Klaus Küster
Donnerstag, der 11. Februar 2010

Partisanen gesucht.

Am 3o.1o. – in der Sendung „Immer noch benachteiligt“ – heißt es im Deutschlandfunk:

Aus „ungelernten Arbeiterfamilien“ schaffen nur 11 Prozent den Sprung auf die Hochschule. Tendenz: fallend.

Am 18.11.schreibt der Bildungsökonom Ludger Wössmann in der SZ:

Unzureichende Bildung stellt das Kernproblem der deutschen Arbeitslosigkeit dar. Bei zwei Kindern mit unterschiedlichem familiären Hintergrund – aber exakt dem gleichen (gemessenen) Kompetenz-Niveau ist die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, bei einem Akademikerkind viermal so hoch wie bei einem Arbeiterkind. Bei Beamtenkindern, die ein Elterteil mit Hochschul-Abschluß haben, nehmen 95% ein Hochschulstudium auf. Bei Kindern aus „gelernten Arbeiterfamilien“ 17%.

Und:

Studien zeigen, dass eine Bildungsreform, die Deutschland aus dem Pisa-Mittelfeld näher an die Spitze brächte, das BIP pro Kopf langsfristig um 0.5 bis 0.8 Prozent heben würde.

Und:

Moderne Wirtschaftspolitik muß vor allem Bildungspolitik sein.

Die ethische Frage ist: wie lange kann sich eine Gesellschaft demokratisch nennen, die so eklatant beim Thema Chancengleichheit versagt?

Da es besser ist, ein kleines Licht anzuzünden, als über die Große Dunkelheit zu klagen, zwei Fragen:

Wer macht mit beim Aufbau eines Partisanen-Netzwerkes?

Wer ist bereit, Mentor oder Sponsor für ein Kind zu werden?

Ein Besuch in der freien Schule Anne-Sophie in Künzelsau brachte – unter Anderem – eine Erkenntnis: Lernen findet am besten in einer Beziehung statt. In guten Beziehungen gelingen gute Leistungen.

Wer ist bereit, eine Beziehung mit jemand einzugehen, der intelligent ist, der klug ist, der hungrig ist, der nur das eine Manko hat: falsche Schicht?

Wer ist bereit, Bildungs-Partisan zu werden?

Wer ist bereit, etwas zurückzugeben?

Geld, Ideen, 2 Gespräche im Jahr, Publicity, egal was.

Wer hilft, 6, 12, 24 Kindern, die sonst keine Chance haben, dass sie eine bekommen?

Ich möchte etwas machen.

Klaus Berning, Vorstand Porsche macht mit.

Dr. Dieter Heuskel macht (BCG) macht mit.

Reiner Erfert, Ex-CEO MC & LB macht mit.

Bettina Würth (Initiatorin) sagt: „Wenn Sie weiter damit sind, melden Sie sich.“

Zuschriften willkommen.

Danke für die Aufmerksamkeit.

KK

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert,
es kommt aber darauf an, sie zu verändern“.

11 Kommentare zu “Partisanen gesucht.”

  1. JUS (Donnerstag, der 11. Februar 2010)

    Welch grandiose Idee! JUS

  2. Gernot Deutschmann (Freitag, der 12. Februar 2010)

    hallo,

    finde ich eine sehr gute Idee – geht das von Wien aus auch, gibt es da schon Überlegungen?

    liebe Grüße, Gernot

  3. Chris Wood (Freitag, der 12. Februar 2010)

    A good article, but I cannot believe that a good education for all in Germany would raise the BIP per head long-term by less than 1%.
    Of course such an estimate has huge uncertainties. Kindergarten age (or earlier) is the most important, so it takes 15 years before there is any significant effect on earnings. By then things may look very different. For instance the world may have become peaceful, or (more likely) a nuclear war may have taken place.
    Furthermore, BIP itself is a dubious concept long-term. In Germany, expenditure on personal mobility is currently very high compared with the things we really need (air, water, food, football, etc.). This inflates the BIP, without doing much to make people happy.
    The effect of good education on BIP is unlikely to be a single rise in prosperity. It will surely have a cumulative effect, perhaps even exponential (e.g. 0.1% per year). It may well be necessary if civilisation is to survive another 1000 years.
    „Getting nearer to the top of the PISA table“ is a moving target. I hope we need to improve education just to stay near the middle.
    I think I would be prepared to give help with maths, English and perhaps chess. But I believe I lack the talent to help young children.

