Roland Dürre
Freitag, der 16. November 2018

Unglaublich aber wahrscheinlich.

Ein wenig über den Wolken

Folgenden in einem Tweet berichteten und kommentierten Dialog habe ich in Twitter gelesen und möchte ich sinngemäß berichten:


Zwei Teenager im Bus:
„Wenn man 2018 nimmt und sein Alter abzieht, kommt immer das Jahr raus, in dem man geboren ist (das Geburtsjahr)!“

„Stimmt echt. Voll krass!“

Wir sind verloren. Alle.


Und ich muss gestehen, ich habe das dann gleich gedankenlos nachgerechnet. Und kam zum Ergebnis:

Ja es stimmt!

2018 – 68 = 1950

Dann habe ich noch die Gegenprobe gemacht:

1950 + 68  = 2018

Stimmt auch!

Und habe mich auch sofort gnadenlos geschämt.
🙂 Denn die Differenz zwischen dem aktuellem Jahr und Geburtsjahr ist halt definiert als das Alter. Es muss also sein.

Was wäre aber, wenn ich in einem Vortrag auf großer Bühne erzählen würde, dass das Jahr 2018 etwas ganz besonderes wäre, weil genau am Ende dieses Jahres (zum 31. Dezember) für alle lebenden Menschen die Summe ihres Geburtsjahres und ihrer Lebenszeit in Jahren 2018 ergeben würde?

Ich vermute, dass die meisten Zuhörer kurz nachrechnen würden, ob das bei ihnen stimmt und dann meine blödsinnige Aussage abnicken würden. Und dass nur ganz wenige aufstehen und den Saal verlassen würden, weil der Referent so einen Unsinn verzapft. Weil die Menschen gewohnt sind, das zu glauben, was ihnen erzählt wird. Und das kritische Hinterfragen nicht mehr in ist.

Allerdings streifen wir hier den Beginn von Mathematik. Die Lebensjahre eines Menschen sind ein gutes Beispiel für das Axiom der natürlichen Zahlen {0,1,2 … n, n+1} (nur dass die natürlichen Zahlen per Definition unendlich sind, was für die Lebensjahre eines Menschen nur gilt, wenn es ein ewiges Leben gibt). Freilich kann man noch darüber streiten, ob die Null zu den natürlichen Zahlen dazu gehört oder nicht. Ich würde sagen, dass das reine Definitionssache ist.

Auf den natürlichen Zahlen kann man die Operation der Addition anwenden – wie auch die aus der Addition abgeleiteten Multiplikation – und bleibt im Raum der „natürlichen Zahlen“.

Die Zeitrechnung mit ihrem willkürlich festgelegten Nullpunkt, an dem die Geburt Christi gewesen sein soll, kann als Beispiel für die „Ganzen Zahlen“ dienen – die ja in der Algebra bekanntlich mit einer weiteren Operation, der Substraktion, aus den natürlichen Zahlen konstruiert werden. So wie dann aus den ganzen Zahlen mit der Operation der Division die rationalen Zahlen konstruiert werden können.

Solche Gedanken schiessen mir nach dem ersten Schreck über mene Einfalt durch den Kopf. Und jetzt wundere mich noch mehr darüber, wie sich Menschen wundern können, dass wenn bei der Substraktion von b von c als Ergebnis a herauskommt (cb = a) dann bei der Addition von a und b zwingend c herauskommen muss (a + b = c).
a = Geburtsjahr   b = Anzahl der Lebensjahre   c = aktuelles Jahr

Voll krass – gell?

RMD

 

Roland Dürre
Donnerstag, der 15. November 2018

Mythen von Mangement und Führung (Unternehmertagebuch #127)

Freude und Mut als Basis fürs Geschäft. Wichtig ist, das Leben zu genießen! Gerade als Vorbild.

Soweit ich mich richtig erinnere, hatten die griechischen Philosophen eine ganz einfache Theorie der Tugenden  Ich beschreibe das mal so, wie ich es im Kopf habe.

Als gesellschaftliches Ziel forderten die Griechen Gerechtigkeit und Gleichheit. Hier unterschieden sie zwischen „arithmetischer“ und „geometrischer“ Gerechtigkeit. „Arithmetisch“ steht für eine absolut lineare Gerechtigkeit. Ganz stringent gilt „Jedem das Gleiche“. Dagegen meint „Geometrisch“, dass es gerechter ist, wenn Maß anlegt wird. So gilt nicht „Jedem das Gleiche“ sondern „Jedem das ihm Angemessene“. Wo bei dies fürs „bekommen“ genauso gilt wie fürs „tun„.

In der griechischen Philosophie war die „geometrische“ Gerechtigkeit die „bessere“.

Für soziale Systeme wie z.B. dem Staatswesen galt in der griechischen Philosophie:

Die Mächtigen in der Regierung zeichnen sich über die Tugend der Weisheit aus.

Die Krieger stehen für die Tugend des Muts.

Der Mittelstand verfügt über die Tugenden der Besonnenheit und der Sparsamkeit.

Bleiben nur noch die Sklaven. Für diese bleibt die Tugend des Gehorsams.

🙂 Soweit meine Erinnerung an die Schulzeit.


Wird dieses einfache Tugendmodell auf Unternehmen projeziert, dann könnte man das so sehen:

In der Geschäftsführung bzw. im Vorstand sitzen die „Weisen“.

Die Vertriebsleute sind die Krieger, die mutig am Markt für die Akzeptanz der Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens kämpfen und das Geld hereinholen.

Bleiben die Mitarbeiter – die sollen besonnen und sparsam sein. Wobei sparsam hier heißt, achtsam mit den Ressourcen umzugehen und so Nachhaltigkeit zu schaffen.

Sklaven wollen wir in modernen Unternehmen ja nicht mehr haben (auch wenn sich mancher Mitarbeiter des öfteren als Sklave fühlt und sein Gehalt als Schmerzensgeld empfindet).

So denke ich mir das. Eigentlich ganz einfach.

