Roland Dürre
Mittwoch, der 9. Januar 2019

„Business Theater“ (Unternehmertagebuch #128)

Da schau ich gar nicht glücklich aus der Uniform.

Ich habe 18 Monate als Wehrpflichtiger „gedient“ und in diesen 18 Monaten „Saufen“ und „Chillen“ gelernt. Allerdings auch das Überleben in einem kranken System.

Diese 18 Monate haben mir aber auch gezeigt, wie Unternehmen nicht sein dürfen, aber leider meistens doch sind (vielleicht weil Unternehmen betreffend der Organisation ja gerne militärischen Mustern folgen).


 

Eingezogen wurde ich am 1. April 1970 zur Luftwaffe nach Lagerlechfeld. Nach einem Zwischenstopp in Landsberg begann die militärische Karriere des „Flieger Dürre“ am 5. April in Ulm. Ich bin in einem Bataillon gelandet, dessen kleine Kaserne am unteren Kuhberg ziemlich nah der Ulmer Innenstadt lag. Die Kaserne war nach dem Kriegsheld Boelcke benannt (siehe Militär in Ulm). Es war eine alte Kaserne, argwöhnische Menschen meinten, noch das (abgeschlagene) Hakenkreuz über dem Eingang zu erkennen.

Die Kaserne, in der ich von Landsberg kommend gelandet war, gehörte zum Ausbildungsregiment der Luftwaffe. Die Luftwaffe war eine der drei Waffengattungen der Bundeswehr; Marine und Heer gab es auch noch.

Die Organisation war ganz simpel:
Das Bataillon bestand aus drei Kompanien und ein paar „Stabsstellen“ wie einer Sanitätsgruppe, der Kraftfahrzeugbereitschaft und dem Nachschub. Der Bataillonskommandeur war bei uns vom Dienstgrad nur Major. Das war wie ein Zeichen, dass unser Bataillon keine große militärische Bedeutung hatte.

Jede Kompanie bestand aus drei Zügen. Jede Kompanie hatte einen Kompaniechef (in der Regel war das ein Hauptmann) und den „Spieß“. Der Spieß war in der Regel ein Hauptfeldwebel. Er war Chef des Innendienstes inklusive der Schreibstube und hatte die operative Aufgabe , die Ordnung zu organisieren und UVDs und Wachdienste einzuteilen.

Jeder Zug hatte einen Zugführer und drei Gruppen. Die Zugführer waren in der Regel Unteroffiziere, gelegentlich war auch mal ein Fahnenjunker bei. Jede Gruppe hatte einen Gruppenführer, der gut 10 Auszubildende für die drei Monate der Grundausbildung führte. Die Gruppenführer waren in der Regel Mannschaftsdienstgrade.

Zusammenfassend kann man sagen, dass ungefähr 100 (einhundert) Rekruten (so in etwa 3 x 3 x 11) in einer Kompanie einem kleinen Stamm von dreizehn (9 + 3 + 1) Ausbildern gegenüber standen. Da Rekruten ja „schwierige Soldaten“ waren, musste der Stamm zusammen halten und war bildete oft eine eingeschworene Gemeinschaft.

Das Geschäftsmodell war Teil des Wehrpflichtmodells und auch ganz einfach:
Immer am 1. eines jeden Quartals (Januar, April, Juli, Oktober) mussten die deutschen Wehrpflichtigen damals in Massen zu den Waffen – also einrücken. Sie kamen in ihre Einheiten und wurden auf Kasernen, die aufs ganz Land auf  verteilt. Wenn die aufnehmenden Einheiten ein Problem  mit dem einen oder anderen Rekruten hatten (ganz gleich aus welcher Ursache), wurde dieser zu uns nach Ulm geschickt. So kam auch ich nach Ulm.

Ein Problem war, dass die Menschen, die dann ein paar Tage später zu uns kamen, sehr verschieden waren. So kamen Anfang Juli immer fast nur Abiturienten, die in ihren Einheiten aussortiert worden waren, weil sie sehr renitent waren oder andere Probleme (Rauschgift !) hatten. Zu den anderen Terminen  kamen immer viele sozial schwache Menschen zu uns, oft ohne Schulabschluß. Die Zusammensetzung war in jedem Quartal eine andere.

Unsere Aufgabe in Ulm war dann, aus diesen Problemfällen ordentliche Soldaten zu machen, die dann innerhalb der Luftwaffe für einfache Aufgaben wie Objektschutz (Wachsoldaten) oder in den Schreibbüros (heute würde man „back office“ sagen) eingesetzt werden konnten.

