Hier das rohe Manuskript von meinem Vortrag in Nürnberg am 17. Januar 2011 an der VWA-Nürnberg (Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Nürnberg) im Rahmen der Vorlesung Organisation und Führungslehre III von Prof. Dr. Alfons Madeja.

Dieser Vortrag verkettet Begriffe, die für Unternehmer oder Führungskräfte von Bedeutung sein sollten. Ich starte mit dem Wort UNTERNEHMEN. Stellen Sie sich bitte kurz mal vor, was Sie (im Sprachspiel der Betriebswirtschaft) mit dem „Unternehmen“ assozieren.

Da finden wir völlig unterschiedliche Vorstellungen. Man kann an einen großen Konzern wie Siemens denken, aber auch eine Behörde wie die BA (Bundesagentur für Arbeit) oder das Max-Planck-Institut. Aber auch an einen Tante-Emma-Laden, einen Malermeister oder ein Architekturbüro. Oder an Google oder Facebook.

Wie soll es auch anders sein? Auch beim Begriff „Tisch“, der ja viel konkreter als „Unternehmen“ ist, hat jeder einen anderen Tisch vor Augen: Der eine denkt an einen mit drei oder vier Beinen, der andere an einen runden, ovalen oder rechteckigen, aus Holz oder Metall, mit Glasplatte, einen hohen für die Küche oder einen niedrigen fürs Sofa und so weiter.

KOMMUNIKATION ist nicht einfach. Schon bei trivialen Begriffen haben wir völlig unterschiedliche Vorstellungen.

Als  nächstes stelle ich die Frage:

Mit was lässt sich ein Unternehmen am ehesten vergleichen?

Mit einer Maschine, die Input erhält und ganz determiniert Output generiert? Die von Managern in Richtung Umsatz-  und/oder Ertrag optimiert wird? Die nur zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Stellschrauben drehen müssen?
oder
Mit einem biologisches Wesen, dass gehegt und gepflegt werden muss. Vergleichbar mit einem Fischschwarm oder einem Baum? Ein Wesen, das kommt und geht?

Ich erinnere mich an den leider schon verstorbenen Kirchenmann und Unternehmer Augustinus Heinrich Graf Henckel von Donnersmarck. Er gilt neben Rupert Lay als der Nestor für „Wirtschaftsethik“. Augustinus war ein Mönch im Prämonstratenser-Orden, der seinen eigenen Ehrenplatz im Kölner Dom hatte, neben seiner Arbeit als Seelsorger Direktor des Katholisches Institut für Arbeit war und eine Unternehmensberatung gründete und führte. Ich habe ihn öfters erlebt, einmal hat er sich in einem Vortrag als Lobbyist des ältesten Unternehmen der Welt vorgestellt. Damit bezog er sich auf die katholische Kirche, die vor 2000 und ein paar Jahren gegründet wurde und die er als das erfolgreichste Unternehmen der Welt bezeichnete.

Ich kenne ein anderes sehr altes Unternehmen. Es ist die 
Berenbergbank aus Hamburg. Sie präsentiert in ihrem Unternehmensorospekt, lückenlos und voller Stolz die Porträts aller ihrer Geschäftsführer beginnend mit dem 16. Jahrhundert. Aber so alte Firmen sind die absolut seltenen Ausnahmen.

Man sieht:

Jedes Unternehmen hat einen Anfang. Die meisten haben auch ein Ende. Das heißt in der Regel haben Unternehmen ein begrenztes Leben, ganz wie biologische Lebewesen.

In Fürth fällt mir Quelle ein. Mit ihr sind wir im Deutschland der 50iger und 60iger Jahre groß geworden. Schickedanz gründete das Versandhaus Quelle 1927 und orientierte sich dabei an der amerikanischen Idee des Versandhandels. Das war vor 83 Jahren. Jetzt ist die Quelle verschwunden, obwohl sie für eine lange Zeit für viele Menschen sehr wichtig war.

Zumindest beim Namen war Schickedanz phantasievoller als Neckermann. Neckermann – der Gründer hat einfach seinen eigenen Namen fürs Unternehmen gewählt – gibt es auch schon lange nicht mehr.

Viele Unternehmen haben nur ein ganz kurzes Leben. Von 10 überleben wohl nur 3 das erste Jahr. Viele Weggefährten der InterFace AG haben in den letzten 30 Jahren aufgegeben. Und es geht weiter. Momentan werden die letzten der in den 80iger Jahre gegründeten Unternehmen aufgegeben oder verkauft. Es wird Kasse gemacht, wie es so schön heißt.

