Roland Dürre
Sonntag, der 26. Januar 2020

Geheimnisse, Geheimschutz, DSVOG …

 

Hier ein paar rein fiktive Gedanken. Über die Seele einer fiktiven Politikerin.

 

Das was uns Menschen ausmacht?

Stellen Sie sich Judy vor. Als Fiktion. Sie ist ein junges Mädchen. Sagen wir mal, sie ist zirka vier Jahre alt. Sie lebt im letzten Jahrhundert, in den goldenen Sechzigern geboren, wohlbehütet in einer gut bürgerlichen Familie aufgewachsen, dies nicht auf dem Land sondern in einer Großstadt. Die Mutter ist Erzieherin, der Vater ist Beamter. Sie ist blond, hat blaue Augen und ist ein richtig süßes Ding.Ihr Markenzeichen sind zwei immer perfekt geflochtene Zöpfe.

Angezogen ist sie wie eine Puppe. Adrett, sauber und ordentlich. Hunger kennt sie nicht, denn sie ist im Wohlstand des späten Wirtschaftswunderlandes aufgewachsen. Alle sagen, dass sie sehr klug ist und für ihr Alter überdurchschnittlich gut sprechen kann. Und – sie hat sich noch die wunderbare kindliche Weisheit bewahrt, die ihr später von Erwachsenen wie den Eltern und der Schule ausgetrieben werden wird.

Das Mädchen hat einen Großvater. Diesen mag sie sehr. Vielleicht weil er der einzige erwachsene Mensch ist, der ihr keine Vorschriften macht, ihr immer geduldig zu hört, nie an ihr rum mäkelt, sie auch nicht erziehen will und sie nie maßregelt. Er hat sie auch noch nie geschimpft oder auch angeschrien. Und auch nie geschlagen, wie das in in den 60iger Jahren Erwachsene mit Kindern gemacht haben (und es vielleicht heute noch tun). All das kennt sie von den meisten Erwachsenen, ja sogar von den geliebten Eltern. Deswegen ist sie ab und zu traurig. Doch wenn sie beim Großvater ist, dann ist sie glücklich:

„Großvater, ich habe ein großes Geheimnis?“

„Das ist schön, Judy, behalte es gut für Dich!“ antwortet der Großvater.

„Aber Großvater, Dir würde ich es gerne erzählen.“

„Gerne, Judy. Laß hören!“

„Aber Großvater, Du darfst es nicht weiterzählen.“

„Das werde ich auf keinen Fall machen!“

„In meiner Tasche habe ich drei Bonbons! Das darf aber niemand wissen!“

Das ist ein Geheimnis, das ich für absolut schützenswert halte. Und das man nicht verraten darf.

Judy kommt in die Schule. Sie bleibt das brave Mädchen und wird eine Musterschülerin, die von den Lehrern geliebt wird und immer gute Zeugnisse nach Hause bringt. Der Stolz ihrer Eltern.

Ein Dutzend Jahre später: Judy und ihr Großvater treffen sich. Und Judy hat wieder ein Geheimnis:

„Großvater, ich muss Dir was erzählen, ich habe ein Geheimnis!“

„Das ist schön, Judy, behalte es gut für Dich!“
antwortet der Großvater.

„Großvater, Dir würde ich es gerne erzählen.“

„Gerne, Judy. Laß hören!“

„Großvater, Du darfst es nicht weiterzählen.“

„Das werde ich auf keinen Fall machen!“

„Ja! Es gibt einen Jungen, in den bin ich so verliebt.“

Und wieder weiß der Großvater, das ist ein echtes Geheimnis. Das darf man nicht verraten.

Aber gibt es außer solchen wichtigen Dingen noch mehr, das wirklich keiner wissen darf? Ich glaube nicht.


Trotzdem scheint in unserer Gesellschaft das Eigentum an den eigenen Daten und der Geheimschutz zum höchsten Gut geworden zu sein. Und die Gesetzgeber der EU und BRD haben sich überschlagen, die DSGVO erschaffen und den Weg für den Geheimschutz frei gemacht.

DSGVO wird auch DS-GVO; französisch Règlement général sur la protection des données RGPD, englisch General Data Protection Regulation GDPR) ist eine Verordnung der Europäischen Union, mit der die Regeln zur Verarbeitung personenbezogener Daten durch die meisten Datenverarbeiter, sowohl private wie öffentliche, EU-weit vereinheitlicht werden.

Mit dem Begriff Geheimschutz bezeichnet man ein staatliches Instrumentarium (Verwaltung und Geheimdienste, Militär (Exekutive), Parlament (Legislative)) zur Anwendung im staatlichen Bereich und in der privaten Wirtschaft, das darauf abzielt, Geheimnisse vor allgemeiner Kenntnisnahme zu sichern (Zitat aus Wikipedia).


40 Jahre sind ins Land gegangen. Judy hat geheiratet,sie ist Mutter geworden. Sie ist bei einer Partei, in den Bundestag gewählt und sogar Ministerin. Ihr Ministerium ist zuständig für Klimaschutz, Frieden und die Entwicklung einer sozialen, gerechten und humanen Gesellschaft. Ein sehr wichtiges Ministerium. Das alles wirklich ganz fiktiv. Also:

Sie will den Planeten retten. Dies aber ohne jeden Verzicht und ohne Verbote. Ausschließlich durch moderne Technologie. Wir wissen nicht, ob sie verstanden hat, wie groß die Herausforderung ist und ob ihr Vorhaben realistisch ist. Aber man kann es ja mal so versuchen.

Technologischer Fortschritt geht nur in vernetzter Offenheit, mit Wissen und Kreativität. Wissen ist ein ganz besonderes Gut. Es ist der einzige Rohstoff, der durch Teilen mehr wird. Kreativität braucht Vielfalt. Die Ergebnisse nicht nur der von Steuergeld finanzierten Forschung müssen geteilt werden, am besten global. Es ist ein Wettrennen mit der Zeit.

Sie weiß, dass das Urheberrecht auch Mickey Mouse – Gesetz genannt wird (weil Walt Disney es immer geschafft hat, die gesetzlichen zeitlichen Beschränkungen zu verlängern, wenn das Urheberrecht für die Mickey Mouse abzulaufen drohte.).

Sie weiß sogar, dass die Dauer beim Urheberrecht nicht auf eine generelle Jahreszahl festgelegt ist. Vielmehr ist sie abhängig vom Alter des Urhebers bei der Entstehung und seiner Lebenserwartung. Das Urheberrecht wird vererbt. Die Dauer berechnet sich also aus der  Differenz des Alters zum Zeitpunkt des Todes minus des Alters zum Zeitpunkt der Vollendung des Werkes plus SIEBZIG Jahre. Schreibt ein 20 jähriger Autor also einen Roman und erreicht das stolze Alter von 90 Jahren, wird dieses Werk insgesamt 140 Jahre durch das Urheberrecht geschützt sein. Seine Erben in mehreren Generationen können noch 70 Jahre die  Nutzungsrechte ausschlachten und verkaufen. Und die Käufer sie weiterverkaufen.

Sie weiß, dass die Forschung in der Pharmazie darunter leidet, dass hier der Schutzzeitraum sehr kurz ist (10 -20 Jahre). Der Zeitbedarf für Entwicklung, klinische Test und Zulassung wächst permanent und deshalb der Zeitraum des Vermarktens zu kurz wird. Und das Produkt schon zum Generika wird, lange bevor es die Investition wieder erwirtschaftet hat.

Sie weiß, dass Patente den technischen Fortschritt nicht mehr fördern sondern einschränken und verlangsamen. Das beste Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die Technologie des 3D-Drucks. Bei dem nichts vorwärts ging – bis die Patentrechte ausgelaufen waren. Erst dann ging es so richtig ab, in der „open source“ wie in kommerziellen Bereichen.

Das weiß sie alles. Trotzdem stimmt sie im Bundestag für einen starken Urheberschutz. Und lehnt eine ziehlführende,  allerdings auch einschneidende Reform ab.

Sie wünscht sich eine gerechte und soziale Gesellschaft. Sie weiß, dass Grundvoraussetzung dafür ein transparentes Gemeinwesen ist.

Bei den Wahlen im Bundestag stimmt sie jedoch für die DSVGO und alle Gesetze für Geheimschutz. Was will sie auch machen – es gibt ja einen Koalitionszwang. So lohnt sich ja schon das Nachdenken nicht, ob man nicht eigentlich anders stimmen möchte oder müsse.

Sicher ist ihr klar, dass Geheimschutz eigentlich immer dazu dient, schlechtes (kriminelles) Handeln und Ungerechtigkeit zu verbergen. Ihr tun die Bürger leid, weil für sie de facto der Geheimschutz nicht gilt. Spätestens beim Vermögen und der Steuer. Aber was kann sie gegen die mächtigen Geheimdienste ausrichten? Und ist es nicht besser, wenn der einfache Bürger von den vielen Schurkereien und Missständen erst gar nichts erfährt? Das würde ihn ja nur verunsichern. Und dann käme er vielleicht bei der nächsten Wahl auf dumme Gedanken.

Sie ist für Frieden. Und ihr ist auch klar, dass die Rüstungsindustrie die Kriege brauchen und machen. Sie weiß auch, dass die USA weltweit die Produktion und Exporte von Rüstungsgütern mit großem Abstand anführen. Wenn der Chef-Lobbyist der USA, ein Mister T., verlangt, dass die Staaten der NATO 2 % ihrs Bruttosozialproduktes für Rüstung ausgeben soll, dann ist sie dafür.

Judy würde gerne auch das Eigentum reformieren.
Zeit wäre es ja. Aber sie traut sich da wirklich nicht ran. Die Herausforderung ist zu groß.

Sie sagt zwar, dass es nicht sein kann, dass wenige Familien in der Welt die Hälfte der Welt gehört. Und ihr die Ursachen klar waren. Denn Sie weiß, dass es in frühen solidarischen Gesellschaften, wo die Menschen sich in der Regel vom „Jagen und Sammeln“ ernährt haben, es den Begriff Eigentum gar nicht gab. Die Vorstellung von persönlichen Besitz hat da eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Alle Kraft und Zeit der Menschen musste damals fürs Überleben eingesetzt werden. Bei den ersten kulturellen Kollisionen haben sich diese Menschen sehr gewundert, dass sie dann wegen Diebstahls z.B. in Südamerika von den weißen Göttern erschossen wurden.

