Ich habe mir lange überlegt, ob ich meine persönliche Kindheit- und Jugendgeschichte veröffentlichen soll. #1 ist schon länger im Netz, #2 habe ich in der Nacht zwischen Halloween und Allerheiligen dieses Jahres veröffentlicht und heute am Buß- und Bettag geht #3 raus. Das ist ein guter Tag dafür, denn am Buß- und Bettag mussten wir immer schon ganz in der Früh in die Kirche und bekamen vom Pfarrer ein schwarzes Kreuz auf die Stirn gemalt, um uns zu erinnern, dass wir am Ende auch wieder nur Staub sein werden.

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Nach den Sommerferien 1960 und wie schon beschrieben vier nicht sehr erfreulichen Jahren in der Volksschule kam ich ins wirtschaftswissenschaftliche Gymnasium Jakob Fugger zu Augsburg.

🙂 Das war knapp 50 Jahre vor dem Ende des Spätkapitalismus.

Das Gymnasium war in meiner Kindheit etwas besonderes. So gab es in 1957 in Bayern 6917 Volksschulen mit 929.200 Schülern, 165 Mittelschulen mit 36.300 Schülern und 295 höhere Schulen mit 142.400 Schülern (Quelle: BILDERWERK DEUTSCHLAND – Herausgeber Bayerische Landeszentrale für Heimatdienst im Alfred-Wurm-Verlag)!

Mein Vater hat für mich und später für meine Schwester das Jacob-Fugger-Gymnasium ausgewählt, weil es da neben „Modernen Sprachen“ auch einen mathematischen Zweig und vor allem BWL und Buchführung im Angebot gab. Das schien ihm als Beamter der Deutschen Bundesbahn für mein weiteres Leben als unbedingt zielführend. Im wahlfreien Angebot habe ich dann auch noch nebenher Stenografie und Schreibmaschine schreiben gelernt. Ersteres war ästhetisch schön (meditativ wie Kaligraphie) aber völlig nutzlos, das zweite ist mir heute noch nützlich. Mit 10 Fingern „blind schreiben“ und dabei auf den Bildschirm gucken, das ist schon was. Und beim Schreiben der vielen E-Mails (und Posts) spare ich gnadenlos viel Zeit.

Wir hatten alte und junge Lehrer, die alten waren oft sehr alt (oft deutlich über der Pensionsgrenze). Zu viele Männer hatten ihr Leben im 2. Weltkrieg gelassen, die Lücken wurden bei uns sichtbar. Die jungen Lehrer waren aber super und brachten richtig Schwung in die Bude. Der Direktor der Schule war ein Spätheimkehrer aus Russland. Auch ihm merkte man die Folgen seiner Gefangenschaft an. Immer wenn auf dem Pausehof ein weggeworfenes Pausenbrot lag, bekam er einen unvorstellbaren Anfall von Jähzorn. Wir respektierten das.

Das Gymnasium war für mich ein Tor in eine neue Welt. Die jungen Lehrer lehrten Toleranz und Weltoffenheit. Durch die Fremdsprachen Englisch und später Französisch lernten wir zuerst vom Hörensagen und dann später als Austauschschüler andere Kulturen kennen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Schüler das erste Mal zum Austausch in Frankreich war und eine ganz andere Welt kennen lernte. Und dass ich in Frankreich als „Boche“ bei manchen Franzosen gar nicht beliebt war, konnte ich auch irgendwie verstehen.

Ja, das Gymnasium bedeutete für uns Freiheit und Toleranz. Zwar sind wir auch da oft angeeckt – auch mit unserer „revolutionären“ Schülerzeitung – aber das hat alles Sinn gemacht und wurde ordentlich gehandhabt. Wir waren vogelfrei und genossen das in vollen Zügen.

