Roland Dürre
Mittwoch, der 14. Dezember 2011

Adventskalender – 14. Dezember

Noch 10 Mal schlafen!

Oft vergessen wir, dass es Kulturen gibt, die kein Weihnachten kennen. Für andere, wie für viele orthodoxe Christen, ist Weihnachten ein besonders wichtiges Fest.

So auch in der Ukraine. Allerdings findet Weihnachten dort an einem anderen Datum statt als bei uns. Deshalb haben die Menschen dort natürlich auch einen ganz anderen Adventskalender und andere Rituale. Blicken wir durch das heutige Fensterchen in die Ukraine und lernen, wann und wie dort Weihnachten gefeiert wird.

Zuerst ein paar wichtige Daten (Quelle):

01.12 – Heiliger Roman

13.12 – Heiliger Andreas

19.12 – Heiliger Nikolaus

Die Geschichte des Nikolaus aus Myra, der sich um die Armen und Waisenkinder gekümmert hat, ist weltweit bekannt. Zwei Wochen vor dem Nikolaus-Tag schreiben die Kinder ihre Briefe an den Nikolaus.

Die Kinder wissen, dass der Nikolaus ein „Buch der guten und schlechten Taten“ führt. Er weiß so ganz genau, wie sich jedes Kind über das ganze Jahr benommen hat.

Alle Kinder schreiben deshalb fleißig ihre guten Taten auf und versprechen ganz fest, im nächsten Jahr noch besser zu lernen und gehorsamer zu sein. Besonders dann, wenn sie in diesem Jahr an Stelle der Rute doch noch ein Geschenk bekommen sollten.

Am 18.12 organisieren viele Schulen, Kindergärten und Kulturzentren die Nikolausfeier. Das Hauptelement jeder Feier ist eine Theatervorstellung mit folgender Handlung:

Der Nikolaus und die Engel packen die Geschenke für gehorsame Kinder ein. Während dessen versuchen kleine Teufelchen die Kinder von gutem Weg abbringen und sie zum Unfug machen,  faul sein, streiten, lügen und ähnlichem anzustiften. Oder sie versuchen dem Nikolaus einen Sack voll mit schlechten Charakterzügen anstatt von Geschenken unter zu jubeln.

Die Tiere unterstützen die Engeln in Ihrem Kampf gegen die kleinen Teufel. Es wird den Kindern erklärt, was sie alles machen können, um anderen zu helfen und dem Vorbild des Nikolaus zu folgen:

Vögel und heimatlose Katzen füttern, älteren Menschen mehr Respekt zeigen, anderen Schulkinder beim Lernen oder den Eltern im Haushalt helfen und vieles solches mehr.

Nach der Vorstellung sagen die Kinder kleine Gedichte auf oder singen für den Nikolaus Lieder. Zur Belohnung werden sie im Anschluss beschenkt.

Viele Kinder glauben fest an den Nikolaus. Bis sie dann irgendwann ihre Eltern beim Einpacken der Geschenke erwischen. Ich habe vor einer Woche ein Buch im Internet gefunden, heißt „Sammlung der Briefe an Nikolaus“. Manche Briefe haben mich zum Lachen gebracht, aber einer hat mich tief gerührt:

„Lieber Nikolaus,
ich bitte Dich, schick unserem Land den Frieden und unserem Volk die Gutherzigkeit. Mache so, dass mein Papa endlich seinen Lohn bekommt. Bitte gib meiner Mama Gesundheit und ich wünsche dass alle Menschen gesund bleiben, da die Gesundheit das höchste Gut ist. Ich wünsche mir, dass Du mir ein Geschenk bringst, das ich verdiene. Ich war zwar nicht immer gehorsam, aber ich habe versucht die Mama nicht traurig zu machen. In der Hoffnung auf Dein gutes Herz ….“

Am 06.01 ist es dann soweit – der Heilige Abend ist da.

Für das ukrainische Volk ist Weihnachten das wichtigste Familienfest und der heiligste Feiertag des ganzen Jahres. Ukrainische Weihnachtsbräuche basieren nicht nur auf christlichen Traditionen. Sie sind wesentlich von vor-christlicher und heidnischer Kultur und Religion beeinflusst. Die alten heidnischen Feste wie die Wintersonnenwende oder das Fest der Fruchtbarkeit sind Teil der christlichen Weihnachtsbräuche geworden.

Am heiligen Abend versammelt sich die Familie mit dem Erscheinen der ersten Sterne am Himmel zum Abendessen. Der Tisch ist mit zwei Tischtüchern gedeckt. Das eine ist für die toten Vorfahren der Familie, das zweite für die lebenden Familienmitglieder.

Unter dem Tisch wie auch unter den Tischdecken ist etwas Heu verteilt. Dies dient als Erinnerung, dass Christus in einer Krippe geboren wurde. Die Tafel hat immer ein zusätzliches Gedeck für die verstorbenen Familienmitglieder, deren Seelen nach dem Glauben an Heiligabend wieder auf die Erde kommen und am gemeinsamen Mal teilhaben.

Ein Kolach (das Weihnachtsbrot) liegt in der Mitte des Tisches. Dieses Brot ist zu einem Ring geflochten. Drei solcher Ringe sind aufeinander gesetzt.  Oben in der Mitte des Brotes befindet sich eine Kerze. Die drei Brotringe symbolisieren die Dreifaltigkeit, die runde Form steht für die Ewigkeit.

