Roland Dürre
Samstag, der 25. Februar 2012

Briefgeheimnis 2.0

Das habe ich heute morgen in den Nachrichten gehört und dann im MDR nachgelesen:

Die deutschen Geheimdienste überwachen zunehmend E-Mails. Wie die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf Angaben des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages berichtet, wurden 2010 mehr als 37 Millionen E-Mails und Datenverbindungen überprüft. Den Angaben zufolge hat sich die Zahl der Kontrollen im Vergleich zum Vorjahr mehr als verfünffacht. 

In BILD selbst klingt das so:

Im Jahr 2010 wurden danach 37.292.862 Emails und Datenverbindungen überprüft, weil darin bestimmte Schlagwörter (z.B. Bombe, Atom, Rakete usw.) vorkamen. Damit hat sich die Zahl im Vergleich zum Vorjahr mehr als verfünffacht. 2009 waren 6,8 Mio. Internet-Kommunikationen überprüft worden.

Ich mach mal die Dimension des Geschehens klar:

Es gab eine Zeit, da gab es keine E-Mails. Und die Telefonie war nicht so verbreitet. Da hat man sich noch richtige Briefe geschrieben.

Man stelle sich jetzt vor, ein Heer von Staatsfunktionären oder -robotern würde jeden Brief vorsichtig (unter Wasserdampf) öffnen und ihn nach Begriffen wie Bombe, Atom, Rakete usw. durchsuchen. Falls dieser Begriff enthalten ist, wird eine Kopie gemacht und diese zur „Prüfung“ weitergegeben. Anschließend wird der Brief sorgsam verschlossen, damit der Empfänger gar nicht erst auf die Idee kommt, dass der Brief gelesen wurde.

In meiner Jugend gab es so etwas wie das Briefgeheimnis. Und das beschriebene Verfahren hätte damals einen Verstoß gegen das Grundgesetz bedeutet.

Viele Menschen in der BRD haben daran geglaubt, dass sich die Organe ihrer Republik ans Briefgeheimnis halten. Mein Vater war einer davon. Allerdings hat mein Vater immer geargwöhnt, dass die „drüben“ in der „Ostzone“ oder „Sowjetzone“, die wir dann aus Trotz und zur Provokation „DDR“ nannten, sich an so etwas nicht halten würden.

Deshalb hat er die Briefe an seine Tanten in Brandenburg heimlich markiert. Damit die erkennen konnten, wenn der Brief von der Stasi (oder wem auch immer) geöffnet wurde. Und natürlich haben sie für gewisse Begriffe Tarnbegriffe genutzt. Ich erinnere mich da an Code-Worte für die politische Lage aber auch für Kaffee und Bücher (was man halt so hin und her geschickt hat). Ja, so war das damals …

Zurück zur E-Mail-Überwachung. Wahrscheinlich ist die Aktion ja per se Unsinn. Welcher Terrorist oder Verbrecher wird schon so dumm sein und so gefährliche Worte in einer E-Mail verwenden. Aber irgendwie muss man halt unsere Steuergelder und das ganze Geld, das man sich von den Finanzmärkten leiht, auch ausgeben.

Eine Information vermisse ich in den Medien: Ist mit dieser Methode auch nur eine kriminelle Handlung vereitelt worden? Und wie viel Unschuldige sind kompromittiert oder in Verdacht geraten?

RMD

P.S.
Jetzt gäbe es verschiedene Möglichkeiten:

Wenn Ihr wollt, dass Eure E-Mails nicht gelesen werden, dann vermeidet alle kritischen Worte. Man braucht diese ja nicht. Das wird allerdings nur so lange gut gehen, bis die Geheimdienste auf die Idee kommen, dass genau die E-Mails gefährlich sind, in denen keines der kritischen Worte steht.

Wenn Ihr den Geheimdiensten ganz viel Lesestoff geben wollt, dann macht Euch einen Baustein, in dem alle kritischen Worte drin stehen. und fügt den in jede E-Mail ein. Natürlich müsst Ihr den Baustein täglich um neue „kritische Worte“ erweitern. Das wäre dann eine Art ziviler Widerstand. Aber Vorsicht – wahrscheinlich ist „ziviler Widerstand“ auch schon ein „gefährliches Wort“.

Ich werde es so weiter machen wie bisher! Und einfach schreiben was ich denke. Weil es mir wurscht ist, wer meine E-Mails alles so mit liest.

P.S.1
Mist!
In diesem Post stehen ja die Worte Bombe, Atom, Rakete usw.

Nein. Kein Mist!
Habe ich doch die Chance, so meine Leserschaft zu erhöhen! Und in diesem Blog gibt es keine „unberechtigten Mitleser“. Jeder ist willkommen!
🙂 Auch die Damen und Herren vom …

P.S.2
Und noch ein P.S. Wenn das so weitergeht, dann bin ich bald froh, dass es BILD-Zeitung gibt. Hätte ich mir früher auch nicht träumen lassen.

1 Kommentar zu “Briefgeheimnis 2.0”

  1. Andreas Essing (Samstag, der 25. Februar 2012)

    Lieber Roland,

    Ich hoffe, der Tag wird nicht kommen, an dem ich Dich mit der Bildzeitung im Büro in Unterhaching sehe 😉

    Noch was, es wurde berichtet, dass im Jahr 2010 37.292.862 Emails und Datenverbindungen überprüft wurden, weil darin bestimmte Schlagwörter (z.B. Bombe, Atom, Rakete usw.) vorkamen. Gescannt wurden dann wohl deutlich mehr. Diese Zahl würde mich interessieren. Wenn nur in 5% aller Mails „kritische“ Worte vorkommen, dann wurden über 700 MIo Mails gescannt !!! Da sind wahrscheinlich dann auch ein paar Mails von Dir und mir dabei. 😉

    Schönes Wochenende
    Andreas

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