  4. rd (Samstag, der 13. Februar 2010)

    Ich werde das Thema unterstützen. Am liebsten natürlich in der Form eines „OpenProject“. Aber ich muss warnen, gerade erfolgreiche offene Projekte brauchen einen zwar einfachen, dafür aber perfekten Grad an Organisation. Zumindest ist es bei uns in der IT bei Open Source Projekten so.

    Und ohne eine Struktur, die finanzielle Mittel besorgt, wird es nicht gehen. Auch Partisanen brauchen Geld 🙂 .

    RMD

  5. Klaus (Samstag, der 13. Februar 2010)

    Danke für den Response.

    Sehr ermutigend

    Ja, es braucht Struktur, Geld, Org.

    ich geh es an.

    Weitere Ideen & Vorschläge nehme ich gerne auf.

    Klaus

  6. Andreas Essing (Sonntag, der 14. Februar 2010)

    Da mache ich mit. Liebe Grüße Andreas

  7. Hans-Peter Albrecht (Montag, der 15. Februar 2010)

    Mein Senf dazu, lieber Klaus Erich:

    Ich fasse vorab zusammen: Die Situation, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien dramatisch schlechter Chancen auf Bildung/Abitur haben, ist ein Skandal.

    Du hast Dir bestimmt schon Gedanken gemacht, wie man den Um- bzw. Miss-Stand angeht.

    Klar braucht man Unterstützer/Einmischer/Paten.

    Und man braucht einen Plan. Wie können denn Kids aus sozial beschissenen Situationen mehr Bildung bekommen?

    Hier in München gibts das Hasenbergl. Türken, Alkoholiker, häusliche Gewalt, das Übliche. Und das Ziel der Kids ist deutlich eher ein 3er BMW als ein 1er Abi. Weil uncool – Schule, lernen.

    Bei der Gelegenheit fällt mit Prof. Hans Wüthrich ein. Der Mann beschreibt „Musterbrecher“ und deren Erfolg. Kleines Beispiel: Brasilien, Slums. Drogen, Krankheiten, keine Bildung, Kindersterblichkeit, das ganze Programm. Bisheriges Konzept: Mehr Bullen. Spriale der Gewalt.

    Ein wahrhaft visionärer Bürgermeister – ich habe Namen und Kaff vergessen – hat einen extrem schlauen Plan umgesetzt. Er hat beim Müll angesetzt. Hat den Favela-Einwohnern Lebensmittel für Müll gegeben.

    Die Bewohner brachten den Müll. Bekamen dadurch Essen, Vitamine, Glauben an den Staat, weniger Krankheiten, weniger diesunddas – weniger Kriminalität. Ein sensationeller Erfolg.

    Wüthrich lehrt an der Bundeswehr-Akademie!!! „Wuethrich Hans A.“ Toller Mann.

    Also – wie löst man das Problem? Mehr Lehrer allein hilft überhaupt nicht. Ist es denn ein Problem von oben (ungerechte Verteilung) oder ein Problem von unten (luschige Eltern, upgefuckte Kids)?

    Legen wir das Politiker-Bashen mal zur Seite. Wenn „Bildung“ für Hasenbergl-Kids cooler wäre als der nächste – Achtung, Klischee – Join, die nächste Line, das neueste Handy, dann würden sie sich Bildung besorgen. Legal oder Illegal. Oder? Liegt natürlich am unattraktiven Angebot.

