Roland Dürre
Dienstag, der 26. März 2013

Reiche Arme …

Hier ein Ausschnitt aus einer Diskussion, die ich als so eine Art „Briefwechsel im Internet“ mitbekommen habe.

In den fünfziger und sechziger Jahren waren Kurzgeschichten der Science Fiction ein beliebtes, aus den USA importiertes Genre. Frederik Pohl, Repräsentant einer Strömung, die ich hier einfach mal als “Social Fiction” bezeichne, veröffentlichte unter anderem eine Geschichte mit dem Titel “Die Armen Reichen”. Ausgangspunkt ist eine Konsumgesellschaft, die damit beschäftigt ist, eine von Robotern hergestellte Überproduktion von Gütern und Dienstleistungen an den Mann zu bringen. Die Bürger sind mit Rationierungskarten ausgestattet, je niedriger die soziale Stellung, desto höher die mindestens zu konsumierenden Rationen. Das heißt, wer einen ausgibt, lässt hier den anderen bezahlen.

Luxuriöse Villenviertel sind also die Elendsviertel und Laubenpieperkolonien eine Art Beverly Hills. Dass der Autor letzten Endes aus dieser genialen Idee nicht viel macht, ist hier nicht von Bedeutung.

Erinnerungen an besagte Geschichte kamen auf, als ein Freund meine Aufmerksamkeit auf einen Artikel in der “Welt” lenkte. Dort steht:

Die Vermögen der Privathaushalte in Deutschland sind einer Studie der Bundesbank zufolge deutlich kleiner als in Euro-Krisenländern wie Spanien oder Italien. Das mittlere Vermögen deutscher Haushalte belaufe sich auf rund 51.400 Euro netto, teilte die Bundesbank am Donnerstag in Frankfurt am Main mit. In Italien betrage das Haushaltsvermögen rund 163.900 Euro, in Spanien rund 178.300 Euro.

In Frankreich belaufe sich das Vermögen der Haushalte im Mittel auf 113.500 Euro, erklärte die Bundesbank weiter. Der für Österreich ermittelte Wert liege mit 76.400 Euro näher am deutschen Niveau. In Deutschland selbst falle das mittlere Vermögen im Osten mit 21.400 Euro deutlich geringer aus als im Westen mit 78.900 Euro je Haushalt.
[In diesem Artikel finden sich noch mehr interessante Zahlen zu Eigentum in diversen Ländern der EU]

Im Vergleich zu hochverschuldeten Krisenstaaten wie Spanien ist damit das vorbildliche, hochproduktive Deutschland beim Vermögen (Aktiva minus Passiva) bettelarm. Selbst die Franzosen, die ja statistisch 6 Wochen pro Jahr weniger als die Deutschen arbeiten, stehen bedeutend besser da. Vielleicht liegt es daran, dass die Reallöhne von 2000 bis 2010 um 4,5% gesunken sind oder daran, dass die Germanen ihr Geld lieber in Malle verballern als “Schaffe, schaffe, Häusle baue” zu praktizieren?

Kommentare über die Aussagekraft von Durchschnitten (Was wird da eigentlich durchgeschnitten und was ist der Belag auf der Schnitte?) überlasse ich lieber dem Statistiker. Mir dämmert jedoch die logische Folgerung:

Je ärmer die Staaten, desto reicher die Bürger und je ärmer die Bürger desto reicher die Staaten.
Oder
Staaten, die nicht wirtschaften können, schaffen reichere Bürger.

Das hat die EZB längst erkannt, na klar, aber Rettungsschirme gibt es nur für die Reichen.

Ich weiß jetzt, Reichtum kommt nicht aus Sparsamkeit und Arbeit, sondern aus Verschuldung und Ausgeben. Das ist ein innovatives, realitätsnahes, wirtschaftliches Konzept.

Warum habe ich eigentlich BWL studiert? Errrare humanum est!

Der Autor dieses Textes ist mir gut bekannt. Er macht gerne auf Widersprüche aufmerksam. Ich finde die Zahlen im Angesicht der aktuellen Entwicklungen zumindest spannend. Will damit aber keinesfalls Ressentiments gegen unsere europäischen Freunde wecken. Irgendwie zeigen mir aber auch diese Zahlen wieder, dass der Karren wohl wirklich verfahren ist. Und wir um eine große Reform nicht herum kommen, denn sonst kommt die „große Reform“ ohne unser Zutun über uns.

🙂 Ich selbst bin dann ja auch mal froh, dass ich nicht BWL studiert habe.