😉 Heute sind wir weiter. Viele Menschen wie auch die meisten Vorstände und „Führungskräfte“ glauben an Unternehmer-Mythen wie:

  • Man muss Handeln und Entscheidungen fällen!
  • Man muss agil sein!
  • Man muss eine konkrete Strategie entwickeln und diese umsetzen!
  • Man braucht eine konsequente Organisation und ein strenges Berichtswesen!
  • Ohne Hierarchie geht es nicht!
  • Rational geht vor emotional!
  • Man muss das Geschäft systematisch entwickeln!
  • Erfolg ist das Ergebnis harter Arbeit!
  • Man braucht strategische Stabsabteilungen!
  • Das Geschäft ist planbar wie die Entwicklung des Unternehmens!
  • Man braucht Menschen mit Charisma um die Mitarbeiter “mitzunehmen “!
  • Mit genug Geld und den richtigen Mitarbeitern kann man allen Herausforderungen erfolgreich begegnen!
  • Man muss ALLES im Unternehmen wissen und kontrollieren können!
  • Um gerecht zu sein, braucht es klare Regeln, die man in kollektive Verträge (Mitarbeitervereinbarungen) gießen kann!
  • Die Macht kann und muss durch eine stringente Organisation gewährleistet werden (Linie, Matrix)!
  • Verbesserung geht mit Prozessen, Methoden und Zertifikaten möglich!
  • Unternehmenskultur und Werte können mit “culture engineering verändert bzw. generiert werden!
  • Motivation kann durch Belohnungssysteme befördert werden.
  • Alle Probleme können mit Vernunft gelöst werden!
  • Gleichheit und Gerechtigkeit ist möglich!

Und manche mehr dieser Art.

Verwenden sie die Regeln einfach mal für das soziale System „Familie“ – und sie werden sofort merken, was da faul ist.

Für mich sind das alles nur Mythen, die man in Frage stellen kann und muss. Sie mögen gut klingen, sind aber falsch und kontraproduktiv. Unter anderem, weil sie dem Glauben an eine generelle Determiniertheit des Lebens entspringen. So kann ich jeden Punkt in der obigen mit guten Begründungen widerlegen und so argumentieren, warum all diese Mythen falsch sind.

Aber bleiben wir positiv: Ich stelle mir ein gutes und mehrdimensional erfolgreiches Unternehmen ganz anders vor! Für mich ist ein Unternehmer bzw. die Führungriege vor allem ein Gastgeber. Er ladet Menschen ein, gemeinsam etwas besonderes voranzubringen und schafft die für den Start des Unternehmens notwendigen Voraussetzungen.

Besondere Eigenschaften braucht so ein Unternehmer eher nicht. Ich meine, dass er eigentlich „nur“ gut kommunizieren können muss. Das ist schwer genug und darf nicht unterschätzt werden – viele Menschen tun sich damit nicht leicht, besonders nicht mit dem Zuhören. Wenn ein Unternehmer auch noch inspirieren und Impulse geben kann, dann ist das schon großartig.
🙂 Vielleicht wäre ein Schuss der guten alten griechischen Weisheit in der Führung auch noch hilfreich. Das wäre dann Spitze!

Und so könnte Führung in „neuen Unternehmen“ aussehen.

  • Werte und Kultur gehen vor Rahmenvereinbarungen und Regeln.
  • Wirkung ist wichtiger als Plan und Ziel.
  • Denken und Verstehen bereiten das Machen vor.
  • Alle Macht für niemand (Zitat Dr. Andreas Zeuch).
  • Selbstorganisation und Eigenverantwortung werden ermöglicht und bei Bedarf begleitet und unterstützt.
  • Freude und Begeisterung sind essentiell wichtig und werden gefördert.
  • Teams werden so unterstützz, dass sie in einen “Flow” kommen.
  • Es gibt Menschen im Unternehmen, die in der Lage sind die Teams bei Bedarf zu unterstützen oder auch zu coachen.

Da ich kein Träumer bin, ist mir klar, dass das ganze ein wenig utopisch klingt. Es gibt auch eine Einschränkung. Da wir in einer „kapitalistischen Welt“ leben, ist es – einfach um gut zu überleben – zwingend notwendig, dass es eine klare kaufmännische und immer aktuelle Berichterstattung für alle Teams und das Gesamtunternehmen gibt. Denn viele Menschen müssen ja arbeiten, um ihre Existenz zu sichern. Und wollen so zurecht ein gutes Gehalt bekommen. Und das geht nur, wenn auch das Unternehmen, bei dem sie wirken, gut verdient und kaufmännisch gesund ist und bleibt.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet Ihr in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Sonntag, der 4. November 2018

Wir ersetzen viele andere.

Hier noch im Freibad Uhg (Fotografieren verboten).

🙂 Hier eine von mir erlebte Geschichte, die ich nicht erfunden habe.

Sie zeigt, wie das heute so geht, mit Mitarbeitern und Geld sparen. Weil es irgendwie peinlich ist, nenne ich die Namen der Beteiligten nicht. Außer dem Unternehmen, dass eine Hauptrolle in der Geschichte spielt. Es ist die Weva. Die Abkürzung steht für Wir ersetzen viele andere“.
Vielleicht sagt das schon alles. Wie es in Wikipedia steht: Nomen est Omen.

Jetzt aber zur Geschichte …


Ich versuche regelmäßig schwimmen zu gehen. In den Sommermonaten gehe ich dazu in das Freibad. Das schaffe ich im Sommer fast täglich, wenn ich in der Gegend bin. Ich kauf mir da immer bei der Gemeinde Unterhaching eine Saisonkarte und genieße das Bad sehr.

In den kalten Monaten von Mitte September bis Mai gehe ich in ein öffentliches Hallenbad, das privatisiert wurde. Als privates Hallenbad muss dort offensichtlich an allen Ecken und Enden gespart werden. Aber ich bin froh, dass es dies noch gibt.

Obwohl ich den Eintritt nicht als so ganz billig empfinde, bin ich ganz zufrieden. Über manche Mängel schau ich einfach hinweg und schaff es so auch im Winter ein paar mal die Woche zum Schwimmen zu gehen. Ich bin ja so froh, dass es in Radfahr-Nähe zu meinem Zuhause noch ein Hallenbad gibt.

In diesem Hallenbad herrschen strenge Regeln. So darf man sich auch am Waschbecken nicht rasieren. Ich habe das mal gemacht – damals noch unwissend – und bin dann freundlich aber konsequent von der Dame, die regelmäßig dort für die Sauberkeit gesorgt hat, auf das Verbot hingewiesen worden. Welches aus „hygenischen Gründen“ da wäre. Obwohl ich das Verbot nicht nachvollziehen kann habe ich mich seither daran gehalten. Weil es in den AGB tatsächlich so drin steht.

Das hat sich geändert. Seit einiger Zeit erlebe ich, dass die Mitarbeiter des Schwimmbades, die für die Sauberkeit sorgen, durch einen Dienstleister ersetzt worden sind. Die das Bad reinigenden Menschen tragen jetzt blaue Polos mit der Aufschrift „WEVA – wir ersetzen viele andere“. Dieser Schriftzug kommt mir immer wie eine Drohung vor.