    Also. Wir haben Anbieter (etwa Politiker und politisch denkende Mitmenschen). Und wir haben Nachfrager (die Hasenbergl-Kids). Beide haben keinen Bock.

    Hmmm.

    Auch ganz klar ist, dass Knete gebraucht wird. Fragt sich nur, wofür. Wenn man das weiß, dann kann man auch potentielle Geldgeber anbohren. Die wollen ja wissen, was, wie, wo, wer.

    Konzerne wie McDonalds oder Ritter Sport oder Ferrero kann man ins Visier nehmen. Was, wie, wo, wer.

    Es muss eine Idee her, die wahrscheinlich nur mittelbar mit Bildung zu tun hat. Eine Jugendzeitschrift (siehe Obdachlosen-Zeitungen)? Musik? Kino? Sport?

    Sport-Gymnasien, Fußball-Schulen?

    Ich wiederhole mich: Der Automatismus muss unterbrochen werden. Ich glaube nicht, dass man das von oben verordnen kann. Bildung, oder wie man das nennt, muss sexy sein für die, die sie empfangen sollen.

    Eine Idee muss her.

    Helau!

    HP

  8. Andreas Essing (Dienstag, der 16. Februar 2010)

    Hallo zusammen,

    bei solchen „Ausbruch-Überlegungen“ spielt auch immer die Historie / Umgebung / „Milieu“ eine grosse Rolle. Was man braucht, ist ein „Link“ aus dem bisherigen Denken heraus in ein anderes „Milieu“.

    Überlegungen sollten daher m.E. auch immer die Sinus Milieu Studie mit einbeziehen. Da kann man auch einiges verstehen, warum es ist, wie es aktuell ist.

    http://www.sociovision.de/loesungen/sinus-milieus.html

    Übrigens sind wir alle in irgendwelchen Milieus „verhaftet“, was auch Ursache ist, dass wir mit konventionellen Ansätzen zum Aufbrechen dieser Grenzen nicht weiter kommen, bzw. teilweise das genaue Gegenteil erreichen.

    Ich bin in Olching im Pfarrgemeinderat und auch bei Kolping aktiv und wir haben uns schon mal mit dieser Studie beschäftigt, sehr interessant. Dabei wird einem klar, warum man mit herkömmlichen Ansätzen eigentlich seine „Zielgruppen“ nicht erreicht.

    Also müssen Partisanen her.

    Gute Besserung an Klaus
    &
    Liebe Grüße Andreas

  9. rd (Dienstag, der 16. Februar 2010)

    Liebe Freunde,

    bei solch einem Unternehmen ist ein guter Name des Projekts bestimmt mit relevant für den Erfolg.

    Den zentralen Begriff hat der Klaus ja schon gefunden: Partisanen! Klingt noch besser als Piraten und ist eine logische Fortsetzung.

    Also, lasst uns zu neuen Ufern ausbrechen und eine Partisanen-Bewegung gründen.

    RMD

  10. Andreas Essing (Dienstag, der 16. Februar 2010)

    schau mal erst unter http://de.wikipedia.org/wiki/Partisan nach. Der Begriff hat schon auch so seine Bedeutung 😉

    Liebe Grüße Andreas

  11. rd (Dienstag, der 16. Februar 2010)

    Habe in Wikipedia nachgeschaut. Der Artikel dort zu „Partisan“ bedarf übrigens einer Bearbeitung.

    Ich finde die Mehrdeutigkeit pfiffig. Pirat ist auch mehrdeutig. Und sicherlich muss man, um dem Anspruch von Klaus Vorschlag gerecht werden, auch ab und zu zu unkonventionellen Maßnahmen greifen und einiges „partisanenhafte“ mitbringen.

    Ich bleibe dabei, ich finde den Begriff „Partisan“ für diese Idee sehr gut!

    RMD

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