Die Gedanken des Prinzips „Kaizen“ liegen mir nahe, Verschwendung ist für mich keine Tugend, gesunde Sparsamkeit schon eher.

Wir leben im Zeitalter der Verschwendung. Da sind wir irgendwie rein gerutscht. Alles wird komplizierter, auch unsere Probleme. Dann lösen wir die Probleme mit komplizierten Strategien und bekommen noch kompliziertere Probleme …

Und so geht es weiter, vom Rebound-Effekt hinein in den Overkill.

Betrachten wir ein paar der sozialen Strukturen und Branchen, die unser Leben bestimmen. Ich liste ganz einfach alphabetisch auf, was mir so einfällt.

  • Administration
    Wir haben drei höhere Regierungsebenen, die EU,  die BRD und die Länder, die UNO nicht mitgezählt. Jedes Mal ist ein gut besetztes Parlament dabei, mit einem großen Regierungs- und Administrationsapparat. Dazu kommen zahlreiche kommunale Ebenen.
  • Finanzamt und Steuer
    Immer wieder stellt man sich die Frage: Warum umfasst die Literatur, die sich mit dem deutschen Steuerrecht beschäftigt, mehr Seiten als die gesamte Steuerliteratur der restlichen Welt. Geht es noch komplexer? Und die Antwort ist immer wieder JA!
    Die Zahl der Steuerberater beträgt gut 80.000. Jedes Jahr erhöht sie sich um ein paar Prozentpunkte. Wieviel Finanzbeamte gibt es eigentlich?
  • Finanzdienstleister und Banken
    Wie viele der Produkte von Banken sind noch fürs Wirtschaftsleben notwendig. Welche dienen dem Gemeinwohl? Und welche sind reiner Selbstzweck und dienen nur dem Geld verdienen?
    Und wie sollen die vielen Institute (Landesbanken, Hypobanken, Geschäftsbanken, Privatbanken …) das viele Geld verdienen, das sie brauchen?
  • Gesundheit
    Das schlimmste Beispiel: Gesundheitsfond, gesetzliche und private Krankenkassen, Ärztekammern, Apothekerverbände und VSA, alles ist kompliziertest reguliert. Und Lobbyismus ohne Ende.
  • Mobilität und Verkehr
    Güter werden um die halbe Welt befördert. Die Transportwege sind oft absurd, der Anteil der Leerfahrten hoch. In Deutschland befindet sich tagsüber eine Kleinstadt in der Luft. Autos sind zu Hochgeschwindigkeitsfahrzeugen geworden, voll gestopft mit High-End-Technologie.
  • Pharmazie
    Siehe meinen Artikel Medikamente …
  • Prozesse
    Es gibt eine Inflation von Normen und Qualitätssiegeln.
  • Recht und Justiz
    Immer neue, längere, ab und zu sogar widersprüchliche und immer unverständlichere Gesetze, entsprechend immer mehr Urteile und Kommentare.
  • Rente und Soziales
    Deutsche Rente und LVA, Riester und co, Hartz4 …
  • Straßenbau
    Die meisten Ampeln und Verkehrleitsysteme der Welt, Tunnels auch in den Städten, immer mehr Brücken, Ortsumfahrungen, Baustellen ohne Ende …
  • Unternehmen
    IHK, Berufsgenossenschaft
  • Verbände und Lobbyismus
    Interessensverbände vom ADAC  bis zum Zentralverband für dies und jenes. Ab und zu fällt ein Dachverband besonders auf wie vor kurzem die Dehoga, aber meistens arbeiten sie im Verborgenen.
  • Versicherungen
    Wie viel Versicherung braucht der Mensch?
  • Und noch viel mehr …

All das macht Arbeit und muss bezahlt werden. Nur eine Minderheit auf der Welt kann sich diese komplexen Strukturen leisten – aber auch nur auf Kosten der armen Mehrheit.

