Hans Bonfigt
Montag, der 15. April 2019

Postdigital mit Heinz und Karl

Wir kennen das ja alle mit den Trends.

Etwa Anfang der 90er Jahre wollte die Bundespost Deutschland „digitalisieren“, dazu bescherte sie uns „ISDN“, was Kenner stets übersetzten mit „In Sachen Digitalisierung Nixdorf“.  Und die „Computerwoche“ titelte, computerwochentypisch, „Laut einer IDG-Studie sind immer mehr Unternehmen zum Outsourcing bereit“.   Gemeint war:  „Mit der neuen Digitalisierung durch ISDN wollen immer mehr Kunden in die Cloud“.

Naja, es hat höchstens vier Jahre gedauert und der neue Trend war „Insourcing“.  Und das mit der „Digitalisierung“ hatte sich erledigt.  Der heruntergekommene Osten bekam eine geniale, auf Glasfaser basierende Technik mit verteilter lokaler Infrastruktur, „HyTAS“, das „hybride Teilnehmeranschlußsystem“.

Dumm bloß:  Die Pornos gab es nur auf Videokassetten oder auf Teresa Orlowskis Privatkanal im TV.   Also interessierte sich im Osten keine Sau für digitale Dienste.  Und der Ossi war gar nicht so blöd:  Die hatten nämlich Leute, die verdammt gut ausgebildet waren und sich selber helfen konnten – wenn sie denn auch wollten.  Die brauchten keine „digitalen Help-Foren“.

Fazit:  Der „Digitalisierungstrend“ der frühen 90er Jahre war nach fünf Jahren vorbei.

Um 2010 fing der ganze Mist erneut an.  Mit einem kleinen Unterschied:  Während früher nur Unternehmen einen Anschluß an das ehemalige Wissenschaftsnetz „Internet“ besaßen, mit max. 2MBit/s Durchsatz, sind es heute vor allen Dingen die bildungsfernen Proleten, die „Bandbreiten“ von 200 (!) MBit/s und mehr für ein lächerliches Entgelt gebucht haben.   Denn Pornos und sonstige Asozialenbespaßung gibt es jetzt „im Netz“.  Und natürlich auch „to go“.

So können hier aufgenommene Moslems nicht nur im Nichtschwimmerbecken eines Familienbades ihren Darm entleeren oder junge Frauen vergewaltigen, sondern diese ihre Heldentaten auch gleich mit „Handy ins Netz stellen“, gerne über das „Freifunk-WLAN“.

Meine Frau und ich haben jetzt „Downton Abbey“ über einen Online-Dienst „gestreamt“, obwohl wir die DVDs im Haus haben.  Und dabei, nebenher, mehr Schadstoffe produziert als bei der Herstellung der DVDs anfielen.  Zumal:  Die DVDs kann man mehrfach angucken.

Unseren Unternehmen schadet der Vernetzungstrend:   Die arbeitende Bevölkerung wird immer mehr abgelenkt durch Mail, „Twitter“, „ebay“ und sonstigen Spökeskram.   „Industrie 4.0“ brauchen wir auch nicht einzuführen, denn die haben wir längst realisiert.  Erfolgreich.  Weil ohne Informatiker-Idioten.   Unsere Effektivität sinkt unterm Strich dennoch, kriminelle Vereinigungen wie VW können nur noch mit schäbigsten, primitiven Taschenspielertricks liefern.  BMW macht sich mit Anfängerpannen beim „Connected Drive“ lächerlich.

Dem russischen Wirtschaftswissenschaftler Kondratieff verdanken wir den nach ihm benannten Zyklus, wenn Sie mich fragen, alles Blödsinn und Mißbrauch der Trigonometrie.  Aber gehen wir doch einmal davon aus, daß Bloggründer Roland wie häufig recht hat, wenn er die Zeitenwende der digitalen Gesellschaft ankündigt.  Nun, was könnte dann passieren ?

  • Einige Politiker erkennen, daß es doch keine so gute Idee war, daß der Islam  – oder irgendein anderer Religionsschwachsinn –  zu Deutschland gehöre.
  • Dummerweise ist es jetzt zu spät:  An den Schulen haben wir 50% religionsgeschädigte Kinder teilweise mit „festverdrahteten“ archaischen, menschenfeindlichen Weltbildern, ohne jede sinnvolle Unterstützung von zuhause, ohne Sprachkenntnisse aller Art, auch nicht mehr in der eigenen Muttersprache.  Teilweise sind die armen Geschöpfe schwer dement infolge inzestuöser Zeugung.
  • China, Korea, aber auch bestimmte Ostblockstaaten haben uns technologisch abgehängt.

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Frau Merkel und die Grün*Innen haben geschafft, was den Siegermächten von 1945 mißlang:  Nach „Industrie 4.0“ kommt jetzt

Morgenthau 2.0

Und, um mit Frau Göring-Eckhardt zu sprechen:  Ich freue mich darauf !

 

Wir müßten nur unsere Strukturen umstellen.  So, wie es seinerzeit unser Willi gemacht hatte.

Der kleine Unternehmer Willi Kiesow in Hagen/W.  Für mich ein ganz großer Mann.

Willi fing an als Schweißer bei den BLW, den Borsig-Lokomotivwerken in Berlin.  Dort lernte er, wie man Feuerbüchsringe aus Kupfer an einen Stehkessel aus Stahl schweißt.  Eigentlich ist das unmöglich.  Aber in Willis Wortschatz existierte das Wort ‚unmöglich‘ nicht.  Innerhalb kürzester Zeit hatte er sein Herz an die Schweißtechnik verloren und avancierte zum „Star-Schweißtechnologen“ bei den BLW.  Denn damals zählten Ergebnisse und keine „Assessment Centres“. In den siebziger Jahren machte er sich selbständig und wurde zur Legende.   Selbst als ich ihn noch nicht kannte, waren Sätze wie:  „Dieses Gußteil ist irreversibel kaputt, das können Sie nicht schweißen.  Es sei denn, sie geben es zu Willi Kiesow“ sehr oft gehörte.  Willi hatte ein Gefühl für Material und Prozeß – und für Wärmebehandlung.   Viel wichtiger vielleicht noch:  Er konnte seine Kenntnisse an seine Leute vermitteln.

Zehn Jahre später fliehen die beiden Brüder Bungorovic aus Kroatien.

Sie hatten Glück:  Als sie von der Arbeit nach Hause kommen, ist ihr Elternhaus nur noch ein Haufen rauchender Trümmer, aber sie selbst sind unversehrt und fliehen nach Deutschland.  Suchen eine Arbeit und werden vom Arbeitsamt zu Willi geschickt.  Der will sie gar nicht erst hereinlassen, denn „Leute, die einem das Arbeitsamt schickt, taugen nix“.  Aber Willi sieht sich die beiden doch kurz an und meint:  „Also eure Namen kann ich mir nicht merken, aber Du (zeigt auf Said) bist jetzt Karl und Dein Bruder ist jetzt Heinz“.  Spätestens jetzt läge Claudia Roth japsend auf dem Rücken.  „Und morgen fangt Ihr bei mir an“.

Um eine lange Geschichte kurz zu machen:   Ich mußte einen Prototyp bauen, dessen zentraler Teil ein Duroplast-Reaktor mit komplexer Geometrie war.  Extrem saubere, glatte Edelstahlschweißnähte waren Pflicht.  Unsere „üblichen Verdächtigen“ schüttelten alle den Kopf, aber wieder hörte ich den Satz:  „Wenn das einer kann, dann ist das Willi Kiesow“.

Und so fuhr ich dort vorbei:  „Welcher Idiot hat denn das hier konstruiert ?“   „Steht vor Ihnen“, antworte ich.  Es gibt einen längeren Disput, warum diese Ringdüse so und nicht anders ist.   „Und außerdem:  Die kriegen wir gar nicht in dem kleinen Radius gebogen, so wie Du dir das vorstellst.   Es sei denn, wir walzen die Düse erstmal bis auf 1,4 r, füllen den Ring dann mit Sand, glühen ihn ordentlich durch uns walzen ihn dann auf Maß.  Und auch der Behälter wird teuer.  Die Muffen für die Sondergewinde müssen wir selbst drehen.  Auch die Wärmeschutzstücke aus Polyamid.  Da habe ich gar nicht die Zeit, mich so intensiv drum zu kümmern.   Aber ich mache Dir ein Angebot, Langer:   Du kriegst zwei Leute von mir, Heinz und Karl, die bauen das für Dich.  Ich gucke, daß die Schweißerei etwas wird, Du guckst, daß Dein Gartenstuhl so wird, wie Du ihn brauchst“.

Gesägt, getan.  Genauer gesagt:  Gewalzt, getan.   Unterdessen war „Karl“ so etwas wie der Vorarbeiter im Laden und „Heinz“ war spezialisiert auf WIG-Schweißen.  Ab und zu gab es Differenzen bei der Maßkontrolle.  „Willi anders gerechnet“, meinte Heinz und weigerte sich, meine Zahlen zu akzeptieren.  Bis Willi irgendwann sagte, „der Lange kann auch rechnen“.  Selten habe ich Menschen erlebt, die so hinter ihrem Chef standen wie Heinz und Karl.   Denn Willi kümmerte sich um sie.  Er hatte sie ausgebildet und ihnen Wohnungen besorgt.  Ihnen behelfsmäßige Möbel organisiert.  Vor allem aber:  Er hatte sie, man würde heute sagen, „gesellschaftlich integriert“.

Denn aus seiner Berliner Zeit kannte Willi jede Menge Musiker, beispielsweise Paul Kuhn und das Orchester vom RIAS Berlin.   Und oben, über seiner Werkstatt in Hagen-Bathey, hatte Willy ein komplettes, riesiges Tonstudio eingerichtet.

Und fast jeden Abend jazzten die alten Herren los.   Einmal im Monat gab es eine richtige „Performance“, man konnte kommen, wenn und wann man wollte.  Ordentliche Kleidung war erwünscht.   Getränke waren frei.   Ich kam, wann auch immer ich konnte, trotz des von allen außer mir geschätzten Highlights des Abends, Willis legendärer „frischen Suppe“, die ich immer unauffällig in irgendeinem Gully verklappte.

Sehr oft mit dabei:  Willis Mitarbeiter Heinz und Karl, die ganz zwanglos am Tisch saßen mit Leitenden Ingenieuren von Krupp VDM und Brüninghaus.  Alle hatten Spaß, Willi stand oft selbst am Vibraphon, mein Ding war und ist Jazz nicht, aber so buchstäblich „mittendrin“ war die Truppe immer ein Erlebnis.

