Roland Dürre
Sonntag, der 30. November 2008

Also sprach Dr. Zetsche (an der TUM am 26. November)

So wurde der Vortrag von Herrn Dr. Zetsche angekündigt:

Über „Die Zweite Karriere des Automobils“ spricht der Vorstandschef der Daimler AG Dieter Zetsche am 26. November, 16.30 Uhr an der Technischen Universität München. Die Veranstaltung, die das „Handelsblatt Junge Karriere“ zusammen mit der TUM organisiert und die unter dem Motto „Wirtschaftlenker live“ ab 16.30 Uhr im Audimax der TU München stattfindet, präsentiert einen der dynamischsten und prominentesten Wirtschaftsvertreter Deutschlands. Dieter Zetsche wird nach seinem Vortrag den Studierenden für Fragen zur Verfügung stehen.

Den Text habe ich übernommen vom Portal der TUM (Technischen Universität München). Es lohnt sich, öfters mal auf dieses zu gehen, da sind wirklich interessante Veranstaltungen und Vorträge zu finden. Mein Mentee Michael von Manage&More (unternehmerTUM) hat mich auf dieses Ereignis aufmerksam gemacht, so gingen wir nach unserer Mentee/Mentoren-Sitzung gemeinsam zum Vortrag von Dr. Zetsche. Hier zuerst ein kurzer Bericht und dann ein paar Anmerkungen:

Nach einer kurzen und humorvollen Einführung des Präsidenten der TUM ging es los. Selten habe ich einen prominenten Wirtschaftsführer oder Politiker so präzise und klar sprechen gehört wie Dr. Zetsche. Mir hat der Vortrag ausgezeichnet gefallen. Kurz und stark vereinfacht berichte ich im folgenden den Inhalt der Rede und ergänze ihn mit ein paar persönlichen Anmerkungen.

Dr. Zetsche begründete in seinem Vortrag, warum er absolut an „Die Zweite Karriere des Automobils“ glaubt. Sein Vortrag drehte sich um drei zentrale Begriffe: Emanzipation, Emotion und Innovation.

  • Emanzipation: Das Auto würde wesentlich die Emanzipation eines Menschen unterstützen. Es schaffe Unabhängigkeit und Mobilität, die persönliche Freiheit würde durch die Nutzung eines Autos und der so entstehenden Mobilität deutlich erweitert. Viele Menschen würden erst mit und durch das eigene Auto erwachsen werden. Mit dem Käfer begann für manchen von uns erst die Freiheit. Menschen in noch nicht so emanzipierten Gesellschaften wie in Mitteleuropa würden sich deshalb nach dem Besitz eines Autos als dem wesentlichen Fortschritt ihres Lebens sehnen. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands könne am besten durch die Metapher „von der Isetta zum Käfer, vom Käfer zum Mercedes“ beschrieben werden. Unsere Gesellschaft wäre Vorbild für die Menschen in wirtschaftlich nicht so weit entwickelten Ländern wie China, Indien oder Südamerika. Der Markt in Europa und USA sei zwar gesättigt, es bestehe aber in China, Indien und Südamerika wesentlicher Nachholbedarf. Folgende Zahlen würden diese Annahme belegen: Statistisch kommen in den USA auf 1000 Menschen 700 Autos, in China dagegen nur 14 und Indien gar nur 7. Der Nachholbedarf in diesen Ländern wäre riesengroß. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass in einigen Jahren doppelt so viel Autos die Welt „bevölkern“ würden wie heute.
  • Emotion: Das Auto wäre das Schlüsselprodukt für Menschen, die danach streben, ihre Lebensart und Identität auch äußerlich zu zeigen. Kein anderes Konsumgut ermögliche es dem Besitzer, sein Wesen und seine Persönlichkeit so zu definieren und demonstrieren wie das Produkt Personenkraftwagen. Auto bewirken persönliche Identität. Diese hohe emotionale Bedeutung des Autos für die Menschen würde die Nachfrage nach individuellen Autos auch in Zukunft sicher stellen. Deshalb dürfe man bei zukünftigen Autos keine Kompromisse betreffend Technik oder Differenzierung eingehen.
  • Innovation: Freilich räumte Dr. Zetsche ein, dass der Planet Erde nicht doppelt soviel Fahrzeuge mit heutiger Technologie verkraften würde. Dieses Problem müsse und könne durch innovative Technik gelöst werden. Moderne Automobil-Hersteller würden in naher Zukunft Autos bereit stellen, die immer weniger Emissionen ausstoßen. Schließlich würde die Innovation zu Fahrzeugen ganz ohne Emissionen führen. Am Ende der Entwicklung würden die Fahrzeuge durch Wasserstoff oder Elektrizität betrieben werden, völlig ohne Abgase bzw. mit Wasserdampf als einzigen Ausstoß.