Beim ersten Ausgang im elterlichen Wohnzimmer.

Drei der Rekruten mussten von jeder Ausbildungskompanie als Nachwuchs übernommen wurden. Das passierte mir, weil ich als einziger in meiner Kompanie Abitur hatte (die meisten hatten gar keinen Schulabschluss) und sie jemanden brauchten, der auch unterrichten konnte (Staatsbürgerkunde, militärische Ränge und Strukturen, Ausbildung an der Waffe). So war ich nach drei Monaten Grundausbildung schon gleich Gruppenführer mit Spezialaufgaben wie bestimmte Kompanie-Unterrichte.

Unsere Stabsstellen:

Die Stabsstellen waren für das ganz Bataillon zuständig.

  • Sanitätsgruppe
    Die Sanitätsgruppe bestand aus zwei Ärzten und ein paar Sanitätern. Deren Aufgabe war neben medizinischer Versorgung vor allem das „krank schreiben“ und besonders kritisch das „untauglich schreiben“. Viele wollten untauglich werden, die pro Kompanie erlaubte Quote aber sehr niedrig. Zudem musste für jeden, der von unseren Ärzten als „untauglich“ erklärt wurde, noch ein Zweitgutachten eingeholt werden. Und wenn einer der Rekruten beides geschafft hatte, war er der glücklichste Mensch auf Erden bzw. in der Kaserne.
  • Fahrbereitschaft
    Diese Einheit bestand aus ein Mechanikern und Fahrern, die für unsere Fahrzeug-Flotte sorgten (obwohl bei der Luftwaffe hatten wir keine Flugzeuge) und die Fahrzeuge bewegten.
    Die Flotte bestand aus ein paar Lastern, die die Rekruten ins Manöver oder zu den Schießübungen brachten, ein paar Begleitfahrzeugen, einem Küchenwagen und ein paar Limousinen, mit denen der Fahrdienst für die Offiziere realisiert wurde. Ich glaube einen Bus hatten wir auch noch, der aber nicht so viel bewegt wurde. Nach meinem Wissen ist die Fahrbereitschaft der Bundeswehr (inklusive der Panzer) heute komplett „out gesourct“ (BW-Fuhrpark).
  • Nachschub
    Der Nachschub sorgte für die Ausstattung der Kompanie mit allem, ob Kleidung, Waffen, Büromaterialien oder Klopapier. Es mussten ja jedes Quartal über 100 neue Soldaten eingekleidet werden. Nahrungsmittel wurden vom Nachschub aber nur organisiert (Planung, Einkauf), in der Küche haben Zivilangestellte gekocht, von denen die Bundeswehr neben den damals 500.000 Soldaten auch noch eine riesige Anzahl hatte.

Und das hat alles ganz gut funktioniert. Die Stamm-Ausbilder in den drei Kompanien bekamen es in der Regel so hin, dass die Rekruten alle am Leben blieben (trotz regelmäßiger Selbstmordversuche) und in den drei Monaten zu gezähmten Soldaten wurden.  In der Regel konnten wir dies auch unbeschadet bei ihren neuen Kompanien abliefern, so dass sie dort für die restliche Zeit (in der Regel 15 oder 12 Monate) brav ihren Wach- oder Stubendienst für Deutsche Kasernen ableisteten.

Die Vorgaben für die Anzahl der Untauglichen haben wir eingehalten. Und ab und zu haben wir sogar ein Talent für das Musikkorps der Luftwaffe entdeckt wie auch diverse Spitzenspieler für die Kompanie- und Bataillons-Sport-Mannschaften entdeckt!

Zu Essen gab es auch immer etwas. Natürlich war der „Fraß“ für die Rekruten grauenhaft, dem Stamm gings da besser. Das hat der Nachschub schon gut hinbekommen.

Was war die Aufgabe des Top-Managements?

Die Kompaniechefs hatten ein gutes Leben, und konnten sich um die wichtigen Dinge kümmern. Sie wechselten auch häufig (wie gesagt, das Bataillon hatte kein hohes Ansehen. Der einzige, der lange blieb war unser Kommandeur, der Major. Der hat so auf seine Pension gewartet.

Wir sahen das Lametta ab und zu als Besucher bei den großen Ereignissen (Gelöbnis, Abschlussmanöver, Feiern), ansonsten standen sie uns nicht so sehr im Wege.