So richtig angekommen bin ich im Gymnasium in der dritten Klasse. Da bin ich irgendwie aufgewacht. In den ersten Jahren gab es auch schon kleine Freiheiten und Unternehmungen:

1960 gründete ich mit 5 Freunden einen Pfiffclub im Rahmen einer Initiative der Deutschen Bundesbahn, um die „Awareness“ der Bahn bei jungen Menschen zu fördern. Das hat schon Spaß gemacht: Die Eltern eines Klassenkamerades (Gerhard – Wein-Müller) hatten eine schöne Villa, im roh ausgebauten Dachgeschoss durften wir unseren Club einrichten.

Wir hatten regelmäßige Treffen, bauten aus gemeinsamen Materialien eine Modelleisenbahnanlage auf, dekorierten die Wände mit Bildern von Lokomotiven und anderen Eisenbahnobjekten, gingen gemeinsam „Lok spähen“ und hatten viel Spaß. In meiner Wahrnehmung war es das erste Mal, dass ich sozusagen ein Projekt getrieben habe. Der Club lief eine Zeitlang ganz gut, wir konnten sogar noch ein paar weitere Mitglieder gewinnen – bis „höhere“ Interessen ihn ablösten.

Und 1961 begann meine Schachkarriere. In der 2. Klasse habe bei einer Mannschaftsmeisterschaft der Augsburger Gymnasien für mein Jakob Fugger teilgenommen. In der zweiten Mannschaft an Brett 4. Ich war der einzige „Nicht-Vereins-Spieler“. Turnierschach war für mich völlig neu und hat mich dann so fasziniert, dass ich einem Schachklub beitrat. Und da wurde dann neben Schach recht schnell auch viel Skat und Schafkopf gespielt. Alles drei spiele habe ich bis heute (mit gewissen Spitzenzeiten wie bei der Bundeswehr) regelmäßig.

Und ab 1962 ging das Leben so richtig los. Ein Sinnbild für Leben war das Augsburger Familienbad, direkt an der Bahnlinie nach Stuttgart. Da waren wir mit unserer Dauerkarte im Sommer bei fast jedem Wetter – und fühlten uns schon eher mit 14 wie die Könige von Augsburg. Es wurde viel gekickert und ab und zu gab es auf der Terasse ein Weißbier (das hieß in Augsburg noch Weizen) und eine Zigarre. Heute bekomme ich immer ein wenig Wehmut, wenn ich vom Zug aus die blauen Becken sehe.

Ab und zu ging es an Lech und Wertach, und ganz selten waren wir in München an der Isar. Es gab wunderbare Feste am Friedberger und später am Kissinger Baggersee. Bei uns in der Schule waren die sonnengebräunten Schüler nicht die schlechtesten, anders als das der Willy Michl aus dieser Zeit besingt.

Es gab die ersten Zigaretten und Biere, die republikanischen Clubs und das Rehak, direkt in der Bahnhofstr. Und erstes Erkennen, dass es ja 2 verschiedene Geschlechter gibt. Im Tschibo und Eduscho (noch verrauchter als die Diskos) tranken wir unseren Kaffee für 20 (später 30) Pfennige und waren „in“!

Wir lernten italienisches Essen kennen – eine Pizza im Orlando oder Venezia war das Größte. Es gab das GoGo, eine Diskothek, die verrucht und verraucht war, das Playboy in Pfersee und den Hanks Night Club in Oberhausen. In diese beiden Schuppen gingen nur schwarze GI’s (Augsburg war damals noch so eine richtige Garnisonsstadt der US-Army) und trafen dort die bösen Mädchen – und wir als ganz freche Buben waren da auch dabei (nicht nur um böse Mädels anzuschauen). Und früh um 2 wurde von Elvis „The Getto“ gespielt und die GI’s weinten, weil sie am nächsten Morgen nach Vietnam mussten.

Vieles hat uns in dieser Zeit bewegt: Die „Scheibenwischer“ mit Dieter Hildebrandt zu Silvester im Radio, italienische und französische Filme, Goldfinger (James Bond) und das Yellow Submarine. Es war die Zeit von Beatles und Stones, der schwarzen Musik und später von Flower Power und Going to San Francisco.