Das alles weiß sie, auch dass mit dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht sich das geändert hatte. Jetzt gab es sehr wohl Eigentum. Das Eigentum wurde immer weiter und wichtiger. Am Anfang waren nur Dinge Eigentum, der Rest war Allmende. Dann wurden immer zu privatem Eigentum und die Allmendewurden immer weniger. Am Schluß blieb nur noch die Luft zum Atmen, und die wurde von den Öfen und Verbrennungsmotoren vereinnahmt.

Eigentum gab es fortschreitend dann auch an Grund und Boden, wie an Tieren und Menschen. Sogar für das vom Geist geschaffene wurden Eigentumsrechte festgelegt (Urheberrechte – siehe oben das des Autoren. Und sogar die „persönlichen Daten“ wurden zum Eigentum erklärt. Ja, mir gehört mein Geburtsdatum! Wie mein Gewicht und mein Geschlecht. Und wehe, einer klaut es mir!

Auch der Begriff des „Eigentümers“ änderte sich. Konnten am Anfang nur Menschen (natürliche Personen) etwas besitzen und es als ihr Eigentum reklamieren, wurde dieses Recht schnell erweitert auf Organisationen aller Art, die man als juristische Personen bezeichnete. Ich hätte den Begriff visuell treffender gefunden, aber virtuell gabs damals noch nicht so sehr.

Natürliche und juristische Personen bekamen dieselben Rechte. Grund dafür war wohl die Annahme, dass eine juristische Person immer aus mehreren natürlichen Personen (den Gesellschaftern) bestehen würde. Das sollte sich bald ändern.  Z.B wurden mächtige Investment-Konzerne, die auch wieder juristische Personen als Gesellschafter hatten zu bestimmenden Gesellschafter bei Unternehmen. Aber die Regel blieb.

Aber im Gegensatz zu natürlichen sind juristische Personen nicht sterblich. Sie leben oft mehrere 100 Jahre und können natürlich viel effizienter mit Gütern wie Grund und Boden und Rechten aller Art spekulieren. Und florierende juristische Personen (z.B Groß-Konzerne, Kirchen wie andersartige Vereinigungen) kamen so zu großem Reichtum . Und ihre Systemagenten wurden zu übermächtigen Menschen. Auch hier passt Mr. T. als Beispiel.

Die Folgen für die  Gesellschaft waren schrecklich. Der Kampf um den Boden hat Kriege etabliert. Tiere wurden zur industriellen Ware, Menschen wurden im großen Stil zu Leibeigenen (Europa) oder Sklaven (weltweit), die Gesellschaft auch in Europa fiel in zwei Klassen, in viele rechtlosen und besitzlosen Menschen und wenigen Herren, denen es alles gehörte. Dann kamen Revolutionen und Kriegen. Jetzt sind wir wohl bald wieder so weit, dass wenigen das meiste von der Welt gehört.

Judy weiß das alles. Sie weiss auch, dass es Veränderungen nur gibt, wenn es den wirtschaftliches Interessen der Herren gefällt oder wenn die rechtlosen Gewalt anwenden. Die Sklaverei wurde abgeschafft, weil Arbeiter und Maschinen billiger waren als der Sklave. Der Bürgerkrieg in den USA war kein Gesinnungskrieg sondern ein Wirtschaftskrieg. Die humanitären und idealistischen Motive für die Abschaffung der Sklaverei dienten nur dazu, die wahre Motivation zu verschleiern.

Judy wird traurig.Vielleicht müsse man die Demokratie reformieren? Eigentlich sollte doch der Bürger der Souverän sein. Aber ist er das heute noch? in einem System der Demokratie wie wir es haben? Einer Oligarchie der Parteien, in der die Spitzenkandidaten nach völlig falschen Kriterien selektiert werden? Und Wahlen, bei denen natürlich die Kandidaten gewinnen, die die besten (und oft die teuersten) Berater haben. So dass letztendlich in der Regel der Kandidat mit dem größten Budget für Marketing die Wahl gewinnt? Und dann als Politiker massiv von einer Heerschar an Lobbyisten beeinflußt und bedrängt und ab und zu auch erpresst wird?

Sie denkt an Ihre Kindheit. Kultur und Geisteshaltung wichtiger als Gesetze sind. Die kann man als Politikerin (und auch als Manager) nicht erschaffen. Sie hat Anstand. So gibt sie ihr Amt auf und widmet ihre Zeit den Enkeln.

Hut ab vor Judy!

RMD

 

 

 

 

 

Roland Dürre
Dienstag, der 21. Januar 2020

Entscheidungslehre (Unternehmertagebuch #131)

Ich werde öfters gefragt:

„Du hast doch in deinem Leben viele Entscheidungen fällen müssen. Wie hast Du das nur gemacht?“

So wird das Leben als „Kaptiän“ ganz einfach.

In der Tat habe ich in meinem Leben oftmals „entscheiden“ müssen. Gerade wenn ich ein Problem hatte. Natürlich immer unter Unsicherheit, weil die Unsicherheit die wesentliche Eigenschaft der Entscheidung ist. Eine Entscheidung erfolgt immer unter Unsicherheit, so ist der Begriff definiert.

Teil zwei der Definition ist, dass Entscheidungen eine Relevanz haben müssen. Das heißt, dass die der Entscheidung folgende Handlung wichtig ist und etwas wesentlich verändern soll und wird.

À propos Problem. Diesen Begriff definiere ich so:

„Ein Problem ist ein Zustand, der so nicht bleiben darf“.

Das habe ich immer wieder erlebt. Und ein Problem ist immer eine Aufforderung, Entscheidungen zu fällen.

Soweit der theorethische Teil. Pragmatisch habe ich immer versucht, meiner Intuition und meinem Gefühl zu folgen. Die rationalen Argumente können für die Kontrolle genutzt werden, ansonsten kann man sie vergessen.

Immer wenn ich gegen mein Bauchgefühlt gehandelt habe, waren die Folgen ärgerlich bis vernichtend.

Aber wie gelangt man zu ausreichend „Gefühl und Intuition“, um schnell und halbwegs vernünftig entscheiden zu können. Die Antwort ist einfach. Man muss in dem Umfeld, das die Entscheidung betrifft, möglichst viel „erlebt“ und „erfahren“ haben. Fast möchte ich sagen gelernt haben“ – dazu muss man am Leben teilhaben. Und zwar intensiv!

Im geschäftlichen Bereich bedeutet das, dass man nicht im Elfenbeinturm sitzen bleiben und nur die Reports lesen darf, sondern dass man raus muss! Der Fehler fängt schon an, dass an „jemand reportet wird“. Nicht die Mitarbeiter müssen dem Chef reporten, sondern der Chef muss am Leben der Mitarbeiter teilhaben. Sonst kann man auf ihn verzichten. Das gilt in der digitalen Welt genauso wie davor.

Und das habe ich mein Leben lang so gemacht. Als Geschäftsführer der InterFace Connection war ich immer mit den Kollegen unterwegs und so bei den Kunden und Anwendern unserer Produkte. Bei den großen wie der Bundesagentur für Arbeit genauso wie bei den vielen kleinen Gemeinden, die auch HIT eingesetzt haben.

Auch später war ich immer dabei, nicht nur wenn es gebrannt hat. Das war bei den Premium Kunden so wie der WestLb in Düsseldorf, dem Daimler in Stuttgart oder bei unserem Print-on-Demand Kunden Arvato (Tochter von Bertelsmann in den USA. Aber auch bei allen kleinen und großen Kunden, von Flensburg bis in die Schweiz, ganz gleich ob sie ein Produkt von uns im Einsatz hatten oder ob sie von Mitarbeitern unseres Unternehmens betreut wurden, ich war immer ein paar Mal bei ihnen zu Besuch. Aus dem dabei Erfahrenem und Erlebten habe ich meine Sicherheit beim Entscheiden gewonnen.

Und als Aufsichtsrat mache ich mir auch gerne ein Bild von der Situation, in dem ich mit den betroffenen Menschen rede. Das mag auch nicht immer einfach sein und gelegentlich zu kommunikativen Problemen führe. Ich nehme das aber in Kauf, weil es mir so gelingt zu lernen, was Sache ist.

Deshalb meine Empfehlung:

Macht Euch das Leben und Entscheiden nicht schwer!

Geht raus in Euere Umwelt (für ein Unternehmen sind das die Kunden) und redet viel mit Euren Stakeholdern (Mitarbeiter, Geschäftspartner, Konkurrenten …). Dann erlebt und erfahrt Ihr soviel, dass Euch ganz schnell die richtige Antwort auf die tägliche Frage „Mach ich es so oder so?“ findet.

Und sicher macht es auch Sinn, die getroffene Entscheidung dann auch noch mal rational zu überprüfen. Aber dann hat sich aus und es wird gemacht!

RMD

Roland Dürre
Sonntag, der 19. Januar 2020

Schon die kleinen Zahlen können ganz schön groß sein.

Hier eine Parabel, die unter anderem das Geheimnis großer Zahlen zeigt. Oder warum Sparen sinnlos ist.

Wer gibt nicht gerne mal ein Bier aus?

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein obdachloser Mensch. Ihr Leben hat manche Härte, gerade im Winter.

Sie sind jedoch ein sozialer und kommunikativer Penner, der schon bessere Zeiten erlebt  hat. Und Sie kennen viele Menschen. Diese begegnen Ihnen mit Respekt. Sie werden wertgeschätzt und erleben viel Schönes. So sind Sie trotz Ihrer misslichen Lage glücklich. Und Sie würden von Ihrem Glück gerne etwas zurück geben.

Im Schaufenster des Getränkeladens nahe Ihrem Schlafplatz sehen Sie ein Sonderangebot. Ein schönes 30 Literfass von einer Müncher Brauerei gibt es für 75 €. Das bringt Sie auf die Idee, alle Ihre Freunde und netten Menschen, die Ihnen freundlich begegnen, zu einem Glas Bier einzuladen. Sie nehmen sich vor, das Fass zu kaufen und eine Party zu machen.

