ihre Tagreste mit den Nachtresten zu einer herrlichen Halluzination zu verschmelzen. Und wahrscheinlich gibt es noch mehr Menschen dort, die aus der Erzählung einer wunderschönen Halluzination ein historisches Ereignis machen, an dem teilzuhaben sie stolz sind. Aber das ist nichts Besonderes, denn das Christentum beruft sich auf die gleichen Legitimationsgründe wie der Islam.

KJG

1 Kommentar zu “Tagreste”

  1. Chris Wood (Mittwoch, der 28. Oktober 2009)

    There is a Moschee in South Perlach, attended by swarms of men on Fridays. But I never saw a woman there. Don’t women attend services? I was told that all sects of Islam go there.

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