1967 kam dann mein Aufstieg in die Redaktion der Schülerzeitung. Wir waren stolz auf die „Brücke“ – so hieß die Schülerzeitung des Jacob-Fugger-Gymansiums. Besonders, weil wir die unbravste aller Augsburger Schülerzeitungen waren. Der böse „underdog“, den das Establishment gar nicht mochte.

Schon damals fühlten wir uns als Ketzer. Aber die Interessen waren vielfältig konkurrierend, die Zeit immer knapp und Computer gab es auch nicht, so dass jede Seite mit der Schreibmaschine getippt und dann grafisch bearbeitet werden musste, bis sie reif zum Offset-Druck war. Wen wundert es, dass wir nicht nur die Ketzer von Augsburg waren, dafür unsere Zeitung auch mit Abstand die meisten Tipp-Fehler hatte. Daran haben sich unsere „Feinde“ aus dem Establishment dann ganz schön geweidet.

Aber die Schule gab es so ganz nebenher auch noch. In Buchführung hatten wir unseren von allen geschätzten und geliebten „Professor“ Neumüller, der war auch in der Oberstufe bis zum Abitur unser Klassenleiter und gleichzeitig Freund und Kamerad. Da hatte ich immer eine 1, auch im Abitur 1969. Immerhin musste man im Abitur zwei Aktiengesellschaften fusionieren!
🙂 – wie man sieht, hatten wir eine wirklich zukunftssichere Ausbildung.

Die Oberstufe war auch unternehmerisch interessant. Da haben wir die „Basics“ der Betriebswirtschaft gelernt (was z.B. ein Wechsel oder ein Scheck ist, was Aktiva und Passiva bzw. Soll und Haben zu bedeuten haben, dass es eine Bilanz und eine Gewinn- und Verlustrechnung gibt, wie man einen Barverkauf bucht (15 Kasse an 80 Warenverkauf) und wie man einen Einkauf auf Kredit bucht (30 Wareneinkauf an 17). Die Ziffern sind aus dem damaligen Kontenrahmen, ist heute im Prinzip alles ähnlich, da macht aber Datev oder eine SAP-Anwendung die Arbeit.

In der Schule ging es auch um unternehmerische und volkswirtschaftliche Belange! Meine Erkenntnisse zur Rendite aus dieser Zeit habe ich ja schon in einem Post veröffentlicht.

In BWL hatte ich eine 1, allerdings nur so lange, bis ich begann, meine eigene BWL zu entwickeln. Unser BWL-„Professor“ Eugen Hirn – nomen est omen – war mit meinen revolutionären Thesen zu einer neuartigen BWL gar nicht zufrieden.

Jugendlicher Idealismus hat mich dann nach dem Abitur dazu bewogen, nicht wie eigentlich beabsichtigt BWL sondern Mathematik zu studieren. BWL war mir zu widersprüchlich und ich wollte etwas logisches studieren. Informatik habe ich als Nebenfach gewählt, weil es ganz neu war und so schön klang. Und da ich damals ein leidenschaftlicher Science Fiction Leser war, fand ich große Schaltwerke um Dinge zu steuern (Computer?) hochinteressant.

Ja, im Gymnasium, da ging das Leben los! Wir tippten in der Klasse die Fußballbundesliga um die Wette, kopierten die schönsten Lieder aus England und USA, gründeten eine Band. Da ich keine Musikinstrument ordentlich beherrschte wurde ich zum Manager gekürt, aber der große Erfolg blieb leider aus.

Und ich könnte endlos weiter erzählen. Aber dann kam 1969 das Abitur – und vor dem Studium kam die nächste Hürde, die Bundeswehr – und die gute Zeit war zuerst Mal vorbei.

RMD

Auch hier wieder ein wenig Musik zur Zeit, von den selben Jungs wie in der Trilogie 2.

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