Unternehmen haben 
Jahresringe, auch die InterFace AG. Es gibt oft eine wechselhafte Geschichte, mit viel Veränderung und Wandel. Auch die Art und Weise, wie es sich am Markt differenzieren, ist sehr unterschiedlich. Gerade für Dienstleistungsunternehmen wie der InterFace ist dies wichtig, denn es ist heute schwer, sich von Konkurrenten nur mit fachlichen Können abzuheben. Bei einem Programmierer wird heute die Beherrschung seiner Programmiersprache als selbstverständlich vorausgesetzt. Also muss man sich anders differenzieren.

InterFace ist als als typische Gründerfirma
 gestartet. Geprägt von den Gründern, getragen von deren Beziehungsnetzwerk und Ideen. Als Gründerfirma ist es einfach, sich am Markt von anderen Unternehmen abzuheben. Der Gründerbonus hält aber nicht lange. Weitere Menschen kamen dazu, das Image des Unternehmens am Markt wandelt sich. Wir entwickelten uns vom Gründerunternehmen zu einem Unternehmen mit einer besonderen technischen Kompetenz (Dokumentgenerierung auf UNIX). Auch das war ein guter Weg, sich am Markt zu differenzieren.

Aber auch das war vergänglich. Ein paar Jahre später wandelte sich die InterFace zu einem Unternehmen, das ein besonderes Image (Label und Logo) am Markt entfalten konnte (die UNIX und CLOU/HIT-Company mit dem Gesicht im Logo). Aber auch so etwas hält nur eine Zeit lang. In den letzten Jahren sind wir zum arrivierten Dienstleistungsunternehmen geworden. Dann hat man nur noch die Möglichkeit, sich über die Unternehmenskultur am Markt zu differenzieren

. Und wenn keine besondere Entwicklung eintritt, wird das auch so bleiben.

Die Entwicklung der InterFace ist typisch für Dienstleistungsfirmen. Die Unternehmenskultur gewinnt immer mehr Bedeutung. KULTUR hat mit WISSEN und WERTE zu tun. Das sind Begriffe, die mit „Mensch sein“ zusammen hängen.

Was also ist der Mensch?

Ich weiß es nicht. Wenn man nicht weiß, was etwas ist, dann lohnt sich die Frage, 

woher es kommt. Also:

Woher kommt der Mensch?

Den einfachen 

Kreationismus als Erklärung für die Existenz des Menschen möchte ich ausschließen. So bleibt nur die Evolutionstheorie als Erklärung für die Entwicklung des Menschen. Das ist der Stand der Wissenschaft

. Die Evolutionstheorie wird auf Darwin zurückgeführt. 2009 hätte Darwin seinen 200sten Geburtstag gefeiert, deshalb wurde 2009

 als das Jahr Darwins bezeichnet. Darwin hat seine ersten Schriften zur Evolutionstheorie erst im Alter über 40 verfasst, das bedeutet, dass das evolutionäre Weltbild erst vor 150 Jahren entstanden ist. Das erklärt, warum wir immer noch und immer wieder einem veralteten Menschenbild folgen.

Im Zeitraffer habe ich die Geschichte der Entwicklung des Menschen aus der Gattung der „Menschenartigen“ erzählt: 

Der Wechsel zum aufrechten Gang entwickelte sich vor knapp 10 Millionen Jahren. Damit ging alles los. Erklärungen, warum der Mensch zum aufrechten Gang gefunden hat, gibt es zwei verschiedene. Die Menschenartigen hatten einen hohen Eiweißbedarf

.

Da in Afrika aufgrund einer Umweltkatastrophe der Dschungel verschwand, bekamen die Menschenartigen Probleme mit der Nahrungsversorgung. Heute vermutet die Wissenschaft, dass sich der aufrechte Gang in der Savanne (als Aas-Sucher im hohen Gras) oder in flachen Gewässern auf der Suche nach Eiweiß im Wasser ergeben hat. So gesehen können Umweltkatastrophen auch ihr Gutes (?) haben. Ohne diese Umweltkatastrophe hätte es vielleicht keinen Mensch gegeben.

