Roland Dürre
Samstag, der 14. Juli 2012

Beschneidung und Aufklärung

Das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung erscheint mir im Sinne der Aufklärung mehr als überfällig.

Auch beim Mann hat die Beschneidung negative gesundheitliche Folgen. Die äußern sich in gelegentlichem Wundsein, lästigem Drücken und Desensibilisierung von empfindlicher Haut. Das ist trivial einzusehen und gilt im übrigen genauso für aus „medizinischen Gründen“ erfolgte Beschneidungen wie für „religiös motivierte“. Wobei die „medizinische“ Indikation in den meisten Fällen nicht zwingend ist.

In der Regel werden „medizinische Beschneidungen“ mehr auf Druck der Eltern und da besonders der Mütter durchgeführt. Die Motivation sind dann eher „hygienische“ denn „medizinische“ Gründe. Ich habe da selbst absurde Diskussionen von (übrigens überwiegend allein erziehenden) Müttern mitbekommen, die ihre Söhne nicht aus religiöser Motivation beschneiden haben lassen, sondern weil sie es einfacher als sauberer und normaler empfunden haben. Übrigens intelligente Frauen wie zum Beispiel eine mir bekannte Gymnasiallehrerin.

Da wird dann auch gerne vergessen, dass Beschneidungen neben den vielleicht nur leicht einschränkenden körperlichen Beschwerden auch psychosomatische Schäden bewirken. Frühzeitig erfolgt oft eine Ausgrenzung des Kindes – zum Beispiel beim gemeinsamen duschen. Es bedeutet Scham in Nacktkörper-Situationen, Diffamierung durch Mitschüler, Gefühl sexueller Minderwertigkeit usw. Die Pubertät wird auch nicht leichter.

Überall all das redet man nicht so gerne, weil ja Beschneidungen wie viele andere ähnliche Themen wie Sterilisationen oder Abtreibungen bei uns immer noch tabuisiert sind und geheim gehalten werden. Die betroffenen weichen dem Problem dann aus – zum Beispiel nehmen sie halt beim Duschen nach dem gemeinsamen Freizeitsport nicht teil.

Die körperlichen Eingriffe und Beschwerden als Folge einer Beschneidung sind beim Mann sicher nicht so wesentlich wie bei der Frau. Wahrscheinlich arrangiert sich Mann auch mehr oder weniger damit. Der menschliche Körper ist ja sehr anpassungsfähig, auch wenn es darum geht kleine chronische „Wehweh-chen“ zu ignorieren.

Denn die Folgen des unbedachten Eingriffs beim Säugling sind ein Leben lang wirksam.

Dogmatisierte Menschen werden das ignorieren und schulterzuckend das Totschlag-Argument der „Jahrtausende alten Tradition“ bringen. Und der „normale“ Mann gibt ja Beschwerden sowieso und gerade an seinem wichtigsten Teil nicht gerne zu. Also wurde das Thema in der Vergangenheit eher totgeschwiegen. Deshalb bin ich auch froh über das Kölner Urteil.

Aber warum soll man in einem aufgeklärten und menschlichen Deutschland nicht verbieten dürfen, einen gesunden männlichen Säugling vorsätzlich zu verstümmeln? Auch dann, wenn diese Verstümmelung mit  „Jahrtausend alter Tradition“ und Rücksichtnahme auf „religiöse Gefühle“ begründet wird?

Eltern, die ihren Säugling aus religiösen Gründen verstümmeln wollen, können das doch in einem Land machen, wo das erlaubt ist oder sogar als zwingendes Muss gesehen wird.

Im Übrigen hat uns die Aufklärung auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau verschafft. Und auch die von Frau und Mann! Wieso sollen wir einen Eingriff bei Jungen tolerieren, den wir bei Mädchen ablehnen? Ist der Eingriff beim Mann deshalb in Ordnung, weil er nicht so schädlich ist wie bei der Frau? Weil beim männlichen Geschlecht ein bisschen weniger weggeschnitten wird?

Oder drastischer gesagt: Wenn man keine Schamlippen entfernen darf, auch wenn dies aus Gründen von Religion oder Tradition gegeben erscheint, dann bitte auch keine Vorhäute! Auch das ist Gleichberechtigung – in diesem Fall mal für den Mann in Anspruch genommen.