Einmal ist mir folgendes passiert. Nach dem Frühschwimmen schnaufe ich noch im Foyer aus und schau auf dem Smartphone nach, was in meiner Abwesenheit in der Welt so passiert ist. Das Foyer ist leer, ich sitze am Rand und ein Mann im WEVA-Polo saugt das Foyer. Ganz systematisch auf und ab, von links nach rechts. Ohne Lärm. Bald hat er die Hälfte geschafft. Ich bin dabei, meine Meinung über das Unternehmen, das sich WEVA nennt, ein wenig revidieren, so im Sinne von „Respekt – zumindest setzen sie leise Staubsauger ein“.

Da werde ich abrupt aus meinen Gedanken gerissen. Eine Frau – auch im blauen WEVA-Shirt – erscheint auf der Bühne und redet ziemlich laut in einer mir nicht verständlichen Sprache auf den staubsaugenden Kollegen ein. Anscheinend versteht er sie auch nicht. So beginnt sie zu gestikulieren. Da das auch nicht hilft, nimmt sie den Stecker des Staubsaugers, der an diesem baumelt, rollt das Kabel ab und steckt den Stecker in die nächste Steckdose ein. Und schaltet den Staubsauger ein. Mit einer abfälligen Geste hin zu dem staubsaugenden Mann verlässt sie den Raum.

Jetzt wird es doch laut – nichts mit „leiser Staubsauger“. Der staubsaugende Kollege setzt seine Arbeit ungestört an der Stelle fort, an der er beim Arbeiten unterbrochen wurde. Und ich fliehe aus dem Vorraum zu meinem Fahrrad.

Insgesamt scheint mir die Sauberkeit im Schwimmbad sich in letzter Zeit nicht verbessert zu haben, eher im Gegenteil. Ich nörgel nicht, es ist immer noch erträglich. Und ich will ja auch nicht zu pingelig sein und freue mich, dass die Bademeister*Innen in kritischen Fällen aufpassen und die kleinen Mängel beheben.

Allerdings meine ich, dass wenn ich micht jetzt mal wieder rasieren sollte, ich keine Sorge haben muss, dass ich wieder ermahnt werde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Reinigungskräfte von WEVA die AGB’s kennen und/oder mir meinen Verstoß in einer mir verständlichen Sprache rückmelden werden.

🙂 So hat alles seine Vorteil- und Nachteile.

RMD

Roland Dürre
Donnerstag, der 1. November 2018

Inspiration und Inspiratoren …

Ich inspiriere gerne andere Menschen und generiere Impulse. Das mach ich gerne. Ratschläge mag ich nicht verteilen – besonders nicht ungefragt. Denn auch Ratschläge sind Schläge. Besonders, wenn sie ungefragt daher kommen. Das zumindest meine ich. Wie auch, dass, es jedem gut tut wenn er seinen eigenen Weg gehen darf und nicht fremder Wegweisung folgen muss.

Ich gehe auch davon aus, dass wir, auf der Suche nach Lösungen die richtigen Fragen stellen müssen und erst dann Lösungen finden werden. Die Fragen können oft gar nicht dumm genug sein. Dumme Fragen stelle ich gerne. Wie ich eben auch gerne inspiriere.

Blick aus 300 Meter Höhe auf Raiatea und Nachbarinsel – eines von vielen Highlights auf meinen Reisen. Ein guter Ort zum (Nach-)Denken.

Es gibt so viele Menschen, die mich inspirieren und mir Impulse geben. In jeder Begegnung passiert das. An schönen Orten kann ich mich sogar selber inspirieren.

Zurzeit beschäftige ich mich viel mit sozialen Systemen wie Unternehmen und so auch mit Niels Pflaeging. Er ist auch auf Twitter und FB zu finden. Ich kenne ihn persönlich und nehme ihn als Menschen wahr, der ab und zu auch deftiger formuliert, gerne mal streitet und gerne recht hat.

Ich fühle mich mit ihm aber sehr verbunden und bring im folgenden ein paar seiner Thesen aus jüngerer Zeit, die ich eher zufällig aus Twitter und Facebook zusammen gesammelt habe.

Also Bühne frei für den Niels:


Ich wiederhol´s noch mal, weil´s wichtig ist.
So genannte #Reifegradmodelle sind ekelhafter, menschenverachtender, entwicklungsfeindlicher Schund.

Sie widersprechen jeder anständigen Lern- & Entwicklungstheorie.
Sie tragen Schuldzuweisung in sich.
Sie sind grob verbrecherisch.


Introducing one´s own opinion with expressions such as „Science tells us that…“ does not make one look smart. People see through you.


should never be imposed. should never be imposed. should never be imposed. should never be imposed. should never be imposed. takes an clear stance in favor of .


Viele Firmen führen dieser Tage #NewWork– und #Transformationstheater auf.

Zu besserer #Leistung & #menschengerechter Organisation führt das nicht. Im Gegenteil: Es erodiert Integrität & Zutrauen.

Wie wärs stattdessen mit Transformation ohne (!) Tamtam?


Remember:
Holacracy and self-organization
are as related as a shoe and a banana.


Wie wärs, wenn wir aufhören würden, „Mitarbeiter führen“ zu wollen? Und stattdessen anfingen, „Teams das Unternehmen führen“ zu lassen?


You can distance yourself from the . Refrain from the intent, the method, the patterns. Anyone can. And should.


„A good …“ – that does not exist! do not exist. Only exists: It is a social phenomenon that happens in the space between people! Let´s stop the quackery.


Es geht darum, zu – nicht darum, zu !


You don’t need to your . They can do that on their own. In fact, they do it on their own.


Führungsebene. Was für dein Dreckswort.


Richtige Führung ist Arbeit am System.


Command-and-control organization does not produce any winners. It only produces losers. Even at the top.


Soweit Niels Pflaeging.

Vieles deckt sich mit meinem Verständnis vom Leben in der Familie, im Unternehmen oder allen anderen sozialen Systemen.

Alle Reifemodelle, Kompetenzmatrizen/-modelle, Entwicklungsprozesse, Schulungsprogramme, Entwicklungszentren, Führungsprogramme sollten verboten werden. Da stellt sich ein Individum über das andere oder genauso schlimm (oder noch schlimmer) ein System über Individuen.

Vorschriften schreiben halt vor. Prozesse sind Prozesse. Zuerst kommt das „Besserwissen“, dann die Moral mit ihren „Schuldzuweisungen“.  Wir sollten mit allem Aufhören, was uns selber und andere klein macht und unsere Entfaltung hemmt.

