Willi Streit
Freitag, der 31. Juli 2009

Psychohistorie

Der brilliante, wenn auch kritische Vortrag meines Kollegen Wolfgang Herles im InterFace Forum (IF-Forum) hat mich auf zwei alte Beschäftigungsfelder gebracht.

Zuerst, dass es Wolfgang Herles war, der mich 1983 zu einem Casting für eine lokale Nachrichtensendung des Bayerischen Fernsehens gebeten hatte (das mich zusammen mit den beiden später sehr bekannten Kolleginnen Ramona Leiß und Sabrina Lallinger, später Frau Fox, zu einem Moderatorenteam schmiedete). Und zum zweiten auf meine journalistische Arbeiten zum Thema „Psychohistorie“.

Psychohistory verbindet Psychologie und Geschichtswissenschaften.  Begriff und Wissenschaftsgruppe gehen ganz wesentlich auf den amerikanischen Psychologen Lloyd de Mause zurück (Hier der Link zum deutschen Institut für Psychohistorie http://www.psychohistorie.de/).

Im Gegensatz zu vielen anderen Historikern geht das Institut für Psychohistorie davon aus, dass historischer Wandel nicht durch technologische und ökonomische Veränderungen bewirkt wird, sondern vielmehr durch die Umgestaltung psychologischer Strukturen.

Natürlich ist das eine Affront gegen klassische Geschichtswissenschaften. Ansätze und Menschenbild sind diametral unterschiedlich. Umso spannender, diese Weltsicht zu studieren und zu überlegen: was wäre anders gelaufen, wenn die Akteure eine andere psychische Struktur gehabt hätten oder in einer anderen Familie aufgewachsen wären.

Und wenn Wolfgang Herles seine gesellschaftspolitische Situationsbeschreibung „Neurose D“ (so auch der Titel seines neuesten Buches zum 60. Geburtstags der BRD) nennt, dann ist der Bezug zum Psycho-Geschichte offensichtlich.

Wenn Länder wie Menschen mit Charakter, Empfindlichkeiten und Stärken betrachtet werden, fallen Analyse und Kritik, aber auch Lösungsvorschläge anders aus. Gut beraten wäre die Regierung Schröder/Fischer zum Beispiel gewesen, ihre umstrittenen Reformgesetze nicht HARTZ zu taufen. Der Bezug zu hart und ungerecht ist schon durch die Wortwahl vorgezeichnet. Namen sind eben nicht nur Schall und Rauch. Sondern Symbole, die eine eigene Kraft entwickeln.

Für die kommenden Bundestagswahlen und dem unvermeidlichen Wahlkampftheater sind Beobachtungen aus psychologischer Sicht sicher aufschlussreich. Und mit Verlaub: auch amüsanter, als es ernst zu nehmen.

Li

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