Heinz und Karl waren die ersten und einzigen „gut integrierten“ Flüchtlinge, die ich kennenlernen konnte.  Und beide, sowohl Karl als auch Heinz, hatten einiges auf dem Kasten.   Aber es gab auch Probleme:

„Jugoslawisch Mann das nix versteh“

Etwa sechs Wochen bauten wir am Prototyp, wenn es für mich gerade nichts zu tun gab, trieb ich mich in der Werkstatt herum und half schonmal aus bei der Reparatur von Pressen, Krananlagen, Drehbänken – meistens waren es „elektrische“ Dinge.  Einmal hatten die Jungs mit einer schweren Welle ein Steuerkabel durchgequetscht und aus dem Schrank herausgezogen.   Ich wollte ihnen zeigen, wie man so etwas „richtet“.   Keine Chance.   Denn sie sagten von vornherein:  „Jugoslawisch Mann das nix verstehn“.   Nun sieht so ein teilverdrahteter Steuerkasten recht kompliziert aus und ich habe versucht, ihnen einen Schaltplan nahezubringen.  Zwecklos.   Zu Willi sagten sie, „Langer hat repariert, ganz ohne Schaltplan“.  Ich sagte den beiden, „Es geht nicht ohne Schaltplan.  Den Schaltplan hatte ich im Kopf“.   Das provozierte die Frage, „Du kennen von allen Maschinen die Schaltpläne?“.  Ähnlich bizarr war es mit den Fertigungszeichnungen, auf denen ab und zu einmal ein Maß scheinbar fehlte.  Sie gingen dann zu Willi, der es ihnen ausrechnete.   Später, vieeeeel später kamen sie mit solchen Dingen auch zu mir.   Mit Trigonometrie bin ich den beiden nie gekommen, aber ich habe einmal versucht, ihnen die Vorteile des pythagoreischen Lehrsatzes zu vermitteln.   Und ja, ich kann das, auch in sehr einfachen, verständlichen Worten.  Es war zwecklos.  Karl hatte kein Problem damit, einen alten Hanomag-Motor komplett zu zerlegen, Heinz schweißte derweil den gebrochenen Grauguß-Zylinderkopf und bearbeitete ihn auf der Planschleifmaschine.  98% aller Informatiker würden hier kläglich scheitern.

Aber sobald eine Tätigkeit auch nur ein bißchen abstrakt wurde, machten die beiden Brüder schlapp.

Und hier liefert Ludwig Wittgenstein einen wichtigen Erklärungsansatz, im berühmten „Tractatus“:

„Die Grenzen meiner Sprache bestimmen die Grenzen meiner Welt“

Wenn wir erwachsenen Menschen, die weder sprechen, lesen, schreiben und rechnen können, eine würdige Existenzgrundlage schaffen wollen, dann müssen wir diesen eine kleine, einfache, unkomplizierte Umgebung schaffen.

Einen „Flüchtling“ mit Elektrizität und Mobilfunktechnik auszustatten, kann nicht zum Erfolg führen.

Es muß sich jemand um ihn kümmern, ihm zeigen, was er zu tun und zu lassen hat, es muß ihn jemand mögen und wertschätzen.  Und es muß ihm jemand für gute Arbeit auch gutes Geld zahlen.

Genau das war es, was Willi Kiesow für seine Leute getan hatte.  Und gern wiederhole ich mich:  Willi und Sina Trinkwalder sind für mich ganz große Menschen.

-hb

Roland Dürre
Sonntag, der 14. April 2019

Wer glaubt denn noch an VUCA?

Immer wieder wenn ich Veranstaltungen zu #newwork oder #agile besuche, dann höre ich dieselbe Klage:

Unser Leben wird immer „schneller“. Die hohe Geschwindigkeit der Veränderung führt zu einer hohen Komplexität, die uns überrennt. Also müssen wir „agiler“ werden, um damit fertig zu werden.

Ich entgegne dann, dass ich einen Scheiß muss. So muss ich auch nicht mit Komplexität fertig werden. Und überlasse die Komplexität einfach mal sich selber.

Schutz vor vuca in Bonnaire in der Karibik (Foto © Luc Bosma, Bonaire)

Dann kommt die bange Frage:
Und Du, hast Du keine Angst vor VUCA?
Huch, vuca das klingt freilich zum Fürchten. So wie HORG (Hierarchische ORGanisation).

Nur VUCA ist halt auch nur eine der heute so beliebten Abkürzungen, die zu „buzzwords“ geworden sind. Wobei ein „buzzword“ für mich so etwas wie eine „leere  Phrase“ ist. Also so etwas wie Digitalisierung oder Nachhaltigkeit.

Bezeichnender Weise wurde die Verwendung von Abkürzungen im 3. Reich in Deutschland von der Bürokratie der NSDAP erfunden und massenhaft genutzt. Dann sind die abkürzenden Buchstaben-Folgen zum Exportschlager wurden. Frei nach dem Motto „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen“.


VUCA
Laut Wikipedia ist VUCA ein Akronym für die englischen Begriffe volatility (Volatilität / Unbeständigkeit), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit).


Die VUCA-Prediger nutzen die harmlosen vier Buchstaben als Eselsbrücke für ihre Horrorbotschaft.

Aber war die Welt aus Sicht eines Menschen nicht immer schon vuca?

In der Steinzeit und im Mittelalter fing das für die Menschen wohl schon bei der Ernährung an. Gibt es heute etwas zu essen?

Auch aus der Sicht von Organisationen war die Welt immer vuca. Man denke nur an die Städte im Mittelalter, in denen sich eigengehörige Menschen mit ihren Mauern sehr aufwändig gegen vuca zu schützen versuchten.

Oder mein Lieblingsbeispiel: Die Weimarer Republik hat gerade 9 Jahre gehalten – und das 1000-jährige Reich hat in gerade 12 Jahren alles verändert (und dabei so viel zerstört). Was für ein Tempo! Echtes vuca! Sogar die DDR hat 41 Jahre (von 1949 bis 1990) existiert. Und die BRD (von 1949 bis heute) hat es aktuell schon auf 70 Jahre gebracht. So wenig vuca ist doch eigentlich unglaubbar.

So finde ich, dass die Welt schon immer vuca war. Eher mehr als heute. Denn die  „Betriebssysteme“ unserer sozialen Systeme haben sich stabilisiert und sind auch aufgrund ihrer „digitalen Zwangsjacken“ stabiler als früher. Wie will man ein großes Unternehmen, dass seine Prozesse in Office365 und SAP gegossen hat, denn noch verändern?

Nach meiner Bewertung ist unsere Welt vielleicht stressiger geworden. Oder hat zumindest uns eine neue Form von Stress gebracht. Nur Stress – klingt halt nicht so toll wie vuca. Als Leseempfehlung nenne ich hier das Buch
Phänomen Stress:
Wo liegt sein Ursprung, warum ist er lebenswichtig, wodurch ist er entartet?

von Frederic Vester.
Das enthält mehr lesenswerte Substanz als wir in der ganzen vuca-Literatur zusammen finden. Und kostet gebraucht weniger als einen EURO. Und noch meine 10 Cent zum Stress

Der Wechsel von Natur- zu Kulturwelt hat uns eine neue Form von Stress gebracht.

Wir haben eine Welt geschaffen, in der wir permanent mit Lärm vollgedröhnt werden. Die Luft ist verpestet von Abgasen. Unser Körper inklusive seines vegetativem (Nerven-)Systems ist vielen idiotischen Belastungen (wie Steuern von Autos ohne körperlichen Ausgleich …) und Einschränkungen (der Tag wird sitzend verbracht …) unterworfen.

Das können wir ändern. Wir müssen es nur wollen!

Weil wir genau die Dinge eh nicht brauchen, die uns fertig machen. Wir müssten viel weniger arbeiten und könnten mehr für uns tun, wenn wir uns besser organisieren würden oder nur einfach auf viel Unsinn verzichten würden.

Heute schuften wir im Hamsterrad meistens für nichts. Insofern halte ich es richtig, dass wir unsere Welt ein wenig einfacher gestalten sollten – im Sinne von Vermeiden von Abfall. Aber nicht über eine „vucasierung“ unseres Lebens klagen sollten. Denn das macht auch Stress. Also:

🙂 VUCA –> FGI (forget it)

RMD

Roland Dürre
Samstag, der 13. April 2019

Politik zum Jammern!

Es ist zum Haare ausraufen.

Werden wir es schaffen ???!!!

Die Politik befasst sich (erfolgreich) nur noch mit Dingen, die dem Machterhalt der herrschenden Klasse dienen. Das letzte Beispiel war die Gefährdung wenn nicht gar Zerstörung des Internets durch die „Urheberrechtsreform“. Sie konzentriert sich auf die Wahrung des Besitzstandes der herrschenden Klasse. Wie alle Politik in der „BRD“.

Wäre es nicht wichtiger, den Planeten zu retten?

Die wichtigen Themen wie die Sanierung des Planeten überlässt die Politik der Strasse. Und ignoriert das Problem, weil sie im Denken des letzten Jahrhunderts gefangen ist. Ihre Werte sind „Wachstum und Wohlstand über alles – auch der Welt“ und „Besitzstandwahrung als das deutsche Grundrecht“.

Weise weisse Kinder sollen den Mund halten und die Zerstörung des Planeten den Profis überlassen.

Wenn die Kinder mutig für eine neue Welt streiken – dann erfrechen sich die alten weißen Männer auch noch, diese barsch aufzuforden, den Mund zu halten und dieses Thema „doch bitte den Profis zu überlassen“. Also genau denen, die es seit mindestens 50 Jahren besser wissen sollten und aus Egoismus ignoriert haben. So abgedroschen dies sein mag, so traurig ist das alles.

Lobby-Control und Reduktion der Anzahl der Abgeordneten im Bundestags scheitern.

Die Politik versagt aber auch bei „kleinen“ aber wichtigen Aufgaben, besonders wenn sie am traditionellem Denken und an alten Strukturen rüttelt. So wurde das Lobby-Register sabotiert und dringend notwendige Veränderungen wie z.B. die Reduktion der ausufernden Anzahl von Bundestagsabgeordneten von der Tagesordnung  – „weil unlösbar“ – gestrichen. Auch die Definition von Regeln wie man E-Roller sinnvoll in den Verkehr integriert, ist so schwierig. Und wird den Bußgeld- und Straftaten-Katalog bestimmt wieder kräftig erweitern. Damit die Schwarzfahrer nicht mehr so allein in ihren Zellen sitzen.

Enteignung ist bei uns ein legitimes Mittel der Politik.

Enteignung wird wie selbstverständlich genutzt, wenn es um die Interessen der Großen oder behelfsweise der Allgemeinheit geht. Die Logik dahinter ist: Arbeitsplätze sind immer im Interesse der Allgemeinheit. Ganz gleich, ob es in der Rüstung, um die Produktion von Flugzeugen geht oder den Braunkohle-Tagabbau durchsetzt.

Diese Arbeitsplätze sind aber nur dann heilig, wenn sie Profit bringen. Wenn nicht, dann kommen die auch heute noch ganz schnell in die Slowakei (wie jetzt wieder in Augsburg).

G MAFIA enteignen? Gerne.

Will man Konzerne enteignen, dann gibt es zustimmendes Gemurmel beim CDU-Abgeordneten, insofern es gegen das moderne Feindbild G MAFIA geht. Die „digitalen“ Konzerne der G MAFIA sind Google, Microsoft, Apple, Facebook, IBM und Amazon.

