Roland Dürre
Montag, der 23. Januar 2012

Ausgeschleckt

Viele hat es überrascht – Schlecker macht Insolvenz.

Mich eigentlich weniger.

Ich meine, dass schiere Größe, ewiges Wachstum und Kostenführerschaft nicht mehr die kritischen Wettbewerbsvorteile sind. Der Handel ist zusätzlich allgemein unter Druck. Davon können die Kaufhäuser und sicher auch bald die Discounter ein Lied singen. Bin mal gespannt, wann der erste der Aldis, Lidls und Co aufgeben muss.

Die Discounter haben eigentlich alles an Maßnahmen ausgeschöpft um die Umsätze zu steigern. Das Sortiment wurde immer erweitert. Zuerst wurden die Regale mit Dosen und Trockenwaren um Gemüse und Obst, Frischwaren, einer Kühltheke für Milchprodukte, dann Gefrierkost und Frischfleisch ergänzt. Dann wurden immer mehr und immer öfters ausgeklügelte Sonderangebote generiert, um den Kaufreiz durch Schnäppchen zu stimulieren. Dann wurden auch noch Photodruck und Reisen angeboten, alles um im Umsatz zu wachsen und zu wachsen.

Da geht jetzt nicht mehr viel neues: Oder wollen sie Mopeds und Autos verkaufen? Oder Haustiere? Nein, das Wachstums durch Ausnutzen neuer Produktsegmente dürfte erreicht worden sein.

Gleichzeitig werden die Kunden weniger. Die Verbraucher beginnen autonomer zu werden. Sie orientieren sich um und kaufen weniger Quatsch und dafür lieber Qualität.

Die Großunternehmen pflastern aber weiter die Natur mit Filialen zu, als ob wir nichts kapiert hätten. Sie begeben sich in einen ruinösen Wettbewerb. Dieser kostet viel Geld. Und soviel Umsatz, wie man braucht um alle Filialen zu finanzieren, kann man wahrscheinlich gar nicht mehr generieren.

Man meint aber, aufrüsten zu müssen, weil die Konkurrenz ja auch aufrüstet. So kreisen neue Aldis, Lidls, Rewes, Tengelmanns, Metros, Käfers und was es sonst noch alles gibt unsere Gemeinden ein und versiegeln den Boden mit einer flachen Baracke und viel zu vielen Parkplätzen, die nie voll sind. Die Anzahl der Filialen wächst, die Nachfrage aber nicht. Zwar füllen heute noch viele Kunden vor allem aus Ost-Europa ihre Einkaufswägen und Pkws prall vor der Heimreise, weil es in Deutschland so billig ist. Das kann sich aber auch ganz schnell ändern.

Die Art der zentralistischen Organisation dürfte solchen Firmen auch schaden. Die Zeiten werden komplizierter und der Wettbewerb härter. Man wird wieder mehr auf die regionalen Bedürfnisse eingehen müssen. Dazu braucht man neues Wissen und viele gute Ideen. Ideen und Innovation müssen von „unten“ kommen, auch durch das „empowering of people„, das im (vergangenen) Zeitalter von Kaizen so wichtig war. Und auch das geht wahrscheinlich am besten in überschaubar kleinen, unabhängigen und dezentralen Teams. So wie auch Kultur und Werte immer besser in kleinen Strukturen gedeihen als in den Mega-Organisationen. Vielleicht gehört die Zukunft wieder Modellen, die ähnlich wie früher Genossenschaften funktionieren.

Neben Schlecker habe ich auch vom Scheitern von Kodak und manroland gelesen. Auch das waren starke Firmen. Die mussten gegen den technologischen Wandel ankämpfen – und waren wohl chancenlos.

Es hätte ihnen geholfen, wenn sie fähig gewesen wären, aktiv zu schrumpfen. Die analoge Photographie war ein Auslaufmodell wie es die „Papierbeschmutzung“ auch ist. Aktiv schrumpfen zu können, hätte wahrscheinlich beim Überleben geholfen. Auch das können kleine und regionale Strukturen mit flexibel und dezentral organisierten Einheiten besser als die großen Tanker.

RMD

P.S.
In der Berichterstattung zu Schlecker habe ich gelesen, dass der Markt für Drogerie-Waren als sehr aussichtsreich bewertet wird. Auch dies verstehe ich nicht. Wenn ich in der Männerabteilung bei einer der Drogerie-Ketten bin wundere ich mich über die vielen Düfte und Hautpflegemittel für meine Geschlechtsgenossen. Und kaufe mir ein paar neue Rasierklingen. Die reichen dann wieder für ein paar Jahre. Und als Rasierschaum nehme ich mittlerweile Seife, die tut es heute genauso gut.

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3 Kommentare zu “Ausgeschleckt”

  1. Eberhard Huber (Dienstag, der 24. Januar 2012)

    > Und als Rasierschaum nehme ich mittlerweile Seife

    Es lässt mich schmunzeln, dass wir in manch kleinen Dingen (von Fahrradnabe bis zum Rasierschaum) zu ähnlichen Entscheidungen kommen.

  2. rd (Dienstag, der 24. Januar 2012)

    Lieber Eberhard, auch wenn es albern klingt:

    Eines Tages habe ich aus Versehen entdeckt, dass moderne Seifen wunderbar schäumen. Einfach, weil ich meine Tube mit Rasiercreme vergessen hatte. Genauso wie Rasiercreme.

    Der nächste Schritt war klar – warum brauche ich dann noch Rasiercreme?

    Ich vermute, dass Rasiercreme erfunden wurde, weil die einfache Seife früher eben nicht geschäumt. So ist auch noch meine Kindheitserinnerung.

    Deshalb hat man eine spezielle Art von Seife entwickelt, eben die Rasierseife. Die braucht man aber heute nicht mehr.

    Mit Seife habe ich übrigens auch die vielen Plastikbehältnisse ersetzt, die Shampoo und ähnliches enthalten. Ich gebe zu, dass dies mir bei meinen wenigen und kurzen Haaren natürlich besonders leicht fällt.

    Ich verstehe aber meine männlichen Duschgenossen nicht, wenn der Rasierschaum aus der Sprühdose kommt, dann noch verschiedene Shampoos und Duschgele verwendet werden und am Schluss die Haut auch noch mit Body Lotion eingecremt wird.

    Der Dosen- und Plastikmüll tut mir fast schon weh, und dass es gesund ist, glaube ich auch nicht. Bestenfalls schadet es nicht.

  3. Eberhard Huber (Dienstag, der 24. Januar 2012)

    … und jetzt ist mein Schmunzeln noch breiter, in meinem Reisebeutel steckt seit vielen Jahren eine Seifenbox, in der die gleiche Seife steckt, die ich zum Rasieren, Duschen und allem weiteren verwende …

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