Aber die Sache hat einen Haken. Sie haben ja kein Geld, deshalb sind Sie ja obdachlos geworden. Job finden Sie auch keinen mehr. Aber da es um Bier geht, fällt Ihnen das Flaschenpfand ein. Unsere weitsichtige Kanzlerin hatte dies ja eingeführt, um die Altersarmut ein wenig zu lindern.

Sie überlegen sich: Wenn Sie sich von Ihrem ausgefülltem Pennerleben jeden Tag eine Stunde abzwacken und diese Stunde für die Suche von Pfandflaschen und -dosen einsetzen, wie lange brauchen  Sie dann, bis Sie das Geld fürs Fass Bier zusammen haben?

Um diese Fragen zu beantworten setzen Sie Ihre Fähigkeiten aus ihrem vergangenen Managerleben ein. Die erste Frage ist, was gibt der Markt her. Wenn man eine Stunde sucht, wird man im Schnitt eine Bierflasche und eine Dose finden. Das Pfand der Bierflasche bringt 8, das der Dose 25 Cent. Zusammen sind das 33 Cent, also fast 1/3 Euro.

D.h. drei Tage bringen fast einen Euro. Für die 75 Euro brauchen Sie dann 3 x 75 Tage, das sind 225 Tage. Aufgrund des fast fehlen da noch 75 Cent, das heißt Sie brauchen noch 3 Tage mehr. Und nicht zu vergessen, für das Bierfass ist ja auch ein Pfand fällig. Und Fehltage sind auch nicht zu vermeiden. Und wenn Sie das Geld zusammen haben, ist das Fass garantiert auch wieder teurer.

D.h. um das Geld für das Bierfass auf diese Weise zusammenkriegen, werden Sie ein Jahr lang jeden Tag eine Stunde lang auf Flaschensuche gehen müssen.

Besser ist, wenn Sie einen Kredit mit einem Negativzins aufnehmen. Und diesen mit dem Zins tilgen. Das dauert zwar länger, kostet Sie aber nichts. Aber wer gibt Ihnen schon Kredit? Obwohl er ja nichts verlieren kann.

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 18. Januar 2020

Widersprüche bei der Widerspruchslösung

Freiheit gibt es nur auf dem Fahrrad, aber nicht im Bundestag.

Die vergangene Woche am Donnerstag (16. 1. 2020) sind die Hunde mal wieder von der Leine gelassen worden. Im Bundestag wurde der Fraktionszwang aufgehoben! Das Gewissen des einzelnen Abgeordneten sollte seine Entscheidung bestimmen.

Das heißt die Abgeordneten durften „frei“ abstimmen. „Weil das Thema ethisch so relevant wäre“. Es ging nämlich um einen Gesetzesvorschlag für eine Widerspruchslösung beim Thema „Organspende“.

Ich persönlich glaube gar nicht, dass das Thema an sich ethisch so herausragend wichtig ist. Die Menschen empfinden es als wichtig, weil letzten Endes wir alle Angst haben, lebendig ausgeschlachtet zu werden. Das ist auch ein Thema im Video „Die Kunst des Negativen Denkens“ von und mit Klaus-Jürgen Grün (Link).

In einem Kommentar habe ich gehört, dass diese Abstimmung immer wieder eine Sternstunde unserer Demokratie gewesen wäre, die die Menschen wieder mit der Politik versöhnt hätte. Ich habe da meine Zweifel. Abgeordnete sollen ihrem Gewissen folgend abstimmen, das haben doch die Väter unseres Grundgesetzes so festgelegt:

… ist er (der Abgeordnete)  bei der Wahrnehmung seines Amts weder an Aufträge noch an Weisungen gebunden, sondern lediglich seinem Gewissen unterworfen. Dies wird in der Rechtswissenschaft als freies Mandat bezeichnet. …
(Artikel 38 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland)

Was ist also so besonders daran, den „Fraktionszwang“ aufzuheben? Mir fällt als Argument für den „Fraktionszwang“ vor allem ein, dass das die politische Steuerung und Durchsetzung für Interessensgruppen vereinfacht. So können sich die Lobbyisten auf weniger Köpfe konzentrieren, das dürfte die Sache einfacher machen. Gerade bei der inflationären Mehrung der Bundestagsabgeordneten.

Einer Umfrage folgend war die Mehrheit der Deutschen für die Widerspruchslösung (ZDF-Politbarometer).  Allerdings wurde im Bundestag genau andersrum entschieden. 379 Parlamentarier waren dagegen und nur 292 dafür (Tagesschau). Man könnte schließen: Die Aufhebung des Fraktionszwanges ist gefährlich. Weil der Bundestagsabgeordnete ein ganz anderes Gewissen hat als der Bundesbürger.

Aber zurück zur Widerspruchslösung. Ich habe am Mittwoch, dem Tag vor der Abstimmung, das Tagesgespräch am Mittag im 2. Programm des Bayerischen gehört. Da ging es um Anrufe von Bürgern zum Thema Organspende und Pros und Contras zur Widerspruchslösung. Dabei war auch ein „Experte“, der ohne Einschränkung für die Widerspruchslösung war. Natürlich war er Teil der Plantations-Industrie. Aber hatte offensichtlich „Kreide gefressen“ und versuchte menschlich sehr verständnisvoll und ethisch absolut korrekt aufzutreten.

Das Thema war nur insofern ethisch, weil die Frage behandelt wurde:
Darf und soll man Menschen zum Beispiel durch ein Gesetz zu persönlichen Entscheidungen zwingen. Und wenn er sich nicht zwingen lassen will, „per default“ die Entscheidung voreinstellen. Darum ging es, um sonst nichts.

Das ist ein schwieriges Thema. Wissen wir doch aus der Gehirnforschung, dass der Mensch vielleicht gar nicht „frei“ ist. Und die Auffassung, dass Menschen sich bewusst und frei entscheiden könne, wohl ein historischer Irrtum ist.

Dazu habe ich aber nichts gehört.

Dafür wurden einige Thesen kommuniziert, bei denen es mir die Schuhe ausgezogen hat.  Bei den Expertenantworten war es noch schlimmer. Ich berichte ein wenig:

Gleich die erste Anruferin hat einen symmetrischen Entscheidungszwang vorgeschlagen. Ein Formular mit vier Aussagen, von denen man zwei Ankreuzen müsse, wenn man z.B. einen neuen Personalausweis beantrage:

  • Ich bin bereit, nach meinem Tod meine Organe für Transplantationen zur Verfügung zu stellen.
  • Ich bin NICHT bereit, nach meinem Tod meine Organe für Transplantationen zur Verfügung zu stellen.
  • Im Bedarfsfall wünsche ich mir eine Transplantation.
  • Im Bedarfsfall lehne ich eine Transplantation ab.

Zwei davon müsse man ankreuzen.Verweigert man sich, wird angenommen, dass man bereit ist, Organe zu spenden und im Notfall zu erhalten.

Die Motivation dieses Vorschlags ist klar. Man suggeriert, dass es eine „moralische Verpflichtung“ gibt, Organe zu spenden, wenn man im Notfall eines erhalten will.

Organspender haben Vorrang als Empfänger.

Ich weiß nicht, ob man einem Menschen in Not ein Organ verwehren sollte, nur weil er selber meint, dass er keines spenden wolle. Aber die Mehrheit der Anrufer hat diese Regel unterstützt.

Ein anderer Gedanke hat mich überrascht.

Menschen, die ihre Organe selber zerstört haben, sollen kein Recht auf ein fremdes Organ haben.

Damit war gemeint, dass z.B. Alkoholiker oder besser gesagt Alkohol-Kranke kein Recht auf Hilfe haben, wenn sie Ihre Leber kaputt gesoffen haben. Das finde ich nicht richtig. Wie soll ich das Schicksal eines anderen Menschen bewerten können? Besonders wenn er im Unglück gelandet ist.

Der Experte allerdings ging auf die Frage gar nicht ein. Er stufte sie als unwichtig ein, weil dies in der Praxis kaum vorkommen würde. Mehr als 95 % der defekten und zu ersetzenden Organe würden nicht aufgrund von Selbstzerstörung sondern als Folge einer Krankheit oder genetischen Ursachen ausfallen.

Dann ist das mit dem Medikamentenmissbrauch, Rauchen & Saufen, Übergewicht doch gar nicht so schlimm? Wenn die meisten Organe eh kaputt gehen, ohne eigenes Fehlverhalten. Eine eigenartige Antwort. Folge ich dieser Expertenaussage, dann scheint es mir recht unnötig, auf meine Gesundheit zu achten.

Aber das war nicht die einzige fragwürdige Antwort des Experten. Auf den Hinweis eines Anrufers, der sich selber als Arzt (Internist) vorstellte und anmahnte, dass auch die Prognose für den Patienten bei einer Transplantation berücksichtigt werden sollte, kam folgende Aussage: Patienten mit einem Transplantat hätten im Vergleich zu Patienten mit anderen großen Operationen eine viel bessere Prognose. Gerade bei schweren Krebsfällen sei diese sehr gering – und trotzdem würde man operieren. So erlebe ich es auch in meiner Bekanntschaft.

Aber genau das zeigt doch die Schwachstelle unserer „Gesundheits-Systems“. Anstelle in die Vorsorge zu investieren und Menschen human im Notfall zu helfen soweit sinnvoll möglich, bekommen wir gerade eine privatwirtschaftliche Gesundheitsindustrie, die natürlich als oberstes Ziel den „sharehoder value“ hat. Und mit aufwändigen Spitzenprodukten verdient man leichter viel Geld als mit verantworteter Fürsorge.

Das ganze Gesundheitssystem müsste neu gedacht werden. Und wahrscheinlich wäre die teuer Extrem-Medizin nicht das primäre Thema. Es geht um Menschlichkeit und grundsätzliche Qualitäten, die zuerst mal gesichert werden müssen. Und es gilt viele Probleme zu lösen wie die vielen Todesfälle durch Krankenhaus-Keime.