Mit dem aufrechten Gang waren die 

Hände plötzlich ohne Beschäftigung, denn zum Laufen und Klettern brauchten die Affenartigen sie ja nicht mehr. Und 

was macht man mit seinen Händen, wenn man nichts zu tun hat? Man kommt auf „dumme Gedanken“

 und fängt an Dinge zu bauen, vielleicht Werkzeuge. So 

könnte sich Intelligenz Schritt für Schritt entwickelt haben:

Abbildungen (

> 20.000 Jahre ?),
Sprache (entstanden beim Jagen im Team – nur möglich aufgrund der zufällig vorhandenen Kehlkopfklappe) und Geschichten

 (> 10.000 – 20.000 Jahre ?)


 und
letztendlich die Schrift (

> 5.000 Jahre ?), zuerst als Hilfsmittel für Handel und Tausch, später zur schriftlichen Überlieferung der durch Erzählung weitergegebenen Geschichten an die Nachwelt.

Interessant ist auch, dass sich gerade heute aufgrund der Fortschritte in der Molekularbiologie das Wissen über die Evolution des Menschen enorm vermehrt hat. Übrigens auch in vielen anderen Disziplinen wie in der Astrophysik. Hier schaffen die Satelliten, die ins All hinein horchen, ganz neue Datenquantitäten und -qualitäten, wie man sie von der Erde aus nicht gewinnen konnte. Und die modernen Erkenntnisse zeigen, dass es die Entwicklung des Menschen viel schneller stattgefunden hat, als man vor kurzem noch glaubte. Im Verhältnis zur Existenz unseres Universums in einem extrem kurzem Zeitraum.

Irgendwie drängt sich der Gedanke auf, dass es mit dem edlen, quasi Gott ähnlichen Mensch sein eben doch nicht so weit her ist: Wir sind halt – vornehm gesagt – Abkömmlinge von Menschenartigen oder – primitiv formuliert – intelligent gewordene Affen.

Wie sollen aber komplizierte intelligente Affen sozialverträglich zusammen leben?

Wir müssen jedoch zusammen leben. Gehirnforschung und Psychologie zeigen, dass Menschen soziale Wesen sind. Sie brauchen ein „personales Du“, fühlen sich in Gruppen und Herden wohl. 

Regelmechanismen, die im Gehirn stattfinden, belohnen soziales Verhalten und das Tun von Gutem.

So bilden Menschen permanent soziale Systeme (Ehe, Familie, Vereine, Kommunen …). 

Auch 

UNTERNEHMEN sind soziale Systeme. Ihr Haupt-Zweck ist ein ökonomischer, nämlich die Versorgung der Personen im außerhalb des Unternehmens durch das Produzieren von Gütern und Dienstleistungen sicher zu stellen. Schon Adam Smith, „Vater“ und „Erfinder“ der Wirtschaftslehre, hat darauf hingewiesen, dass auch der Bäcker die Brötchen nicht aus Menschenfreundlichkeit herstellt, sondern um sich selbst zu ernähren, sprich des Profits willen.

Aber eine Bäckerei hat eine unternehmerische SINNGEBUNG, ganz implizit. Und so meine ich, dass Unternehmen, die nachhaltig existieren wollen, immer wieder den Sinn ihrer Existenz nachweisen müssen. Sie müssen immer wieder ihre Sinngebung auffüllen, den Sinntank wieder füllen. Und der Sinn eines Unternehmens darf und kann es nicht sein, ausschließlich für SHAREHOLDER Value zu arbeiten.

Guy Kirsch verweist in seinen Vortrag stolz darauf, dass Adam Smith ursprünglich ein Moral-Philosoph war. Ich bin stolz, dass wir Informatiker (studiert habe ich Mathematik, aber mein alter Beruf war sicher Programmierer, heute fühle ich mich als Unternehmer)  „Open Source“ erfunden

 haben, als eine ganz neu Form von durchaus auch wirtschaftlicher Kollaboration.

Insofern war Alfred Rappaport, der Erfinder vom Shareholder Value mit seiner Forderung „Ein Unternehmen muss ausschließlich dem Shareholder Value dienen“ kein guter Schüler von Adam Smith. Und in der Bayerischen Verfassung steht zum Thema Gewerbefreiheit und Banken auch etwas ganz anderes drin.

Aber wenden wir uns wieder dem Unternehmen zu.

Wer sind die 

STAKEHOLDER eines Unternehmens?

Es sind viele: 

Kunden, Lieferanten, Partner, Mitarbeiter, Familien&Angehörige, Führungskräfte, Manager, Vorstand, lokale Institutionen, die Gemeinde, in der das Unternehmen angesiedelt ist. Und natürlich auch die Shareholder. Aber so eine herausragende Position wie Mr. Rappaport gebe ich den Shareholdern nicht.