Wobei da auch bei letzterem (Amazon) so mancher Konsum-Abgeordneter zurückzieht. Weil wer soll uns dann unsere vielen Päckchen bringen, die wir als Konsumisten unbedingt innerhalb 24 Stunden brauchen? Das berühmte internationale Logistik-Unternehmen DB (Deutsche Bahn) wird das trotz seines teueren schlanken Logos garantiert nicht schnell und pünktlich schaffen.

Immobilien Konzerne enteignen? Auf keinen Fall!

Wenn wir aber über die „Enteignung“ von Immobilien-Konzernen nur gesprochen wird, die Hunderttausende von Immobilien „der öffentlichen Hand“ systematisch über ihre Lobbyisten abgeschwindelt haben, dann geht ein Schrei des Entsetzen besonders durch die „christlichen Parteien“. Das sind die, die schon im Namen und in der Abkürzung fremdes Urheberrecht nutzen. Denn der Trump, das klammheimliche Idol der Konservativen (Bayern First), ist doch auch durch seine Immobilien-Spekulationen zum Milliardär, Volksheld und US-Präsident geworden. Wie kann man solche Immobilienspekulanten enteignen wollen? Wahrscheinlich ist das auch gegen den gesunden Menschenverstand? Wie soll man denn bei einer „Enteignung“ die Zwischen-durch-Eigentümer für die gewaltige Wertsteigerung der von der öffentlichen Hand günstig erworbenen Immobilien entschädigen? Gar nicht? Das geht doch nicht. Und anders wird es doch viel zu teuer.

„Transgender-Toiletten“ sind wichtiger als „Lobby-Control“.

Die wichtigen Themen aktuell und der letzten Monate bei uns sind „Zwangsimpfen“ und „Organentnahme als Default“. Und „Werbeverbote für Abtreibungen“. Getoppt wurde das ganze durch „Transgender-Toiletten“. Haben wir keine anderen Probleme?

Der MIV (Motorisierte Individual Verkehr) regiert die Welt.

Autos gehen vor Menschen. Seit Jahrzehnten. Ich verstehe das schon lange nicht mehr. Für mich heißt „individuell“ in der Mobilität, dass ich mich aktiv bewege (zu Fuß oder mit dem Fahrrad). Auch befördere ich mein Individuum gerne mit Bahn und Bus. Aber dass mein Individuum einer mächtigen, gefährlichen und tonnenschweren Maschine in einem komplexen System Verkehr mit seinen chaotischen Verhältnissen „dienen“ soll und ich so zum omnipotenten Bediener werde und mit der Maschine mein scheinbar jetzt omnipotentes Ego pflegen soll, das verstehe ich nicht.

Betrachten wir den notwendigen Wandel bei der Mobilität.

Urbane Gesellschaft (smart city) und das Automobil passen nicht zusammen.

Autos stinken und vernichten Menschen. Sie machen Lärm und das Leben unwürdig. Trotzdem gilt weiter „Freie Fahrt für freie Bürger“ und „Platz fürs Auto“. Und das Tempo-Limit ist und bleibt ein „NOGO“. Weil es gegen den gesunden Menschenverstand ist (auch schon ganz schön abgedroschen).

Fliegen und Schiff-Fahren ist eine unserer angenehmen aber unsäglichen Gepflogenheiten.

Beides zerstört unseren Planeten in ganz besonderem Maß. Ganz gleich ob es nur für den eigenen Spaß oder für die heilige Globalisierung stattfindet.

Ohne Fliegen und Welthandel gehen Globalisierung und Welthandel nicht.

Wir müssen beides reduzieren. Und vielleicht auch weniger global denken. „All business is local“ heißt es. Das sollte auch für die Politik gelten. Dann brauchen wir auch keine Armee für die Welt und müssten hierzulande keine Minen für den Weltfrieden produzieren und exportieren.
Und dass bei uns der Fleisch-Konsum fällt, der Export desselbigen jedoch explodiert ist doch auch nicht normal.

Wenn ziemlich viele Boeing-Maschinen auf dem Boden bleiben müssen, weil sie dem Profit geschuldet unteroptimale Fluggeräte sind, merkt man dies am Flugangebot gar nicht. Weil wir viele Flieger haben, die in der Wüste stehen und darauf warten, endlich mal wieder fliegen zu dürfen.

Wenn man halbwegs gerade ausdenkt, müsste uns klar sein, dass die Flugzeugindustrie nicht auf alle Ewigkeit soviel Flieger bauen kann, wie sie heute ausstößt. Man müsste  sich darauf einstellen und planen, weniger Flugzeuge herzustellen.

Weil wir das nicht wollen, subventionieren wir am Flughafen München das eh schon steuerfreie Kerosin. Und fliegen auch innerhalb Deutschlands immer mehr.

So steigt der Kurs von Airbus. Wie immer noch bei den Automobil-Konzernen.

Weil auch hier weiter das Diktat des Wachstums gilt. Auch wenn Millionen neue Autos auf Parkplätzen stehen. Und unsere Arbeitsplätze immer ein heiliges Killer-Argument sind. Obwohl wir auch hier gelernt haben, dass der Wandel nicht aufzuhalten ist. Wieviel Branchen sind aus Deutschland verschwunden? Innovation ist und bleibt „kreative Zerstörung“.

Unsere Demokratie ist zerstört.

Die Suche nach der Ursache für die Zerstörung der Demokratie ist überfällig. Wir müssen sie dringend reformieren. Da fällt mir auch einiges dazu ein. Aber auchd as stört die Besitzstandswahrung und ist so „politisch unkorrekt“. Weil es die bestehende Machtverhältnisse in Frage stellt.

Ein Symptom für die Vernichtung von Demokratie fällt mir aber ein. Es heißt Grindel. Er steht für mich für die aktuelle Generation nicht nur von CDU-Abgeordneten. Mit CDU zum ZDF und in den Bundestag der BRD – dann an die Spitze des DFB. Da kann man sich auch Fragen, wie kann der DFB so blöd sein, einen CDU-Bundestagsabgeordneten an seine Spitze zu wähen? Was in einem solchen Fall passiert, ist doch absehbar.

Wieso haben die mir besonders unsympathischen Parteien eigentlich eine Abkürzung, die aus drei Buchstaben besteht (CDU, CSU, SPD, FDP …)? Mag ich deshalb keine Abkürzungen aus drei Buchstaben mehr? Die Systemagenten aus Politik und Wirtschaft sind mir schon lange suspekt und unangenehm.

Ich vermute, dass das soziale Umfeld in den Parteien die Menschen verdirbt. Gerade die Drei-Buchstaben-Parteien ziehen nur noch eine besondere Art von Menschen an. Dort wird man nur noch Mitglied, weil man sich von der Mitgliedschaft persönliche Vorteile erhofft. Und im Kampf an die Spitze der Partei wird muss man man zum A……..-Methoden behrrschen.

Die Grindelisierung der Politiker.

So scheint mir die Meta-Ursache für unsere Dilemma in der Politik klar:
Das System der „Oligarchie der Parteien“ im Verband mit dem „Diktat der Konzerne“ hat bewirkt, dass die Politik von den Menschen betrieben wird, die eine negative Selektion (Auswahl) der Gesellschaft sind und zusätzlich noch negativ sozialisiert worden sind. Der lange Weg vom Eintritt in die Jugendorganisation an die Parteispitze und in den Bundestag gelingt erfolgreich nur mit eigenartigen und mir sehr unsympathischen Methoden. Und das prägt.

RMD

P.S.
Diesen Artikel habe ich für meine Enkel geschrieben. Damit sie mal wissen, dass es auch alte weiße Männer gab, die gegen den Quatsch waren, den alte weiße Männer gemacht haben.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 11. April 2019

Der Tod des Kochs (Teil2) – Funkloch Hotel

Gott – wie oft hab ich mir gewünscht, dass ich mich nie auf diese unheilvolle Geschichte eingelassen hätte: was da durch mein Herumgestocher hochkam beziehungsweise unentdeckt blieb, machte mir den Verlust meines Freundes Sturmius noch unerträglicher…

Das fing schon mit diesem unmöglichen „Funkloch Hotel“ in den Buchenwäldern bei O.R. an. Kein halbwegs vernünftiger Mensch setzte in diese undurchdringliche Wildnis jemals seinen Fuß. Aber Charlotte Burns, diese dubiose, selbsternannte Reiseleiterin, musste natürlich ausgerechnet hier, in diesem hinterletzten Winkel der Welt, mit ihrem Minibus, vier weiteren Personen und einem Fahrer, eine Panne ‚produzieren‘! Und genau freitagnachmittags, auf dem Weg zum ‚Musikantenstadl’, der angeblich zum ersten Mal in der Stadt W. gastierte. Selbstredend mit den üblichen Verdächtigen, wie Andreas Gabalier, Andrea Berg, Roland Kaiser und wer weiß sonst noch alles.

Wie durch ein Wunder befand sich unweit des Pannenortes ein Hinweisschild, das auf ein 300m entferntes ‚Funkloch Hotel’‘ verwies, obwohl dieses, wie sich schnell herausstellte, schon seit Jahren außer Betrieb war, und in dem sich, außer einem schwerhörigen Rentner, der ab und an nach dem Rechten sah, niemand mehr aufhielt.

Nun ja – kaum zu glauben – aber ab und zu trieb sich da auch der bekannte Fernsehkoch Sturmius von Suppé herum, um, typisch für ihn den Sonderling, in dieser absoluten Einsamkeit spezielle Kochkreationen auszuprobieren, von denen keine Menschenseele etwas erfahren durfte.

Über diese sporadischen Aufenthalte war naturgemäß nur ein sehr kleiner exklusiver Personenkreis informiert, zu dem offensichtlich auch diese mysteriöse Charlotte Burns gehörte: anders war das rein zufällige Zusammentreffen dieser skurrilen Reisegruppe mit meinem Freund Sturmius nicht zu erklären.

Ich hatte bis dahin auch keine Ahnung, dass er diese Lokalität immer mal wieder für diverse abenteuerliche Aktionen aufsuchte.

Eine regionale Fernsehgesellschaft benützte diese ‚Lotterbude‘ wohl auch für diverse Gruselgeschichten und ‚Tatort‘-Einspielungen.

Trotzdem fand ich es mehr als seltsam, dass ausgerechnet dieser berühmte Fernsehkoch Sturmius von Suppé dorthin delegiert worden war, um für ein „Monstergelage zur mitternächtlichen Stunde an Halloween“ einen geeigneten „Monsterfraß“ zu kreieren. Je ekelhafter umso besser, war angeblich die Devise gewesen: es musste wirklich eine „schröckliche Fernsehüberraschung“ werden!

Sturmius von Suppé war, wie man mir erzählte, überhaupt nicht begeistert, so ein umfangreiches Kochexperiment, das sich über mehrere Tage hinziehen konnte , in dieser verrotteten Umgebung durchzuführen. Aber seine Beschwerden verpufften; immer wieder wurden strikte Geheimhaltungsgründe von den Verantwortlichen vorgeschoben!