In der privatisierten Praxis und Klinik ist das oberste Ziel, die teuren Maschinen auszulasten, die Umsätze mit teuern Medikamenten zu maximieren und die logistischen Systeme auszulasten. Es fällt auf, dass die medizinischen Kosten in den letzten Monaten eines Lebens oft explodieren. Da wird der Patient nochmal richtig ausgenommen. Wie insgesamt das medizinisch Sinnvolle und Angemessene nur noch zur unwichtigen Randbedingung verkommen ist.

Die Privatisierung wird gefeiert und durchgezogen. Die Kliniken werden streng kaufmännisch geführt, die Akzeptanz durch Design und eine schöne Fassade und gutes Marketing angestrebt. Die medizinischen Prozesse werden optimiert. Mit Spezialisierung und hoher Industrialisierung wird die Qualität der Eingriffe gesichert und die Kosten minimalisiert. Die Behandlung wird zu einem standardisierten Prozess, der auf die individuelle Situation des kranken Menschen gar nicht mehr eingehen kann. Und der Patient? Er wird zur Ressource, mit der man viel Geld verdienen muss. Und die private Gesundheitsindustrie wird in Niedrig- bzw. Minuszins-Zeiten zur Renditen-Oase.

Und da kommt mir eine Idee. Nehmen wir an, ich bin ein junger Mann, dessen Reichtum sein gesunder Körper, eine liebe Frau und eine nette Tochter sind, der aber über keinerlei Vermögen verfügt. Dann könnte ich mir vorstellen, dass ich folgende Verfügung für meinen Tod erstellen würde:

Hiermit verfüge ich, dass meine Organe nach meinem Tod entnommen und für Transplantationen genutzt werden sollen. Als Gegenleistung erwarte ich, dass die Erlöse für die Organe gemäß der beiliegenden Preisliste in voller Höhe an meine Frau gehen.

Das wäre dann keine „Organ-Spenderausweis“ sondern ein „Organ-Verkaufsausweis“. Ethisch glaube ich, wäre so etwas nicht zu beanstanden. Und ist in unserer kommerziellen Welt vielleicht sogar ehrlicher wie das „spenden“. Warum soll ich nicht das Letzte, was von mir bleibt, meinen Lieben hinterlassen? Und warum soll die Transplatations-Industrie nicht auch für ihren Rohstoff bezahlen – so wie jedes andere Gewerbe? Der Metzger muss ja auch seine Schweine und Kühe kaufen und kriegt sie nicht vom Bauern gespendet.

Ich hätte auch noch eine Frage an den Experten. Wie viel Prozent von den in Deutschland gewonnenen Organen sind von Motorrad- und Radfahrern? Oder allgemein von Verkehrsopfern? Auf die Antwort wäre ich gespannt. Vielleicht haben die im Bundestag dann ein gewichtiges Argument mehr gegen Tempo-Limits und die Vision Zero. Aber wahrscheinlich wird der Experte da sagen, so viele sind das gar nicht.

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 15. Januar 2020

Wie macht man einen Vortrag?

Vor kurzem erzählt mir eine von mir sehr wertgeschätzte Wissenschaftlerin und Beraterin, dass sie an einer bekannten Universität einen Vortrag halten wird. Im Rahmen einer Mittelstandstagung soll sie einen Beitrag zum Thema
„Fehler bei der Anwendung von Data Science im Controlling“
halten.

Beim schlauen dozieren …

Das Thema ist unternehmerisch interessant, so fange ich gleich an nach und mit zu denken. Wenn ich den Vortrag halten sollte, was würde ich als Botschaft vermitteln wollen? Und wie gehe ich bei der „Erfindung“ des Vortrages vor?

Hier meine Überlegungen. Im ersten Schritt zerlege ich die Überschrift in die einzelnen Botschaften und stelle Fragen dazu:

  1. Fehler bei der Anwendung von …
    Da denke ich mir, dass es darum geht, was ich richtig machen muss und worauf ich besonders aufpassen muss. Und welche Fallen auf mich lauern.
  2. … Data Science …
    Aber was ist Data Science? Ich versuche andere Worte zu finden. Meine Sammlung wächst schnell:
    Ist Digitalisierung gemeint? Aber Digitalisierung ist doch nur „advanced technologie“, etwas das man auf Deutsch einfach als „technischen Fortschritt“ bezeichnen würde? Oder sollten ich einfach ans Leben in der „Cloud“ denken? Das ja für viele das summarische Ergebnis der ITK-Technologie ist.
  3. … im Controling.
    Da denke ich, dass  es hier um das „kaufmännische Controling“ geht. Darunter verstehe ich die Möglichkeit, sich immer präzise über den Status aller Prozesse und Zahlen des Unternehmens auf Makro- und Mikro-Ebene informieren zu können. Oder ist die Anwendung von Business Intelligence gemeint? Will man vor allem die kausalen Wirkungsstrukturen erkennen?

Dann suche ich die „richtigen“ Fragen. Ich bin auf der Suche nach einer Lösung, die Antworten gibt. Und Antworten finde ich nur, wenn ich vorher die richtigen Fragen finden.

Ich muss die richtigen Fragen finden und sie analysieren. So mache ich mich an die Frageliste. Zuerst mal ganz frei und kreativ. Ein paar der Fragen habe ich ja schon bei der Titelanalyse gefunden.

  1. Wo muss ich aufpassen, was muss ich richtig machen und welche Fallen drohen?
    Das ist die Frage im Vortragstitel, ein wenig umformuliert.
  2. Was ist beim Einsatz von neuer Digitalisierung anders als wenn ich mit alter Technologie arbeite?
    Digitalisierung schafft mächtige Werkzeuge. Auf was muss man aufpassen, wenn die Werkzeuge mächtiger werden.
  3. Passen Digitalisierung und Controling eigentlich zusammen?
    Digatilisierung hilft beim Wissen teilen und macht „geheim halten“ schwieriger.
  4. Was wünsch ich mir vom „Controling“?
    An erster Stelle will ich Klarheit. Dazu gehört Transparenz, Übersichtlichkeit, Vollständigkeit, die Sichtbarkeit von Zusammenhängen. Ich will Veränderungen rasch bemerken und entstehende Trends schnell erkennen. Ich möchte die Lesbarkeit von Entwicklungen in verschiedenen Dimensionen. Ich möchte das kompexe Wirkungssystem eines Unternehmens, das ich sein „Betriebssystem“ nenne, verstehen.

Jetzt kann ich anfangen nachzudenken. Und es hat gewirkt. Mir kommen folgende Gedanken.

Ich muss aufpassen,

  • dass ich aufgrund einer Überflutung meines Verstandes mit digitalen Daten „vor all den Bäumen, den Wald nicht mehr sehe“. Weil Digitalisierung in der Lage ist, mir ganz schnell unendlich viele Daten zu liefern. Aber welche sind relevant?
  • dass ich nicht leichtfertig, die Referenzsysteme verändere, um Dinge besser darzustellen. Das kann schnell die Vergleichbarkeit in der Dimension Zeit gefährden.
  • dass die mächtigen digitalen Systeme mich nicht aus Versehen (oder mit hintergründiger Absicht) falsch informieren. Dazu empfiehlt sich wahrscheinlich, möglichst oft die Plausibiliät der Erkenntnisse zu hinterfragen.
  • dass ich nicht so dumm bin, wie die Ersteller der Vereinfachungen und Graphiken mich offenbar halten. Denn digitale Systeme sind die Weltmeister im Produzieren von Bildern und Graphiken. Die vereinfachen, verzerren und beeinflussen können.

Aber das befriedigt mich nicht so richtig. Weil es irgendwie nicht griffig und plakativ ist. Also suche ich nach einer Metapher, um die komplexe Situation schreiben.

Da finde ich das Internet und social media. Ist das nicht auch eine Art von „control system“, mit dem ich den Zustand unserer Gesellschaft oder unseres Planeten betrachten und auswerten kann? Wie gut unsere Politik, die gesellschaftliche Konsens-Findung, das Bildungsystem und vieles mehr funktioniert?

Und auf was muss ich beim Untersuchen aufpassen?  Ich darf nicht einer Blase gefangen sein und nicht leichtfertiges Opfer von Verschwörungstheorien werden.  Denn ich will Dinge verstehen und begreifen. Ich habe gelernt, dass es einfacher ist, Daten zu sammeln. Auch da kann man Fehler machen. Deutlich schwieriger ist es aber Zusammenhänge zu erkennen. Und ganz schwierig ist es, die Ursache-Wirkungs-Relation richtig zu ermitteln.

Wir kennen das vom Klimathema her. Es ist absolut klar, dass es eine Korrelation gibt zwischen der Temperatur auf der Erde und dem Kohlendioxid in der Atmosphäre. Ein wenig schwieriger ist es zu zeigen, dass die Erhöhung des Kohlendioxid-Gehalts überwiegend vom homo sapiens verursacht wird und nicht von einer magischen Temperaturerhöhung.

Mein Controling des Klimas zeigt ziemlich klar, dass die Klimakatastrophe schon passiert ist. Und wir keine Chance haben, sie rückgängig zu machen oder auch nur zu bremsen. Da müssen wir jetzt die nächsten paar hundert Jahre durch und dies dürfte nicht ganz leicht werden. Und irgendwie bin ich ein wenig froh, dass ich dieses Jahr das Alter von siebzig Jahren erreiche.

À propos homo sapiens – auf die Schnelle fällt mir keine zweite biologische Gattung auf unserem schönen Planeten ein, die solch einen irreführenden Namen trägt.

RMD

Roland Dürre
Freitag, der 10. Januar 2020

Mein digitaler Alltag.

Alle reden von Digitalisierung. Ich auch.

Ich war schon immer an moderner Technologie interessiert.

Denn ich habe über 50 Jahre dafür gearbeitet. Im Studium als Werkstudent, dann fest angestellt im Werk für Systeme der Siemens AG, später dort beim Vertrieb Sonderprojekte, dann für verschiedene Kunden von Softlab, später als selbstständiger Unternehmer und Unterstützer zahlreicher Startups.

