Roland Dürre
Mittwoch, der 24. Dezember 2014

brand eins im Januar (2015)

Betrachten wir heute mal die Werbung, die keiner mehr braucht!

Was macht man am Heilig Abend? Man wartet auf die Bescherung. Und liest brand eins. Und natürlich im Heft des neuen Jahres, auch wenn das Dezember Heft von 2014 noch nicht ganz ausgelesen ist. Das hat den Titel „Lass Krachen“ und hat mir nicht nur wegen des Schwerpunkts „Genuss“ viel Freude gemacht.

Um es gleich zu sagen: Das neue brand eins mit dem Titel DU und dem Schwerpunkt Selbstbestimmung hat mir sehr geholfen, die Zeit zur Bescherung zu überbrücken und so einen wertvollen Heilig Abend Nachmittag beschert. Es ist eine ganz tolle Nummer, vom redaktionellen Teil bin ich wieder mal so richtig begeistert.

brandeins 01 15

Brand eins ist wohl zu gut geworden. Und das haben auch andere gemerkt. Das mag für brand eins geschäftlich von Vorteil sein, hat aber seine Nachteile.

Zuerst ist es die Menge an Werbung, die mich überrascht. Und wenn etwas gut ist, dann schleicht sich schnell mal die Werbung rein. So wie beim Bayerischen Rundfunk im zweiten Programm (Bayern2). Immer mehr Minuten werde ich dort mit Reklame belästigt. Und überlege mir schon, diesen Sender nicht mehr anzuhören sondern mich nur noch von podcasts zu „ernähren“.

Der Bayerische Rundfunk ist doch öffentlich rechtlich finanziert. Er sollte doch zumindest bei seinen qualitativ hochwertigen Hörfunk-Programmen ohne Werbung auskommen. Da zahle ich gerne meine GEZ-Gebühren dafür.

Bei brand eins dürften es wohl andere Voraussetzungen sein als beim Bayerischen Rundfunk. Da lebt die Redaktion von der Werbung. Finde ich zwar schade, kann ich aber nicht ändern. Also schüttele ich zuerst die Beilagen aus dem Heft heraus. Seitdem ich die SZ nur noch digital lese, bin ich da nicht mehr so geübt. Es dauert, aber dann habe ich es geschafft.

Auf dem Boden liegen jetzt die Österreicher, die mich zum Schifahren holen wollen (ich weiß, wie gut Austria Tourismus bei „incoming operations“ ist). Daneben liegen die Sachsen. Die behaupten, dass die Zukunft aus Sachsen käme, was natürlich Blödsinn ist. Der „The Economist“ liegt auch da und will mich haben wie auch ein Wohlfühlfond namens ÖKOVISION, in den ich investieren soll, dies aber nicht will und nicht werde.

Es gibt aber auch Werbung, die beim Rausschütteln partout nicht raus will, weil sie eingeheftet ist. Diese heimtückische Methode wendet LEXWARE an, eine Software, die garantiert keiner braucht.

Aber auch im Heft ist mittlerweile Werbung ohne Ende drin. Uns es überrascht mich auch die von mir als massiv empfundene „Dümmlichkeit“ der Inhalte der Werbebotschaften. Geht es noch dümmer? Aber auch die Fragwürdigkeit der angepriesenen Produkte ist mehrheitlich beeindruckend.

Vorne auf zwei Seiten und auf der Rückseite sind zwei Luxusuhren-Labels vertreten, PATEK PHILLIPE und IWC Schaffhausen. Von vorne geht es weiter mit der Bethmann Bank (ABN AMRO), dann will mir RIMOWA seine schönen Koffer verkaufen. Microsoft will mich gar vom Garagentüftler zum Konzernchef machen (make it happen). Gleich danach schaut mich ein finsterer Typ von der CONSORSBANK.de an, der ein COMING OUT plant (IN JEDEM VON UNS STECKT EIN KLEINER BANKER. ZEIT FÜRS …). Occhio will mich mit perfect light versorgen, ich soll einen blauen FORD FOCUS mit Einpark-Assistent kaufen und Musik „wireless“ mit harman/kardon hören.

Kurz vor dem Schwerpunkt des Hefts soll ich dann auf vier Seiten Porsche fahren. Porsche will übrigens bei mir eine Spannung erzeugen, weil das seine Hauptaufgabe wäre (???). Gleich nach dem Porsche kommt vitra. (mit dem Punkt) und will mir einen „Soft Pad Chair EA 208“ verkaufen. Einmal umgeblättert wird es noch schlimmer, da wollen zwei Bundesministerien (Arbeit und Soziales, Wirtschaft und Energie gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit) bei uns einen Fachkräfte-Check machen. Sachen gibts!

Dabei ich bin ich erst auf Seite 40 von 162. Mir schwant Übles, aber ich gebe noch nicht auf und mache weiter mit der Suche nach Werbung.