Noch übler war aber wohl für ihn diese gestrandete Reisegruppe, die völlig überraschend und unerwartet spät abends in dieses ‚Funkloch Hotel‘ einfiel.

War das Zufall? Oder hatte wirklich diese impertinente Reiseleiterin Charlotte Burns ihre schmutzigen Fingerchen im Spiel?

Die Zusammensetzung dieser speziellen Reisegruppe war jedenfalls fast schon peinlich, denn neben der Alkoholikerin Raffaela von Suppé waren da noch eine arg verhuschte Musikjournalistin Dörte Hansemann, sowie die beiden „Hessisch Babbler“, Ernie und Bert Hesselbach.

Und alle schienen plötzlich, wie auf Knopfdruck, das Ekelpaket Sturmius zu hassen. Waren sich aber untereinander auch nicht grün: So belauerte das lesbische Paar Charlotte und Raffaela die nervige Heulsuse Dörte, die nach einer angeblichen Übergriffigkeit von Sturmius im Keller des Funkloch Hotels gestand, mit ihm eine fünfzehnjährige Tochter zu haben, und Bert Hesselbach war, wie es schien, von Sturmius um die Rechte seiner phänomenalen ‚Noggi–Würze‘ betrogen worden. Angeblich war da viel Geld im Spiel?

Kein Wunder, dass unter diesen Umständen niemand mehr an Nachtruhe dachte, als Sturmius von Suppé auch noch des Kannibalismus verdächtigt wurde, weil er in seiner ‚Lotterküche‘ für sein ‚Monstergelage‘ offensichtlich bewusst provokant einen blutigen Frauenarm verarbeitete, den er vorher irgendwie aus Schweinefüßchen kochtechnisch ‚gebastelt‘ hatte.

Die Folge war ein ekelhafter Streit in der Hotelküche, in der Sturmius, statt weiter arbeiten zu können, erstmals von seiner unehelichen Tochter Katharina erfuhr, die er mit Dörte Hansemann haben sollte!

Zur wirklich dramatischen Aufgipfelung kam es aber, als die vollkommen unbedarfte Ernie Hesselbach, den von Sturmius angeforderten Pürierstab, der neben ihr an der Küchentheke hing, einfach in seinen Suppentopf steckte, in dem er mit beiden Händen Hühnergedärm für eine Gruselsuppe zerkleinerte. Und da das Gerät wohl wirklich arg defekt war, kam es in der Suppenbrühe zu einem Kurzschluss, begleitet von einem laut zischenden elektrischen Schlag, in dessen Folge Sturmius von Suppé tot umsank! Und tatsächlich mausetot war! Wie es in einem dieser Schmierblätter hieß.

Das hatte so wohl niemand gewollt!

Außer Charlotte Burns vielleicht, die schnellstens das Weite suchte, gefolgt von Bert Hesselbach mit seiner ahnungslosen, verstörten Frau Ernie.

Raffaela, die sich als Sturmiusens Schwester herausstellte, war wohl auch nicht unglücklich über den plötzlich Tod ihres verhassten Bruders, fand aber schnell Trost bei ihrer Schnapsflasche…

Und Dörte Hansemann, die in diesem Funkloch endlich Empfang hatte, konnte ihrer Tochter berichten, dass sie soeben durch Erbschaft sehr, sehr reich geworden sei!

Dörte Hansemann war es wohl auch gewesen, die die örtliche Polizei verständigt hatte, die überraschend schnell eintraf und offiziell den Tod von Sturmius von Suppé bekannt gab, sowie den Tatort für die anstehende Spurensicherung versiegelte. Dörte Hansemann und Raffaela von Suppé machten auch in der Nacht noch, unter Verzicht jedweden anwaltlichen Beistandes, ihre Aussagen.

Charlotte Burns und die Hesselbachs wurden zwei Tage später vernommen, ohne dass sich dadurch irgendeine geänderte Einschätzung dieses Unglücksfalles ergeben hätte!

Nach einem ersten ‚Stürmchen‘ im einschlägigen Blätterwald, das der Popularität meines Freundes geschuldet war, kehrte aber erstaunlich schnell wieder Ruhe ein. Sicher auch deswegen, da niemand der Beteiligten ein Interesse hatte nachzulegen.

Nur mir ließ die Sache keine Ruhe: Irgendwie sagte mir mein journalistisches Bauchgefühl, dass bei diesem angeblichen Unfall mehr dahinter steckte. Da ich aber keinerlei greifbare Beweise hatte, waren mir die Hände gebunden und ich mit meinen nächtlichen Alpträumen und Grübeleien vorläufig alleine…

K.H.

PS.
Hier noch ein Dankeschön an alle, die mir geholfen haben, wenigstens etwas Licht in das Dunkel rund um Sturmiusens Tod zu bringen: dies geht insbesondere an Christine Bruckmann, Gabi Nelges, Martina Tornow sowie Detlef Knoll. Irene Weingärtner verweigerte hingegen ein Gespräch.

Klaus Hnilica
Donnerstag, der 4. April 2019

Der Tod des Kochs (Teil1) – Rückblende

Ein Arschloch, wie es im Buch steht!“, war immer die erste Reaktion, sobald die Rede auf Sturmius kam. Auch für mich war dieser Typ schwerste Kost – kaum zu genießen…

Doch zugegeben, er war ein begnadeter Koch!
Sein Name und seine Kochkünste waren über viele Jahre in aller Munde. Wenn Sturmius von Suppé donnerstags zur besten Sendezeit im Fernsehen kochte, überbot seine Einschaltquote spielend die Werte des sonntäglichen ‚Tatort – Krimis’.

Kein Vergewaltiger oder Kinderschänder konnte seinem Tafelspitz, geschweige denn Rehrücken, den Rang ablaufen. Kein Mörder mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als er mit seinem beißenden Wiener Schmäh, während er Entenbrüste zerteilte und Karotten glasierte.

Doch warum dieser Sturmius ausgerechnet mir gegenüber diese hündische Anhänglichkeit zeigte, habe ich nie richtig herausfinden können. Vielleicht weil ich auch anders war, aber doch nie so ausgegrenzt wurde wie er – der schon zu Schulzeiten permanent nach ‚Sellerie’ müffelte!

„Da kommt der Stinkersturmi! Sturmistinker, Stinkersturmi“, riefen sie ihm nach oder tuschelten sie sich grinsend zu, denn mit Stinkersturmi war nicht zu spaßen. Er hatte die Kräfte eines Grizzlys und fackelte nicht lange: bevor er brummte, langten seine Pranken schon hin – alles weitere erübrigte sich dann meistens.

Da ich eher von hühnerbrüstiger Statur war und außer einem schneidigen Mundwerk wenig zu bieten hatte, baute mich Sturmius ungefragt in seine ‚Sellerie-Aura’ ein und räumte mir jeden Übeltäter schneller aus dem Weg, als ich ‚Hühnerkacke’ sagen konnte.

Als Gegenleistung opferte ich mich und setzte mich Jahr für Jahr brav neben ihn. Wer sonst hätte neben diesem Widerling den Selleriegestank ertragen können?

Natürlich zog ich mir damit den Spott und die Wut der anderen zu, aber das war der Preis für seinen Schutz; ebenso die Hilfe, die ich dieser wandelnden Sellerieknolle bei Mathe und allem Physik– und Chemiekram zukommen ließ.

Gelegentlich kam ich sogar mit zu seinen unmöglichen, adeligen Eltern und seiner tranigen Schwester Raffaela, die zwar nicht nach Sellerie müffelte, dafür aber nach Schweiß. Und die finsteren holzgetäfelten Räumlichkeiten des herrschaftlichen Anwesens rochen übel nach abgestandenem Kohlgemüse, da man wegen der hohen Heizungskosten kaum lüftete.

Doch richtig nahe war ich diesem Sturmius von Suppé nie gekommen! Sicher lag das nicht nur an ihm – ich verkroch mich auch allzu gerne in meinen schützenden ‚Kokon’ und ließ niemand an mich heran: meine ‚warmen Sorgen’ hätte ohnehin niemand verstanden…

Sturmius vielleicht schon! Aber den hatte ich nach dem Abitur gänzlich aus den Augen verloren. Ich war jetzt selbst das Arschloch vom Dienst und hatte genug mit mir und aufdringlichen Schwanzlurchen zu tun. Täuschen und tarnen, das war das Gebot der Stunde: niemand durfte von meiner unsäglichen Neigung erfahren. Und irgendwie studieren musste ich ja auch noch.

Umso mehr war ich geplättet, als er, Sturmius, dann wie aus dem Nichts auf die Fernsehschirme der Nation klatschte und seine Gäste nicht nur kulinarisch umgarnte, wie seine Rinderrouladen, sondern ihnen mit beißendem Wiener Schmäh auch noch Tränen in die Augen trieb.

Plötzlich war da weder etwas von seiner verklemmten Maulfaulheit zu spüren, noch von seinem dümmlichen Hessischen Dialekt, mit dem er in jungen Jahren seine adeligen Kreise bis zur Weißglut provoziert hatte.

Und wie stark der aussah, dieser knusperbraune Sturmius: das ehemalige Schwabbelgesicht war markant geworden und kam durch die totale Glatze, die dunkle Hornbrille und den damals noch seltenen Dreitagebart richtig schmackhaft zur Geltung. Die lebhaften Augen und sein breites Grinsen – umwerfend charmant, wenn er wollte – kultivierte alles wie feinste Würze, die mich nicht nur erfreute, sondern mir auch voll auf den Magen schlug: ich musste erkennen, dass ihm – dem ewigen Arschloch – gelungen war, was ich nicht geschafft hatte, nämlich den ‚Kokon’ zu sprengen und von der unappetitlichen Raupe zum bunten Schmetterling zu mutieren! Doch – Sturmius hatte das geschafft…

Ich gebe zu, dass mich diese Erkenntnis vollkommen unvorbereitet traf und mir eine Art chronische Magenverstimmung bereitete, die mich anhaltend quälte! Als einziger Trost blieb mir die geschmacklose Hoffnung, dass er bei aller feinschmeckerischen Brillanz doch noch nach ‚Sellerie’ müffelte. Wenn nicht, was blieb dann übrig von meiner früheren Überlegenheit ihm gegenüber?

Nichts – gar nichts blieb übrig – wie ich bei unserem ersten Wiedersehen sofort spürte, als er mir flapsig zuflüsterte, mich nie vergessen zu haben! Was hätte es da noch zu grübeln und zu bedauern gegeben? Da war doch sofort klar, dass ab sofort ich, der selbstständige Journalist, dort zu tun hatte, wo dieser knusperbraune Sturmius brutzelte und kochte. Egal ob das Amsterdam, Brüssel, Berlin oder Wien war – ich war immer dabei!