Heute will ich mal prüfen, wie es eigentlich privat bei mir so mit Digitalisierung ausschaut. Dabei lasse ich das Phänomen „smart phone“ und meine diversen Rechner mal außen vor und schau so mehr in den Haushalt und betrachte mein alltägliches Leben.

Der Morgen beginnt mit einer Tasse Kaffee und an einem guten Tag mit einem Frühstücksei. Die Zubereitung von beidem ist mein Job. Die Milch zum Kaffee kommt aus der braunen Glasflasche. Denn die Qualität der Zutaten ist wichtig für einen guten Frühstückskaffee.

So auch die Kaffeemaschine. Ich nutze eine ECM SYNCHRONIKA DUAL BOILER PID. Angeblich so eine Art Mercedes unter den „Zweikreis Siebträgern“. Sie ist kein Vollautomat, an ihr findet sich auch nichts digitales. Sie ist so analog wie die Kaffeetasse.

Gelegentlich gibt es ein Ei zum Frühstück. Dann darf der alte elektrische Eierkocher von Siemens aus dem Schrank raus. Der seit bald 50 Jahren seinen Dienst brav verrichtet. Auch null digital.

Nach dem Morgen-Kaffee radele ich im Sommer zum Schwimmen nach Unterhaching. Da der Weg dorthin kurz ist, nehme ich nicht das elektrische Fahrrad, sondern ein ganz normales mechanisches. An dem ist auch nichts digital.

Beim Eingang ins Freibad habe ich meinen ersten Tageskontakt mit der digitalen Welt. Da muss ich meinen SAISONBADEKARTE im Scheckkartenformat an einen Leser halten (immerhin kontaktlos). Früher hatte ich eine Saisonkarte mit Foto, die ich der freundlichen Dame am Eingang herzeigen musste und die mir einen freundlichen Gruß bescherte.

Leider wurde diese Funktion nicht durch eine moderne Anwendung im Sinne von eGovernment fürs Smartphone erzeugt, so brauche ich weiter eine eigene Karte. Und muss diese jedes Jahr beim Amt persönlich verlängern lassen.

Zumindest gibt es  jetzt einen eigenen Eingang für Dauerkartennutzer, der (fast) immer staufrei ist. Der ist gleich neben der Kasse, so dass die persönliche Begrüßung weiter stattfindet.

Im Winter gehe ich ins Hallenbad in Ottobrunn, ins Phoenix. Da gibt es Coins. Die heißen wirklich so. Eine Coin enthält am Anfang 11 Zugänge (zum Preis für 10), zum Beispiel zum Frühschwimmen. Die „Coin“ macht den Eingang automatisiert möglich und dient auch zum Verriegeln des genutzten Kleiderschrank. Leider funktioniert das System nicht ganz so zuverlässig wie früher die Münzschränke.

Nach dem Schwimmen in Unterhaching besuche ich ab und zu die Kollegen bei der InterFace. Meine Schlüssel geht nicht mehr, denn die haben jetzt Dongles. Das sind Plastikteile mit Elektronik drin und einem Druckknopf. Hinhalten und zweimal draufdrücken, so geht das „Sesam Öffne Dich“. Noch ein Teil wollte ich dann doch nicht mehr haben. Also muss ich dort klingeln

Wenn ich mit der S-Bahn fahre, dann nutze ich Streifenkarten. Die stempel ich ganz mechanisch ab. Nur die Reisen mit der Bahn lade ich mir aufs Handy. Weil ich meine Reisen zu Hause in Ruhe planen und im Preis-Dschungel der DB die besten Preise finden will. Wobei beides für manche Bahnnutzung nicht möglich ist. Zum Beispiel muss ich bei der Fahrradreservierung für den EC (Eurocity) doch wieder an den Fahrkarten-Schalter.

Wenn der Schaffner im Zug mein „Handyticket“ lesen will, dann nutzt er ein digitales Instrument, das aus dem Museum zu kommen scheint. Mit zittriger Hand versucht er dann mit einem Infrarot-Leser den QR-Code auf der Anzeige meines Handys zu lesen. Meistens gelingt ihm das auch nach einiger Zeit.

Also, insgesamt verwöhnt mich das Leben noch nicht so sehr mit digitalen Möglichkeiten. Wobei ich durchaus möchte. Bei einem effizienten Micro-Payment wäre ich sofort dabei. Wobei die Betonung auf effizient liegt.

Unser Heim hat aber schon zwei IoT-Anwendungen!

Für die Solaranlage gibt es eine App, mit der man von überall (wenn man im Internet ist) die Betriebsdaten ablesen kann. Wenn die Anlage also viel Strom produziert, dann weiß ich im Urlaub, dass daheim die Sonne scheint. Das ist dann sehr tröstlich, gerade wenn es am Urlaubsort regnet.

Das geht aber auch anders mit meiner Haus 4.0-Technik. Denn ich habe eine Videoüberwachung installiert. Im alten Haus hatte ich nur eine Attrappe. Da war die recht alte Alarmanlagen sehr störanfällig, deshalb hatte ich sie außer Betrieb genommen. Aber die Lichter weiter blinken lassen.

Beim Umzug ins neue Haus habe ich dann nach einer Atrappe gesucht. Und gelernt, dass sogar schlechte Attrappen teuer sind als ein kleines Stück „digitale Technologie“, das nicht nur bei Tag und Nacht gute Bilder macht, sondern diese für einen längeren Zeitraum speichert und beliebig hin übertragen kann.

Das ist meine zweite IoT-Anwendung im Haushalt. Und die Bilder der Kamera kann ich auch von überall in der Welt sehen. So sehe ich auch, wie das Wetter ist und wenn das Gartentor offensteht. Dann muss ich allerdings zu Hause anrufen und die aktuellen Bewohner bitten, den Knopf zu drücken um das Tor elektrisch zu schließen. Also auch eine noch sehr eingeschränkte IoT-Anwendung.

Viel mehr habe ich nicht zu bieten. Erwähnenswert ist vielleicht meine neueste Errungenschaft – einer dieser genialen Kopfhörer, die den externen Lärm vernichten können. So dass man z.B. auch im Flieger seine Ruhe hat. Der nutzt allerdings Bluetooth, zu Hause an der Stereo-Anlage wie unterwegs am Smart-Phone. Das ist natürlich keine IoT-Vernetzung sondern eine ganz primitive Peer2peer-Verbindung. Aber das Ding hat schon tolle Features.

Vor kurzem war ich im Urlaub. Auf der Hanseatic Inspiration, einem Schiff, das zum Zeitpunkt meiner Reise gerade ein paar Wochen im Einsatz war. Ich habe mich mit dem sehr kompetenten IT-Officer ausgetauscht. Und der har mi erzählt, dass sie praktisch keine IoT-Technologie an Bord hätten. Das hat mich ein wenig getröstet – und überrascht.

Für zu Hause könnte ich mir noch einen Thermo-Mix kaufen. Der kann IoT. Aber so ein Gerät brauche ich halt wirklich nicht. So frage ich mich schon: Wie soll es bei uns mit Haushalt 4.0  nur vorwärts gehen?

Und meine geliebte Alexa hat die Barbara auch außer Betrieb genommen. So wird das nie was!

RMD

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 9. Januar 2020

Carl – als textile ‚Umweltsau‘

Carl und Gerlinde (Folge 63)

Schlimmer hätte für Carl das neue Jahrzehnt nicht beginnen können! Dabei fand er Gerlindes Idee, den Übergang in dieses allein schon von der Zahlensymmetrie außergewöhnliche Jahr 2020 nur mit ihren besten Freunden Hannelore und Kurt zu feiern, sofort grandios.

Es begann auch alles so herrlich beschwingt! Gleich am Anfang der fruchtige, prickelnde Begrüßungssekt und der würzige Meeresfrüchtesalat, mit dem sich Hannelore echt selbst übertroffen hatte und der wirklich nur mehr von dem sagenhaften Hauptgericht der beiden kochfreudigen Damen getoppt wurde: ein fantastischer, zartrosa gebratener Lammrücken, mit exzellent auf den Punkt geschmorten Zucchini, Brokkoli, Tomaten, Paprikaschoten und Auberginen und dazu noch diese himmlischen, geviertelten Rosmarinkartöffelchen.

Der süffige Chablis, den Kurt beisteuerte, setzte dem Ganzen im wahrsten Sinn des Wortes die Krone auf – köstlicher konnte man das alte Jahrzehnt nicht ausklingen lassen – und das neue nicht beginnen! Vor allem da man sich unmittelbar danach noch in einer weiteren Steigerung des Genusses, höchst beschwingt, gegenseitig küssend und beglückwünschend am Balkon von Kurts und Hannelores Wohnung, dem immer wieder überwältigenden jährlichen Feuerwerksspektakel im mitternächtlichen Himmel über der Stadt hingeben konnte! Von der Choreografie her ein perfekter Abend!

Wann und warum diese ausgelassene Stimmung dann plötzlich kippte, konnte vermutlich niemand der Beteiligten genau fest machen. Tatsache war aber, dass Gerlinde und Kurt vollkommen unerwartet plötzlich mit todernsten Mienen auf das kriegsähnliche Geknalle und permanente feurige Aufleuchten der Raketen starrten und in monotonem Ton, wie Gebetsmühlen, ununterbrochen auf die verheerenden Umweltschäden und katastrophalen Folgen für das Weltklima hinwiesen…

Für Carl ein Grund, um von einer Sekunde auf die andere, Rot zu sehen!

Bitte nicht jetzt auch noch das Silvesterfeuerwerk verteufeln – bitte nicht,“ jaulte er und ließ sich stöhnend wie ein waidwundes Tier auf die Sitzbank an der Rückwand des Balkons fallen.