Braucht man all das wirklich alles? Ich meine, dass die Frage rhetorisch und die Antwort NEIN ist. Ein klein wenig mehr „Kaizen“ würde uns gut tun. Individuell wie kollektiv. Zwar hat die Evolution keinen Zweck. Aber dass sie langfristig uneffiziente Systeme zulässt, mag ich nicht glauben.

Verschwenden ist menschlich und macht Spaß. Vielleicht müsste man sich nur auf die richtigen Gebiete der Verschwendung verlegen.

🙂 Da hätte ich ganz gute Ideen und mir fällt viel Schönes ein.

Das einzige, was ich bräuchte, wäre mehr Zeit. Die ist aber in dieser komplexen Welt ein knappes Gut geworden.

RMD

3 Kommentare zu “„Das Prinzip Kaizen“ oder „Das Zeitalter der Verschwendung“”

  1. Chris Wood (Montag, der 11. Januar 2010)

    I largely agree, but I suspect we both worry about complexity because we are getting too old to cope with it.
    But sorry Roland; evolution certainly permits inefficient systems for millions of years. I mention two of many classic cases.
    All vertebrate eyes have the retina the wrong way round. Light on the way to the sensors is obstructed by blood vessels and nerves. This bad design causes each eye’s blind spot and necessitates a constant vibration so that we do not see the blood vessels all the time. The octopus eye is generally similar, but does not have this defect. It has evolved separately.
    Peacocks tails are very „inefficient“. They probably only arose because peahens are a bit crazy.
    Evolution has produced enormous complexity in the world, (including the things you grumble about). There have been setbacks when a large proportion of biodiversity has been destroyed. One such period is now. So far evolution has always managed to bounce back, like the stock exchange, to even greater complexity. But there is no guarantee that this will always happen. In fact there is good reason to believe this cannot go on for ever.

  2. rd (Dienstag, der 12. Januar 2010)

    Lieber Chris,

    ich spreche von der Verschwendung an Ressourcen, nicht von einer Wissensverschwendung. Wissen (Vorsicht: nicht Technologie!) ist die einzige Ressource, mit der man gar nicht verschwenderisch genug umgehen kann. Man sollte davon soviel wie möglich produzieren und konsumieren!

    Die von Evolution entwickelte Komplexität scheint mir in der Regel zu einer hohen Effizienz auch im Sinne des sparsamen Umgangs mit Ressourcen geführt zu haben.

    Generell gilt außerdem: Keine Regel ohne Ausnahme. So kann man mit Gegenteil-Beispielen keine Regel widerlegen. Im Gegenteil – meistens bestätigt die Ausnahme die Regel.

    🙂 Vor Komplexität habe ich keine Angst: Je älter ich werde, um so mehr liebe ich die IT und das Internet.

    Danke für den Kommentar.

  3. Chris Wood (Mittwoch, der 13. Januar 2010)

    Dear Roland, I also did not write about wasting knowledge, so I do not understand your comment. Perhaps you remembered that my philosophical piece „Ethics beyond Humanity“ suggested that the DNA of living things can be regarded as knowledge, the knowledge needed to enable them to live. But then I do not understand how it can be good to waste knowledge. In my philosophy, the current wave of destruction of biodiversity is a terrible waste of knowledge. It is better to copy knowledge than to waste/destroy it.

    Evolution is not very good at saving resources. More than once in the history of the Earth, plant life destroyed so much precious CO2 in the atmosphere, that the Earth froze almost completely, (the Sun warmed less in those days). At least once, „we“ were saved by a lucky volcanic CO2 outpouring.

    The saying „the exception proves the rule“ is based on a mistranslation of the Latin verb „probare“, which meant „prove“, or „test“. The derived English verb „prove“ also had both meanings until recently. The loss of the second meaning caused this confusion in English. Perhaps the confusion in German resulted from this. I don’t see how else an exception can be thought to prove a rule. In a scientific context „keine Regel ohne Ausnahme“ is just silly. In jurisprudence, it may be a way to ensure income for lawyers.

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