Roland Dürre
Samstag, der 9. August 2014

Auch ich bin ein „Meeskite“.

Letze Woche habe ich drei Tage Auszeit genommen. Ich bin mit Zug, Fahrrad und Anhang nach Würzburg gefahren. Wir haben uns die Residenzstadt angeschaut und sind dann weiter nach Sommerhausen zum Torturmtheater geradelt. Dort hat uns die „Emma“ begeistert. Am nächsten Tag ging es mit dem Rad weiter ins 90 km von Sommerhausen am Main entfernte Feuchtwangen (Kreis Ansbach).

Nach doch ganz schön vielen Höhenmetern sind wir direkt am Marktplatz in Feuchtwangen im „Lamm“ abgestiegen. Wir beziehen unsere Zimmer, genießen ein Bier und erfahren, dass da gerade die Kreuzgangfestspiele in der lokalen Freilichtbühne stattfinden. Und dass an diesem Abend das Musical „Cabaret“ laufen wird.

Wir denken uns, dass so ein Musical wie Cabaret auf einer Freilichtbühne doch ein schöner Abschluss eines sonnigen Radtages ist. Karten für gute Plätze gibt es auch noch, also nichts wie kaufen und so geht es am Abend ins Musical.

Meeskite

Sina Schulz (Fräulein Kost), Peter Kaghanovitch (Herr Schulz), Gabriele Fischer (Fräulein Schneider)

Caberet ist ja sogar ein Musical mit Tiefgang. Die Lieder sind schöne Ohrwürmer, die Geschichte hat durchaus Niveau und die Aufführung war gut. So hatten wir einen wunderschönen Theaterabend unterm Sternenhimmmel.

Und dann sang „Herr Schulz“ sein Lied vom Meeskite! Und das ging mir doch so ein wenig durch „Mark und Bein“.

In Google finde ich, dass „meeskite“ bedeutet: „ugly and not good or something“.

Der Song hat es mir angetan, so habe ich nach dem Text zum Song gesucht. Bei songlyrics.com habe ich ihn gefunden.

Warum hat er mich begeistert?

Ganz einfach, weil ich mich viele Jahre wie ein „meeskite“ gefühlt habe. Geschätzt hat das angehalten bis dass ich dreissig Jahre alt wurde. Und auch danach war ich ab und zu ein „meeskite“. Viele meiner Freunde haben sich auch als „meeskite“ gefühlt. Sogar heute lerne ich immer wieder junge Menschen kennen, die so ein „meeskite“-Syndrom haben.

Und ich bin überzeugt, dass die alle keinen Grund haben, sich als „meeskite“ zu fühlen. Sondern ganz im Gegenteil – es sind alles wunderbare Menschen. Trotzdem fühlen sie sich „klein und hässlich“.

Die Ursache scheint mir einfach: Menschen ihrer (unserer) Umwelt wie die Eltern, die Schule und sonstige systemische und nicht systemische Einflüsse und Instanzen haben sie wie uns klein gemacht. Oder es geschafft, dass sie sich und wir uns klein fühlen.

Und ich verstehe nicht, warum das so ist und immer so sein soll. Ich glaube, dass es durchaus soziale Systeme gab, wo es in grauer Vorzeit nicht so war. Vielleicht bei den Wilden, die noch in einer Naturwelt leben durften? Aber zwingt uns unsere Kulturwelt wirklich dazu, dass wir uns „klein“ fühlen müssen?

Sollte nicht im Gegenteil die von uns geschaffene „Kulturwelt“ uns helfen, uns zu befreien! Und uns selber mögen zu können?

Wäre es nicht eine schöne Utopie, wenn wir Menschen uns nicht mehr gegenseitig klein machen würden und wir uns dann auch nicht mehr als „meeskites“ fühlen müssten? Könnte das nicht schöner Aufbruch in ein „Projekt Frieden“ sein?

Das ist alles was ich sagen will.

Auf der Bühne sagt Mr. Schultz vor seinem Vortrag, dass man nur das Wort „Meeskite“ aus dem Jiddischen kennen muss, um den Song zu verstehen. Und wieder beschleicht mich der Verdacht, dass der „meeskite“ besonders gut in stark religiösen und moralisierenden Gesellschaften gedeiht.

Und wenn dem so ist, dann ist das „meeskite-Syndrom“ eine weitere schädliche Nebenwirkung des „Medikaments“ Religion. „Religionsfreiheit“ ist und bleibt eine Verpflichtung im Rahmen eines toleranten Menschenbilds und Gesellschaftsentwurfs, darf aber auch nicht mehr sein. Die von mir oft erlebte Überhöhung von Religion wie die immer wieder grotesken Formen der staatlichen Verbeugung bis hin zur Unterwerfung vor Religionsgemeinschaften sind so nicht nachvollziehbar.

Mein Mentor Rupert Lay hat übrigens von der Ausnahme für Intoleranz gesprochen: Intoleranz ist genau dann zulässig und gefordert, wenn es gegen die Intoleranz geht. Will sagen, dass Intoleranz nicht toleriert werden kann und darf!

Leicht gesagt, schwer getan – aber sicher ein richtiges Prinzip.

RMD

P.S.
Für die, die dem Link nicht folgen wollen, habe ich den Text hier noch mal angehängt.

Miscellaneous
Meeskite
HERR SCHULTZ:
[spoken]
Now the only word you have to know to understand this
little song is the Yiddish word „meeskite“.
Meeskite means: ugly, funny looking…
Meeskite means:

[singing]
Meeskite, meeskite
Once upon a time there was a
Meeskite, meeskite
Looking in the mirror
He would say
What an awful shock,
I’ve got a face
That could stop a clock.

Meeskite, meeskite
Such a pity on him
He is a
Meeskite, meeskite
God up in his Heaven left him out on a shaky limb
He put a meeskite on him!

[spoken]
Listen, he grew up. Even meeskites grow up.

[singing]
And soon in the Heder (means Hebrew School)
He sat beside this little girl
And when he asked her, her name
She replied: „I’m Pearl!“

He ran to the Zeiddah (that’s grandfather)
And said in the scratchy voice of his
You told me I was the homeliest
Well, gramps, you’re wrong, Pearl is!

Meeskite, meeskite
No one ever saw a bigger
Meeskite, meeskite
Ev’rywhere a flaw
And maybe that is the reason why
I’m going to love her, until I die!

Meeskite, meeskite
Oh, it is a pleasure, she’s a
Meeskite, meeskite
She’s the one I’ll treasure
For I thought there could never be
A bigger meeskite, than me!

[spoken]
Listen to what happened:

[singing]
And so they were married
And in a year she turned and smiled:
„I’m afraid, I am going to have a child“.

Nine months she carried
Worrying how’s that child would look
And all the cousins, well, worried too,
But what a turn fate took:

Gorgeous, gorgeous
They produced a baby that was
Gorgeous, gorgeous
Crowding ‚round the cradle
All relatives awed and wooed
He ought to pose for a baby-food.

Gorgeous, gorgeous
Would I tell a lie?
He’s simply
Gorgeous, gorgeous
Who’d have ever thought
That we will see such a flawless gem,
Out of two meeskites like them?

[spoken]
Wait! Wait! This story has a moral. All my stories have morals:

[singing]
Moral, moral
Yes indeed the story has a
Moral, moral
„Thou you not a beauty
It is nevertheless quite true
There may be beautiful things in you“.

Meeskite, meeskite
Listen to a fable of the
Meeskite, meeskite
Anyone responsible for loveliness large or small
Is not a meeskite at all!

Das Bild ist von der Website „Kreuzgangspiele – Stadt Feuchtwangen

RMD

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