In Deutschland darf man sich wirklich über nichts mehr freuen, ohne von irgendwelchen Umweltaposteln auf das Perfideste angefeindet und zurecht gewiesen zu werden…

Und Kurt, am besten fährst du deinen neuen SUV gleich Morgen zum Auftakt des neuen Jahres auf den Schrottplatz und Gerlinde und Hannelore canceln währenddessen ihre für April geplante vierwöchige Kreuzfahrt zu den Galapagosinseln und um die Südspitze des amerikanischen Kontinents, um endlich wieder guten Gewissens und aufrechten Ganges durch saubere Deutsche Landschaften schreiten zu können!“

Im sicheren Bewusstsein, dass er, Carl, in dieser permanent moralisierenden Klimawandelbande, das unauffälligste Scham-Portfolio (bestehend aus Flugscham, Reisescham, Dieselscham, Fleischscham) hatte, hob er breit grinsend sein halbleeres Sektglas und prostete genussvoll seinem schamlosen Gegenüber zu…

Doch als er plötzlich Gerlindes rote Flecken auf ihrem Hals im unsteten Flackern des immer noch anhaltenden Feuerwerks bemerkte und auch Kurts verkniffenes Grinsen, ahnte er, dass in den nächsten Sekunden des neuen Jahres da noch etwas Unerwartetes auf ihn zukommen werde.

Diese Ahnung bestätigte sich auch sofort, als Kurt in beängstigend ruhigem Ton, begleitet von Gerlindes lauerndem Blick, ihn plötzlich scheinheilig fragte, „sag Carl du arbeitest doch in der Textilbranche, wenn ich mich recht entsinne?“

„Richtig“, sagte Carl lächelnd.

Und da sogar in einer gehobenen, verantwortungsvollen Position?“

„Ja!“

„Dann ist dir ja auch sicher bekannt, dass die Bekleidungs- und Textilindustrie mehr Emissionen verursacht als Fliegen und Schifffahrt zusammen“.

„Ist das so?“

„Ja – mehr als 5% der globalen Emissionen werden allein für neue Kleider verbraucht – Tendenz steigend! Seit 2000 hat sich der Absatz an neuen Kleidern mehr als verdoppelt, lieber Carl und kommt auf hundert Milliarden Teile pro Jahr – laut FAZ…“

„Ich hab leider nicht so viel Zeit wie du, Kurt, um die FAZ täglich zu lesen.“

1,2 Milliarden Tonnen CO2 bläst die Branche jedes Jahr in die Luft, was der Treibhausbilanz von Russland entspricht“.

„Oh Gott in was für einem Saustall arbeite ich eigentlich?“ stöhnte Carl und stürzte in seiner Verzweiflung das frisch gefüllte Sektglas aus Hannelores Hand in einem Zug hinunter.

„Dabei, lieber Carl“, sagte Gerlinde unerwartet, „hat der gute Kurt das gesamte Kunstfaserproblem gnädiger Weise komplett außen vor gelassen.“

„Danke für diese Gnade“, sagte Carl süffisant, stand nach einer kurzen Pause aber plötzlich auf, wankte wortlos vom Balkon durch das Wohnzimmer zur Garderobe, nahm seine Mantel und seilte sich grußlos von seiner Silvestergesellschaft ab – in die erste milde Nacht des Jahres 2020!

„Vielleicht sollte ich ‚alte Umweltsau‘ für das kommende Jahr doch noch einen Grunzkurs buchen,“ sagte er nach einem befreienden Jauchzer in die Pulver geschwängerte Nacht halblaut zu sich selbst – dann hab ich wenigstens etwas Eigenes! Aber bevor er diesen Gedanken noch zu Ende gedacht und ausgesprochen hatte, hörte er hinter sich schon Gerlindes besorgte ‚Carl – Carl‘ Rufe! Was ihm nach all dieser erlittenen Demütigung und Scham schon gut tat, wenn er ehrlich war. Selbst wenn sie bis vor wenigen Augenblicken noch Kurts Verbündete war…

KH

Roland Dürre
Sonntag, der 5. Januar 2020

Digitalisierung auf Deutsch: Der BON.

Zum Jahreswechsel hat die neue „Bon-Pflicht“ im Einzelhandel ein wenig Furore gemacht. Denn ein vor drei Jahren (noch von der letzten Bundesregierung) beschlossenes und ziemlich veraltetes Gesetz dazu wurde am 1. Januar 2020 wirksam.

Deshalb ist der agile Altmeier am Jahresende erschrocken. Und wollte da noch schnell etwas ändern. Das Gesetz aussetzen oder zumindest verschieben. Aber die SPD hat ihn abblitzen lassen, indem sie auf den Koalitionsvertrag verwiesen hat.

Wahrscheinlich war das Ganze nur ein kluges Manöver vom schlitz-ohrigen Altmeier, um die SPD jetzt endlich unter die 5 % – Grenze zu bringen. Und bei aller Liebe, eine Partei die Papier-Bons vorschreibt, kann man wirklich nicht mehr wählen. Es sei denn, sie wäre eine Satire-Partei.

Mit dem Gesetz hofft man, einen Steuerbetrug von 50 Milliarden EURO im Jahr einzudämmen. Vorgestern war das Bon-Gesetz Thema des Tagesgesprächs im Bayerischen Rundfunk, das ich immer gerne höre. Die Reaktionen der Anrufer in der Sendung  waren überwiegend nicht begeistert.

Irgendwie ist es ja auch geisteskrank, wenn wir jetzt meinen, mit dem Drucken und Vernichten von kleinen Papier-Bons eine größere Steuergerechigkeit zu erzielen. Besonders, wenn der Käufer den Beleg gar nicht an und mit nehmen muß, um dann bei einer Brezel-Kontrolle durch die Finanz-Polizei belegen zu können, dass er seine Brezel eben nicht schwarz gekauft hat. So wie bei das in den Vorbild-Ländern Italien und Griechenland ist bzw. war.

Wenn man das Gesetz wohlwollend interpretiert, ist es ein gut gemeinter aber schlecht gemachter Versuch, Steuergerechtigkeit auch bei kleinen Unternehmen wie Bäckereien, Metzgereien oder Gaststätten durchzusetzen. Denn der Schaden durch Steuervermeidung bei kleinen Mittelständler soll sich in ähnlicher Höhe bewegen wie bei den Gross-Betrügereien wie Cum-Ex, nämlich jeweils im zweistelligen Milliardenbereich pro Jahr.

😉 Und der Staat darf ja nicht nur die Großen fangen wollen. Das ist schwierig und klappt vielleicht nicht. Vielleicht kriegt man die Kleinen leichter? Und immer nur die Großen verfolgen und die Kleinen laufen lassen, ist ja auch nicht richtig.

Denn wenn wir dann in der Summe aufgrund von mehr Steuergerechtigkeit bei den kleinen – die eben auch Mist machen – und den großen Systembetrügern (cum ex etc.) und dann auch noch den internationalen Konzernen, die ihre Gewinne ja auch ziemlich steuerunschädlich verschieben plötzlich dreistufige Milliarden-Mehreinnahmen hätten, dann wär ja genug Kohle für die Transformation da, die die Klima-Veränderung und der strukturelle Wandel erfordern. Das wäre doch toll. Wir könnten uns volle Kraft voraus auf die Rettung der Umwelt stürzen!

Wobei ich einschieben möchte, dass man vielleicht einen Handwerksbetrieb, der im Rahmen seiner Wertschöpfung ein paar Brezen nicht versteuert, „moralisch“ anders bewerten kann als Unternehmen, die als Geschäftsmodell systematisch kreative Betrugsinnovation entwickelt und im großen Stil betreibt. Und auf irgendeine Art von Wertschöpfung dabei völlig verzichtet.

Aber diese Hoffnung (Klima- und Umweltschutz finanzierbar durchs Bongesetz) wird sich nicht erfüllen, denn moderne Gesetze haben keine Kraft mehr. Zuerst Mal machen sie alles immer kompizierter. So entstehen traumhafte neue Umgehungsmöglichkeiten. Durch eine Unmenge von Ausnahmeregelungen werden die Gesetze schon zum Start bis zur Wirkungslosigkeit abgeschwächt. Beispiele finden sich da beliebig weitere: Werbeeinschränkung für Tabak-Produkte, Lebensmittelgesetz, das Bon-Gesetz, Spekulationssteuer, die Gesetze zum Klima-Schutz usw. Und letztendlich werden die Gesetze nicht ausreichend kontrolliert; zum Teil können sie das auch nicht weil die Kontrolle unrealistisch oder zu teuer ist.

So erfüllen die meisten Gesetze ihren eigentlichen Zweck in der Regel überhaupt nicht. Man muss froh sein, wenn sie den Schaden nicht vergrößern, den sie vermeiden sollen.

Und wenn ein Gesetz einfach wäre, garantiert einen Erfolg hätte und auch noch leicht einzuführen wäre, dann wird es erst gar nicht gemacht. Das beste Beispiel ist das Tempolimit auf Autobahnen, Landstraßen und in Kommunen, mit dem man so einfach Leben. retten, Kohlendioxid einsparen und die Lebensqualität erhöhen könnte.

Aber gehen wir mal davon aus, Gerechtigkeit an sich ist wünschenswert und dies auch bei der Steuer. Betrachten wir das „Bon-Gesetz“ mal positiv. Das Ziel des Gesetzes war ja nicht, dass wir jetzt völlig sinnlos Papier drucken und dann auch gleich zu vernichten. Das ist zweifelsfrei sinnfrei, dürfte aber der einzige Effekt sein.

Das Ziel war, dass „elektronische Kassensysteme“ transaktionssicher werden. Wenn eine Transaktion rechtsmäßig abgeschlossen ist, dann muss ein deutliches Zeichen gesetzt werden. Soweit die Theorie.

Und deshalb wird, wenn die Breze verkauft und bezahlt ist, ein Papier gedruckt. Das ist der Bon, auf dem die eindeutige Idendität der Transktion (Transaktionsnummer), gerne als QR-Code gedruckt wird. Der Ausdruck ist das Zeichen, dass die Transaktion, der Eigentums- und Besitzübergang und auch die Bezahlung abgeschlossen sind.

Dass eine Transakation für alle Vertragspartner wahrnehmbar abgeschlossen und rückverfolgbar gespeichert wird, ist sicher nichts Unsinniges. Beim Bon-Gesetz verlangt der Gesetzgeber auch nur eine geeignete Maßnahme, zum Beispiel den Ausdruck eines Papiers, um den Abschluß der Transaktion zu offizialisieren.

