Roland Dürre
Mittwoch, der 6. Oktober 2010

Christen, Juden, Islam – war da noch was anderes?

Ich muss immer noch über die Rede unseres Bundespräsidenten zum Tag der Deutschen Einheit nachdenken. Laut Einigungsvertrag ist der 3. Oktober seit 1990 Deutschlands Nationalfeiertag, da an diesem Datum die Deutsche Wiedervereinigung vollzogen wurde. Für diesen wichtigen Tag wurde der 17. Juni (Tag der deutschen Einheit) gestrichen. Man sieht, das Bessere ist der Feind des Guten.

Über diese Rede unseres (neuen) Bundestagspräsidenten wundere ich mich, je mehr ich sie verdaue, umso mehr.

Habe ich doch in dieser Rede gehört, dass Deutschland von den Wurzeln her christlich und jüdisch geprägt ist. Das wäre eine Selbstverständlichkeit (!). Und dass jetzt auch der Islam in Europa angekommen wäre. Und Teil von Deutschland ist.
Großartig und Danke …
Und ich höre auch, wie viel man den Menschen aus den neuen Ländern zu verdanken hätte.
Wunderbar …

Was ich leider nicht gehört habe:

  • Dass gerade Deutschland eine große aufklärerische Tradition hat.
  • Dass viele Menschen in Deutschland keiner Konfession angehören.
  • Dass diese Menschen in Maßstäben von angewandter Ethik mit Sicherheit nicht die schlechteren sind.
  • Und dass gerade diese Menschen in unserer Gesellschaft eine ganz besondere Verantwortung und wesentlichen Anteil am geschaffenen Mehrwert haben, wahrscheinlich die sogenannten Leistungsträger sind.

Ist es nicht so, dass die Konfessionslosen (o.K. wie OK) mittlerweile den stärksten Anteil im Religionschart der BRD ausmachen?

Aber wenn unser Bundespräsident meint, dann willkommen Islam in Deutschland.

🙂 Ab jetzt bin ich auch für ein Minarett neben jedem Kirchturm (in D und A und CH) …

Und bedanke mich hiermit bei allen Menschen aus

Brandenburg

Brandenburg Wappen.svg

Mecklenburg-Vorpommern

Coat of arms of Mecklenburg-Western Pomerania (great).svg

Sachsen

Coat of arms of Saxony.svg

Sachsen-Anhalt

Wappen Sachsen-Anhalt.svg

Thüringen

Coat of arms of Thuringia.svg

und dem halben

BerlinCoat of arms of Berlin.svg

ganz herzlich für ihren großartigen Beitrag für die Wiedervereinigung!

Ich bin deshalb so zynisch, weil ich diese pathetisch verklärenden aber leichtfertigen und unehrlichen Worte und Reden nicht mehr hören mag.

Religionen haben Kulturen doch vor allem durch Unterdrückung geprägt. So habe ich kein gutes Gefühl, wenn unsere Politiker fortwährend die christliche Tradition oder die abendländischen Werte beschwören. Und frage mich, ob diese Menschen überhaupt wissen, von was sie da so reden? Oder eher nur aus Gewohnheit Plattitüden eines vermeintlichen Konsens nachplappern ohne nach zu denken was sie sagen.

Bei anderen religiösen Gesellschaftsformen oder gar Religionsstaaten geht es mir nicht besser. Und wenn „Religion in einem Land angekommen ist“, dann denke ich zuerst mal an die christlichen Kreuzfahrer, die ihre Burgen oder Herrschaftszeichen im „Heiligen Land“ (allein schon der Begriff ist doch entsetzlich) errichtet haben.