Meine aber auch, dass man mit Arbeit und Sparsamkeit nicht reich wird. Schon eher durch Schulden machen …

RMD

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15 Kommentare zu “Reiche Arme …”

  1. Chris Wood (Mittwoch, der 27. März 2013)

    I find these numbers all very dubious. Per average household in Germany there is a house or apartment, some thousands of square metres of land, a car, a place to work, a share of a power station, etc. These things are mostly not state owned. I guess they add up to half a million €. (That gives Germany a total private wealth of about €20,000,000,000,000 assuming two persons per household). Perhaps Italy, Spain, etc. just have larger households?
    I suspect that German investments abroad are much higher than foreign investment in Germany, so that the private wealth numbers should be even larger.
    Of course large companies own most houses, land, etc., but the companies are also not state owned. The ownership is concentrated in relatively few „private households“, (which may be why Germany runs quite well).
    Ownership of pension rights is a special case, as the „money“ needs to be earned by the next generation. The same is true of „government securities“.
    I welcome corrections, as I am no expert.

  2. rd (Mittwoch, der 27. März 2013)

    Hi Chris, nur ein Hinweis: Es ist – auch der Statistik folgende – erstaunlich, wie wenige der Bürger in Deutschland über eine eigene Immobilie verfügen. Das absolut und relativ zu anderen Ländern der EU.

  3. Chris Wood (Mittwoch, der 27. März 2013)

    Yes Roland, but the houses are still largely in private German ownership. So this fact should not affect the average household wealth.

  4. six (Mittwoch, der 27. März 2013)

    Wer mir arm und reich im Zusammenhang mit diesem ganzen EU-Gehacke ohne Zahlen in einem Satz am besten erklären kann, bekommt von mir ein Freigetränk seiner Wahl (inklusive Zustellung).

  5. rd (Mittwoch, der 27. März 2013)

    Lieber Chris, ich bin mir nicht sicher, ob Dir klar ist, welch privelegiertes Leben Menschen wie Du und ich haben. Ich kenne viele gut verdienende Menschen (Singles wie Familien) deren – unerfüllbarer – Traum es wäre, im Ruhestand eine Immobilie zu bewohnen, die ihnen gehört.

  6. Chris Wood (Donnerstag, der 28. März 2013)

    Yes Roland, it is also super to have a younger wife with a good job! I suspect that earnings are rather evenly distributed in Germany, but wealth is rather unevenly spread. This is bad for old Germans who have not saved.
    But the point made was about the average wealth, not the distribution. Of course a mathematician would refer to „mean“, „median“, or „mode“. A mathematician uses „average“ to mean „mean“, but a non-mathematician may be thinking more in terms of a typical citizen. Some people have trouble with the idea that an average German mother has 1½ children.

  7. wl (Freitag, der 29. März 2013)

    Diese Vergleiche sind so blödsinnig wie die Armutsvergleiche: Man erinnert sich… Armut ist eine relative Definition, relativ zum Einkommen der anderen. Dasselbe gilt für Immobilienbewertungen, Rentenbewertungen, Bildungsbewertungen. Die einzig rationale Forderung die ich sehe: Alle Statistiker entlassen … Jeder Statistiker weiß, dass er nur Messwerte bestimmter Qualität vergleichen darf. Aber, er ist korrupt und lässt sich für Aussagen bezahlen, deren Unzuverlässigkeit er qua akademischer Ausbildung kennt. Wirklich schade um Zeit und Ressourcen.
    Also eine Quintessenz? Die Staaten verfrühstücken das Kapital der kommenden Generationen! Das ist ungerecht!

  8. rd (Freitag, der 29. März 2013)

    Finde, dass der Werner recht hat, wie immer. Beschränkt kann man Statistikern aber schon folgen. Z.B. wenn die Italiener jetzt auf der Suche nach der 62. Nachkriegsregierung sind, dann kann man daraus schließen, dass die Regierungen im Durchschnitt nur ein wenig mehr als ein Jahr gehalten haben 🙂

  9. Chris Wood (Samstag, der 30. März 2013)

    In contrast, I find Werner’s comment silly. Statistics can be twisted, but modern society would be lost without them. For instance, consider the statistics that showed the danger of smoking.
    Roland, I have read that the pension fund for Californian civil servants has invested a (US) billion in German firms. This is still not much compared with 20 (US) trillions, but perhaps ¾ of the assets in Germany are really foreign owned. (But then perhaps Germans own a similar amount of foreign wealth.

  10. rd (Samstag, der 30. März 2013)

    @Chris:
    Bei dem Haushaltsvermögen spielt es keine Rolle, welcher juristischen Person an welch anderer gehören. Da geht es nur darum, über wie viel geldwertes Eigentum (saldiert, d.h. nach Abzug der Schulden verfügt) ein Haushalt im Durchschnitt verfügt. Und das ist in Deutschland halt als Durchschnittswert gering. Nicht zu letzt auch, weil nur ganz wenige Deutsche über ein Immobilienvermögen verfügen. Deswegen ist ja auch die eigene Wohnung ein Traum von so vielen Menschen, weil sie in der Regel unerreichbar ist. Geschweige denn ein Häuschen.
    Ich selbst erkenne erstaunlich viele deutsche Menschen, die trotz guten sozialen Status und Job ein negatives Vermögen haben. Ohne Chance, da jemals rauszukommen.

