Roland Dürre
Sonntag, der 16. September 2012

China – wo stehst Du?

Unsere Reise geht weiter – heute am Samstag Nachmittag nach Yuhan. Eine Woche bin ich jetzt in China. Die Eindrücke haben mich überwältigt, so ziehe ich Zwischenbilanz und merke, dass ich aus China immer noch nicht so recht schlau werde.

Im modernen China scheint sich Tradition in Nostalgie verwandelt zu haben. Hightech und Urzeit leben nebeneinander. Ich habe noch nicht erkennen können, welche „Werte“ in China aktuell gültig sind oder gelebt werden. Eine Art „ethisches Abwägen“ im Handeln oder in den Themen ist mir nicht so richtig aufgefallen.

Vielmehr habe ich einen Spagat von ungezügelter Freiheit und totaler Administration erlebt. Die Leute scheinen wirklich zu machen, was sie wollen. Aber trotzdem gibt es gewaltige und schwerwiegende Zwänge. Und überall – hoch agil – ist die Polizei sichtbar und passt auf, dass nichts entgleist.

Die „Moral“ erscheint genauso verlogen wie bei uns und wohl überall in der Welt. Es gibt strenge Gesetze und Regeln, die aber überraschend oft nicht eingehalten werden, zum Teil nur „auf dem Papier“ existieren zu scheinen. Die Verstöße allerdings werden wohl sehr unterschiedlich sanktioniert.

Bei den Menschen nehme ich keine Traumatisierung durch die Kulturrevolution oder massive Eingriffe in die individuelle Verantwortung wie durch die zwangsweise Ein-Kind-Ehe wahr, wie ich das zum Teil in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg als Kind erlebt habe. Vielmehr strahlen die Menschen Harmonie und Zufriedenheit aus. Sie scheinen  mit ihren persönlichen Lebensumständen genauso zu zufrieden zu sein wie mit dem aktuellen politischen und administrativem System.

Sollte es da ein fernöstliches Harmonie-Gen geben, das beharrlich auch die Kulturrevolution und den extrem harten Wandel überstanden hat?

Allerdings scheint in China zu gelten: „Geld regiert die Welt“. Und zwar in einer extremen Konsequenz. Es riecht förmlich nach Spätkapitalismus. Auch Korruption scheint vorhanden zu sein. Allerdings ohne die Heuchelei, wie ich sie bei uns erlebe. Es ist so einfach: Wer etwas will, muss halt auch bereit sein, dafür etwas zu zahlen. Und wer mehr will, muss mehr zahlen. Vielleicht eine neue Form von „redlicher Korruption“?

Wenn’s ums liebe Geld geht, wird auch gerne geschwindelt. (Fast) Alle versuchen permanent, ihre Ware deutlich über den Marktpreis zu verkaufen. Keiner ist aber böse, wenn es nicht klappt. Irgendwie gehört das „über den Preis“ verkaufen einfach dazu. Man muss es nur wissen, lernt dies aber schnell. Ich meine, dass ich nur einmal reingefallen bin, da aber heftig. Das war das Taxi in Peking vom Flughafen ins Hotel.

So erlebe ich ein totales Gegeneinander von individuellem „Tun was man will“ und einem hohen Diktat der kollektiven Gemeinsamkeit. Die Diskrepanz von Regellosigkeit und Zwang ist auffallend. Den Menschen scheint das nichts auszumachen, sie strahlen Freude und Lebensmut aus.

Diese Mischung schafft für uns als relativ wohlhabende Gäste eine hohe Lebensqualität und ein großes „Wohlfühl-Gefühl“. Es ist einfach schön in China, in einer Welt, in der auch die meisten Chinesen ganz zufrieden und glücklich scheinen, so dass man kein schlechtes Gewissen entwickelt.

Aber vielleicht täusche ich mich auch und hinter der Fassade brodelt es. Zumindest scheint es schon einige Gruppen und Bewegungen zu geben, die nachhaltig und kritisch denken und dabei auch bereit sind, sich selbst einzubringen. Die aber bei der Mehrheit noch gar nicht so willkommen sind.

Insofern könnte man schon wieder von Parallelen zu unserer Welt sprechen.

Aber steht es mir überhaupt zu, in dieser globalen Welt solche Bewertungen zu treffen? Sind die Dinge der Menschen und Gesellschaften nicht viel zu komplex, um sie verstehen zu können. Ist es nicht anmaßend, solche Bewertungen zu treffen sondern vielmehr einfach gut so wie es ist? Woher soll ich wissen, was richtig oder falsch, gut oder schlecht ist? Vielleicht bewerte ich schon in einer Woche die Dinge ganz anders? So freue ich mich hier als Gast zu sein.

Also genieße ich die Reise und die Menschen. Bald bin ich wieder in Deutschland. Da ist erst recht nicht alles Gold, was da so glänzt. Und wenn es mir gelingt, dort auch nur einen klitzekleinen Beitrag für eine gute und richtige Veränderung zu leisten, wäre das ein Grund für meine Zufriedenheit.

RMD

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