Die Offiziere waren aber auch emsig und fleißig. Häufig hielten die Kompanie-Chefs mit dem Bataillonskommandeur im Offiziers-Kasino lange Meetings ab. Bis spät in die Nacht haben sie da gearbeitet. Gelegentlich waren höhere Dienstgrade vom Regiment und weiter oben dabei. Ab und zu war sogar ein General da, was immer den Betrieb in der Kaserne störte.

Und unsere Oberchefs waren sehr viel auf Dienstreisen. Dann mussten sie heraus aus der Kaserne und dem Offizierskasino und zu wichtigen Bundeswehr- und Nato-Treffen reisen. Internationale Kontakte sind im militärischen Leben von großer Wichtigkeit. Und als Führungskräfte mussten sie auf zahlreiche Schulungen gehen, denn „Führen“ ist ja bekanntlich alles andere als einfach. Und zur Entspannung wurde auch mal ein wenig geflogen, die Flugzeuge der Luftwaffe mussten ja auch bewegt werden.

Unsere Offiziere hatten viele Fragen zu klären:

  • Wie sichern wir den Weltfrieden?
    Immer wieder versuchten sie die Existenz der Bundeswehr zu begründen (und haben ja bis heute keine valide Erklärung gefunden).
  • Was machen wir für das Ansehen der Bundeswehr in der Öffentlichkeit?
    Das war gerade bei uns besonders schwierig. Bei den Ausbildern – gerade den Zeitsoldaten – gab es auch rechte Haudegen. Immer wieder waren einige davon Fehlverhaltens in der lokalen Zeitung. Aber meistens nur anonym. Da wir aber so wichtig waren, um die Rekruten zu zähmen, konnte man uns nichts anhaben.
    An den Großveranstaltungen der Bundeswehr hatte die Ulmer Öffentlichkeit auch nicht viel Interesse.
  • Wie schaffen wir Verbundenheit zu den anderen Waffengattungen?
    Da erinnere ich mich an einen Besuch von bayerischen Gebirgsjägern aus Mittenwald, der ziemlich katastrophal endete. Katastrophal will in diesem Zusammenhang heißen: „mit Verlusten an Material, aber glücklicherweise ausser Verletzungen keine Verluste bei der Mannschaft“.
  • Wie schaffen wir Völkerfreundschaft mit den in der Nato beteiligten Staaten?
    Die schien mir eine besonders wichtige Aufgabe zu sein.
  • Ab und zu mussten sie von uns vorgeschlagene Entscheidungen genehmigen.
    Das haben sie auch meistens brav gemacht. allerdings hat das immer ein wenig gedauert und führte ab und zu emotionalen Auseinandersetzungen innerhalb der Runde.
  • Besondere Priorität lag auf den sportlichen Aktivitäten inner- und außerhalb der Luftwaffe.
    Jede Kompanie hatte z.B. eine Fußball- und Handball-Mannschaft. Wir haben extra Rekruten ausgewählt und behalten, die wertvolle Verstärkungen waren. Und anläßlich von so sportlichen Wettbewerben kann man ja wunderbar feiern.
    Ich erinnere mich mal an eine Spiel gegen die US Army. Die Amis konnten damals noch gar nicht Fussball spielen, so haben wir 21:1 gewonnen. Das war der höchste Sieg, den ich jemals beim Feldfussball aktiv erlebt habe. Die größte Herausforderung war allerdings, den Amis das Gegentor schießen zu lassen! Aber was tut man nicht alles für die Völkerverständigung mit dem Waffenbruder.

 


Warum erzähle ich das? Weil ich bei der Bundeswehr eine weite Bühne erlebt habe, auf der viel und großes militärisches Theater gegeben wurde. Bei der Bundeswehr habe ich das aber auch nicht anderes erwartet.

Wie ich nach meiner Entlassung wieder studierte und bei Siemens arbeitete, habe ich auch Business-Theater erlebt. Das nahm immer zu und hat mich dann schon sehr überrascht.

Verblüfft bin ich mittlerweile, dass ich auch viele kleine Unternehmen sehe, bei denen die Führung nicht mehr für die Menschen (Mitarbeiter und Kunden) da ist. Vor lauter Business Theater kommen sie gar nicht mehr dazu.

RMD

P.S.
Aus den eineinhalb Jahren meiner Wehrzeit (1. April 1970 bis 30. September 1971) gibt es tatsächlich nur zwei Fotos von mir. Beide wurden anläßlich meines ersten Freigangs (Heimatausflug) aufgenommen; das erste zu Hause vom elterlichen Wohnhaus und das zweite dann am Esstisch im heimischen Wohnzimmer.

P.S.1
Alle Artikel meines Unternehmertagebuchs findet Ihr in der Drehscheibe!

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