Was wären die Alternativen?

Hätten wir eine vernünftige bargeldlose Bezahlkultur wäre das Einfachste. Dann würde ich beim Bäcker mein Mobiltelefon hinhalten, quittieren und hätte dann einen Beleg auf dem Handy. Und könnte in Ruhe nachschauen, wann ich mir wieviel Brezeln gekauft habe und was ich bezahlt habe.

Bei Verwendung von Bargeld ist das nicht ganz so einfach. Wenn ich die Bons mitnehme, was mache ich damit. Hefte ich sie ab? Wie könnte man das Ausdrucken des Bons ersetzen? Wahrscheinlich geht es nur mit Papier.

Ich könnte mir beim Bäcker einen Bildschirm vorstellen, auf dem ich den Einkauf sehe. Und wenn ich bezahlt habe, erklingt ein Jingle, und dokumentiert, dass die Transaktion im System des Bäckers abgeschlossen wurde und das Geld in dessen Kasse ist. Aber das würde dann vielleicht mit dem Datenschutz kollidieren.

Mich hat das Bon-Gesetz an von mir erlebte Computer-Kriminalität Ende der 70iger Jahre erinnert hat. Da ging es um den Druck von Fahrkahrten als Ergebnis und Beleg einer Transaktion vom Typ „Fahrkartenkauf“ am Reisebüroschalter. Es wurde kriminell, weil kluge Mitarbeiter einen Trick gefunden hatten, wie das System dazu gebracht wurde, die Fahrkarte zweimal zu drucken und der doppelte Ausdruck schwarz verkauft wurde. Da ging es nicht um Steuervermeidung sondern um private Bereicherung.

Wie wir das dann letztendlich mit einfacher Technologie unterbunden haben, habe ich am 17. August 2008 berichtet:
Computer Vintage #3 – Wie die Fahrkarten sich verdoppelten (1979/80)
🙂 Das ganze ist echtes Computer Vintage.

Zum Bon-Gesetz meine ich:
Das ganze ist wieder mal (k)ein Glanzstück unserer Regierung.  Es wird nichts bringen, außer Bürokratie und Müll. Den öffentlichen Raum in der Nähe von Bäckereien wird man daran erkennen, dass auf den Gehwegen neben dem üblichen Müll viele kleine Bons herumliegen.

Es zeigt aber wieder, dass die Damen und Herren in unserer Regierung nicht begriffen haben, was „Digitalisierung“ ist. Denn wenn es um Steuervermeidung geht, dann sollte man zuerst mal den digitalen Zahlungsverkehr ermöglichen. Und vielleicht daran denken, dass Steuerkontrolle und Datenschutz einfach ein Widerspruch sind.

Bei uns entstehen immer mehr Gesetze, die den Aufwand und die Bürokratie erhöhen und alles komplizierter machen. In Extremfällen sind die Anforderungen in Gesetzen unerfüllbar, weil sie sich elementar versprechen. Dem „edlen Ziel“, für das sie gemacht worden sind,  dienen sie aber nicht sondern bewirken oft das Gegenteil.

Die Bürger verstehen die Flut der Gesetze nicht mehr. Sie befolgen die Gesetze nicht, weil sie diese für sinnvoll halten. Nein, Gesetze werden nur noch eingehalten, wenn der Schaden durch die Strafe deutlich höher als der Nutzen der Gesetzesübertretung ist. So verkommt anständiges Verhalten zu einer schlichten Güterabwägung, man optimiert danach ob Nutzen oder Schaden des Gesetzesbruch überwiegen.  Soziale Kultur wird zerstört und auch der so wertvolle Rechtsstaat wird dadurch beschädigt.

RMD

Hans Bonfigt
Mittwoch, der 1. Januar 2020

Hetze, Hetze, NEUE GESETZE

Es stimmt schon, „SPIEGEL“ – Leser wissen mehr.  Aber ist dieses „Mehr“ geeignet für einen schönen Jahresanfang ?  Wenn sich Roland über zu viel Verkehr aufregt:  Mir schnüren die neuen Reichsermächtigungsgesetze buchstäblich die Luft ab.  Hätte ich den SPIEGEL doch ‚mal liegengelassen:

Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung: „Wir können es als Gesellschaft doch in keiner Weise hinnehmen, dass ein jüdischer Künstler Morddrohungen bekommt“

Hallo ?  Jemand zuhause ?   Können „wir es als Gesellschaft“ denn in irgendeinerweise hinnehmen, daß ein nichtjüdischer Künstler Morddrohungen bekommt ?   Können „wir es als Gesellschaft“ überhaupt hinnehmen, daß irgendjemand Morddrohungen bekommt ?   Können Sie sich vorstellen, daß dieser Mann die Jura studiert hat ?   Und, mit dieser Sachkunde gesegnet, bedauert der „Diplomat“, daß ein Brief keine Volksverhetzung sein kann und möchte das jetzt ändern.

Was war aber passiert?

Der Pianist Igor Levit wäre gut beraten, wenn er nicht immer öfter die Klaviertastatur gegen das „Twitter-Keyboard“ tauschen würde.  Bislang das entsetzlichste Werk, wenigstens wüßte ich nicht, was man schlimmeres sagen könnte:   „Mitglieder der ‚AfD‘ haben ihr Menschsein verwirkt“.   Wohlgemerkt:  Nicht ihre „Menschlichkeit“, sondern ihr „Menschsein“.  Anderen Menschen das Menschsein abzusprechen — damit hat sich ein törichter junger Mann zur Kenntlichkeit entstellt:  „Ich bin der neue Botschafter von Heinrich Himmler“.

Mit 28 Jahren ist man nicht erwachsen, und schon gar nicht, wenn man sich den überwiegenden Teil seines Lebens intensiv mit Musik beschäftigt hat.   Aber mit dieser Äußerung öffnet Levit eine Luke zu seinem Gehirn, und dort sieht es furchtbar aus.   Wenn er geschrieben hätte, „Diese Drecksäcke gehören erschossen“, dann hätte man das, insbesondere mit Bezug auf die gröhlenden „Pegidisten“, gerne hingenommen.  Manchmal muß man sich einfach Luft machen.   Aber diese Formulierung,  „Menschsein verwirkt“,  das entspringt entweder eigener Reflektion oder aber einer mehrstündigen „Alfred Rosenberg“ – Lektüre.  Und letzteres können wir wohl ausschließen.

Und nun wundert sich Igor Levit, daß er eine „Morddrohung“ bekommen hat ?   Klar, für die Diabelli-Variationen interessiert sich (leider) niemand mehr und auch die „Einspielung“ aller 32 Klaviersonaten von Beethoven haut jetzt niemanden mehr vom Hocker.   Nehmen wir einmal Wilhelm Kempff oder Wilhelm Backhaus, oder, etwas ‚moderner‘, Daniel Barenboim (mein Favorit) und Friedrich Gulda, oder, noch moderner, die beiden jungen Frauen Pacini und Ott.   Wobei es Alice Sara Ott ganz langsam hat angehen lassen und erst einmal mit der Waldstein-Sonate begann.  Den 2. Satz hat sie ganz anders gespielt als z.B. Pletnew oder Barenboim, nicht flüssig, sondern sozusagen „auseinandergezogen“.  Das fand ich zunächst langweilig, erst nach mehrfachem Hören ist mir die Intention dahinter aufgegangen.  Sie hat die Musik analysiert und strukturiert.  Mit der Folge, daß ich mittlerweile Details bemerke, die mir in 40 Jahren nicht aufgefallen sind.

Worauf ich hinauswill:   Man kann sich stunden- und tagelang mit einer einzigen Beethoven-Sonate beschäftigen, ein weltbekannter Pianist soll einmal gesagt haben, „Ich spiele eigentlich jeden Tag einmal den Anfang von Beethovens 4. Klavierkonzert, aber zufrieden war ich eigentlich nie mit dem Ergebnis“.   Ein „Overkill“ mit 32 Sonaten scheint mir in ein unmusikalisches Sportevent auszuarten.  Nur weil die „Therme Erding“ 32 Saunen hat, mache ich doch nicht 32 Aufgüsse mit.

Ob sich Igor Levit nur zeitgemäß profilieren wollte oder ob er tatsächlich eine „Morddrohung“ bekommen hat:   Womöglich bekam er die wegen seiner menschverachtenden Äußerungen in der weltgrößten Kloake, in der sich nun wirklich jeder Abschaum suhlt:  ‚TWITTER‘.   Wer dort teilnimmt, muß mit allem rechnen.   Wer einer nicht ganz kleinen Gruppe von Menschen das Recht, als Menschen zu leben, abspricht, indem er sie quasi als „unwertes Leben“ bezeichnet  –  denn was anderes soll ein Mensch sein, der sein „Menschsein verwirkt“ hat — der muß sich doch nicht wirklich wundern, wenn der dumme Pöbel jetzt lynchen will.    Oder hochentzückt akklamiert.   Und letzteres ist eigentlich noch schlimmer.

Richtig widerlich wird es, wenn Igor Levit jetzt auch noch die Antisemitismus-Keule herausholt, und zwar die Keule des „systematischen Antisemitismus‘“ in der Bundesrepublik.   Ich lebe hier jetzt seit fast 60 Jahren.  Unsere Gesellschaft ist im praktizierten Miteinander zwischen Juden und Christen viel, viel weiter als die Politik und die Medienlandschaft.  Natürlich gibt es geistige Brandstifter wie den greisen Martin Walser, der einmal in seinem Leben auch in die „BILD“-Zeitung kommen wollte und von der „Instrumentalisierung unserer Schande“ schwadronierte, was dann viele Altnazis auf den Plan rief, die fortan von „Schuldkultur“ sprachen.   Aber insgesamt finde ich es erfreulich, wie ungezwungen und ’normal‘ Menschen in Zeitalter des ‚atheismus practicus‘ miteinander umgehen.  Religion wird nicht mehr so wichtig genommen, entsprechend gering ist das Konfliktpotential.   Mit einer Ausnahme, aber der Islam resp. was man daraus macht ist eher eine Seuche denn eine Religion.

