Marc Borner
Samstag, der 28. November 2009

Glücklich leben

Ich musste ein wenig suchen, bis ich die Stelle wiederfand, die mich ursprünglich zur Philosophie brachte und wie es der Zufall wollte auch mit Medienberichten der letzten Wochen zu tun hat. Ein wenig aus dem Lateinunterricht. Ein wenig Seneca: „Glücklich leben, mein Bruder Gallio, wollen alle; aber wenn es darum geht, zu durchschauen, was es ist, das ein glückliches Leben bewirkt, dann ist ihr Blick betrübt“.

So beginnt Seneca seine Briefe an Lucilius. Vor allem bewegte mich Senecas Geschichte des Telesphoros von Rhodos. Dieser hatte es gewagt, seinen alten Freund und Herrscher Lysimachos zu erzürnen und soweit ich mich erinnere, gewagt seiner Tochter den Hof zu machen. Lysimachos fand dies alles andere als lustig und lies seinen alten Freund gefangen setzen, ihn in einem Käfig öffentlich ausstellen und nach und nach verstümmeln. Im Unrat und ohne Augen, Ohren und Nase war Telesphoros gezwungen umherzukrabbeln wie ein Tier.

In diese unglückselige Situation gezwungen, wegen eines Vergehens, das eigentlich in Liebe münden sollte, hatte Telesphoros immer die Möglichkeit sich das Leben zu nehmen. Das verweigerte dieser jedoch immer, so sehr er auch litt. Als ein Mann ihm riet, er solle sich doch durch Verhungern, ein Ende setzen, entgegnete Telesphores: „Solange wir leben, ist noch Hoffnung.“

Der Römer Seneca fand dieses Festklammern am Leben unwürdig und plädierte in alter griechischer Manier dafür, dass zu einem guten Leben auch ein guter Tod gehören würde. Telesphoros dagegen begründete seine Haltung damit, dass er das Leben zu sehr schätzen würde, um sich dieses zu nehmen.

Wer war glücklicher? Derjenige, der sich das Leben bewusst nahm, nicht aus Schwäche oder Qual? Oder derjenige, der trotz größter Qualen beharrte? Welchen Wert hatte das Leben? Und was machte es zu einem glücklichen?

MB

1 Kommentar zu “Glücklich leben”

  1. Oliver (Dienstag, der 30. August 2011)

    Die Frage, wer wohl glücklicher war, wird aus meiner Sicht nie beantwortet werden können. Sobald sich jemand das leben nimmt, ist die Frage selbst hinfällig.
    Nach einer Lösung suchend bleibe ich gedanklich am Leben und mache das Beste aus der Situation in der ich im Leben stecke, anstelle mich zu fragen, was wäre, wenn ich nicht mehr am Leben wäre… denn ich werde es nur erfahren, wenn ich es wirklich tue.

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