Den Titel habe ich von Prof. Dr. Axel Börsch-Supan (Direktor des Munich Center for the Economics of Aging MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik „geklaut“. Er hat einen starken Vortrag mit dieser Überschrift auf der Veranstaltung „Erfahrung für die Zukunft sichern“ der TUM zum „Projekt TUM Emeriti of Excellence“ gehalten.

Von diesem Vortrag habe ich unter dem Titel „Wer rastet, der rostet“ schon berichtet. Da gab es für mich neue, gut belegte Erkenntnisse. Professor Börsch-Supan hat konstruktiv begründet, wie falsch die Vorruhestandspraktiken unserer Zeit sind und dass diese allen Beteiligten schaden, den betroffenen Menschen, den so agierenden Unternehmen und uns allen.

Vor kurzem treffe ich einen Freund, den ich sehr schätze. So alt wie ich. Seit ein paar Monaten ist er im „Vorruhestand“. Und bestätigt alles, was ich da im Vortrag dazu gelernt habe.

Hier wie ich den Vorruhestand in unserer Branche oftmals erlebe:

IT ist nahezu komplex (enorm kompliziert) und erfüllt kritische Themen. Wer das weiß, weiß auch, wie wichtig gerade hier gutes Know-How ist.

Ein Freund von mir ist ein Spitzenkenner einer sehr relevanten Datenbank-Technologie. Er kennt sich besonders gut mit extremen Volumen- und Lastsituationen aus. Wahrscheinlich gibt es in Europa nur ganz wenig Spezialisten, die ihm das Wasser reichen können.

Mein Freund ist so alt wie ich. Sein Arbeitgeber ist ein erstklassiger Konzern. Vor Jahren hat dieser Konzern quasi „mit der Gießkanne“ seinen älteren Mitarbeitern eine großzügige Vorruhestandregelung angeboten. Auch mein Freund hat diese angenommen.

Ein paar Jahre später ist es dann soweit. Mein Freund geht in den Ruhestand. Das, obwohl er nach wie vor ein Spitzenmann ist. Finanziell war es ein guter Deal für ihn. Er hat aber vor seinem Ausscheiden gemerkt, wie sein Wissen dem Unternehmen fehlen wird. Deshalb möchte er vorher proaktiv an seine Kollegen weitergeben. So in freiwilligen Kursen auch außerhalb der Arbeitszeit. Weil es während der Arbeit aufgrund der großen Belastung keine Luft gibt. Das klappt aber nicht, er ist doch ziemlich enttäuscht weil kein so großes Interesse daran besteht und sein Angebot kaum angenommen wird.

Dann kommt der Tag der Ruhestandes. Und jetzt gibt es nur Verlierer.

Der Konzern:
Ein ganz wichtiges Know-How ist weg. Wenn demnächst zum Beispiel wieder mal ein Werk steht, weil die IT nicht so tut, wie sie es soll, könnte es auch daran liegen, dass da weit im Vorfeld kleine Fehler gemacht worden sind. Und ein bisschen etwas nicht mehr so stimmt wie früher. Weil das Know-How nicht mehr so vorhanden ist und ein paar Dinge nicht mehr so präzise laufen, wie vorher. Und plötzlich hat das wesentliche Folgen- die Ursachen liegen aber ganz wo anders als man vermutet.

Mein Freund:
Am Beginn des Vorruhestandes war alles toll. Die neue „Freiheit“ war wunderschön. Es gab noch eine Reihe von nachlaufenden Aktivitäten aus der Arbeitszeit. Gute Vorsätze wurden gefasst – und eingehalten. Nach ein paar Monaten schon sieht es anders aus. Weniger Kontakte, die Vorsätze klappen auch nicht mehr so … Und so langsam kommt der Frust. Erlebe ich hautnah mit.

Diesen Freund gibt es tatsächlich. Es ist aber nicht nur einer. Alles, so wie ich es im Vortrag verstanden hatte, scheint sich in meiner Erfahrung mit mir gut bekannten Menschen zu bestätigen.

Letztendlich passiert in der Praxis dann bei den Menschen genau das, was der Referent berichtet und wovor er gewarnt hat:

Use it – or – lose it.

Man übt sich nicht mehr und verliert seine Skills. Schritt für Schritt. Und dann – aus die Maus.

Schau mer mal, ob ich daraus etwas für mich lernen kann.

RMD

1 Kommentar zu “Altern und Produktivität, Ruhestand und kognitive Leistungsfähigkeit”

  1. Chris Wood (Mittwoch, der 13. Februar 2013)

    Yes, that’s how it is.
    I was urged out of Siemens at 63, but wanted to work till 70. I was asked to work half-time for 2 years, (Altersteilzeit). That really meant one year work, then one year holiday. I offered instead to take a pay cut, (which I had done ten years earlier), but was told that Wall Street share evaluation takes turnover per head very seriously, so the company must keep wages high. I agreed to the deal after I was told that two competent girls who worked half-time would have to leave if I did not. (One was my team leader’s girlfriend).
    My project had just come to an end. I was the one who „turned the lights out“. For one year, I worked my way into a new project, hoping that the situation would change. Just when I was beginning to be useful, I had to stop.
    Of course seniors take a bit longer to learn new stuff, but we can still enjoy it. Why can we not keep working for less pay if we want to?
    Siemens always treated me very fairly, but never made proper use of my abilities. I suppose technicians throughout industry have little say unless they start their own companies.

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