Jens ist aber bei weitem nicht mein einziger Impulsgeber. Es gibt viel mehr. Das fängt in meiner Familie an und geht in die weite Ferne zu Euch Allen. Anläßlich der Landtagswahlen und der aktuellen politischen Diskussion muss ich oft an denken. Vielleicht widme ich ihm auch mal einen ähnlichen Artikel wie diesen. Auch wieder stellvertretend für Euch Alle. Bis dahin könnt Ihr ihm aber schon mal zum Beispiel auf Twitter folgen ().

Ich habe aber so viel mehr Inspiratoren – und würde am liebsten über alle schreiben. Also alles Liebe, Gute und Schöne wie großen Dank an Euch Alle!

RMD

Roland Dürre
Montag, der 29. Oktober 2018

Sugar Coating (Unternehmertagebuch #126)

Letzte Woche habe ich ein neues Wort gelernt – sugar coating.

Nach dem Motto „Der Kicker im Büro macht noch kein #newwork“.

Dass in unserem sozialen Leben wie in unserer Arbeitswelt die Transparenz des Unternehmens wie die Partizipation der relevanten Stakeholder (Mitarbeiter) am Unternehmen von hoher Bedeutung sind, ist für mich klar.

„Sugar coating“ als Teil von „culture engineering“?

Für mich sind Unternehmen soziale Systeme, in denen Menschen in verschiedenen Rollen für einen wirtschaftlichen Zweck zusammen wirken – nämlich um der Gesellschaft Produkte und Dienstleistungen anzubieten, die einen Nutzen bringen. So wie es die bayerische Verfassung fordert.

Unternehmen sind eben keine Maschinen, die vom „Management“ und dessen Systemagenten mechanisch gesteuert werden, die versuchen, den Input zu minimieren und den Output zu maximieren, sondern sie bestehen zuallererst aus Menschen und sind für die Menschen (Mitarbeiter und Kunden) da.

Ein tolles Team – InterFace Connection GmbH 1986 beim Feiern.

Das ist absolut wichtig. So wie ich auch Werte wie Wertschätzung, Respekt und allgemein Achtsamkeit im Umgang miteinander für jede Unternehmenskultur für absolut relevant halte. #newwork braucht gewaltlose Kommunikation genauso wie Zivilcourage und konstruktiver Ungehorsam. Die Elite des Unternehmens darf nicht als Systemagenten wirken sondern müssen vor allem als Coaches inspirieren und Impulse geben. Und die große Mehrheit eines Unternehmens muss die formulierten Werte auch versuchen (und möglichst in der Lage sein) zu leben.

Das alles sind für mich Voraussetzungen und die Basis von #newwork.

Gerade in meiner Branche entdecke ich aber immer mehr Unternehmen, die sich selber „puderzuckern“. Die sich trotzdem mit ihren Regeln eher am Rande der in Deutschland arbeits-rechtlichen Gesetze bewegen. Und ihre Abläufe und Prozesse wie das gesamte System mit absoluter Priorität auf Profit trimmen. Für die „Betriebsgesundheits Management“ (BGM) eigentlich nur eine Investition ist, die den Krankheitsstand senken soll. Für die moderne Arbeitswelten vor allem geschaffen werden, um an der Büromiete zu sparen. Und die sich selbst mit einem Zuckerguss von tollem design und life style dekorieren, um ihre Mitarbeiter zu begeistern.

Wenn #newwork wirksam werden soll, dann darf es nicht Teil eines strategisch geplanten und von Human Resource gesteuerten „enterprise culture engineering“ sein sondern muss von allen Mitarbeitern gelebt werden – aus intrinsischer Motivation.

Das meine ich aus eigener Erfahrung wie aus der Beobachtung vieler Unternehmen seit Jahrzehnten.

RMD

P.S.
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet Ihr in der Drehscheibe!

Roland Dürre
Sonntag, der 28. Oktober 2018

1969 bis 2019 – 50 Jahre Informatik.

Herbst 2018 – das bedeutet, dass 2019 vor der Tür steht. 2019 minus 50 ergibt 1969. Im Herbst 1969 hatte ich meine erste intensivere Berührung mit „Informatik“. Ich startete im 1. Semester an der Technischen Universität München (TUM) als Student der Mathematik mit Nebenfach Informatik. Die TUM hieß damals noch Technische Hochschule München (THM). Was ich sogar schöner fand als TUM, aber damit war es dann schnell vorbei

Das bedeutet, ich feiere im kommenden Jahr ein besonderes persönliches Jubiläum – 50 Jahre Beschäftigung mit Informatik. Vielleicht ein Beleg für meine Aussage, dass ich mich als IT-Pionier der dritten Generation fühle. Die erste Generation sehe ich vertreten z.B. durch Konrad Zuse, den ich im Jahr 1985 auf der InterFace-Zuse-Radtour nach Hünfeld (dem damaligen Wohnort von Konrad Zuse) kennen lernen durfte.

In der zweiten Generation sehe ich Menschen wie meinen Lehrer Friedrich L. Bauer, der auch die erste Informatik-Vorlesung im Jahre 1969 an der THM (jetzt TUM) gehalten hat. Bei der ich dabei sein durfte.

Ich meine, dass 50 Jahre Beschäftigung mit IT schon etwas besonderes ist. So habe ich viel zu erzählen. Wobei mir der aktuelle Hype um die Digitalisierung auf den Keks geht. Für mich gibt es Digitalisierung spätestens seitdem man Sprache „verschriftet“ hat. Und dass das, was wir mit Digitalisierung bezeichnen, eigentlich nur der „normale“ technische Fortschritt ist.

Und ich nehme mir vor, dass ich in 2019 von diesen 50 Jahen erzählen werde. In Form von selbst erlebten Anekdoten, an denen ich gut klar machen kann, wie das damals war. Ohne Internet und Wikipedia. Und welchen Einfluss unser Treiben auf die Unternehmenskulturen und auf die Gesellschaft hatte. Und wie wir selber beeinflusst worden sind und uns verändert haben.