Menschen wie Igor Levit zündeln, aus welcher Motivation heraus auch immer, an der Substanz, die wir im täglichen Zusammenleben erschaffen haben.

Wir brauchen mehr Musiker und Menschen wie Daniel Barenboim und Giora Feidmann, die sich ein Leben lang um Aussöhnung und Miteinander von Kulturen bemühen.  Denn, so haben sich die beiden oft explizit geäußert, das sei ein ganz wichtiger Aspekt von Musik.

 

Ganz bestimmt brauchen wir aber keine kläffenden kleinen Köter, die neue Gesetze entwerfen, die das Bundesverfassungsgericht sowieso wieder einkassieren wird.

-hb

p.s.:

Die „Diabelli-Variationen“ waren ursprünglich ein „Song Contest“.  Der Impressario Diabelli gab ein Thema vor, das bekannte österreichische Komponisten variieren sollten.

Natürlich zierten sich einige, namentlich Liszt, aber den Vogel schoß wohl Beethoven ab, der fünf Jahre nach „Einsendeschluß“ ein ganzes Konvolut von über 30 Varianten ablieferte.  Er wollte es den Kollegen und dem geneigten Publikum nochmal zeigen und in der Tat:  Diabelli gab dieses Werk gesondert „außer Konkurrenz“ als eigenen Band heraus.  Mehr kann ich dazu nicht sagen, das Werk erschließt sich mir nicht.

Roland Dürre

Jetzt ernsthaft …

2020 in der Heimat!

Mitternacht am 31. 12. 2019. Draußen böllerts. Ich bin zu Haus. Diesmal keine Party und kein Angestoße.

Ein paar persönliche Wünsche für ein gutes neues Jahr hätte ich schon! Aber welche?

Da kommen mir zuerst so die üblichen Gedanken.

Dass alles noch ein wenig weiter so schön bleibe, wie es ist. Dass es den Freunden weiter gut gehen und dass es in 2020 keine schlimmen Unglücke und Abschiede geben möge. Das wäre schön.

Aufgrund unserer Endlichkeit muss ich immer damit rechnen, dass etwas passiert. Tod und Krankheit kann man nicht verbannen. Also muss ich damit umgehen und hoffen, dass es nicht zu schlimm wird.

Ich wünsche mir auch noch viele schöne Erlebnisse in meinem Leben. Aber die muss ich selber machen. Da müssen nur die Voraussetzungen erhalten bleiben. Dass uns ausreichende Kohle bleibt für ein sorgenfreies Leben und vor allem Gesundheit. Ohne die nichts geht. Und das kann man halt nicht immer selber steuern.

Aber andere Sachen könnte man ändern. Vielleicht ein paar Kleinigkeiten. Also Augen zu gemacht und ein wenig geträumt. Was könnte oder sollte konkret im Jahre MMXX im Süden Münchens im täglichen Alltag ein wenig besser werden?

Ich lasse mein Alltagsleben an meinem geistigen Auge vorbeigleiten. Eigentlich passt alles. Alles ist bestens. Ich finde nichts zum Mäkeln. Aber dann entdecke ich doch den einen oder anderen kleinen Makel.

  • Ich gehe regelmäßig zu Fuß von mir zu Hause (in der Kufsteiner Straße in Neubiberg) ins Ortszentrum Ottobrunns. Dazu muss ich  die Putzbrunner Straße überqueren. Da fahren aber so viele Autos, dass ich nicht so leicht drüber komme. Unfassbare viele Autos für so ein kleines Dorf. Und so stehe ich ganz schön lange da und warte auf die Lücke. Und bräuchte einen Atemschutz.
  • Wenn ich nach Putzbrunn zum Bäcker radele, ist es für die Lunge noch schlimmer. Sogar am Sonntag in der Früh wundere ich mich über die Autokarawane, die sich über die Putzbrunner Strasse (und zum Teil auf die Parkpätze beim Bäcker) schiebt. Und die Fahrer finde ich komisch, weil sie sich auch bei minus 5 Grad im kurzen T-Shirt beim Bäcker in der Warteverschlange versammeln und hoffen, dass ihr SUV dann bei der Rückkunft von der Standheizung weiter aufgeheizt wurde.
  • Fasziniert bin ich auch von den MVV-Bussen, die sich im täglichen Autocorso mitbewegen. Da sieht es drin zwar warm aus, aber gerade am Wochenende sitzt selten mehr als ein Mensch drin. Ich wünschte mir, dass die Busse voll Menschen wären und nicht die Straßen voll von so vielen SUVs. Allerdings weiß ich, dass SUV-Fahrer gegen Busse allergisch sind und deshalb nicht im Bus fahren können.
  • Aber nicht nur die Autos vermüllen die Luft. Gerade wenn ich im Winter auf den Gehwegen unterwegs bin schätze ich es nicht, wenn mir der ewige Raucher entgegenkommt. Und dieser, kurz bevor sich unsere Weg kreuzen, eine große Wolke Tabakrauch ausstößt. Und ich plötzlich in meine Rauchervergangenheit zurückversetzt werde und ich vergeblich nach frischer Luft schnappe.
  • Aber die Vermüllung findet nicht nur im Bereich der Luft statt. Auch der Boden ist verdreckt. Nicht nur mit Zigarettenkippen, -schachteln oder Kaugummi. Sondern mit Müll aller Art. Auch Sondermüll. Gerade nach Auslandsreisen, wie vor kurzem durch ein paar südamerikanische Städte in Chile und Peru, fällt es mir auf, wie dreckig es in Neubiberg und Ottobrunn. Überraschenderweise im Gegensatz zu Orten in der weiten Welt, die wir mit unseren Vorurteilen als schmutziger einschätzen. Und die sich als fast peinlich sauber anfühlen. Gut, Neubiberg und Ottobrunn sind ja auch nicht die besten Wohnorte im Südosten von München. Trotzdem, bei den Mieten, die man hier zahlt, hätte man vielleicht eine saubere Gemeinde verdient.
  • Dabei haben wir sogar Kinos in Ottobrunn! Das ist toll. Und in den Kinos laufen sogar oft ganz gute Filme. Die letzten beiden, die ich in Ottobrunn gesehen habe, waren der neueste Woody Allen und ein herausragender deutscher Dokumentationsfilm mit dem einprägsamen Titel „Systemspringer“. Nur, das Kino ist immer leer. So leer, dass man sich nicht freut, dass man soviel Platz hat, sondern eher einsam ist. Vielleicht sollten die Ottobrunner das Angebot mehr nutzen. Ein bisschen kommunikatives Kino-Leben auch in der Provinz wäre doch schön.
  • Aber zurück zum Verkehr. Was da noch ein wenig besser werden könnte, wäre auch die Münchner S-Bahn. Auch bei meiner letzten Heimreise kurz vor Weihnachten von Argentinien war es wieder da, das Phänomen. Alles war pünktlich. Sogar die S-Bahn vom Flughafen ist pünktlich losgefahren. Auf dem Weg zum Ostbahnhof – und wir hatten die reelle Chance, den direkten Anschluss dort nach Ottobrunn zu schaffen. Das macht nach einem langen Flug durchaus Freude. Dann machte die Flughafen S-Bahn aber wieder ihre außerplanmäßige Pause  am Leuchtenberg-Ring von gut 10 Minuten. Und es war mir klar, dass es mit dem schnellen Umstieg am Ostbahnhof mal wieder nichts mehr werden würde.
  • Heute ist ja Silvester. Mir persönlich immer ein Graus. Ich friere an Mitternacht ungern im Stehen bei Minus-Temperaturen; Champagner im Freien macht das dilettantische Geböllere auch nicht besser. Das alles in einer Luft zum Schneiden. Und morgen früh (eigentlich schon heute) entdecken wir dann wieder, wie es der Homo Sapiens geschafft hat, die Welt so richtig richtig zu verdrecken. Mit seinem „Sch…-Feuerwerk schafft er Müll-Spuren, die wieder bis in den Frühling sichtbar bleiben werden.

Da hilft es auch nicht, dass ich die Feuerwerks-Industrie seit Jahrzehnten an Silvester boykottiere. Ist aber alles nicht so schlimm. Oder vielleicht doch? Ich wundere mich nur, wie die Gesellschaft so tickt.

Die einen fühlen sich als Autofahrer. Für sie gilt: „Ist der Weg länger als der Karren, dann wird gefahren!“ Die Autofahrer verstehen mich nicht, weil ich es unvorstellbar finde, zum Bäcker mit dem Auto zu fahren. Sie stört der Gestank auch nicht.

Das mit dem Müll ist komplex. Der hat viele Quellen – der geplatzte gelbe Sack kommt häufig vor aber auch die schnelle Entsorgung der Hosentasche oder der Autoablage. Über den Müll kann man sich zwar gemeinsam erregen, ansonsten stört er keinen so richtig.

Bus fahren mag hier keiner, weder die Autofahrer noch die Radfahrer. Eine pünktliche S-Bahn hätte dagegen jeder gerne. Und das mit dem Silvester-Feuerwerk verstehe ich eh nicht. Und fürs Kino haben die Menschen hier vielleicht keine Zeit mehr.

So ist es ganz schön im bürgerlichen Südosten Münchens. Ich ärgere mich auch nicht. Sondern beobachte und wundere mich nur. Aber wenn heute am Neujahrstag die Sonne scheint, dann mache ich einen schönen Spaziergang. Es soll ein herrlicher Tag werden und vielleicht fotografiere die Vermüllung, von der die Straßen Ottobrunns und Neubibergs in der Silvester-Nacht heimgesucht wurdem. Und wenn die Bilder gut sind, dann veröffentliche ein paar davon hier.

Also, noch a guads Neues und gut Nacht – der Neujahrslärm lässt jetzt so langsam nach, es geht auf 1:00 zu.

RMD

Hier die Bilder – vom 1. Januar tagsüber.

 

 

 

🙂 Und ich muss sagen – mein Rundgang hat gezeigt, dass es doch deutlich weniger Vandalismus gab als im Vorjahr.