Ganz nebenbei möchte ich auch erwähnen, dass es Unternehmen gut tun würde, eine Externitätenbilanz

 aufzustellen. Einfach um die Auswirkungen des Unternehmens auf seine Umwelt (damit meine ich nicht nur die Umweltressourcen) zu überprüfen. Und vielleicht sogar – wie bis in die 70iger Jahren üblich – eine Sozialbilanz zu führen.

Zurück zur FÜHRUNG
.

🙂 
Wir haben gesehen, alle Menschen sind Affen …
 Dann sind auch alle „Führenden“ und „Geführten“ Affen

. Am Begriff „Geführten“ sieht man schon, wie problematisch „Führung“ ist.

Was ist die Aufgabe von FÜHRUNG?

Unternehmen leben von der EIGENVERANTWORTUNG und SELBSTORGANISATION ihrer Mitarbeiter. Dies zu ermöglichen und realisieren ist eine Aufgabe von Führung.

Probleme und Konflikte zwischen Menschen sind Alltag – auch in den ökosozialen Systemen, den Unternehmen. Diese aufzulösen ist eine wichtige Aufgabe von Führung. Damit hätten wir wohl schon die wichtigsten Verantwortungen von Führung.

Wer aber ist geeignet, zu führen?

Ich erwähne mal ein paar wichtige Qualitäten, die (nicht nur) für Führungskräfte wichtig sind:

Zuhören können, Fähigkeit zum alterozentrierten Denken, Empathie, sich sprachlich gut ausdrücken können.

 Fachliche und sonstige Kompetenz, Autorität, Charisma und Delegieren im Sinne von Abgeben können. Das alles sind nützliche Fähigkeiten, ich nenne sie mal 

Tugenden der B-Klasse.

Es gibt aber noch wichtigeres: 

ZIVILCOURAGE und konstruktiver Ungehorsam. Das sind die A-Klasse Tugenden.

UNTERNEHMER und TOP-MANAGER wie CEOs haben es übrigens nicht leicht. Laut Untersuchungen von RISE (in St. Gallen) verbringen sie die meiste Zeit mit Reden und dem Erzählen von Geschichten. Das ist auch gut so, denn der Unternehmer muss immer den Glauben an das Unternehmen aufrecht erhalten – und das geht am besten mit Geschichten. Aber von einem Menschen, der gerne und viel redet, zu erwarten, dass er auch noch zu hören kann, das ist schon ein hoher Anspruch.

Es gibt aber noch eine wichtige Eigenschaft, die Führungskräfte haben sollten.

Sie müssen in der Lage sein, gute ENTSCHEIDUNGEN zu fällen.

Eine Entscheidung ist aber nur eine Entscheidung, wenn sie folgenden Kriterien genügt:

  • Der Entscheider muss die Wahlfreiheit haben (Alternativlosigkeit ermöglicht keine Entscheidung).
  • Die Entscheidung muss in der Zukunft Folgen von Gewicht haben.
  • Sie muss einer gegebenen Unsicherheit unterliegen.

Das ist nicht einfach. Viele Entscheider möchten sich die Sache mit einer guten Entscheidungsgrundlage einfacher machen. „Informationen Sammeln, Bewerten und Entscheiden“ – hieß es früher. Und dann sammelt man oder lässt man so viel „Fakten“ sammeln, dass eigentlich nur noch eine Alternative über bleibt. Das ist dann keine Entscheidung mehr. Nur sind die „Fakten“ eben keine Fakten, sondern Bewertungen, die unter Unsicherheit erfolgt sind. Das heißt, eigentlich haben ganz andere entschieden und viele kleine Entscheidungen die Entscheidungsvorlage geschaffen.

Voraussetzung für gute Entscheidungen sind Fähigkeiten zur ETHIK. Leider wird über Ethik heute viel zu viel geredet. Ethikkommissionen sind in Mode. Bald gibt es den Beruf Firmen-Ethiker (mir graust …).

Kultur und Werte sind mir wichtiger.

 Trotzdem:

 Ethik ist wichtig für Entscheidungen

.

Denn Entscheidungen unter Unsicherheit verlangen nach einer verantworteten Güterabwägung. Dazu muss eine Führungskraft über sittlich verantwortete Werte verfügen. 

Die fallen nicht vom Himmel, sie können nur im Laufe des Lebens erworben werden – durch Arbeit, Erfahrung, Selbsterforschung und Reflektion.