Das ganze als Potpourri von einzelnen zeitgenössischen Geschichten (ein wenig „story telling“), die gut zusammen passen und  die verschiedenen Aspekte der Verändung beschreiben. Da es viele spannenden Geschichten sind, werde ich sie in zwei Vorträge aufteilen. Teil 1 wird die ersten 25 Jahren von 1969 bis 1994 berichten, in Teil 2 geht es dann  um die Zeit von 1995 über die Jahrtausendwende bis heute. Ich werde aber nicht nur vom „Gestern“ und „Heute“ erzählen, ein wenig vom „Morgen“ wird auch dabei sein :-). Darauf freue ich mich schon und werde bei den Vorträgen dafür sorgen, dass Publikum und Referent viel Freude und Spaß haben.

Ein paar der Geschichten habe ich ja schon in IF-Blog.de erzählt. So in 2017 berichtet Werkzeuge machen Werkzeuge …  oder in 2015  geschrieben Mein erstes Projekt oder von 1981 (geschrieben in 2008) Meine schönste Folie … – das alles nur beispielsweise. Freilich werde ich mich im Vortrag dann kürzer halten als in IF-Blog geschehen.

Und die eine oder andere der noch fehlenden Geschichten werde ich dann auch im IF-Blog.de nachtragen. Und natürlich berichte ich hier auch, wo und wann ich die Vorträge halten werde.

RMD

Klaus Hnilica
Freitag, der 26. Oktober 2018

Anzug oder Dirndl?

Ich bin oft an dieser Bar vorbeigegangen. Aber nie hinein. Warum auch? Ich bin kein ‚Barhocker‘ und werd‘ auch nie einer werden.

Nach der wochenlangen Hitze zwängte sich allerdings schon gelegentlich die Vorstellung eines kühlen Colas mit Rum oder eines eiskalten Whisky Sodas in mein Kleinhirn, wenn ich auf dem Heimweg vorbei kam. Das muss ich zugeben!

Verlockend kühl schien es da drinnen auch zu sein, wie die ewige Dunkelheit vermuten ließ, wenn die Eingangstür zufällig aufging. Und das war gar nicht so selten! Denn irgendwie war dieser Laden Tag und Nacht geöffnet und das sieben Mal die Woche und zweiundfünfzig Wochen im Jahr! Komisch – oder?

Ja – und dann stand ich letzten Dienstag am späten Nachmittag tatsächlich am Tresen dieser seltsamen Bar und orderte endlich den lang ersehnten Whisky Soda mit jeder Menge Eis!

Vermutlich weil es so unerträglich schwül war an diesem Tag und ich wieder einmal völlig ausgelaugt und deprimiert vom Büro heim schlich. Als dann plötzlich ein eleganter älterer Herr fortgeschrittenen Alters direkt vor meinen Augen die Eingangstür zu dieser besagten Bar öffnete, fasste ich Mut und folgte ihm spontan – bis an den Tresen: das musste ich tun, da ich in der undurchdringlichen Dunkelheit sofort die Orientierung verlor.

Da ich aber in Begleitung dieses zufälligen Türöffners wie gesagt, sofort am Tresen landete, hatte ich dann ausreichend Zeit, um mich an die extreme Dunkelheit zu gewöhnen.

Vermutlich war dieses Gefühl, Zeit zu haben, auch der Grund dafür, dass ich den Barkeeper überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Erst als er fragte, was ich wünsche, nahm ich sein jugendliches dunkelhäutiges Gesicht wahr – und seine weißen Zähne – die totale Glatze und – und – und …

Von seiner Frage überrascht, sagte ich hastig, einen Whisky Soda, bitte!

Welcher Whisky darf es denn sein?

Hm? – stöhnte ich.

Bourbon? Scotch? Blended Malt?

Ist mir egal – aber viel Eis,bitte!

Der junge Mann war zu taktvoll, um mich weiter vorzuführen. Jedenfalls stellte er mir blitzschnell ein Glas Whisky Soda vor die Nase und daneben ein Extragefäß voller Eiswürfeln samt Zange! Ich war begeistert.

Nach zwei kräftigen Schlucken war ich endlich auch bereit mich umzusehen, wo ich hier gelandet war: tatsächlich stand rechts neben mir der ältere Herr, dem ich gefolgt war – vermutlich Stammgast, da er munter mit dem Barkeeper in Englisch parlierte – und links von mir, fast am Ende des mächtigen Tresens, hockte eine Frau im Dirndl, die ihr Getränk mit beiden Händen fest umklammert hielt und vor sich hin starrte.

Aber irgendetwas stimmte an dieser Frau nicht.

Wie die nur auf dem Hocker hing. Ihr Dirndlrock war auch unanständig nach oben gerutscht. Das herausragende Bein wirkte wie eine haarige braun lackierte Prothese und war fest zwischen Barhocker und Tresen eingeklemmt.

Tja und dann viel auch bei mir der Groschen! Das war gar keine Frau, was da in dem Sommerdirndl hockte – nein, das war ein Mann!

Sogar ein recht grobschlächtiges Exemplar, das aus irgend einem Grund, wie eine überdimensionale Fleischwurst in eine viel zu enge Dirndl-Haut gequetscht worden war, so dass jetzt nicht nur zwischen blauem Rockbund und dem roten Oberteil braune Fleischwülste hervorquollen, sondern die kurzen Ärmel der weißen Bluse auch die fleischigen Oberarme abschnürten und aus dem Dekolleté eine üppige schwarze Brustbehaarung quoll!

Also schlimmer ging‘s nimmer! Echt!

Da half auch nicht, dass diese ‚Mann–Frau‘ krampfhaft immer wieder versuchte, wenigstens den hellblauen Rocksaum über das rechte Knie ihres behaarten Beins zu ziehen. Dies umso mehr, als trotz der schummrigen Beleuchtung unschwer zu erkennen war, dass dieses seltsame Zwitterwesen auch bezüglich seines Gesichtes keinerlei Vorkehrung getroffen hatte, wenigstens ansatzweise einer Frau zu ähneln. Im Gegenteil: ein Teil des langen fettigen Haares baumelte strähnig über die Stirne und in dem stark gebräunten, eher derben Gesicht, wucherte sogar ein üppiger schwarzer Dreitagebart.!

Doch als sich unsere Blicke trafen, da ich dieses Zwitterwesen zu lange angestarrt hatte, ging überraschender Weise plötzlich ein schiefes Grinsen über sein Gesicht, das sogar auffordernd wirkte, da es von einem freundlichen Kopfnicken begleitet wurde.

Ich nickte verwirrt zurück und nahm zwei kräftige Schlucke von meinem Whisky Soda, um mein inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

Der Dirndl-Zwitter orderte daraufhin mit lautem Zuruf an den Barkeeper am anderen Ende des Tresens ein neues Glas Bourbon, stand auf und kam auf mich zu.