Und ich soll schon wieder Bürostühle kaufen. Von interstuhl. Und der Stuhl heißt SILVER und ist der STUHL UNTER DEN STÜHLEN. Nach einer kleinen Erholungspause kommt die DKMS und will „KURZ LEBEN RETTEN“. Die meinen, ich sollte dringend mit meiner Firma etwas gegen Blutkrebs unternehmen. Dann kommt zwei mal Werbung für eine brand eins – Veranstaltung (gemeinsam mit TAGESSPIEGEL, die Lobby für Kinder und dm) und für eine brand eins – Publikation.

Und schon erwischt mich der Airport Düsseldorf mit „Düsseldorf Airport Advertising“, ganz gnädig als erster nur auf einer drittel Seite quer (alle Anzeigen davor waren ganz- bzw. mehrseitig). Im Folgenden finde ich noch vergleichsweise bescheidenen vertikale Drittel-Seite-Anzeigen mit PSYCHOLOGIE HEUTE und dem „branding institute – wien“.

Jetzt werde ich nicht mehr fündig, eine ganze Reihe von Seiten sind werbe-frei und bestehen nur aus Text und Fotos. Damit ist aber Schluss auf Seite 87 – das Handelsblatt will mir einen Digitalpass verkaufen (wieder ganzseitig). Wenige Seiten weiter soll ich H.O.M.E lesen, weil sie im modernen Leben zu Hause wären (wieder ganzseitig). Angelangt auf Seite 92 grüßt mich der Spiegel (ganzseitig) mit „Geschichte“ und „DIE BIBEL“ (DEM MÄCHTIGSTEM BUCH DER WELT). Und alles kann ich natürlich auch immer als APP haben. Und nur eine Seite später – wieder ganzseitig – beglückt mich SAT.1 mit „NUR DIE LIEBE ZÄHLT“. Auch das wie so oft bisher in ganz großen Buchstaben.

Endlich angekommen auf Seite 98/99 finde ich die fiese Lexware-Werbung, die eingeheftet ist und überlege mir, ob ich sie raus machen soll. Aber raus machen könnte das schöne Heft ja beschädigen, also mache ich weiter.

So komme ich zu Kleinanzeigen und Eigenwerbung. Und tatsächlich, bis 109 ist dann wieder werbefreie Zone, erst auf Seite 110 ermahnt mich die von mir tatsächliche geschätzte „Neue Züricher Zeitung“, dass es auch eine Schweizer Perspektive gibt. Nach nur einem Umblättern überfällt mich domus, „die IKONE unter den ARCHITEKTURZEITSCHRIFTEN nun auf Deutsch mit lokalen Beiträgen“. Wow!

Auf Seite 117 soll ich zum „Star der Festbeleuchtung werden“ (messe Frankfurt) und ein wenig später Stern lesen (ganzseitig). Das will ich aber nicht. Auf der Rückseite kommt auch ganzseitig ramp daher mit AUTO.KULTUR.MAGAZIN. und fragt mich, ob ich „LUST AUF AUTOKULTUR“ hätte. Auto und Kultur – das ist ja schon ein Widerspruch in sich.

Ich gebe die Durchsicht des Hefts nach Werbung immer noch nicht auf und werde für meine Hartnäckigkeit hart bestraft: Auf der nächsten Seite inseriert die Welt mit den (unsäglichen) Sprüchen „Die Welt gehört denen, die auch im Netz gegen den Strom schwimmen“ und „UND DIE WELT GEHÖRT DENEN, DIE NEU DENKEN“. Geht es noch schlimmer?

Ja – denn schon kommt ONSCREEN mit „Langeweile war gestern. Heute ist ONSCREEN.“ Aua – das tut weh! Und es kommt noch schlimmer. Denn auf Seite 138 wirbt (PRO?) 7 mit „SCHLAG DEN RAAB“ und schreit mir „WE LOVE TO ENTERTAIN YOU“ entgegen. Da gehe ich endgültig KO und schalte meinen „Werbung ignorieren – Filter“ ein.

Jetzt überlege ich mir, ob ich nicht auch bei brand eins auf die digitale Ausgabe umstellen soll. Die tolle Arbeit der Redaktion bezahle ich ja gerne. Aber soviel Dummheit auf Hochglanzpapier tut mir richtig körperlich weh, nicht nur wegen der gigantischen Verschwendung. Wirklich schade, dass die Zeitungen eine so unsinnige Indirektion brauchen, um die Menschen, die für sie arbeiten, ernähren zu können.

Und jetzt geht es ab zur Bescherung.

RMD

P.S.
Ich bitte brand eins und sein Team um Verzeihung, dass ich die Werbung in seinem Magazin so kritisch betrachte. Aber in die anderen zum Beispiel Wirtschafts-Magazine mag ich schon wegen des dort zu findenden „Journalismus“ schon gar nicht mehr rein schauen.

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