Und was die Wiedervereinigung angeht, das war doch nichts anderes als die Übernahme des bankrotten und maroden Systems DDR durch ein offensichtlich noch nicht so bankrottes und marodes System BRD? Wahrscheinlich war sie sowieso fällig, verursacht durch die absolute Insolvenz der DDR. Die ist auch mir bei frühen Reisen in 1989 durch die DDR aufgefallen und war doch wirklich offensichtlich? Und was wäre denn die Alternative für die DDR gewesen. So gesehen war der Beitritt zur BRD doch alternativlos. Ein Unwort, das mich gerade in der Politik immer wieder ärgert … (siehe meinen Artikel Alternativlos)

Die Menschen, die in der DDR auf die Straße gegangen sind und trotz einer massiven Bedrohungslage Zivilcourage und konstruktiven Ungehorsam gezeigt haben, haben übrigens genau das getan, was die Bürger jetzt in Stuttgart (S21) und auch sonst im Lande im Widerstand gegen politische Entscheidungen machen. Und wir haben kein Recht, über die Motivation der DDR-Bürger von damals zu urteilen. Ganz gleich ob sie die Freiheit oder die DM gewollt haben, sie hatten das Recht, auf die Straße zu gehen!

Ja, und dann haben noch ein paar Manager im Osten und Westen sich um die Einheit verdient gemacht. Die Diskussion im nach hinein, ob sie ihren Job besser oder schlechter hätten machen können oder anders entscheiden hätten sollen, ist absolut müßig. Wichtig ist doch nur, dass das ganze friedlich abgelaufen ist und mit geholfen hat, eine verfahrene Situation des kalten Krieges und die Spaltung eines wesentlichen Teils der Welt in zwei Blöcke aufzulösen.

Die Bürgerrechtler in der DDR haben die Übernahme ausgelöst und beschleunigt. Die Politiker haben gemeinsam mit administrativen Managern die Insolvenz und Übernahme abgewickelt. Alle anderen wie auch ich und wir alle haben uns aber nur in den Lauf der Geschichte gefügt.

Die Menschen aus dem Osten mussten sich mit dem Wandel und der Veränderung arrangieren. Sie bekamen dafür die DM, mehr Autos und zweifelsfrei mehr Wohlstand. Und die im Westen musste einen „Soli“ zahlen und haben dafür ein größeres Deutschland bekommen. Das war es auch dann!

Wir sollten aber alles daran setzen, dass die neue BRD nicht den Gang der alten DDR geht. Wir dürfen nicht auch in die Insolvenz gehen, weil uns keiner übernimmt. Aber viel mehr noch müssen wir die Demokratie bewahren, daran arbeiten, dass wir eine aufgeklärte und freie Gesellschaft bleiben und unseren säkularen Rechtsstaat nicht demontieren. Und wir müssen eine Ordnung finden, die die Gesellschaft sozial nicht spaltet und die Menschen verschiedener Kulturen integriert. Da sollte dann auch genug Raum für religiöse Eigenheiten und Aktivitäten drin sein.

Über so einen Appell als zentrale Botschaft in der nächsten Rede zur deutschen Wiedervereinigung würde ich mich freuen.

Und gegebenenfalls müssen die Bürger für dieses Ziel auch zivilen Ungehorsam leisten und demonstrieren. Denn darum geht es, nicht um Christentum, Judentum, Islam und andere, auch schon bei uns angekommene oder nicht angekommene Religionen.

RMD

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3 Kommentare zu “Christen, Juden, Islam – war da noch was anderes?”

  1. Christoph Wagner (Mittwoch, der 6. Oktober 2010)

    Unser Bundespräsident gehört evangelikalen Kreisen an.
    Ist also ein Fundamentalist.
    Um das Amt zu bekommen musste er sich wohl oder übel aufs Gleichbehandeln aller Religionen einlassen.
    Atheisten überhaupt zu erwähnen halte ich von ihm für zu viel verlangt.
    Bei derart religiösen Menschen bin ich ja schon erstaunt wenn sie von alleine atmen können.

  2. rd (Mittwoch, der 6. Oktober 2010)

    Finde ich aber nicht gut, wenn Fundamentalisten in solche Ämter kommen …

  3. Chris Wood (Donnerstag, der 7. Oktober 2010)

    At last I can agree almost entirely with Roland! But the demonstrations against the SED should not be put on a level with those against S21. We are living in a working democracy, even if it is not perfect.
    Of course religions should be treated equally only when they respect the constitution. Unfortunately Islam and Catholicism do not, (at least as regards equality of men and women).

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