Vorsicht – der Mann war mindestens einen halben Kopf größer als ich und wirkte kräftig! Wortlos setzte er sich mit einigem Gestöhne und Gezupfe an seinem hellblauen Dirndlrock, auf den Barhocker neben mir, während ich ihm verlegen zulächelte und stumpfsinnig mein fast leeres Whiskyglas mit Eis auffüllte.

Sie wundern sich bestimmt über mein Outfit? sagte er dann auf eine überraschend gewinnende Art.

Ehrlich gesagt ja, antwortete ich angestrengt, aber da bin ich bestimmt nicht der Einzige hier.

Stimmt! Sagte er knapp und stürzte das halbe Glas seines frisch georderten Bourbon in einem Zug hinunter.

Aber es geht mich ja letztlich nichts an, fuhr ich fort! Schließlich sind wir in einem freien Land, in dem sich jeder nach eigenem Gusto bewegen kann.

Stimmt! Wiederholte er und süffelte an seinem Bourbon.

Sind wir froh, dass es so ist, warf ich ein.

Natürlich, natürlich, sagte er beflissen.

Ich schwieg, da ich nicht neugierig wirken wollte.

Nach einer kurzen Pause sagte er, wissen Sie, mein seltsames Dirndl–Outfit hat seinen Grund!

Sicher , sicher erwiderte ich, wir haben alle unsere Gründe…

Aber bei mir ist meine Frau der Grund, unterbrach er mich.

Hm – grunzte ich.

Ja – sie denkt ich sei ein Säufer!

Wie das denn?

Sie ist überzeugt, wenn sie heute am späten Nachmittag nebenan im Kongresszentrum das Musical besucht, dass ich mich in der Zwischenzeit hoffnungslos besaufe!

Und hat sie recht?

Natürlich nicht! Im Gegenteil, ich vermute, dass sie gar nicht ins Musical will, sondern ihren Liebhaber trifft und nur Angst hat, dass ich ihr nach spioniere…

Was in ihrem Dirndl–Outfit nicht ganz einfach sein dürfte!

Das stimmt auch, aber das kommt daher, dass sie schamlos den Umstand ausgenützt hat, dass wir dieses Mal schon am Vorabend des Musicals angereist sind und im Hotel des Kongresszentrums übernachtet haben. Als ich dann mittags mein übliches Schläfchen absolvierte, schlüpfte sie vermutlich in ihr ‚Kleines Schwarzes‘, packte meinen Anzug ein – und haute ab!

So dass Sie praktisch im Hotelzimmer gefangen sind, bis sie wieder zurückkommt! Ergänzte ich, scharfsinnig wie ein Meisterdetektiv.

Richtig – ich bin übrigens Hilmar!

Okay Hilmar! sagte ich, nannte auch meinen Namen – den ich aber hier nicht preisgeben möchte – und prostete ihm zu.

Jedenfalls, fuhr ich fort, scheint mir Ihr – Pardon, Dein – Frauchen ein schlaues Luder zu sein, wenn ich das so sagen darf und erinnert mich mächtig an mein ehemaliges Frauchen…

Das heißt wir sind beide gebrannte Kinder, fasste Hilmar zusammen.

Oder gehörnte Deppen, die es nicht anders verdienen, sagte ich, prostete ihm zu und trank wie er, mein Glas leer.

Hilmar nickte nachdenklich und bestellte uns zwei neue Drinks.

Dann sagte er, dass er sich endlich wehren und mir einen Vorschlag machen wolle – und zwar einen Vorschlag unter Freunden!

Und welchen? fragte ich.

Wie wäre es denn, sagte Hilmar zögernd, wenn du mir, quasi auf Honorarbasis, für ein paar läppische Stündchen deinen Anzug borgen und dafür in mein Dirndl schlüpfen würdest?

Damit hatte ich nun nicht gerechnet!

Ich spürte kurz wie schlagartig sowohl mein Blutdruck als auch die Frequenz meines Ruhepulses nach oben ging, und machte, unterstützt von einer Bewegung meiner rechten Hand, die Andeutung, ob er noch sauber im Kopf sei?

Doch Hilmar schien darauf vorbereitet: er blieb ruhig und sagte es würde mein Schaden nicht sein, denn an Geld mangle es ihm wirklich nicht!

Nach einer längeren Pause, in der wir uns beide schweigend anstarrten, sagte ich: Vergiss dein Geld, Hilmar! Weißt du dein Vorschlag ist derart abwegig, dass er fast schon wieder gut ist. Darum – und weil meine ehemalige Frau ein ähnliches Luder war, helfe ich dir – und mache es!

Hilmar umarmte mich gerührt und verkrümelte sich mit mir auf die Toilette!

Natürlich öffneten sich nun neuerlich die diversen Mäuler in den erstaunten Gesichtern des Barpublikums, als ‚ich‘ plötzlich als ‚Dirndl-Monster‘ daherkam und Hilmar in meinem dunkelblauen Sommeranzug als Gentleman posierte! Da er kräftiger war als ich, kniffen Sakko und Hose bei ihm ähnlich wie zuvor das Dirndl, während mir die Klamotten seiner Frau prima passten. Aber Hilmar war hoch zufrieden mit seinem neuen Outfit!

Sichtlich beglückt schluckte er den neu bestellten Whisky weg, starrte auf seine Uhr, blickte mir fest in die Augen und sagte gepresst, dass er spätestens in zwei Stunden zurück sei.

Noch ehe ich antworten konnte – war er weg, und ich stand alleine auf der Bühne: so fühlte ich mich jedenfalls, da mich alle Gäste im Lokal plötzlich anstarrten.

Vermutlich errötete ich auch und wendete mich spontan mit einem Gefühl der inneren Leere dem Tresen zu, suchte reflexartig mein Glas und schüttete den Rest des Whisky Soda, ziemlich verzweifelt, in mich hinein.

Dem Barkeeper gab ich zwar zu verstehen, dass ich noch einen möchte, spielte aber gleichzeitig schon mit dem Gedanken, heim zu gehen und mich in meiner nahegelegenen Wohnung zu verkriechen.

Aber bevor ich diesen Gedanken noch zu Ende denken konnte, schlüpfte plötzlich eine ansehnliche Dame reiferen Alters durch die Eingangstür der Bar.

Auffallend war nicht nur ihr perfekt geschminktes Gesicht, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie in einem viel zu großen Herrenanzug steckte. Was aber ihrer Eleganz keinerlei Abbruch tat!