    Ob Statistik relevant ist, würde ich auch bezweifeln. Wenn ich mir einen Mann oder eine Frau anschaue, die 40 Jahre geraucht haben, brauche ich keine Statistik mehr, um die Schädlichkeit des Rauchens zu erkennen. Statistik belegt doch nur das eh Evidente … (es sei denn, sie wurde vorsätzlich gefälscht) 😉

  11. six (Samstag, der 30. März 2013)

    Mit einem Substanz-Begriff für reich und arm kommen wir nicht weiter – da hat wl recht. Schlage deshalb einen Funktionsbegriff vor. Statt reich und arm: Appell-Linke (Vergemeinschaftung der Schulden!) und Leidens-Linke (Alternativlos!). Die Appell-Linke fordert (bevorzugtes Mittel: Opfermärsche), die Leidens-Linke zahlt. Insofern ist eine Einteilung in reich und arm völlig blödsinnig, weil mit der letzten Überweisung oder Krise bereits wieder obsolet. Zu den Appell-Linken gehört auch BMW (steht hier als Prototyp des Luxus-Exporteurs), der weiterhin Kredite für Griechenland fordert, um dort seine Kisten verkaufen zu können. Denn welcher griechische Käse-Bauer konnte sich schon einen BMW vor der bedingungslosen Kreditfinanzierung leisten. Die Leidens-Linken werden also nicht nur durch das Opfergetue im TV unter Druck gesetzt, sondern durch beinharte, politische Lobby-Arbeit der deutschen Luxus-Export-Industrie. Inklusive Export-Finanzierungs-Absicherung. Dies erklärt einige statistische Phänomene, die jetzt durch die Bundesbank veröffentlicht wurden. Das also zu den Verschwimm-Begriffen von „reich“ und „arm“ (betrifft alles nur die Mittelklasse, die ganz oben und ganz unten führen ein dauersubventioniertes Dasein).

    Jetzt zu dem Abschlusssatz von wl:

    Die Staaten verfrühstücken das Kapital der kommenden Generation! Das ist ungerecht!

    Schon vergessen? Währungsreform? 40 Mark für jeden zum Neubeginn. Wir sind die zukünftige Generation von damals. Ging’s und geht’s uns schlecht? Und wenn’s noch einmal dazu käme, was nicht so ganz auszuschließen ist: Was wäre dann ungerecht daran? Gerechter geht’s doch gar nicht!

  12. Chris Wood (Samstag, der 30. März 2013)

    Dear Roland, you keep repeating the same mistake. It makes no difference to the average German household whether every German owns his or her share of a house, or one German owns all the houses.
    My first comment invited correction, but nobody has produced any.
    Dear Six, I understand your last paragraph well enough to comment on it. If our generations have built up capital, (wealth), I do not consider it ok for the government to transfer this wealth to foreigners who are already rich.

  13. kuhn hans-peter (Dienstag, der 2. April 2013)

    Der Artikel ist natürlich inzwischen Schnee von gestern… Trotzdem

    Einige Kommentatoren liessen die Relativität von Armut und Reichtum anklingen. Das klingt zunächst intelligent.

    Aber jetzt mal ehrlich, reich sind immer irgendwelche Andere, das ist unser Trost. Arme sind es nur relativ, das ist deren schwacher Trost, sie werden durch die Relativitätstheoretiker nämlich zu relativ Reichen befördert. Friede, Freude, Eierkuchen.

    Leider führt Relativierung in Gefilde jenseits der Verantwortung. Was machen? Sich absolut positionieren und agieren.

    Also erwacht endlich, Ihr Arme Reiche des IF-blogs!!!

  14. Chris Wood (Freitag, der 5. April 2013)

    Owning ones own house or apartment is a good idea. The effective rent („Miete“) that the house owner would pay to himself is not taxed, whereas real rents are taxed, as far as they exceed the owners‘ costs. This is in contrast to the situation when one uses a company car privately. This advantage outweighs the disadvantage of being rather tightly bound to one location, (even in Germany, where buying and selling property is rather bureaucratic).
    It is surprising that the government has, (so far), missed this chance. It can be argued that all possessions should be taxed according to the potential cost of hiring such „possessions“. For monetary possessions, this „hiring“ cost would be the interest one would pay on a mortgage of the same amount. Of course civil servants, politicians and other people vital to the country, together with their families and friends, should be exempted from these new taxes.

  15. rd (Samstag, der 6. April 2013)

    Lieber Chris, es ist nicht relevant, ob man Immobilien als Eigentum selber nutzt oder vermietet. Nur – viele Menschen in Deutschland haben gar keine Chance – in diese Lage zu kommen. Auch ich selbst habe 1979 meine erste Immobilie eigentlich als „verantwortungsloser Harsardeur“ gekauft. Meine monatliche Rate an Zins und Rückzahlung war deutlich höher als mein Netto-Einkommen. Und sicherlich zu Recht gehen die meisten Menschen so ein Risiko nicht ein bzw. haben gar nicht die Chance, es eingehen zu können.

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