So erfuhr ich auch rasch, dass Sturmius in Wien nicht nur bei Plachutta, Lamprecht und diversen anderen Restaurants kochen gelernt und als Koch gearbeitet hatte, sondern während dieser Zeit zehn Jahre mit einem Stadt bekannten Kabarettisten liiert war – der mit sehr viel Feingefühl den ‚neuen Sturmius’ aus ihm herausgekitzelt und den Grundstein für seine beispiellose Fernsehkarriere gelegt hatte.

Leider wandte sich dieser gute Geist schon bald nach ihrer Trennung gänzlich der Französischen Küche seines neuen Lovers zu und wollte von Sturmius’ Wiener Kochkünsten absolut nichts mehr wissen. Schade! Aber es war eine Frau gewesen, die dazwischen gefunkt hatte, doch Sturmius wollte partout nicht von ihr erzählen…

Tja – und in Berlin hatte Sturmius mich unlängst, wie in alten Zeiten, aus einer höchst unangenehmen Rangelei heraus geboxt, als wir die Nacht durchmachten und in einem Park an die falschen Typen geraten waren. Doch Sturmius hatte nichts verlernt. Im Gegenteil. Wortlos erledigte er die Angelegenheit. Hilfe benötigte er nur, als er darauf bestand, die drei angeschlagenen Bürschchen ordentlich wie frisch ausgebuddelte Zuckerrüben, auf der vom Morgentau benetzten Grünfläche abzulegen – exakt der Größe nach! Irgendwie war er pedantisch und sensibler geworden – dieser neue Sturmius von Suppé…

Umso brutaler und gnadenloser traf mich die Nachricht von seinem plötzlichen Tod!

Für mich unfassbar, wie es möglich war, dass diese bratende und backende Urgewalt nicht mehr weiter brutzeln sollte? Wer konnte diesem zähen Strunk derart zugesetzt haben? Der hatte doch stets die Anderen nass gemacht?

Oder war alles gar nicht wahr? Alles nur Küchenlatein? Hatte dieser grandiose Verwandlungskünstler uns alle ein weiteres Mal getäuscht? Vielleicht weil er seine Mission erfüllt sah und vor der lauernden Routine Schiss bekam? Oder wollte er die Welt aufs Neue überraschen? Mit einem Sturmius als Beilage, den es so noch nie gab? Zuzutrauen war ihm das…

Doch als ich dann endlich nach langen, trostlosen Wochen aus meinem Alkoholdelirium auftauchte und wieder zu mir gekommen war, und mir sämtliche Nachrichten über Sturmiusens Tod in der Presse und den sozialen Medien einverleibt, sowie etliche Gespräche in seinem ehemaligen Umfeld geführt hatte, glaubte ich plötzlich im Unterleib zu spüren, dass es da für einen investigativen Journalisten, wie mich, jede Menge aufzuklären gab und ich das meinem Freund schuldig war – soviel Zeit musste sein, wie er zu sagen pflegte, wenn einer seiner Schmorbraten vor sich hin köchelte…

Aber das ist eine andere, noch unglaublichere Geschichte!

KH

Roland Dürre
Mittwoch, der 3. April 2019

Des Ketzers zynischer Reigen durch Gesellschaft und Politik.

Zurzeit radel ich mit Barbara durch den Piemont. Es ist der reine Genuss. Frühling, Bewegung, eine wunderbare Landschaft, großartiges Essen, alles wie im Traum. So kann ich mit Abstand und in Ruhe nachdenken, was mich in letzter Zeit so unter anderem betrübt hat. Dabei ist der folgende Reigen entstanden.

Vor dem Lesen bitte ich zu bedenken, dass Gedanken frei sind. So auch Gedankenexperimente.


Fangen wir mit einem hässlichen Spruch aus der Nazizeit an. Damals haben die Herren des dritten Reiches den Spruch „Arbeit macht frei“ über die Eingangstore mancher KZ’s gemeißelt. Gegen Menschen und Gruppen, die aus nicht beliebt waren, wurde systematisch der Hass geschürt. Diese Menschen wurden von der Obrigkeit – einvernehmlich mit den Untergebenen – misshandelt und industriell gemordet. Wir haben das Geschehene zu Recht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebrandmarkt. Arbeit macht frei – das war damals schlimmster Zynismus.

Heute gilt „Geld macht frei“. Da für die meisten Menschen der Arbeitsplatz die Voraussetzung für ein Einkommen ist, gilt – und das meine ich keinesfalls zynisch – „Arbeitsplatz macht frei“. Denn nur wenn Du einen ordentlich bezahlten Arbeitsplatz hast bist Du ein anerkannter Teil der bürgerlichen Gesellschaft. Daran hängt alles.

Wenn Dein Arbeitsplatz nicht so gut bezahlt ist, dann macht das nichts – dann musst Du Dir halt mehrere davon besorgen. Das geht auch. Du bleibst Teil der Gesellschaft. Wenn Du über zu wenig Einkommen aus Arbeit verfügst, dann wirst Du auch ausgestoßen. Es sei denn, Du verfügst über genug anderes Einkommen, weil Du z.B. ein reicher Erbe bist. Mit genug Geld bist Du auch ohne Arbeitsplatz ein angesehener Bürger. Weil gut bezahlte Arbeitsplätze weniger werden dürften, fordern manche Soziologen ein BGE (Bedingungsloses Grundeinkommen). Damit sollen Menschen ein wenig „freier“, vor allem aber die Konsum-Gesellschaft abgesichert werden.

Die bestbezahlten Arbeitsplätze gibt es in den HORG (Hierarchische ORGanisation). Besonders wenn tariflich stabilisiert und geschützt kann man da in einem goldenen Käfig leben. Wenn Du da nicht in einer HORG arbeiten willst (so wie ich), dann hast Du zwei Möglichkeiten. Du kannst Taglöhner (Tagelöhner) werden oder Unternehmer.

Taglöhner können abhängig, von dem was sie verkaufen können, sehr gut oder auch sehr schlecht verdienen. Wohlklingender werden sie „Freiberufler“ genannt (obwohl sie alles andere als frei sind) und häufig als „Scheinselbstständige“ verfolgt.

Unternehmer zu werden, ist riskant, das kann schiefgehen (wie alles im Leben). Nur dass dann oft nicht nur das Einkommen sondern auch „Omas Häuschen“ weg ist.

Das hat auch der VW-Vorstand Herbert Diess erkannt, obwohl er gar kein Unternehmer sondern eher so eine Art Systemagent der Oberklasse ist. Treffend hat er festgestellt „EBIT macht frei“ – und sich dann gewundert, dass er ob dieses Spruchs heftig kritisiert wurde (wegen des geschichtlichen Zusammenhanges, immerhin hatte VW im dritten Reich ziemlich viel Zwangsarbeiter). Als braver in München geborener Österreicher hat er sich  später wegen seiner „unglücklichen  Wortwahl“ entschuldigt.

Dabei hatte er absolut Recht, denn dem Unternehmer geht es gleich viel besser, wenn  „sein Unternehmen“  jedes Jahr zuverlässig einen schönen EBIT schafft. Leute, glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede.

Das wissen übrigens nicht nur ich und die Vorstände der Autoindustrie – auch in den Pharma-Industrie hat sich das herumgesprochen. Jetzt hat man in der Pharmabranche nicht jedes Jahr ein Produkt wie „Tamiflu“, dass den EBIT allein schon sichert. Auch die Zeit der Blockbuster ist vorbei und ganz allgemein wird das Geschäft der chemischen Gesundheits-Industrie immer schwieriger.

Deswegen tut es gut, wenn Google- und Facebook z.B die Impfgegner von ihren Seiten verbannen. Denn gerade Zwangsimpfungen sind natürlich gute Heilmittel für den EBIT der Hersteller. Und auch die Bundesregierung sich ein Gesetz überlegt, dass die Möglichkeit schafft, Impfungen als allgemeinen Zwang vorzusehen. Wegen den Masern.

Wenn wir schon beim Zwang sind:
Gesellschaftlich sinnvoll bräuchte man gerade im medizinischen Sektor viel mehr Zwangsmaßnahmen. Mir fällt da sofort der Aids-Test ein. Warum muss eigentlich nicht jeder Mensch regelmäßig einen solchen Test machen. Damit er es weiß, wenn er Aids hat und sich verantwortliche verhält. Eine Transparenz im Kampf gegen die Seuche wäre doch auf jeden Fall sinnvoll. Und dem EBIT des Herstellers des Tests täte so ein Gesetz auch gut?

Oder genauso wichtig:
Jeder weiß, dass unser Planet ein großes Problem hat. Er leitet unter zu viel Menschen. Müsste man nicht der Überbevölkerung dringend begegnen? Böte sich da nicht eine Zwangsverhütung an?

So könnten die Regeln aussehen:
Jede Frau hat dafür zu sorgen, dass sie keine (unerlaubten) Kinder bekommen kann. Sei es mit einem der bekannten Verhütungsmittel oder durch Nachweis, dass sie in einer monogamen Beziehung mit einem sterilisierten Mann lebt. Bei Verdacht einer Schwangerschaft ist die Pille danach zu nehmen. Ist die Schwangerschaft bestätigt muss sofort abgetrieben werden. Ein medizinisch ganz einfacher und harmloser Eingriff, den in Deutschland geschätzt jede vierte Frau ein- oder mehrmals durchgeführt hat.

Ausnahmen wären „beantragte und genehmigte“ Kinder. Die Genehmigung muss schon vor der Zeugung eingeholt werden. Sie wird nur erteilt, wenn das Paar (gleich ob hetero- oder homosexuell) belegen kann, dass es dem Kind eine gute soziale Prognose bieten kann? Brave new world lässt grüssen.

Da hat die Bundesregierung noch viel zu tun. China hat das schon hinter sich, denn China musste mit einer bedrohlichen Bevölkerungsexplosion fertig werden. In Indien war das auch ein Thema, da gab es Radioempfänger als Belohnung für eine Sterilisation. Das hat aber nicht so gut funktioniert.

Die Chinesen sind allgemein schon wieder einen Schritt weiter.
China vergibt jetzt social credits an seine Bürger. Negative wie positive, die dann saldiert werden. Der Traum von einem System der „angemessenen Gerechtigkeit“ soll umgesetzt werden, in dem soziales Wohlverhalten belohnt und Fehlverhalten bestraft wird.

Dank „Digitalisierung“ wird ganz einfach.
Fährt einer z.B. öfters mit der U-Bahn schwarz, dann gibt es Strafpunkte. Genauso wie wenn er bei rot über die Ampel geht, sein Auto falsch parkt oder er damit zu schnell fährt. Wenn er einen gewissen negativen Punkte-Stand erreicht, dann wird er aus der gesellschaftlichen Gemeinschaft differenziert ausgeschlossen.

Ist das nicht besser als bei uns?
Hierzulande ist das Schwarzfahren eine Straftat, so landet der Schwarzfahrer früher oder später im Gefängnis. Da das Schwarzparken nur eine Ordnungswidrigkeit ist, kann der Autofahrer das für sein Kavaliersdelikt erhaltene Ticket bedenkenlos auf dem Trottoir entsorgen, ohne ins Gefängnis zu müssen? Angemessene Gerechtigkeit?