Sie hatte etwa meine Größe, kurze schwarze Haare, vielleicht eine Spur zu lange Nase, dafür aber ein hinreißendes Lächeln. Auf ihren Pfennigabsätzen stakste sie, ohne zu zögern, direkt auf den Tresen zu.

Noch bevor der Barkeeper Gelegenheit hatte sie nach ihrem Getränkewunsch zu fragen, zwitscherte sie selbstbewusst: ich möchte das Gleiche wie die Dame in meinem Dirndl!

Also einen Whisky Soda, stellte der Barkeeper nüchtern fest.

Okay – Sie müssen es wissen!

Natürlich spürte ich, wandelndes Dirndl-Monster, wie mit einem Mal meine Knie weich wurden – aber noch stärker beeindruckte mich die Schnelligkeit und Präzision, mit der dieser Neuzugang die Lage in der schummrigen Bar gecheckt hatte.

Außer einem kurzen, guten Abend, brachte ich nichts aus mir heraus, denn das Gefühl, nun schon wieder vor einem aufsässigen Publikum auf der Bühne schauspielern zu müssen, raubte mir jegliche Kraft.

Anders schien es wohl der ‚Anzug–Dame‘ zu gehen, denn mit einem kecken Blick sagte sie: oder sind das etwa nicht meine Klamotten, die Sie anhaben?

Das weiß ich nicht, gnädige Frau, stammelte ich.

Aber ich weiß es!

Und warum stecken Sie dann in diesem viel zu großen Herrenanzug, wenn Sie ohnehin dieses Dirndl ihr eigen nennen, stellte ich mit scharfer Männerlogik fest?

Weil Sie es anhaben – werter Herr! Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass man zu zweit in einem Dirndl steckt?

Nein – das nicht! sagte ich kleinlaut und trank verzweifelt mein Glas in einem Zug aus.

Da der Barkeeper auch schon ihren Drink bereitgestellt hatte, nahm sie ihn und prostete mir zu: auf Ihre Gesundheit, werter Herr, sagte sie so laut, dass es niemand an den nahegelegenen Tischen überhören konnte.

Und mir flüsterte sie zu, dass sie Elsa sei!

Hilmars Elsa? fragte ich, ohne echtes Erstaunen.

Nein – deine Elsa, wenn du willst!

Oh Gott – jetzt war ich dann doch erstaunt. Was heißt erstaunt? Ich wurde vielmehr von einem Tsunami undefinierbarer Emotionen derartig überrollt und mitgerissen, dass ich sekundenlang schwieg.

Da Elsa wohl merkte wie es um mich stand und mir vermutlich jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war, sagte sie: aber das gilt natürlich nur, wenn du mir mein Dirndl zurück gibst!

Gerne – aber was wird dein Hilmar dazu sagen?

Vergiss Hilmar – und komm mit mir auf die Toilette – aber schnell – sonst überleg‘ ich‘s mir wieder.

Als wir dann nach einem kurzen Bescheid an den Barkeeper verschwanden und bald darauf mit getauschten Kleidern wieder am Tresen hockten, waren wir natürlich noch immer auf der Bühne, aber bei weitem nicht mehr so interessant. Schließlich waren eine Dame im Dirndl und ein Herr im Anzug keine Besonderheit, die einen stundenlang zu fesseln vermochte.

Und als wir endlich bei mir zu Hause splitternackt nebeneinander lagen, gestand Elsa, dass Hilmar gar nicht wüsste welchen Dussel er heute hatte: ausgerechnet heute hätte nämlich ihr Chef, dieser Dreckskerl, sie schmählich versetzt und seine Sekretärin als Ersatz ins Musical geschickt. Vermutlich sitze Hilmar jetzt sogar neben ihr – seit der Pause!

Ja und wegen dieser angetanen Schmach wollte sie sich, aufgeladen wie sie war, schadlos halten und Hilmar in seiner ‚Säufer Bar‘, von der sie schon lange wusste, in seinem Anzug überraschen. Denn Hilmar in ihrem Dirndl zu erleben, sei genau das gewesen, was ihre verletzte Seele nach dieser Demütigung benötigt hätte! Aber leider sei es ja dazu durch mein unbedachtes Rettungsmanöver nicht gekommen, sagte sie mit einem bösen Lächeln und verbiss sich schmerzhaft in meine linke Brustwarze, die gar zu keck weg stand, wie sie fand.

Da sich Elsa nach einer Stunde lustvollem Gestöhne und der Rückkehr auf die Erde, wohl einigermaßen von ihrem angetanen Leid erholt hatte, aber nicht entscheiden konnte, was sie anziehen sollte – Anzug oder Dirndl? – schlüpfte ich schnell ins Dirndl und schickte sie in Hilmars Anzug in ihr Hotel zurück!

Hilmar stand schon am Tresen, als ich in der Bar ankam!

Freundschaftlich umarmte er mich und für die Barbesucher ging die Show weiter…

Aber nur kurz, denn Hilmar war überglücklich, dass alles nur ein fürchterliches Missverständnis zwischen ihm und seiner geliebten Elsa gewesen sei. Er müsse jetzt umgehend zu ihr ins Hotel ,sagte er, um sie mit einem festlichen Essen in einem ‚Sterne Restaurant‘, für sein schäbiges Misstrauen, zu entschädigen!

Hoffentlich klappe das auch, denn ihre Freundin im Musical, hätte ihm erzählt, dass Elsa wegen Kreislaufproblemen in der Pause diese wunderbare Aufführung leider hätte verlassen müssen.

Gott sei Dank dachte wenigstens ich an den notwendigen Kleidertausch, als Hilmar mit brennendem Herzen zu seiner Elsa drängte, und der Barkeeper an die sechs noch nicht bezahlten Whiskys, die natürlich Hilmar in seinem Freudentaumel liebend gerne samt einem mehr als großzügigen Trinkgeld übernahm.

Und ich war froh endlich wieder in meinen eigenen Klamotten heim traben zu dürfen und in der Brusttasche meines Anzugs das Knistern des von Hilmar versteckten 500 Euro Scheins zu spüren, das mir bestätigte, dass die letzten Stunden kein Traum waren, sondern Elsa mich wirklich nächsten Dienstag – vielleicht?– schon wieder beißen könnte…

KH

Roland Dürre
Donnerstag, der 18. Oktober 2018

Erinnerungen aus der Kindheit – Verschwendung, Leitungswasser.

Vielleicht denkt man – wenn man älter wird – ein wenig mehr darüber nach, wie das alles war – wie man klein war?

Imbiss mit Schwester auf dem (Hinter-)Hof unserer Wohnung in der Rosenaustr. 18 in Augsburg (auf der Rückseite vom Hbf).

