Roland Dürre
Dienstag, der 11. Mai 2010

Armut & EURO

Ich versuche mal eine Definition des Begriffs „Armut in der EU“ und erkläre dann, wie der EURO diese gefördert hat. Sicher auf den ersten Blick eine ketzerische Aussage – aber erst mal lesen.

Hierzulande ist man arm, wenn

  • man am Zuwachs am „Wohlstand“ weniger als der Durchschnitt der Menschen teilnimmt,
  • wenn die Möglichkeit der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben reduziert ist.
  • wenn die Gründung einer Familie nur durch wesentlichen „Konsumverzicht“ möglich ist
  • und wenn man schlechte Chancen auf Ausbildung hat (Durchlässigkeit der Bildungsschichten).

Diese Armut wächst in allen Ländern der EU stark. So gesehen dürfte Griechenland gar nicht das ärmste Land in Europa sein. Die wahre Armut, bestehend aus Obdachlosigkeit, Hunger und Elend, ist in den Ländern der EU (noch) eher die Ausnahme.

Ein Problem für die wachsende Armut dürfte sein, dass wir in Deutschland (Europa) einen zu hohen Kohlendioxid-Fußabdruck haben. Aus Gründen der Bequemlichkeit waren und sind wir aber nicht bereit, unseren Kohlendioxid-Fußabdruck zu reduzieren, sondern leben ihn auf Pump fröhlich weiter. Wir sind sogar bereit, diesem Lebensstil unseren qualitativen Wohlstand zu opfern. Wir fördern eine (sinnlose) Verschwendung, die uns aber nicht glücklich macht.

Aufgrund falscher Stukturen wird in unserer Welt auch die Arbeit immer teurer. Einfache Arbeit lohnt sich eigentlich in der ganzen EU nicht mehr (auch in Griechenland, auch dort werden die „niedrigen“ Tätigkeiten von Gastarbeitern verrichtet, die zum Teil schwarz arbeiten). Auch das führt (überall) zur Unmündigkeit, Schwarzarbeit oder dem Abrutschen in die sozialen Versorgungssysteme, die immer teurer werden.

So gesehen sind die Deutschen und anderen Europäer keinen Deut „besser“ als die Griechen. Wahrscheinlich dürfte es eine Korrelation zwischen unseren zu großen „Kohlendioxid-Schuhen“ und der Höhe der Pro-Kopf-Schulden geben.

Die Realität verdrängen wir, in dem wir Scheinblüten generieren, auch immer wieder auf Pump. In den letzten Jahren hat der EURO eine wirtschaftliche Dynamik generiert, die unser Leben in Verschwendung zu rechtfertigen schien. Scheinbar hat er  geholfen, den Wohlstand zu mehren, aber in Wirklichkeit nur polarisiert.

So war die Euroblüte nach 2001 genauso eine Scheinblüte wie das durch die Wiedervereinigung begründete Wachstum um 1990 und die vermeintliche Widerlegung von Wachstumsgrenzen durch „die neuen Technologien“ bis 2000. Alles und immer auf Pump. So sind die vielen 100 Milliarden Schulden entstanden, die uns jetzt in ihrer unfassbaren Höhe verwirren..

Der Euro hat ab seiner Einführung ein paar Jahre geholfen, die Probleme dieses unseres Systems zu vertuschen. Er hat den „starken“ Nationen mit viel Industrie und Banken genutzt und den „schwachen“  geschadet. Und die „privilegierten“ Schichten reicher und die „unterprivilegierten“ ärmer gemacht hat.

Leider hat das Wachstum auf Pump auch den Ressourcenverbrauch verstärkt. Und den Irrglauben „Alles ist  machbar“ weiter gefördert. Das notwendige Umschwenken in eine nachhaltige Politik wurde verhindert, obwohl uns die Notwendigkeit schon mindestens seit den 60iger Jahren (Club of Rome) bekannt war.

Jetzt bleibt uns nur zu hoffen, dass wir nicht noch mehr Scheinblüten produzieren und weiter unsere Umwelt auf Pump zerstören. Das ist doppelt schädlich, aber genau dies bewirkt die Politik mit ihrer Schuldenpolitik und der gebetsmühlenartigen Beschwörung von Wachstum, das notwendig für ein Zurückzahlen der Schulden sei.

Das ist absurd. Die Krise ist schon länger da, nur das Kaschieren wird immer mühsamer. Die Wachstumsformel zieht nicht mehr. Man muss die Krise endlich annehmen und die richtigen ökologischen und gesellschaftlichen Konsequenzen daraus ziehen.

