siemens_munchen_perlachSiemens ist eine große Firma mit einer beeindruckenden Geschichte. Da gibt es auch eine tolle Seite in Wikipedia. Das Bild hier links ist auch aus Wikipedia, dort unter einer GNU-Lizenz verfügbar.

In einer großen Firma gibt es immer Gerüchte, die sich stabil über viele Jahre halten. Da geht es dann um strategische Partnerschaften oder neue technologische Basen. Ein gutes Beispiel war Unix. Schon kurz nach der Geburt von Unix Ende der 60iger Jahre munkelte man im Unternehmensbereich D, dass es strategische Absicht wäre, mit Unix alle Betriebssysteme, ob BS 1000 oder BS 2000, Kommunikations- oder Prozessrechner, abzulösen. Das Gerücht wurde immer stärker und Anfang der 80iger Jahre ging es dann mit Sinix los.

BS2000 gibt es zwar immer noch (sogar als profitables) Geschäft, aber Unix läuft heute in vielen Rechnern, Systemen und Geräten, und wenn Windows nicht gekommen wäre …

Es gab aber noch ein zweites Gerücht, an das ich mich gut erinnere: In unseren ab und zu nicht so ganz innovatien Räumen in Ortenburg-, Kopp- oder Hofmanstraße gab es eine Vision: Im Osten von München plane der Siemens-Vorstand einen echten Forschungspark. Vorbild war der Xerox PARC des strategischen Technologie-Partners Xerox.

Es sollte eine für deutsche Verhältnisse völlig neue Art von Forschungszentrum werden: Einzelne Gebäude in einem parkähnlichen Gelände, eine bunte Mischung von Labors, Kaffees, Geschäften und Kindergärten, alles mit freiem Zugang. Ähnlich einem Campus einer Universität, ein Platz in grüner Umgebung, an dem man leben und arbeiten kann. Genau richtig für kreative Geister als ideale Basis für Höchstleistungen der Hightec-Forschung, insbesondere in der Zukunftstechnologie der elektronischen Datenverarbeitung, wie das damals noch hieß.

Leider änderten sich die Zeiten, der Terror der RAF erzeugte ein hohes Sicherheitsbedürfnis, die Visionen wurden vergessen und aus dem geplanten Forschungszentrum wurde Legoland oder Datasibirsk, wie es genannt wurde. Keine Freiheit, keine Kaffees und Kindergärten mehr, dafür viel nackter Beton und vermeintlich futuristisches Zweckdesign. Und mit Sicherheitsmaßnahmen ähnlich einer Kaserne.

Anfang der 80iger Jahre wurde ich dann nach Neuperlach versetzt. Ich fand diesen Ort außerordentlich demotivierend. Die Gebäude wurden sehr phantasievoll nach Bäumen benannt, die Farben sollten die Funktion der Gebäudeeinheit verdeutlichen und unterirdische Gänge den Mitarbeiter vor Regen schützen.

Es gab auch viel technisches Spielzeug. Eine neue Zeiterfassung, bedingt durch den Fortschritt der Gleitzeit (?) oder eine wohl ziemlich teure Hauspostanlage. Futuristische Wägelchen bewegten sich wie von Geisterhand gesteuert emsig auf Schienen unterhalb der Decke der unterirdischen Kanäle von Bau zu Bau. Damit war aber schnell Schluss, bald nach Inbetriebnahme wurde die Anlage stillgelegt. Die Stechuhren wurden aber nicht stillgelegt, sondern technologisch weiterentwickelt.

Sinnvolle Dinge wie z.B. eine Dusche für Menschen, die mit dem Rad kommen oder zu lange arbeiten, habe ich dort nie gefunden. Eines Tages zog ein neuer Chef des Unternehmensbereichs D (Mr. K.) in den 24iger Bau (Eichenbau?) ganz oben ein, . war. Der wollte auch eine Dusche – allerdings dann gleich neben seinem Büro – haben. Die einzubauen kostete in dem Zweckbau einen 6-stelligen DM-Betrag. Da die Zeiten nicht so gut waren, wurde darüber auch viel „gerüchtet“ und gelästert.

Für mich war Siemens Neuperlach ein Standort ohne Ausstrahlung. Die Architektur hat niemanden inspiriert, Tristess dominierte. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und gewöhnt sich an alles – und findet sein Gefängnis am Schluss vielleicht sogar noch schön. So fanden manche meiner Freunde auch Legoland gar nicht so schlimm und gewöhnten sich daran.

Ich habe wahrgenommen, dass sich in falscher Umgebung so mancher Spitzenmann zum Mittelmaß entwickelt. Wie ich in Neuperlach war, war ich immer froh, wenn ich beim Kunden sein durfte und Datasibirsk verlassen konnte. Und die Umgebung in Neuperlach war auch einer meiner Gründe für meinen dann bald stattfindenden Wechsel von Siemens zu Softlab. Die hatten damals noch das alte Gebäude im Arabellapark in der Nähe der Post. Später in Zamdorf ist das dann auch bei Softlab schlechter geworden.

Ein Freund von mir hat dazu mal gesagt: „Wie man das Vieh hält, so schmeckt das Fleisch“. Irgendwie trifft dieses bittere Zitat zu. Und – vielleicht ein wenig überzogen – glaube ich, dass die Gebäude in Neuperlach einen kleinen Beitrag zum Niedergang der deutschen IT-Technologie geleistet haben.

RMD

P.S.
Heute gibt es so etwas Scheinfreiheit bei Siemens in modernen Standorten wie in der Martinstr., allerdings auch nur ermöglicht durch Videokontrolle.

1 Kommentar zu “Computer Vintage #11 „Der Forschungspark in Neuperlach“ oder „Broken Dreams“ (1975 bis …)”

  1. Chris Wood (Dienstag, der 21. April 2009)

    I didn’t find Legoland so bad. The offices are a reasonable size. The buildings are mostly the right height to get a little exercise by using the stairs. There are bike sheds. The cellars are good with rain or snow. The main problem for me was the noise level in the canteens. Lunch is a time to discuss work and other things with colleagues; but this was difficult.
    I started work there in a single storey provisional building. The people did not seem depressed by the environment. So many bubbly corks were shot out of the windows that the gardeners complained that they could not mow the lawns.
    CW

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