Ich hoffe, dass ich die im Vortrag geäußerten Gedanken von Dr. Zetsche halbwegs korrekt wieder gegeben habe und beginne mit meinen Anmerkungen:

  • Emanzipation: Ich glaube, dass neue Generationen und neue Länder aus den Fehlern ihrer Vorgänger lernen. Ich weiß, dass dies optimistisch ist und dass die bisherige Entwicklung in Ländern wie China oder Indien diese Hoffnung zu widerlegen scheint. Nichtsdestotrotz nehme ich wahr, dass immer mehr Menschen verstehen, dass Konsum nicht mit Glück gleichzusetzen ist. Und ihr Verhalten ändern, manche freiwillig, andere erzwungen. Zu Fuß bin ich weniger mobil als mit dem Fahrrad, das Moped hat eine größere Reichweite als das Fahrrad, mit dem Auto kann ich auch 250 km pro Tag zurücklegen. Mit einem Privatjet schaffe ich sogar 2500 km täglich. Hängt meine Freiheit von meiner Mobilität ab? Mobilität hat nichts mit Freiheit zu tun.
  • Emotion: Der Versuchung, meine Persönlichkeit durch die Wahl des richtigen Autos (oder Fahrrades) abzurunden, erliege ich ja auch. Eine Zeit lang bin ich immer das neueste BMW-Modell (immer in rot) mit dem stärksten verfügbaren Triebwerk gefahren (war aber immer nur ein „3-er“). Einmal hat ein anderer BMW-Fahrer vor der Bayerischen Staatskanzlei anerkennend den Daumen gehoben, wie er mich mit meinem nagelneuen roten 325i gesehen hat, ein ganz neues Modell, dass ich gerade vom Händler abgeholt hatte. Das war ein gutes Gefühl. Ich erinnere mich aber auch noch, wie ich in diesem Auto auf der Autobahnbrücke der Holledau auf der recht schnellen Rückfahrt von der BA in Nürnberg zurück nach InterFace fast zu Tode kam. Ein Mercedes (übrigens ein Geschäftsauto eines damals führenden Datenbankhersteller) wechselte beim Überholen direkt vor mir auf meine Spur und drängte mich ab. Der Fahrer hatte mich einfach übersehen und nicht einmal seinen Blinker gesetzt. Mein roter BMW drehte sich ein paarmal, touchierte die Leitplanken auf beiden Seiten und kam dann so ziemlich am höchsten Punkt der Brücke zum Stehen. Ich stieg aus dem Auto und schaute in die Tiefe. War ein ganz schöner Schock für mich. Auch die Barbara war ganz schön bleich, wie sie die Dellen in den Leitplanken und das Autowrack sah. Mir ist allerdings gar nichts passiert, nicht einmal Druckstellen vom Gurt hatte ich.
  • Innovation: Die Technologie hat große Fortschritte gemacht. Dieser kommt aber nicht im notwendigen Maß zur Geltung, da Autos gleichzeitig immer größer, schwerer und schneller geworden sind. Wir könnten im Punkt Umweltverträglichkeit schon viel weiter sein, wenn die Autos wieder vernünftiger werden würden. Und da müssten halt auch die Käufer mit den Geldscheinen abstimmen. An die NULL-Emission glaube ich aber nicht. Selbst wenn alles elektrisch oder mit Wasserstoff funktioniert, dann ist immer noch die Frage, wo Strom oder Wasserstoff herkommen. Und wahrscheinlich ist die Waschmaschine dem Menschen dann doch wichtiger als das Auto, denn Wäsche im Bottich zu waschen, spülen und auf die Wäscheleine zu hängen ist viel unangenehmer als Radfahren. Das Produzieren eines Autos kostet auch ziemlich viel Energie und wenn weltweit doppelt so viele Autos herumfahren braucht man auch doppelt (?) soviel Straßen, Parkplätze, Garagen, Tankstellen etc. Da bin ich dann froh, dass die nicht bei uns, sondern in China und Indien gebaut werden.Ja, und dann wird der Begriff des „leisen Verkehr“ in der gesellschaftlichen Diskussion auch immer relevanter. Die Motoren sind zwar leise geworden, aber wenn mich in der Temo-30-Zone so ein „Hausfrauen-LKW“ (copyright bei Herrn Schindler) überholt, dann dröhnen die Winterreifen schon aus der Entfernung gewaltig. Und Lärm könnte man ja auch als Emission betrachten.