Und letztlich müssen diese persönlich verantworteten Werte in Einklang stehen mit dem Konsens der Menschheit.

 Zum Beispiel verträglich sein mit der UNO-Charta oder mit dem wohl allen Religionen gemeinsamen Prinzip:

Tue niemanden etwas an, das Du nicht willst, das man Dir antut!

Die Hauptvoraussetzung für eine personale Entwicklung ist diesem Sinne ist das Erlangen und Bewahren von FREIHEIT. Für Freiheit gibt es viele Definitionen, in einem Artikel habe ich sie gesammelt. Die beste ist für mich immer noch:

Ein Mensch ist frei, wenn er Willens und in der Lage ist, sein Leben eigenverantwortet zu führen.

Vor einigen Jahrzehnten haben sich Studenten an der Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt für diesen Definition entschieden.

Ich schließe mit dem WUNSCH, dass wir alle im Rahmen unserer Möglichkeit freie Menschen werden und bleiben mögen.

RMD

P.S.
Insgesamt war es ein schöner Ausflug nach Nürnberg. Prof. Dr. Madeja hat mich ganz toll empfangen – und am Ende meines Vortrages noch ein exzellentes Summary erstellt. Vielen Dank!

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4 Kommentare zu ““Von Menschen und Unternehmen, Führung und Werten, Shareholdern und Stakeholder””

  1. Enno (Mittwoch, der 19. Januar 2011)

    Moin moin,

    ein sehr langer Beitrag, der nach Kommentar verlangt.
    Weil die Thematik nur grob zusammenhängt, werd ich den Kommentar „stückeln“.

    Erst einmal finde ich, dass Deine „Argumentations“führung überraschend schlechter ist, als ich das von dir gewohnt bin.
    Dass du jeweils nur die Wahl stellst, ein Unternehmen als Maschine oder Organismus zu betrachten und die Entwicklung (ausgerechnet legst du dich schon auf „Entwicklung“ fest!) des Menschen alternativ über Schöpfung oder Evolution zu erklären, ist schade. Nicht nur, weil ich die Schöpfung mag. Old-Earth-Kreationisten könnten auch gleich beide Möglichkeiten akzeptieren.

    Was die Betriebswirtschaftslehre angeht, so ist hier die Definition von „Unternehmen“ strenger: Die BA ist kein Unternehmen. „Betrieb“ ist hier der Überbegriff für öffentliche Einrichtungen (eben die BA) und Unternehmen. Leider vergessen einige Fachleute(?)diesen Unterschied, auch und gerade an der Uni Erlangen-Nürnberg, wo ich lernen musste, dass die BETRIEBSwirtschaftslehre die „Lehre von der Erzielung von Gewinnen in Unternehmen“ sei. Der von dir genannte Rappaport lässt grüßen, er hätte damit die BWL vereinnahmt. Der genannte Professor wird leider von Kommilitonen bewundert, nichtsdestotrotz liegt er falsch.

    Zu deiner Aussage, nur 3 von 10 Unternehmen überlebten das erste Jahr: Das ist falsch. Die Hazard-Rate, die beschreibt, wie viele Unternehmen in einem Jahr den Markt verlassen, liegt im ersten Jahr bei vielleicht 15% (Konjunkturabhängig). Eine Hazard-Rate von 70% würde mich vom Markt abschrecken.
    Das Konzepte der Hazard-Rate (ebenso wie „odds“, eine Messzahl, die die Überlebenden/nicht Überlebenden misst), kommt übrigens aus der Medizin. Der Ansatz, ein Unternehmen als Organismus zu betrachten ist wohl, gerade wenn man, wie Du, die Sterblichkeit betrachtet, genau der Richtige.

    Zur Shareholder/Stakeholder-Orientierung:
    Ich denke, eine Shareholder-Value-Maximierung unter Nebenbedingungen ist ein legitimes Ziel für Unternehmen. Und es ist meistens auch für vorgebliche Shareholder-Value-Maximierer unausgesprochen klar, dass Nebenbedingungen bestehen. Die Art der Nebenbedingungen ist dann der Streitpunkt 😉
    Hat die IF AG eine Externalitätenbilanz? Ich stelle mir das ziemlich kompliziert vor, finde das Thema aber hochgradig interessant. Vor zwei Jahren hatte ich mir mal Gedanken gemacht, wie man eine solche aufbauen und berechnen könnte. Ob das überhaupt machbar ist, wage ich zu bezweifeln. Aber die Handelsbilanz ist ja auch selten die einzig wahre Möglichkeit, den Erfolg abzubilden.