Was mich am meisten entsetzt: Kaum, dass ein Gericht mutig und konsequent entscheidet, kommen unsere „demokratischen“ Parteien und wollen das Urteil per Gesetz bei Seite schaffen. Zittern sie vor den mächtigen Religionsgruppen, dem Terror oder geht es nur um Wählerstimmen?

Ich verstehe es nicht.

Schlage aber vor, zumindest die männlichen Abgeordneten der Vertreter unser Parteien, die dafür sind, Beschneidungen per Gesetz zu zu lassen, dann gleich mal als erstes zu beschneiden. Und mit dem Steffen Seibert würde ich gleich anfangen. Gerne mit einem schönen Ritual und öffentlicher Live-Übertragung.

RMD

P.S.
Hier übrigens der Originalton der Regierungserklärung zum Thema:

Die Bundesregierung will nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert den Rechtsfrieden für Beschneidungen in Deutschland wiederherstellen. Seibert erklärte am Freitag in Berlin, verantwortungsvoll durchgeführte Beschneidungen von Jungen müssten straffrei in Deutschland möglich sein. Die Bundesregierung sei sich der Tatsache bewusst, „dass gerade in der jüdischen Religion die frühe Beschneidung von großer Bedeutung ist“, so Seibert. „Wir wollen jüdisches und wir wollen muslimisches religiöses Leben in Deutschland.“ Aus dem Bundesjustizministerium hieß es, die rechtliche Prüfung werde mit Hochdruck fortgesetzt. „Da kann nichts auf die lange Bank geschoben werden. Die Freiheit der religiösen Betätigung ist uns ein hohes Rechtsgut.“

Jetzt haben wir es:

Menschen verstümmeln ist religiöse Betätigung. Religiöse Betätigung ist ein hohes Rechtsgut. Also ist Menschen verstümmeln ein hohes Rechtsgut.

Und die Hygenie bewussten deutschen Mütter dürfen auch wieder hoffen …

P.S.2
Die Sorge, dass genau diese kleinen persönlichen Geheimnisse bekannt werden, könnte ein Grund für die oft bizarren Forderungen nach strengstem Datenschutz und die irrationale Angst vor Transparenz sein.

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6 Kommentare zu “Beschneidung und Aufklärung”

  1. Chris Wood (Sonntag, der 15. Juli 2012)

    Roland, you go a bit too far here.
    Of course I am against religious circumcision. I saw a chat show about it with a Rabi who said it was „the basis of Judaism“! His other arguments were similarly silly. The standard pretty German Moslem girl was also there in her head scarf, with slightly less silly arguments, (although the Koran says nothing about it).
    I have known three circumcised men, (aside from Jews and Moslems whom I did not check). Two were „medical“, the third was half American. None of them had a problem with it. One was my father. Perhaps partly because of this, I had to correct Wikipedia where he was described as Jewish. Another was a school friend, who had a slight complex about a missing tooth. My father produced four almost perfect offspring with his „damaged“ organ.
    Your remarks about being mobbed because of being different may apply in German schools, but not in USA, where a majority are circumcised, (not to mention other countries).
    Circumcision seems to protect slightly against catching sexually transmitted diseases. This outweighs the disadvantages in countries with high rates of HIV. Of course the young men could decide for themselves whether to seek such protection or to use more effective methods.
    For me, the main argument against male circumcision is that it makes it harder to be convincing about female circumcision.

  2. rd (Sonntag, der 15. Juli 2012)

    Hi Chris, ist die USA nicht das Land, wo die Menschen sofort nach dem Sex unter die Dusche springen, weil sie sich anschließend so schmutzig fühlen? 🙂

    Aber im Ernst, Dein Beitrag verstärkt meine Vorurteile – gegen religiöse Zeremonien wie gegen deutsche und vor allem US-amerikanische Frauen … 🙂

    Und die Aussage, dass „circumsisions“ vor Aids und Geschlechtskrankheiten schützte, gehört doch auch ins Reich der Fabeln (und ist deswegen eigentlich kriminell).