In der S-Bahn auf der Hinfahrt zur Veranstaltung lag eine herrenlose „WELT KOMPAKT“ vom selben Tag. Und welch ein Zufall, da war auf der ersten Seite ein Artikel mit dem Titel:

Das Internet ist der Deutschen liebstes Kind

mit dem Untertitel:

Umfrage: Das Web ist wichtiger als ein Auto

🙂 Das lässt mich als Informatiker wieder für unseren Berufsstand hoffen. In dem Artikel stand auch drin, dass „das Computer Nutzungsverhalten der Deutschen sich auffällig geändert hat und Laptops immer wichtiger werden würden. Und dass für 76 % der Männer die möglichst lange Akku-Laufzeit das Schlüsselkriterium beim Kauf eines Notebooks wäre. Sein Aussehen sei dafür für Frauen immer wichtiger“.

Mir hat der Artikel gefallen, weil er wieder so ein kleines Zeichen setzt, dass meine These stimmen könnte: Wir sind auf dem Wege von der automobilen zur informations-mobilen Gesellschaft!

Dr. Zetsche hat übrigens seine ganze Berufstätigkeit bei Daimler (Mercedes-Chrysler-Daimler) verbracht. Das hat man ihm auch angemerkt, dass er durch und durch ein „Mercedes-Mann“ ist und das finde ich toll. Ich habe immer meine Zweifel, wenn ein Vorstand aus der Pharmazie-Branche zum Vorstand eines Maschinenbauunternehmens oder ähnlich mutiert.

Eine Aussage von Dr. Zetsche bei der Fragestunde hat mich nachdenklich gemacht. Die Frage war, ob sich die Zahl der globalen Player im Bereich Automobile aufgrund von Fusionen oder Ausscheiden von Marktteilnehmern ändern würde. Die Antwort von Dr. Zetsche war, dass wahrscheinlich Anbieter verschwinden, aber diese durch neue Anbieter, die schon vor den Markttoren stehen würden, ersetzt werden. Und diese neuen globalen Player kämen dann aus Indien oder China! Was das für einheimische Technologie-Hersteller bedeuten kann, haben wir ja schon ein paar Mal erlebt.

Und dass Chrysler alles andere als eine Erfolgsstory war, lag meiner Meinung gewiss auch nicht an an Dr. Z („Ask Dr. Z“), wie er in USA genannt wurde („Zetsche“ ist für einen Ami nicht ganz einfach auszusprechen). Ich glaube vielmehr, dass man gegen Entwicklungen, die sowieso stattfinden, auch als Vorstandschef keine Chance hat. Entweder passt man sich an und nutzt den drehenden Wind, oder man geht früher oder später unter.

RMD

🙂 Eine Anekdote am Rande: Dr. Zetsche hat berichtet, dass Daimler und Mercedes wohl in mehr als 150 Pop-Liedern eine Rolle spiele, BMW dagegen in weniger als 10. Deswegen hier ein kurzes Lied oder ein wenig mehr schöne Reklame für die schöne Marke Mercedes.

1 Kommentar zu “Also sprach Dr. Zetsche (an der TUM am 26. November)”

  1. Chris Wood (Montag, der 1. Dezember 2008)

    The nicest reference I know comes in „Hotel California“.
    „Her mind is definately twisted; she’s got the Mercedes Bends“.

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