RMD

P.S.
Früher haben solche Situationen gelegentlich zu Kriegen geführt.

P.S.1
Zu diesem Artikel wurde ich von Ennos Kommentar zu MATT inspiriert:

In welchem Land soll denn der Euro einem großen Teil der Bevölkerung enorme Armut beschert haben?
Jedenfalls innerhalb der EU sehe ich keinen Staat außer Griechenland, der durch den Euro Nachteile gehabt hätte.

5 Kommentare zu “Armut & EURO”

  1. Chris Wood (Dienstag, der 11. Mai 2010)

    Dear Roland, this posting like the curates egg is „partly good“. My comments (of course) mainly concern the bad parts.
    In your very wide definition of poverty, you do not indicate whether all four problems are needed to be poor, or only one. Either way, all when carefully considered are dubious or wrong:
    1. Bill Gates is not poor if his fortune slowly declines.
    2. A millionaire who loses his driving licence is not poor.
    3. Starting a family has always changed the consumption profile for almost every family, (e.g. more nappies, less of various other things). Who decides whether this is „wesentlich“? The survival of every species has always depended on acceptance of the direct disadvantages of reproduction.
    4. People who are stupid have poor chances of good education, even when rich. Did Paris Hilton have good chances of education?

    Please give statistics about this increasing poverty in the EU. I do not see it. My daughters have a life richer in many ways than I did when young, despite the fact that my father had a master-degree, despite GB emerging from WW2 in better shape than other parts of Europe.

    Our high CO2 production has not damaged us yet, (but it will). The world has ignored this problem to such an extent that those who reacted sensibly have suffered by starting too soon. Germany and Europe will anyway be less affected than places like Bangladesh.

    „Work becoming more expensive“ is a common complaint from industry bosses. They really mean the extra costs such as tax and insurance (health, etc.). The cost of the work to produce a good car has reduced steadily for decades; even more so with a PC. If work were really becoming more expensive, this would surely benefit the workers? But I agree that there are two problems in this area:
    1. The proportion of state involvement is too high. The state is often protected from competition and then tends to work inefficiently. The state is hardly involved in export where there is direct competition. Germany is better here than the rest of Europe. Note that highly paid lobbyists and firms depending on state contracts are often part of the problem, although not regarding themselves as state employees.
    2. Europe, particularly Germany, has the demographic problem. Pensioners are financed partly by those still working. (Partly they are financed from savings and from return on investment).

    The states debts are too high, but compared with the turnover of the state, are not as dramatic as you imply. Certainly they should be reduced, and this will be done by organising inflation, (which is also unpleasant). Various non-Euro countries are worse than Germany. For instance Rumania and GB are similar to Greece, regarding too much state debt. As each has its own currency, the traditional remedies are available. But for the Euro countries, new mechanisms are needed.

    I do not believe that the Euro damaged the weak nations. They were eager to have it, and it made business and tourism simpler. Countries damage themselves, when they elect governments that waste money, (whether the money comes from taxes or borrowing).

    The need for sustainable economy was recognised by Robert Malthus (http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Robert_Malthus). He sadly decided (about 1800) that the only solution was to let the poor starve, (or to get them killed in wars). Politic has generally followed this policy since then, (see how little is spent to help the third world). Meanwhile, scientists have made a gentler solution possible, by developing contraceptives and new agriculture. But without better politics, the nasty solution will prevail. Malthus later advocated that education of the poor would reduce the problem by reducing population growth.

    Despite all that Roland, I like your posting.

  2. Chris Wood (Dienstag, der 11. Mai 2010)

    P.S. By the way, Germany leaves countries like Greece, Italy and Spain to cope with illegal immigrants, with little or no help.

  3. rd (Dienstag, der 11. Mai 2010)

    Lieber Chris,

    ob meine Bedingungen für „Armut in Europa“ hinreichend, notwendig oder nur nützlich sind, überlasse ich den Leser und (auch Dir).

    Interessant finde ich, dass Deine Kommentare oft länger sind, als meine Posts.

    Auch darüber freue ich mich, genauso wie das Dir dieses Posting gefällt.

  4. Enno (Dienstag, der 11. Mai 2010)

    Ihr verwischt die Grenzen zwischen Real- und Finanzmarkt. Ersteres ist die Produktion von Gütern und das Erbringen von Dienstleistungen. Zweiteres ist die Höhe von Schulden, Inflation.
    Chris, du sagt, Rentner würden zu Teilen von der Arbeit anderer leben und zu Teilen von der Kapitalrendite. Ich bin mir nicht sicher, wie du das hier meinst. Man spricht zwar davon, dass man Geld für sich arbeiten lasse (auf dem Sparbuch, als Lebensversicherung), tatsächlich tut es gar nichts.