Ich war eines von zwei Kindern einer bürgerlichen Famlie. Mein Vater war Beamter bei der Bundesbahn, meine Mutter Lehrerin, die aber aufgrund der Kinder nicht mehr gearbeitet hatte. Mit meiner 5 Jahre jüngeren Schwester treffe ich mich heute immer noch gerne.

Das meiste aus meiner Kindheit habe ich vergessen, aber ein paar Erinnerungen haben mich mein Leben lang begleitet. Und sind heute noch sehr lebendig.

Bei einer dieser Erinnerungen geht es ums Hände waschen. Und um den Umgang mit Wasser.

Unsere Eltern haben viel Wert auf Sauberkeit gelegt. So sollten wir möglichst häufig unsere Hände waschen. Das ging so: Wasserhahn auf, Hände nass machen, einseifen, gründlich reiben, abspülen, wieder einseifen, gründlich reiben, das solange wie nötig und dann Wasserhahn wieder zu machen.

An den Wochenenden waren wir häufig in Thannhausen (Schwaben) und haben uns mit den Großeltern mütterlichseits und den Familien der Schwestern meiner Mutter getroffen. Da waren wir viel im Freien. Und ich kam oft recht schmutzig in die großelterliche Wohnung zurück. Also hieß es wieder „Hände waschen“.

Gesagt getan. Einmal kam mein Großvater dazu wie ich mir die Hände wusch. Und hat mich getadelt, weil ich das Wasser – wie von zu Hause gewöhnt – die ganze Zeit rauschen ließ. Er hat mir erklärt, wie wertvoll Wasser fürs Leben wäre und dass man es nie umsonst laufen lassen dürfe.

Ich habe ihm sofort Recht gegeben und glaube, dass dieses kurze Erlebnis mich ganz wesentlich geprägt hat. Und wenn ich heute sehe, wie im Schwimmbad erwachsene Männer die Dusche öffnen und dann im Vorraum ratschen, finde ich das nicht so toll.

Auch wenn ich an Thannhausen, Augsburg und die Zeit damals denke, dann fällt mir noch einiges ein, das ich nicht so toll finde.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 17. Oktober 2018

Arcis Vocalisten singen das Mozart Requiem

 

Wie immer bewerbe ich gerne die Konzerte der Arcis-Vocalisten!

Diesmal geht es um das berühmte Requiem von Mozart!

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 13. Oktober 2018

Bundestagswahl, Landtagswahl, Bezirkswahl – die Unterschiede.

Jetzt darf ich schon seit fast 50 Jahren wählen. Und habe das Wahlrecht in meiner Erinnerung auch immer wahrgenommen. Weil mir mein Überich stets befohlen hat, zur Wahl zu gehen – auch wenn ich keine Lust hatte.

Und erst vor ein paar Tagen habe ich entdeckt, dass die Wahlverfahren (und so auch die Regeln) bei Bundestagswahl, Landtagswahl und der Bezirkswahl doch ziemlich unterschiedlich sind.

Zuerst war ich entsetzt über meine mangelnde politische Bildung. Dann habe ich Freunde gefragt, die ich für kluge Demokraten halte – und festgestellt, dass sie das auch nicht wußten. Im Wahlkampf und aus den Botschaften mancher Wahlplakate habe ich erkannt, dass sogar die Parteien und ihre Kandidaten zumindest zum Teil die Unterschiede des bei Bund, Land und Bezirkstag gültigen Wahlsystems nicht kennen.

Das hat mich getröstet, aber auch bewegt, dass ich hier zwei wesentliche Unterschiede kurz beschreibe:

  • Im Gegensatz zum Bundestagswahlrecht werden bei der Landtagswahl in Bayern für die Sitzverteilung nach Verhältniswahl auch die Erststimmen berücksichtigt (Siehe Bayerisches Landtagswahlsystem und Bundestagswahlrecht)!
  • Bei der Bezirkstagswahl für die Regierungsbezirke Bayerens wird auf eine Fünf-Prozent-Klausel wie im bayerischen Kommunalwahlrecht üblich verzichtet. Für die Landtagswahl dagegen gibt es eine Sperrklausel (Bis 1973 galt in Bayern eine Zehn-Prozent-Hürde auf Ebene der Wahlkreise, also der Regierungsbezirke. Seit 1973 ist in Art. 14 der Verfassung eine landesweite Fünf-Prozent-Hürde verankert. Da es im bayerischen Wahlsystem keine der Grundmandatsklausel des Bundestagswahlrechts vergleichbare Regelung gibt, bedeutet dies auch, dass siegreiche Stimmkreisbewerber dadurch eventuell kein Mandat erhalten).

Was bedeutet das?

Zum einen, dass der Wähler in Bayern bei seiner Vergabe von Erststimme nicht den Überlegungen folgen sollte, die ihm von Bundestagswahlen her vertraut sind. Dann bewirkt er unter Umständen etwas, das er gar nicht will.

Zum anderen, dass bei der Bezirkstagswahl man auch „kleine Parteien“ wählen kann, ohne dass die vergebenen Stimmen im Bereich „der Sonstigen“ entwertet werden wie bei der Landtagswahl.

Zur Erinnerung

Morgen ist sowohl Landtagswahl und Bezirkstagswahl. Und daran denken: für beide gelten am selben Tag und im selben Wahlbüro unterschiedliche Regeln.

Dazu ein paar Informationen:

Die Bezirkswahl 2013 ergaben in keinem der insgesamt sieben Bezirke eine absolute Mehrheit für die CSU. In den Bezirkstagen sitzen nicht nur  Abgeordnete der bekannten Parteien CSU (89), SPD (38) , FDP (6), FW (21), Grüne (18) sondern auch von den Linken (5), der BP (6), der ÖDP (6), den Franken (2) und auch den Piraten (4). Die Zahlen sind das Ergebnis der Wahl von 2013, entnommen habe ich sie aus Wikipedia.

Ich verstehe nicht, warum die Parteien, die absehbar keine Chance haben, in Bayern die 5 % – Hürde zum Landtag zu meistern, ihrer Wahl-Klientel nicht mitteilen, dass es diese Hürde bei der Bezirkswahl nicht gibt. Ich vermute, dass so mancher Wähler in diesem Falle eine kleine Partei wählen würde.

Mein Vorschlag wäre, das Wahlrecht zu vereinheitlichen – und dabei gleich zu reformieren. Um es dem Bürger damit ein wenig einfacher zu machen.

RMD