In China gibt es ganz viele Reiche und Superreiche – und viele Arme. Bei uns ist die Polarisierung von arm und reich noch nicht ganz so krass.

Das könnte sich bald ändern.
Denn nicht nur in Deutschland heißt gefühlt der 1. Artikel im  Grundgesetz: „Die Wahrung des Besitzstandes ist oberste Priorität!“  Das ist der leitende Wert der Mehrheit der Menschen im Denken und Handeln.

Besitzstandswahrung ist in der BRD das neue gefühlte Grundrecht.
Folgerichtig wird der Schutz von Eigentum ausgebaut. Jeder Art. Ist ja auch logisch, wenn 50% des Kapitals weltweit weniger als 50 Menschen gehören, dann wollen die ja ihre Situation stabilisieren. Und die Macht ist bei denen, die die „Kohle“ haben.

So wird der Urheberschutz aus den letzten Jahrhunderten auch im Internet geregelt. Daten werden zum persönlichen Eigentum erklärt und durch Gesetze geschützt. Mit riesigem Aufwand, den hätte man sich sparen können, wenn man einfach missbräuchliches Verhalten bestrafen würde. 

Ich habe das mit dem Datenschutz nie verstanden. Wie kann ein Mensch überhaupt Daten besitzen? Und wieso gehören die ihm, ganz persönlich? Ich dachte immer, Daten (wie das Wissen) gehören uns allen. Zumindest jedem, der sie weiß.

Was ist das für eine Gesellschaft, in dem das Geburtsdatum ein Geheimnis ist. Klar freue ich mich nicht über mein Alter. Gerne wäre ich jünger. Aber warum darf man nicht wissen, wie alt ich bin? Warum soll meine sexuelle und religiöse Orientierung nicht öffentlich bekannt sein? Wieso hat jeder etwas zu verstecken?

Ich träume von einer transparenten und toleranten Gesellschaft. Gewaltlos. Dann bräuchten wir keine DSVGO, wie wir sie jetzt haben. Und auch keine Update-Filter, die jetzt auch offiziell kommen (inoffiziell haben wir die schon länger).

Das geistige Eigentum muss geschützt werden, weil man damit viel Geld verdienen kann. Ich fühle mich reicher, wenn ich meine Gedanken mit anderen Menschen teilen kann. Urheberrecht-Anspruch stelle ich keinen, allein schon weil meine Gedanken von anderen Menschen inspiriert oder ausgelöst worden sind.

Bei dem, was unsere Regierung treibt, um Eigentum zu manifestieren, gibt es eine Ausnahme. Es geht nicht um die Fremdbestimmung des Bauchs, der den Frauen gehören sollte. Die Regierung will jetzt ein Gesetz machen, dass man einem toten Menschen default-mäßig alle Organe entnehmen kann. D.h. wenn ein Mensch à priori (vor seinem Tod) nicht eine Widerspruchserklärung dazu abgegeben hat oder à posterio ein engster Verwandter der Entnahme begründet widerspricht. So wird das Eigentum an den eigenen Organen geschwächt. Weil Eigentum mit dem Tod eines Menschen erlischt?  Was wäre, wenn ich diese Begründung auf sein sonstiges Eigentum an wende?

Das klingt doch sehr human, wenn man von armen Menschen erzählt, die verzweifelt auf ein Spenderorgan warten. Wie immer geht es vorrangig aber nicht um diese. Es geht ums Geschäft. Das immer mit dem Hinweis auf die Arbeitsplätze gerechtfertigt wird.

Plantationen sind sehr teure medizinische Geschäftsfälle. Und so manche Klinik und deren Aktionäre könnten deutlich mehr verdienen, wenn sie mehr „Spender-Organe“ hätten. Auch für die Pharmazeutische Industrie wäre das gut. Denn Menschen, die erfolgreich transplantiert worden sind, brauchen anschließend ziemlich viel Medikamente, um mit dem fremden Organ weiter leben zu können.

Andere Menschen darf man auch (offiziell) nicht mehr als Eigentum besitzen. Aber auch die Sklaverei wurde nicht aus humanen und ideellen Gründen abgeschafft, sondern vor allem, weil sie sich im Sinne des Erwirtschaften von Profit nicht mehr gelohnt hat.

Jetzt warte ich noch auf eine Verordnung, die das Eigentum an den „eigenen“ Gefühlen schützt. Die ja durch Dritte beschädigt oder verletzt werden können. Ansätze dazu gibt es ja heute schon, ich denke da an die Verletzung von religiösen oder deutsch-nationalen Gefühlen (z.B. durch Missachtung der Fahne). Könnte auch ein Thema für eine Regulierung im Internet sein. Upload-Filter sind hier auch sehr nahe liegend.

Ich bin ich ja richtig froh, dass ich religiöse und nationale Gefühle nicht habe. Dann kann sie keiner verletzen. Andererseits, wenn die Spielvereinigung Unterhaching verliert und mich ein 60iger oder Bayern-Fan damit aufzieht, dann werden schon meine Gefühle verletzt. Und der sollte dann auch dafür bestraft werden.

Das ist eines der Probleme unserer Gesellschaft:
Wie werden die Verstöße gegen Regeln, die jetzt auf uns zu kommen, geahndet? Immer mehr wird verboten und geregelt – es geht ja nicht nur ums Impfen und Kinder kriegen. Der Planet und die Bienen wie auch Europa müssen doch gerettet werden. Und das alles wird ohne schwere Einschränkungen und Solidarität nicht möglich sein. Und freiwillige Solidarität kostet und gibt es deshalb bestimmt nicht umsonst.

Da geht es nicht an, wenn man politisch die falsche Meinung vertritt und zum Beispiel gegen ein Europa ist, dass von Nationalstaaten dominiert wird und das von einer mächtigen eigenen Armee mit Flugzeugträgern träumt. Genauso müssen Verstösse  gegen die Umwelt sanktioniert werden, um die Klimakatastrophe zu stoppen.

So schließt sich der Kreis. Man sollte schon einen guten Job oder viel Kohle haben, um die ganzen fälligen Bussgelder und Geldstrafen bezahlen zu können.

RMD

P.S.
Gerade habe ich gelesen, dass die Bayerische Landesausstellung in „Stadtluft befreit“ umbenannt wird. Die Veranstalter zogen den Titel „Stadtluft macht frei“ für die Landesausstellung 2020 in Aichach und Friedberg zurück. Charlotte Knobloch hatte kritisiert, der Titel tue weh und „vergifte Menschen“.

Grund dafür war, dass dieser Slogan  Gefühle verletzt hat. Wenn Gefühle ein schützenwertes Eigentum sind (weil verletzbar), dann brauchen wir in aktueller Politdenke dringend eine GSGVO (Gefühlschutzgrundverordnung) natürlich auch im Internet. Und wenn wir eh schon Upload-Filter haben, dann könnten die ja auch gleich mal alles, was Gefühle verletzen könnte, aussperren. Also Stadtluft macht frei. Oder „Haching ist ein Scheissverein“.

„Stadtluft macht frei“ empfinde ich als eine ganz wichtige Metapher. Denn der soziale, politische, kulturelle wie auch sonstige Fortschritt in Europa hat in den Städten und durch ihre Vernetzung stattgefunden.

Wachstum, Inflation, Reisen und Zukunft.

Vor einiger Zeit höre ich in den Nachrichten, dass die Bundesregierung ihre Prognose für 2019 gesenkt hat. Auf 1 %. Ist das gut oder schlecht?

Beim schlauen dozieren …

Zuerst stell ich mir die Frage, ob die Schätzung nominell oder real ist. Mit real meine ich unter Einberechnung der Inflastionsrate. Wenn sie nominell ist, würde das bedeuten, dass wir gar kein oder sogar ein negatives Wachstum hätten. Denn sogar offiziell wird die Inflationsrate für 2019 mit 1,8 % geschätzt. Das ist mehr als das vorhergesagte Wachstum.

Und gefühlt meine ich, dass wir mehr als diese 1,8 % „offizielle Inflation“ haben. Ich muss mir nur die Kostensteigerung bei den Semmeln vom Bäcker anschauen. Oder die Entwicklung der Friedhofskosten für die Mutter. Oder die Mieten allgemein. Das Briefporto soll auch teuerer werden – wie der öffentliche Verkehr. Briefporto ist ein gutes Beispiel: Nach den alten Regeln hätte die Deutsche Post das Porto um 4,8 Prozent erhöhen dürfen. Das entspräche einer Verteuerung von 70 auf 73 Cent für einen Standardbrief. Jetzt wird auf eine Erhöhung von 85 bis 90 Cent für einen Standardbrief spekuliert. Vergessen wir also die 1,8 %.

So gesehen, haben wir eher ein negatives Wachstum. Und ich empfinde das ais eine gute Nachricht. Ich bin mir sicher, dass weniger mehr ist. Wenn es immer mehr Wachstum gibt, dann wird mehr geflogen, größere Autos gekauft.

Ich betrachte mein eigenes Leben. Und schon fällt mir auf, dass ich nicht nur viel zu viel konsumiert aber auch viel zu viel geflogen, Auto gefahren und auch Schiff gefahren bin. Ich versuche das zu reduzieren.

Das Autofahren habe ich überwiegend eingestellt. Und so richtig leicht fällt mir das nicht. Denn das Reisen ist schon sehr schön und auch sehr wichtig. Man lernt viel dabei.

Aber sogar Fahrradtouren sind aufwändig. Die Highlichts meiner Radtouren waren zweifelsfrei Kreta, Zypern, Tunesien, Marokko und Kuba. Dazu braucht man in der Regel einen Flug.

Deutschland, Österreich und Italien sind auch schöne Radel-Ziele. Das geht auch mit dem Zug, allerdings wird da das Angebot immer schlechter. So nimmt der Nachtzug nach Rom seit ein paar Jahren keine Fahrräder mehr mit.

Ich bin aber auch viel Kreuzschifffahrten gefahren. Meine letzte Reise ging in die Karibik, da habe ich unheimlich viel Neues erlebt und kennen gelernt. Genauso ging es mir in der Antarktis, in der Südsee, in Asien oder in Mittelamerika.

Kreuzschifffahrten werden zur Zeit ja richtig runtergemacht. Das verstehe ich auch. Und kriege ein wenig ein schlechtes Gewissen.

Insel-Hopping im Mittelmeer ist für auch etwas sehr Schönes. Man findet da viel von der Kultur, die wir ja ein wenig geerbt haben. Macht schöne Wanderungen. Und besucht alle paar Tage eine neue Insel.

Wären da nicht die Fähren. Die riesengroß oder rattenschnell sind. Aber alle Autos transportieren. So dass dann auch die kleinste Insel in der Saison an Autos ersäuft. Und die Schiffe dürften im übrigen mehr Öl verbrennen dürften als die träge herumbummelnden Kreuzfahrtschiffe.

