Klaus-Jürgen Grün
Mittwoch, der 22. April 2009

Trickster

grun-anzug2Kinder kennen einen ausgezeichneten Trick gegen Angst: Zauberei. Ihre Zauberer sind wahre Kunstwerke. Sie schaffen Illusionen, an die keiner den Anspruch stellt, in Wahrheit aufgelöst werden zu müssen.

Als Harry Potter sein drittes Ausbildungsjahr zum Magier absolviert, erfahren wir aber, wie Zauberei Angst auflöst. Der gefährliche Zauberer Sirius Black ist aus dem Askaban-Gefängnis entkommen. Jetzt sucht er Harry Potter, wahrscheinlich um ihn zu töten: denn schon dessen Eltern soll er getötet haben. Die Zauberlehrlinge lernen unterdessen, sich gegen einen starken Feind zu schützen.

Eine Unterrichtsstunde beginnt daher mit der Frage: „Was ist ein Irrlicht?“ Die kluge Antwort der strebsamen Hermine: „Irrlichter sind Scheinfiguren. Sie nehmen die Gestalt dessen an, was sein Betrachter am meisten fürchtet.“

Wir finden hier die Einsicht, dass das Objekt der Angst aus dem Subjekt selbst stammt. Leider offenbart die Kulturgeschichte der Angst, dass Erwachsene diese Wahrheit oft vergessen haben und die Objekte ihrer Angst für etwas real Böses halten. Erwachsene halten immer die anderen für böse, niemals sich selbst. Wenn sie dann das Böse bekämpfen, haben sie vergessen, dass ihre Angst vor dem Bösen eigentlich die Angst vor ihren eigenen unbewussten Regungen ist.

So kommt es, dass es der Papst für eine wesentliche Aufgabe der katholischen Kirche hält, gegen den Teufel vorzugehen. Er erinnert sich nicht mehr daran, dass der Gegenstand der Angst aber eine Projektion des eigenen, subjektiven Erlebens des Menschen ist. Die vom Papst sehr geschätzten Piusbrüder mögen daher Harry Potter so wenig wie den Teufel. Ja, sie verbreiten geradezu Angst vor Harry Potter.

Angst, darin ist Harry Potter den Piusbrüdern weit voraus, kann wie ein Irrlicht den Menschen fehlleiten und in die Irre führen. Jugendliche und Kinder wollen diese Projektionen bewältigen. Harry Potters Professor weiß Rat. „Um die Irrlichter loszuwerden, muss man einen Zauberspruch aufsagen. Das Wort heißt: ‚Rediculus‘. Man muss sie zudem lächerlich machen. Das Fürchterliche verwandelt sich so in eine Witzfigur.“

Der Professor in Hogwarts gratuliert schließlich Harry Potter nach dessen geglückten Übung in der Abwehr und erkennt, dass der Held der Geschichte bereits das höchste Verständnis für die Angst erreicht hat: „Du bist weise. Das, was du am meisten fürchtest, ist die Furcht selber.“ Zaubersprüche und Witze sind die besten Hilfsmittel gegen die Projektionen der Angst. Wenn in der Welt der Erwachsenen keine Zaubersprüche mehr wirken, dann stehen ihnen immer noch die Witze zur Verfügung.

Es gehört vor allem zum Lebensgefühl junger Menschen, dass sie die bevorzugten Konsumenten jener Comics sind, in denen die Mischung zwischen Kind und Superman durch Phantasie ergänzt, was die Lebenswirklichkeit eines Jugendlichen ihm verwehrt. Die Freunde Harry Potters wollen keine Kinder mehr sein, aber von den Erwachsenen werden sie noch nicht ernst genommen. In dieser Zwischenwelt eifern sie manchen „Irrlichtern“ nach, aber sie wachsen von selbst heraus aus diesen Illusionen. Jede Generation hat ihre eigenen Möchtegerne.

Was heute Bart Simpson ist, war früher einmal Roadrunner, eine Art Wegekuckuck, der durch seinen Listenreichtum, aber auch durch eine gewisse Tölpelhaftigkeit seinem Beutegreifer stets entkommt. An Erfindungsreichtum und Tölpelhaftigkeit übertroffen wird er nur vom Feind, dem Coyoten selbst. Im realen Leben ist er eigentlich das Opfer. Aber im Cartoon setzt er den Wunsch des Gejagten, selbst der Jäger zu sein, in wirkungsvolle Szenen um. Schon der Lärm eines starken Motorrades – Motorradfreunde nennen ihn liebevoll „Klang“ – kann dem frustrierten Fahrer oder der frustrierten Fahrerin den Stress nehmen, den ihnen ein Arbeitsvertrag erzeugt. Werner hat dafür die treffende Formel gefunden: „Es muss kesseln“.

Wir nennen Werner, Harry Potter, Pipi Langstrumpf, den Roadrunner und Bart Simpson „Trickster“. Er ist eigentlich ein Schwächling und Versager, doch er setzt ein unermessliches Potenzial an Autosuggestion frei. Auf dem weiten Feld der Cartoons und Comics begegnen wir ihm in der Gestalt des Alfred E. Neumann, dem Titelhelden des amerikanischen Satire-Magazins MAD, der seit 1952 jede Fürchterlichkeit mit einem lakonischen „Na und?“ hinterfragt.

Jede Gesellschaft hat ihre Trickster, die ihr die Angst vor der Machtlosigkeit in die Heiterkeit des heldenhaften Erfolgs verwandelt. Asterix und seine gallischen Freunde im spielerischen Kampf gegen die Weltmacht der Römer; die Peanuts-Bande von amerikanischen Vorstadtkindern, um den Helden Charly Brown herum, die allesamt ihr Leben selbst in die Hand nehmen und aus großen Angelegenheiten kleine Sachen (Peanuts) machen; Tarzan, die Feuersteins und Simpsons – sie alle verkörpern den verharmlosten Willen zur Macht, der die Bedrohungen des Alltags mit Lachkrämpfen besiegen will.

Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss hat diesen Projektionen der eigenen Ängste und Symbole der Angstüberwindung in seinem epochalen Werk „Das wilde Denken“ den Namen „Bricoleur“ (Bastler, Heimwerker, Flickschuster) gegeben. Der Bricoleur ist im Gegensatz zum Ingenieur ein Bastler, der ohne geeignetes Werkzeug den technisch gebildeten und hochgerüsteten Spezialisten die Stirn bietet. Er versteht sich ausgezeichnet auf Improvisation, wodurch er das Establishment und seine festen Ordnungen stets mit Kreativität herausfordert. Sein Sieg ist keineswegs gewiss. Oft scheitert er. Aber die Volksseele steht auf seiner Seite, wenn er den Heldentod stirbt, selbst wenn er als verantwortungsloser Draufgänger den Mächtigen ihre Rolle in aussichtslosen Manövern streitig gemacht hat.

Der Trickster erleichtert sich eine Angst, die ihm die mächtige Realität aufbaut, indem er sie schlichtweg leugnet. Manchmal, wie in vielen Comics zu beobachten, ahmt der Trickster, ganz im Sinne des Zaubers aus Harry Potter, den Gegenstand der Angst einfach nur nach und zieht ihn dadurch ins Lächerliche. Erwachsene kennen als Antwort auf diese Äußerung oft nur eine Antwort: das Verbot. Karrikaturen, die die Projektionen der Angst ins Lächerliche ziehen, möchten sie eigentlich verbieten. Tatsächlich aber benötigen wir mehr solcher Karrikaturen in einer Welt, in der die Angst ins Unermessliche gesteigert wird. Lasst euch neue Karrikaturen einfallen!

KJG

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