  3. six (Sonntag, der 15. Juli 2012)

    Das letzte Argument von Chris bringt einen wichtigen Punkt, der in dem Zusammenhang eher unterschwellig mit läuft. Was ist der Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Beschneidung? Wohlgemerkt, ich spreche hier nicht vom Schnibbelhandwerk. Während die Rate bei Männern ganz offen gehandhabt wird (75% der Männer in den USA leben ohne Vorhaut, 25% weltweit – Quelle SZ vom 27.Juni 12), habe ich keine Statistik für Frauen gefunden. Meistens bedeuten offene Statistiken gegenüber vagen Vermutungen, für die einen ist es okay, für die anderen nicht.

    Warum eigentlich? Warum ist ein bedeutsamer Eingriff in den Körper und in die Sexualität bei den einen okay und bei den anderen nicht? Oder ist er bei den einen nicht bedeutsam und bei den anderen schon?

  4. rd (Montag, der 16. Juli 2012)

    Auf meinen Südseereisen habe ich eine ganze Reihe von Stämmen getroffen, die sich auf erstaunliche Art und Weise an Ohren, Lippen, Nasen und anderen Körperteilen massakrieren. Das ganze wohl aus einer Mischung von Geisterglauben, Tradition und einem anderem Verständnis von Schönheit. Das ganze ergänzt durch heftigste Tätowierungen.

    Aber das kommt ja in unserer A.-E.-Kultur (American-European) auch immer mehr. Im Schwimmbad gewinne ich den (stochastischen) Eindruck, dass bei den jungen Männern die Beschneidungen aus Sauberkeitsgründen weniger geworden sind und dafür massiv mehr gepierct und tätowiert wird.

    So ändert sich wohl das Lebens- und Religionsgefühl. Insofern würde ich es jeden für sich so machen lassen, wie er es will. Aber das darf nicht für dritte und insbesondere nicht für Säuglinge entschieden werden.

  5. fs (Montag, der 16. Juli 2012)

    Sehr schöner offener Artikel mit der zu erwartenden kontroversen Diskussion, insb. von Seiten der „Betroffenen“ 😉

    Fakt ist doch, dass wir rechtlich betrachtet hier über Körperverletzung sprechen. Und damit über Eltern, die Körperverletzung an den eigenen Kindern billigen. Und da sind religiöse, trendlge oder auf irgendeinem Aberglauben beruhende (Schutz vor sexuell ubertragbaren Krankheiten usw.) Gründe völlig egal. Hygiene? Sorry, Leute: die paar Quadratzentimeter Haut machen unter der Dusche nun wirklich keinen Unterschied. Berechtigte Engriffe aufgrund tatsächlicher medizinischer Indikationen sind in dieser Betrachtung absolut vernachlässigbar. Und: wer sich verstümmeln will, darf das bei Eintritt der Volljährigkeit gern trotzdem tun, aber dann eben selbstbestimmt.

    Beunruhigend finde ich, dass unsere Regierung wie immer sofort zusammenzuckt, weil jemand „Holocaust“ gesagt hat und aus lauter Angst, dass wieder mal unsere Geschichte bemüht wird, gleich mal Straftaten (s.o.) per Gesetz legalisieren will. Ich würde daher den Vorschlag unterstützen, dass alle, die gegen dieses Urteil per Gesetz vorgehen wollen, mal eben mit gutem Beispiel vorangehen. Gern live bei ARD (endlich mal ein Gegenwert zu den agebuhren) ohne Anästhesie mit Zoom auf das Gesicht des jeweiligen Politikers,

  6. Chris Wood (Montag, der 16. Juli 2012)

    One or two small points:-
    I am surprised that two comments dismiss the AIDS aspect as superstition, without quoting statistics. As I remember, I read this in New Scientist, and it was based on WHO statistics in Africa. The article was in general against circumcision.
    I am surprised that SIX seems ignorant of the much worse effects of circumcision of girls, particularly in its more drastic forms.
    I wonder how Roland managed 7 offspring, while having prejudices against German women. (I find them nicer than the men).
    Should girls have to „come of age“, before they can have pierced ears? Just what ages should be required for self-mutilations?

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