    Bei deine Betrachtung von FREIHEIT, ETHIK, MORAL, VERANTWORTUNG und ENTSCHEIDUNGEN kann ich dir dann voll und ganz zustimmen. Ethische Verantwortung, gute Entscheidungen und Freiheit bedingen sich gegenseitig.
    Damit jemand überhaupt für entwas verantwortlich sein kann, muss er erst einmal Entscheidungen treffen (ohne Entscheidung keine Verantwortlichkeit).
    Eine Entscheidung kann man nur frei treffen (bei Zwang kann von einer Entscheidung nicht die Rede sein).
    Nur eine verantwortbare Entscheidung ist eine gute Entscheidung.
    Und wahrscheinlich lassen sich Entscheidungen auch nur in Freiheit treffen, wenn man eine konsistente ethische Überzeugung aufgebaut hat, die einem ermöglicht Zielhierarchien aufzubauen und in Dilemmasituationen eine Güterabwägung zu treffen und sich nicht nur der Masse, dem Markt, der Meinung anderer, also letztlich einem Zwang in der Entscheidung zu unterwerfen. Die Ethik letztlich ist zugegebenermaßen wieder zwingend.

    Erstaunlich, dass man zu einer solchen Einstellung genauso von einem säkularen Standpunkt kommen kann. Ich habe mir sie anhand der Bibel und Ethik-Vorlesungen erarbeitet.
    Vielleicht daher ein Punkt, an dem ich widerspreche: Werte können durchaus „vom Himmel“ fallen. Nach einer solchen Initialzündung, die den Menschen erst einmal darauf stößt, dass es Werte gibt, müssen dann aber die von dir genannten Methoden angesetzt werden. Ansonsten bleibt es bei einem Dogmatismus.

  2. Enno (Mittwoch, der 19. Januar 2011)

    Noch ein Nachtrag zur Stakeholder-Orientierung:
    Es gibt in der BWL einen fatalen Stakeholder Ansatz, der rein instrumental ist. Dabei wird der Stakeholder rein instrumental definiert als jemand, der Einfluss auf den (finanziellen) Unternehmenserfolg hat.
    Bei der Definition fallen dann all jene heraus, die ohne Einfluss bleiben – letztlich ist eine Stakeholder-Orientierung nach dieser Definition meist nur eine Shareholder-Orientierung auf Umwegen.

    Eine weitere Definition stellt auf alle ab, die Ansprüche an das Unternehmen stellen.
    In diesem Fall werden leider diejenigen nicht mit erfasst, die nicht die Sprache erheben können und auch keine Fürsprecher haben: Vielleicht die Natur, vergessene, einsame Menschen. Gleichzeitig werden bspw. Erpresser des Unternehmens mit erfasst.

    Ein ethisches anwendbares Konzept muss aber all diejenigen meinen, auf deren Wohlergehen das Unternehmen Einfluss hat, und die ein legitimes Interesse an bestimmten Handlungen des Unternehmens haben.

  3. rd (Donnerstag, der 20. Januar 2011)

    Hallo Enno,

    danke für den langen Beitrag …

    Ich finde das bzw. die Themen auch sehr schwierig.

    Nur eine kleine Rechtfertigung :-):

    Die Polarisierung zwischen Maschine und organisches Wesen ist natürlich stark modellhaft. Ich versuche in Vorträgen gerne relief-artig die Extrema herauszuarbeiten.

    Das mit der Hazard-Rate zeigt, wie sehr die Aussagen auch in der Literatur auseinander gehen. Vielleicht ist das ein Definitionsproblem. Kann aber auch sein, dass ich den falschen Zeitraum in Erinnerung habe und es 30% Überlebende nach 3 Jahren war. Von den mit bekannten Firmen, die mit uns und ich sag mal 20 Jahre nach uns gegründet haben, gibt es allerdings nur noch ganz wenige. Die „Schlechten“ sind verschwunden. Und die „Guten“ wurden fast alle verkauft.

  4. Enno (Donnerstag, der 20. Januar 2011)

    Hazard-Rates in Deutschland sind ohnehin merkwürdig. Sie fallen von Jahr 1 auf Jahr 2 und in Jahr 3 steigen sie sprunghaft sehr stark an. Wer dann überlebt hat, erlebt wieder sinkende Hazard-Rates.
    In den anderen Staaten, zu denen ich von Untersuchungen gehört oder gelesen habe, fallen die Hazard-Rates mit steigendem Alter.

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