Reisen hat aber noch einen zweiten Nachteil. An meinen Reisetagen brauche ich eine Unterkunft. Weil ich meistens nicht im Zelt schlafe. Parallel dazu habe ich dann daheim ein paar ungenützte Räume und nutze Räume im Gastland. Da gab es mal eine gute Idee: airbnb. Der einfache Gedanke war, dass man die eigenen Räume anderen Reisenden zur Verfügung stellt, wenn man selber unterwegs ist. Genial! Nur die Realität funktioniert halt auch nicht so, sehr zum Kummer mancher Stadtväter.

Ich bemühe mich jetzt, weniger zu fliegen. Und zu Radtouren mit dem Regionalzug zu fahren. Aber ganz auf andere Länder und Kulturen will ich nicht verzichten. So werde ich mir im Sommer einen langgehegten Wunsch erfüllen. Und mit der Eisenbahn ab Moskau nach Peking fahren und dort meinen Sohn besuchen. Leider gibt es keine gute Verbindungen per Eisenbahn von Bayern nach Moskau mehr. D.h. die lange Eisenbahnreise beginnt mit einem Flug nach Moskau. Und von Peking zurück ist es natürlich auch am einfachsten mit dem Flieger.

Wenn ich auf die Reisen verzichte, spare ich viel Geld. Das Geld müsste ich verbrennen, damit es nicht mehr schadet. Denn, wenn ich es herschenke, was machen dann die Beschenkten? Wahrscheinlich steigen sie in den Flieger und Urlaub in der Sonne. Weil es Spaß macht und eigentlich recht billig ist.

Was ist zu tun? Ich meine, dass die Staaten unseres Planeten die Aufgabe haben, das zu steuern, was allen Menschen schadet. Das geht in unserem System des Konsumismus nur über den Preis. Also muss man die Steuer auf Energie und besonders Kerosin hochsetzen! Dass so eine Massnahme das Wachstum reduziert, ist doch auch kein Nachteil sondern wünschenswert.

Jetzt wird mancher sagen, dass das nicht gerecht ist. Weil es die Reichen weniger betrifft als die Armen. Nur, muss wirklich jeder einen SUV fahren und in die DomRep fliegen?

RMD

Roland Dürre
Mittwoch, der 20. März 2019

Das digitale Auto der Zukunft (extrapoliert)

So leben wir 1975 – Hobby Titelblatt November 1955

Die Extrapolation ist ein Verfahren zur Ausdehnung von Aussagen über ihre eigentlichen Gültigkeitsbereiche. Meistens setzt die Extrapolation eine Interpolation voraus.

Schon in der Mathematik ist das nicht einfach. Jetzt versuche ich mich mit einer sanften Zukunftsprognose. Die unser zukünftiges Leben mit Mobilität betrifft. Nicht mit Hilfe von Mathematik sondern nur durch logisch-zynisches Denken.

Dazu stelle mir vor, wie die digitalen Landfahrzeuge, auch selbstfahrende Kraftfahrzeuge genannt, in Zukunft ausschauen könnten?

Wie immer beginne ich mit Wikipedia. Da finden wir aktuell folgenden Beschreibung:

 


Als selbstfahrendes Kraftfahrzeug (manchmal auch autonomes Landfahrzeug) bezeichnet man ein Auto oder anderes Kraftfahrzeug, das ohne Einfluss eines menschlichen Fahrers fahren, steuern und einparken kann (Hochautomatisiertes Fahren bzw. Autonomes Fahren).


 

Ja, wenn es so einfach wäre. Ursprünglich habe mir vorgestellt, dass – wenn ich mir ein selbstfahrendes Auto bestelle – mich dann ein Fahrzeug abholen kommt, das eher einem Auto-Scooter ähnelt. So wie wir es als Kinder auf dem Volksfest gefahren sind. Und ich hopse rein, das Auto bringt mich an mein Ziel und fertig.

Dann habe ich aber fleißig Zeitung gelesen (wie den Teil Mobilität in der Wochenendausgabe der SZ) und gelernt, dass so ein Auto viel mehr können muss.

  • Es ist voll digital. Ich kann also alles machen wie daheim im WLAN.
    Das macht besonders dann Freude, wenn wir – das Auto und ich – im Stau stehen. Dann kann ich meine ganze Arbeit vom Auto aus machen – wie in meinem Home Office – und muss eigentlich gar nicht mehr zur Arbeit fahren.
  • Wahrscheinlich soll das Auto auch fliegen können.
    Das muss es ja allein schon wegen den vielen Staus. Und weil ich ja den direkten Weg nehmen will. Ohne den Zickzack der Straßen ausgeliefert zu sein. Flugtaxis sind ja zurzeit sehr in Mode.
  • Auf längeren Strecken will man sich im Auto dann auch ausschlafen können. Wenn die Fahrt z.B. über Nacht von München nach Hamburg geht. Eigentlich möchte ich von München nach Westerland fahren. Nur komme ich im Schlaf so kaum nach Sylt. Denn da gibt es den Hindenburg-Damm mit der ollen Eisenbahn. Wieder ein Hindernis für das Zukunftsauto. Was natürlich für das fliegende Auto kein Problem wäre, das würde ja einfach drüberfliegen.
    Das Problem fängt damit an, dass ich dann für mich (und meine Begleitung) einen Sitz brauche, der so in etwa der Business Class oder Firstclass im Flieger entspricht. Das heißt, es darf kein City-Scooter sein, sondern eher so eine Art Wohnmobil. Wenn ich aber so ein Auto habe, dann brauche ich ja gar kein Hotel mehr. Der dann notwendige Parkplatz muss dann ja auch gar nicht beim Ziel sein. Da bringt mich das Auto ja dann am nächsten morgen hin. Und fliegt dann weg – und kommt wieder, wenn ich zurück nach München will. Die Digitalisierung soll das alles möglich machen

 

Kommt ein Auto geflogen … Hobby Titelblatt August 1956

Ich brauche also so eine Art Drohne um einen VW-Bus herum. Dieses neue Wunderfahrzeug soll ja auch gar nicht mehr mein Eigentum sein.

Wir haben ja „shared economy“. So kann ich mir – ob es der Stadt-Scooter oder das Wohnmobil ist – das Fahrzeug einfach per Klick ordern. Das kommt dann, ordentlich geputzt und für die Fahrt vorbereitet. Ganz gleich, ob es zum Café um die Ecke oder in die Ferne geht. Und ich steige ein und ab gehts.

Was für eine schöne neue Welt!

Die wird aber eher etwas für die ganz Reichen sein. Also für die, die früher Adelige und Bischöfe waren. Die früher eben die Kutschen und Pferde hatten. Und auch die Kutscher. Die beim einfachen Volk nicht so beliebt waren. Weil sie in den engen Gassen der Städte das Recht der „feien Fahrt“ mit der Peitsche durchsetzen.

Die „normalen Menschen werden in Zukunft mit „people mover“ (das was man früher ÖPNV bezeichnet hat) von zentralen Punkten zu zentralen Punkten verfrachtet. Und müssen dann den Rest zu Fuß gehen oder diese Wege mit elektrischen Rollern, Skateboards und was es noch für Mobilitäts-Spielzeuge geben wird zurücklegen. Sofern das Bundesverkehrsminister da eine vernünftige Regelung findet. So sieht es ja derzeit  nicht aus.

Und treffe dann einen jungen SW-Ingenieur. Der ist zu BMW gegangen, weil die Programmierung eines selbstfahrenden Landfahrzeuges angeblich eine der wenigen wirklichen Herausforderungen ist, die es für einen Informatiker heute noch gibt. Und der glaubt genauso wie viele Analysten und Entscheider an das selbst fahrende Auto.

Ich habe Zweifel an der schönen neuen Welt der Zukunft. Aus ganz banalen Gründen. So glaube ich, dass wir in einem Zeitalter von Klima-Veränderung, Verarmung, Zerfall der Infrastrukturen und sozialer Probleme ganz andere Sorgen haben werden. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Menschen, die in prekären Situationen leben, das so toll finden werden, wenn die Reichen von Luxus-Sänften durch die Gegend geschaukelt werden.

Angeblich soll hat ja eine Universität im Gebiet der ehemaligen DDR schon autonom fahrende Fahrräder konstruiert haben. Auf der Basis von Dreirädern (weil das autonom fahrende Zweirad wohl zu schwierig ist).

Und lobe mir die gute alte individuelle Mobilität auf zwei Rädern. Gerne auch mit dem e-Bike (womit wir dann wieder bei Motorisierter individuelle Mobilität MIV wären). Aber vernünftig motorisiert mit wirklicher Freude am Fahren.

RMD

Klaus Hnilica
Samstag, der 16. März 2019

Teneriffa und seine diebischen Elstern

Carl und Gerlinde (Folge 61)

Also ehrlich –  jedem normalen Menschen bereitet es doch ein diebisches Vergnügen, wenn er endlich einmal ohne jede Hemmung schadenfroh sein darf. Bei Carl ist das jedenfalls so!

Und ganz besonders kann er diese Schadenfreude genießen, wenn es um Teneriffa geht. Jene Insel, auf die sich Gerlinde vor etlichen Jahren für ein paar Wochen zurückgezogen hatte, als sie in einem Anfall geistiger Umnachtung meinte, sie müsse sich von ihm trennen. Doch welche klarsichtige Frau trennt sich schon von einem wie Carl?

Keine – meint jedenfalls Carl.

Und Gerlinde tat dies letztlich ja auch nicht wirklich! Denn sobald sie eingesehen hatte, welche grandiosen Vorzüge dieses Wunderwerk von einem Mann hatte, kuschelte sich auch wieder erstaunlich zügig zu ihm zurück.

Natürlich war er froh gewesen, als sie wieder bei ihm war: schließlich hatten sie sich doch all die Jahre blendend verstanden. Und er hatte bis heute nicht begriffen, warum sie diese Auszeit damals haben musste – und auch noch ausgerechnet auf dieser blöden Insel Teneriffa! Die er noch nie leiden konnte. Und auf die er nie und nimmer jemals  fliegen wollte.

Und auf der er nun doch wieder mit Gerlinde – des lieben Friedens willen – gelandet war. Genau wie diese sieben Millionen anderen Touristen, die Jahr für Jahr hier aufkreuzten. Und alt waren, dick waren, aus England kamen und Deutschland und Frankreich und – wer hätte das für möglich gehalten – auch aus Russland…

Und dieses „Barceló“ in Puerto Santiago mit seinen vier Sternen war ja kein schlechtes Hotel, das musste Carl schon zugeben. Auch wenn er sich das nur widerwillig eingestand: dieser Hotelbau lag ja wirklich so malerisch wie ein Kreuzfahrtschiff an der schwarzen Lavaküste, dass man glaubte, es würde jeden Moment in See stechen. Direkt hinein in den Atlantik, vorbei an San Sebastian, der Hauptstadt von Gomera, wie einst Christoph Columbus, der dann auch, wie Carl und Gerlinde, Tag und Nacht nur mehr das blaue Meer vor der Nase hatte – und die steife Prise vom Westen her.