Ein Didukh ist ein Bündel aus Weizen- oder gemischten Getreidehalmen. Es liegt unter den Ikonen im Haus. Es symbolisiert die Anwesenheit der Geister der Vorfahren. Das Didukh wird auf einem Ehrenplatz positioniert, dann stellt der Vater oder das älteste Familienmitglied eine Schüssel mit Kutia daneben.

Kutia ist gekochter Weizenbrei, angerichtet mit Mohn, Honig und gehackten Walnüssen. Kutia ist das wichtigste Gericht des Abendmahls am Heiligabend. Ein Krug Uzvar, das ist ein Obstgetränk, das zwölf verschiedene Obstsorten enthalten soll, steht neben der Schüssel mit Didukht. In den heidnischen Zeiten waren Kutia und Didukht die Götterspeisen.

Wenn all diese Vorbereitungen abgeschlossen sind, spricht der Vater ein Gebet. Nach dem Gebet richtet er seine besten Weihnachtswünschen an alle mit dem Gruß „Khrystos Razhdaietsia“ (Christus ist geboren).

Das Heilige Abendmahl besteht aus zwölf fleischlosen Gerichten. Nach der christlichen Tradition ist jedes Gericht einem der Apostel Christi gewidmet. Nach dem alten, heidnischen Glauben symbolisiert jedes Gericht den Vollmond im Laufe des Jahres. Neben dem schon erwähnten Kutia und Uzvar wird an Heilig Abend auch Borschtsch (Rote Beete-Suppe) mit Vushka (gekochte Maultaschen mit gebratene Champignons und Zwiebeln gefüllt), marinierte Heringe, Sauerkraut, Varenyky (etwas größere Ravioli gefüllt mit gekochten Kartoffeln) und Holubtsi (Kohlrouladen mit Buchweizen und geriebene Kartoffeln) serviert.

Weihnachten ist dann am 7. und 8. Januar

Ukrainische Weihnachtslieder (Koliadky und Schedrivky) haben ihren Ursprung in der Antike. Beide, Koliadky und Shchedrivky beinhalten heidnische Elemente, die sind christianisiert worden sind. Zum Beispiel erzählt eine Koliadka von einem Bauer, der durch eine Schwalbe aufgefordert wird,  Vorbereitungen zu treffen, weil drei Gäste in sein Haus kommen: Die Sonne, der Mond und der Regen. In der christianisierten Version sind die drei Gäste sind Jesus Christus, St. Nikolaus und St. George.

Die Themen der ukrainischen Weihnachtslieder variieren:

  • Freudiges Feiern der Geburt Christi
  • Heidnische und mythologische Gedanken wie der Tod im Winter und die Geburt im Frühling
  • Heldenhafte und traurige Episoden aus der ukrainische Geschichte
  • Die Verherrlichung des Bauern und seiner Familie sowie das preisen ihrer Arbeit und ihrer persönlichen positiven Eigenschaften.

Kolyadky ist kein einfaches Singen von Weihnachtsliedern, es ist eher eine traditionelle Volksoper. Die Sternsinger müssen erst um Erlaubnis fragen, ob sie singen dürfen. Wenn die Antwort positiv ist, betreten sie das Haus und singen für jedes Mitglied der Familie besondere Lieder, auch für die kleinsten der Kinder.

Manchmal werden dabei ganz langsame rituelle Tänze aufgeführt.. Gelegentlich auch kurze und humorvolle Parodien präsentiert. Das heißt dann auf ukrainisch Vertep. Im Vertep werden meistens die politische Situation oder alltägliche Anekdoten kabarettistisch berichtet.

Eine liebe IF-Kollegin aus  Nürnberg – Roksana Oliynyk – hat mir diesen schönen Bericht zum Ukrainischen Adventskalender geschrieben.

Vielen Dank – liebe Roksana!

RMD

P.S.
Die Fotos sind von Nikolausfeier in 2010 vom Verein der Ukrainer in Franken. Auch hier ein herzliches Dankeschön1

 

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2 Kommentare zu “Adventskalender – 14. Dezember”

  1. Chris Wood (Mittwoch, der 14. Dezember 2011)

    There may be a couple of people in Japan who have heard of Saint Nicholas of Myra, but his story is hardly „known worldwide“. In the Anglican tradition, there is hardly a cult of saints. Presents are brought by him (as Santa Claus) in USA and also England, but during the night 24-25 December, (rather than on his saint’s day). He comes down the chimney. This lets parents lie in on Christmas day, while the children are busy with their presents.

    There are „heathen“ elements in Xmas celebrations almost everywhere, for instance in the use of mistletoe. Of course the „Christian“ elements are also largely based on pre-Christian traditions and beliefs.

    I wonder how Saint George, (patron saint of England too), came to be so important. The stories about „him“ refer to different people, different times and different places.

  2. Roksana (Donnerstag, der 15. Dezember 2011)

    Dear Chris,

    Christian tradition came quite late to Ukraine. Actually, шт 1988 we celebrated 1000 years of christianity in Ukraine. Saint George is considered to be a patron of Ukraine, in particular of Ukrainian nobels from Koriatovych denasty. The King Vladimir, who brought christianity to Ukaraine in Xth century was baptised in St. George monastery in Hersones (today Krym). Later on St. George was considered to be the patron of scout organization „Plast“ in Ukraine.
    The story of Nikolaus, the bishop from Myra, might be hardly known in Japan, true. Nevertheless, I have read the stories about St. Nikolaus in many languages, for instance children in Germany are also taught about good deeds of St. Nikolaus in kindergarten. Probably another wording, like „many countries“ instead of „worldwide“ should have been used.

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