    Ihr beide wollt Wohlstand und/oder Armut bemessen, indem ihr Lebensstandard (in Realgütern) und Schulden (in Geldeinheiten) voneinander abzieht. Die Rechnung geht nicht auf, weil unser wirtschaftlich erworbenes Glück davon abhängt, wie viel wir konsumieren, und nicht, wie der Konsum finanziert wird. Zurückgezahlt werden müssen die Staatsschulden ohnehin nicht, und Schulden die irgendwann zurückgezahlt werden, betreffen zwar den Zahlenden negativ, aber den Empfänger positiv.
    Daher halte ich eine Betrachtung NUR der Realwirtschaft für sinnvoller.
    Aber da sind die von Roland erwähnten Schulden in Form von CO2-Ausstößen wirklich enorm. Leider auch enorm schwer kalkulierbar.

    Durch den Euro, spätestens aber durch das Europäische Subventionsregime haben die Länder der Peripherie zumindest am BIP gemessen bisher profitiert. Die sich weiter öffnende Einkommensschere dagegen ist auch außerhalb der EU zu beobachten, dass der Euro hier ursächlich wäre, würde ich nicht schließen.
    Die klassische Erklärung ist ein Anstieg der Nachfrage nach qualifizierter Arbeit mit einem gleichzeitigen Rückgang der Nachfrage nach unqualifizierter Arbeit. Von einer solchen Verschiebung profitiert die kleine Gruppe ersterer Anbieter.
    Verschiedene alternative Erklärungen kommen da noch in Betracht: Die Deindustrialisierungshypothese, die Globalisierungshypothese (Arbeit in der Dritten Welt ersetzt unqualifizierte Arbeit in der ersten – das könnte noch am ehesten mit dem Euro geschehen sein, deckt sich aber nicht mit dem Befund, dass die Einkommensschere in fast allen EU-Staaten weiter geöffnet ist als vor 10 Jahren) und die Hypothese organisatorischen Wandels.
    Leider beschreibst du nicht die Wirkungskanäle, über die der Euro die Armut befördert haben soll. Vermutlich sind sie für dich, nachdem du dich ja die letzten Wochen intensiv mit dem Thema beschäftigt hast, schon zu offensichtlich. Für mich sind sie allerdings nicht erkennbar.

    Die hohen Lohnnebenkosten (ich denke, du spielst darauf an, wenn du sagst, dass Arbeit sich nicht mehr lohne) liegen an unserem Sozialstaat und lassen sich nur durch eine Verschlankung (oder in geringem Maße durch eine effizientere Gestaltung) des Staates mindern. Fänd ich nicht gut, betrifft aber fast alle Euro-Staaten gleichermaßen.

  5. Chris Wood (Mittwoch, der 12. Mai 2010)

    Dear Roland, I think the average reader will find your criteria for poverty unhelpful.
    Relative poverty matters; (for instance less than half the average earnings). It tends to affect how happy people are. But, what average? Here, a global view is helpful; one can be happy to be better off than the world average. Note that a general increase in wealth does not change the extent of relative poverty.
    Absolute poverty is roughly when lack of money prevents a healthy interesting life. I say „roughly“, because somebody may be fairly rich, but not able to afford an enormously expensive life-saving treatment.

    Dear Enno, mostly I agree with you, but where do I mix the real and financial markets? Anyway, neither production, nor the size of debts is a market.
    I meant „return on investment“ very generally. For instance having a house reduces living costs. One can even regard improved infrastructure (physical and intellectual) as resulting from investment by my generation. And this contributes to the earnings of those paying for our pensions. Of course one can say that there was no real improvement, and we are all living beyond our means (unsustainably). See my piece on „ruining our world“ http://if-blog.de/cw/wie-wir-unsere-welt-zerstoren/#more-18035 and consider the intellectual infrastructure in the light of the „triumph of irrationality“ http://if-blog.de/rd/brandeins-im-mai-%e2%80%93-dieses-heft-macht-sexy/#more-18043. With luck, having children also brings a return on the investment.
    I agree with you Enno that it is very difficult these days to invest money with a positive return on it, after allowing for taxes and inflation.
    I did not write that state debt directly affects my living standard. But it does affect it indirectly. It leads to higher taxes, or reduced state spending, or destabilised currency.

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