Zugegeben, die traumhafte Promenade an dem kleinen Fischerhafen vorbei, war auch nicht übel in diesem Städtchen Puerto Santiago und das trotz der vielen üblen Bausünden entlang dieser Promenade, bis weit ins Hinterland hinein, ja selbst noch die schwarzen Vulkanhänge hoch.

Lustig war der einsame Taucher, angekettet an ein Stahlgeländer! Wahrscheinlich um ihn vor Dieben zu schützen und dem kräftigen Kalima, der stetig von Afrika herüber wehte. In seiner Brusttasche staken Prospekte einer Taucherschule, doch seine beiden Arme hingen erstaunlich freudlos nach unten. Und obwohl die linke Hand vermutlich ein frustrierter Terrier schon weg gebissen hatte, zeigte seine rechte Hand in rotem Handschuh, weiter tapfer in den dreißig Meter tiefen Abgrund eines schwarzen Barancos, der unmittelbar hinter ihm in das nahe Meer mündete, dessen mächtige Wellen seit Millionen von Jahren Tag und Nacht an der schwarze Lavaküste hochschnellten und an ihr nagten.

Links hinter dem Taucher blickte man auf den neu errichteten prächtigen Festplatz der Stadt, der weit ins Meer hinausragte und an dessen Beginn die Statue eines verdienten Spaniers stand, umgeben von Guanchen, denen seinerseits die Spanier kräftig zugesetzt und im Namen des Christentums ganze Arbeit geleistet hatten: außer Spuren in den Genen der heutigen Bevölkerung war von ihnen nichts mehr übrig geblieben.

Carl und Gerlinde schlenderten fast jeden zweiten Tag an dem Festplatz vorbei, in Richtung Arena, genossen den prächtigen Blick aufs Meer und steuerten regelmäßig eines der typischen Lokale an, um bei Cortado und Aqua con Gas gemütlich das muntere Treiben auf den kleinen Stränden zu beobachten.

Donnerstags auch! Nur blies der Kalima noch stärker als die Tage zu vor, so dass sie mittags, als sie wieder weiter schlenderten, quasi in eine permanente Geräuschglocke gehüllt waren. Unzählige Touristen waren auf den breiten Gehsteigen unterwegs und praktisch jedes Lokal entlang der Straße war fest in Händen halb nackter sonnenverbrannter alter Männer, die zumeist schweigend mit ihren weißhaarigen Frauen hinter riesigen Biergläsern hockten, doch wenn sie etwas sagten, klang das Englisch, sehr selten Deutsch und nie Spanisch..

Als Carl dann fast schon beängstigend gut gelaunt mit Gerlinde zurück ging, um im Paraiso del Sol, die übliche Portion gegrillter Sardinen mit reichlich Roséwein einzuwerfen, hatte er plötzlich im Rauschen des Kalimas das Gefühl, dass irgend etwas an ihm kurz vibrierte. Das Handy in der Brusttasche war’s nicht. Nach der zweiten Vibration wusste er, dass es hinten vom Rucksack kam. Er drehte sich blitzschnell um und streifte sogar noch eine der beiden dunkel gekleideten schwarzhaarigen Frauen, die viel zu dicht an ihm waren, aber keinerlei Verwunderung zeigten, sondern unbeirrt weitergingen. Irritiert stand er plötzlich alleine da, nahm sich den Rucksack vom Rücken und starrte ungläubig auf die zwei weit geöffneten Fächer seines Rucksacks mit den Schals, Mützen, der Wasserflasche, den Brillenetuis und der Haarbürste. Geschockt rief er Gerlinde zu, die ein paar Schritte voraus war und nichts bemerkt hatte, dass die beiden Frauen vor ihr – vermutlich Romas – ihn beklauen wollten, aber wohl nichts Interessantes in seinem Rucksack gefunden hatten.

Noch während Carl das rief, spürte er neben einer lähmenden Hilflosigkeit eine rasende Wut in sich hochsteigen und wär am liebsten gleich über diese beiden Taschendiebinnen hergefallen. Aber die ließen sich selbst durch seine Rufe zu Gerlinde nicht aus der Ruhe bringen, sondern taten so als ginge sie das Ganze überhaupt nichts an. Ja sie stellten sich sogar noch zu dem angeketteten Taucher, nahmen ihm ein Prospekt aus der Brusttasche und studierten es zusammen höchst interessiert.

Carl fühlte, dass er da auch hin musste mit seinem offen stehenden Rucksack und war mit wenigen Schritten da. Sein Studium des Prospektes bestand jedoch darin, dass er die beiden dunklen Elstern ununterbrochen fixierte, was diese aber nicht im Geringsten zu stören schien.

Plötzlich stand Gerlinde neben ihm und sagte, „Carl du ich geh jetzt in den Laden dort drüben und kauf mir die Schuhe, die wir uns gestern zusammen angeschaut haben“.

„Okay“, sagte Carl  apathisch, ohne zu wissen was Gerlinde meinte und starrte weiter auf die beiden schwarzen Gespenster vor ihm..

„Aber ich brauch dazu Geld von dir, ich hab keines dabei. Du hast es doch sicher wie üblich da vorne in der Rucksacktasche, oder?“

Noch ehe Carl reagieren konnte, hob sie seinen Rucksack hoch, den Carl am Arm hängen hatte und zauberte aus dem dritten kleinen Rucksachfach, das die beiden Biester nicht geöffnet hatten und in dem nur Aspirin und ein paar andere Medikamente waren, vier 50 Euroscheine heraus und entschwand ohne ein weiteres Wort auf die andere Straßenseite.

Plötzlich hatte Carl doch den Eindruck, dass die mühsam aufrecht erhaltene Fassade der beiden schwarzen Unglücksbringerinnen jäh verfiel: ruckartig stopften sie den Prospekt so energisch in die Brusttasche des Tauchers zurück, dass dieser trotz Befestigung beinahe umstürzte und eilten davon. Je weiter sie weg waren, umso heftiger gifteten sie sich gegenseitig an, schien es Carl, so als machten sie sich gegenseitig  Vorwürfe, gerade eine riesige Chance dilettantisch vertan zu haben.

Und Carl wurde nicht nur schlagartig klar, warum er an seiner frechen Gerlinde gar  so einen Narren gefressen hatte, sondern spürte vor allem die herzerwärmende Kraft berechtigter Schadenfreude in sich hochsteigen…

K.H.

PS:
In  Folge 21 (XXI)
Hinter Sonnenbrillen vor Gomera
genießt Gerlinde ihre Auszeit auf Teneriffa!

(Hinweis der „Redaktion“ zum Suchen: Die frühen „Carl & Gerlinde“ – Geschichten waren mit lateinischen Ziffern numeriert).

Im letzten Artikel habe ich über die drei Begriffe FREIHEIT, LIEBE und MACHT nachgedacht.

Als ich noch mächtig war 😉

Quasi als Fortsetzung zu diesen Überlegungen beschäftigt mich heute die Frage:

Wie ist das mit den Unternehmen und allgemein der Gesellschaft und der MACHT?

Die MACHT spielt auch im Kontext mit Bewegungen wie  #newwork, „demokratisches Unternehmen“ und intrinsify.me eine wesentliche Rolle. MACHT bestimmt nicht nur in Unternehmen, sondern auch das politische System, das unsere soziales Zusammenleben als Staaten organisieren will.

MACHT gehörte immer wie selbstverständlich den Männern. Bei uns immer noch den alten weißen Männer. Frauen waren und sind es wohl immer noch außen vor, es sei denn sie gebärden sich wie Männer. Und die Kinder werden klein gemacht, wenn sie sich zu Wort melden – weil sie sich um ihre Zukunft sorgen.

Die MACHT ist relevant in Kirchen, Vereinen, Familien und Beziehungen, also sozialen Systemen aller Art. Da sieht es auch nicht anders aus. Es geht immer darum, wer an der MACHT ist und wer nicht.Wer die MACHT hat, dem geht es besser.

Gestern

Seit der Antike gibt es in unserem Kulturkreis eine herrschende Schicht, die die Macht hat. Im Mittelalter hatten wir Feudalismus und Prekariat. Schon in Griechenland gab es Bürger und Sklaven. Bei uns im Mittelalter gab es Herren (Grundbesitzer, Adel, Kirchenfürsten), ein paar freie Bürger und Leibeigene (die Leibeigenschaft ist eine auch eine Art von Sklaverei). Die Leibeigenschaft war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas auf dem Land – sprich dort wo die wichtigen Lebensmittel hergestellt wurden – ganz normal. Stadtluft mach frei – so fing die Eigengehörigkeit in den Städten an. Und dann kam die Revolution und die Aufklärung mit ihren nationalen Kriegen.

Wie ging es weiter?

Heute

Heute gibt es eine Mittelschicht. Noch? Die hängt zwischen den ganz Reichen und den Armen. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Mittelschicht scheint zu verschwinden.

Morgen

Da vermute ich, dass es dann wenige und sehr Reiche geben wird. Die ganz große Mehrweit wird Teil des Prekariat. Wir schlagen nach:

 


Pre·ka·ri·at
/prekaˈri̯aːt,Prekariát/
Substantiv, Neutrum [das] Politik • Soziologie

Bevölkerungsteil, der, besonders aufgrund von anhaltender Arbeitslosigkeit und fehlender sozialer Absicherung, in Armut lebt oder von Armut bedroht ist und nur geringe Aufstiegschancen hat.


 

Das Fremdwort Prekariat kann man sich über prekär gut merken. Die Angehörigen des Prekariats werden in „prekären“ Lebensverhältnissen leben. Auch da schauen wir wieder nach, was heißt prekär?

 

pre·kär
Adjektiv
bildungssprachlich

  1. so beschaffen, dass es schwierig ist, richtige Maßnahmen, Entscheidungen zu treffen, dass man nicht weiß, wie man aus einer schwierigen Lage herauskommen kann
  2. eine prekäre [wirtschaftliche, finanzielle] Situation“

 

Die Prekären werden ziemlich rechtlos sein, beherrscht von einer Oligarchie aus Parteien und Verbänden. Als Folge von Klimakatastrophe, Zerfall der Infrastruktur und ähnlichem werden die Menschen im Prekariat die ganz große Mehrheit sein. Gelenkt wird sie durch die Religion des Konsumismus. So könnte eine neue Sklaverei entstehen, die aber nicht mehr auf Fremdgehörigkeit fusst, sondern sie wird durch Überwachung und Manipulation in Abhängigkeit gehalten. Diese große Mehrheit dürfte von einer kleinen Schicht eines pseudo-demokratischem Feudalismus beherrscht werden.

Ein kurzes Jahrhundert haben wir geglaubt, dass die Demokratie die „Bürger“ zum „Souverän“, also den Mächtigen gemacht hat. Wir stellen jetzt überrascht (?) fest. dass dies eine Illusion war.

Wir können jetzt nur hoffen, dass es auch in Zukunft noch für Brot und Spiele reichen wird.

RMD