bild0087Gesellschaftsspiele sind „in“. Dauernd gibt es neue, und jedes Jahr ein Spiel des Jahres.

Wie ich ein Kind war, da haben wir „Mensch ärgere Dich nicht“, „Mühle“, „Dame“, Halma und Schach gespielt. Dann gab es noch ganz blöde Würfelspiele (Auto- oder Pferderennen), die sehr schöne Figuren hatten, aber so langweilig waren, dass wir sie immer nur ein einziges Mal gespielt haben.

Und es gab die Klassiker wie Monopoly, später Risiko oder Clue. Sehr emotionale Spiele, Ausdauer und Sitzfleisch verlangend, ab und zu auch kombinatorische Fähigkeiten erfordernd.

Und dann kam die große Inflation der vielen Unterhaltungsspiele. Und ich bin ausgestiegen und weigerte mich, die neuen Spiele zu spielen.

Bei uns in der Familie wird sehr viel gespielt. Oft spielen die Freunde der Kinder mit. Meistens ohne mich, da ich die neuen Spiele boykottiere. Besonders gern wird zurzeit „Die Siedler von Catan“ gespielt. Das zu lernen habe ich mich auch geweigert.

Es scheint ganz lustig zu sein. Ich bin trotz großen Drucks von seiten der Familie bei meiner Verweigerungshaltung geblieben, schaue aber gerne zu. Scheint ein echt gutes Spiel zu sein, ich zweifele nach meinen Beobachtungen aber sehr, ob es da eine strategische Dimension gibt.

Man muss sich dabei auch nicht so richtig konzentrieren. Ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit reicht. Es macht aber allen Leuten so richtig viel Spaß. Obwohl es manche bei uns auch schon mittlerweile als langweilig empfinden.

Ab und zu lasse ich mich dann doch breitschlagen und spiele neue Spiele mit (für mich neu, wahrscheinlich in Wirklichkeit auch schon uralt). Die heißen dann „Sechser nimmt“ oder „Bluff“. Sind sehr lustig, man kann viel spekulieren, aber so richtig nachdenken muss man bei denen auch nicht. Bei „Sechser nimmt“ habe ich oft den Eindruck, dass abgesehen von einigen trivialen Überlegungen es ziemlich gleichgültig ist, welche Karte man hinlegt.

Meiner „kleinen“ Tochter zu Liebe spiele ich ab und zu das „Spiel des Lebens“. Motto: „Jedes Leben ist anders! Wie wird deins aussehen?„. Eigentlich ganz interessant, wenn man schon im Spiel feststellt, dass einem am Ende seines Lebens nur Schulden geblieben sind und man dafür viele Lebenspunkte hat. Die hat man sich bei diesem Spiel vor allem durch Konsum erworben – aber auch durch Hochzeit, Kinder und soziales Engagement.

Wir haben es in der alten Fassung und in der neuen Version. Die neue Version ist heiß: Sie heißt „Generation now!“. Bei der muss man gar nicht mehr denken. Motto ist: „Der elektronische Lebensplaner verbucht alle Ereignisse Deines Lebens!“.

Alles funktioniert (einfachst) elektronisch. Man hat einen „Computer“, da schiebt man seine Karte rein, der Rest geht automatisch: Würfeln per Knopfdruck, Geld und Lebenspunkte werden addiert oder subtrahiert – man muss sie nur noch eintippen. Am Schluss zählt der Rechner automatisch zusammen und macht die Lebensbilanz für alle Spieler.

Diese Entwicklung passt zum Geist der Zeit. Spiele, bei denen man sich konzentrieren muss und die man erst lernen und einüben muss, sind „out“. Neue Spiele sind nur erfolgreich, wenn man sie schnell lernen kann, und wenn sie eine gewisse Originalität und vor allem einen hohen Erlebniswert haben. Das ist es was zählt.

Ich habe keine Chance mehr, meine Kinder zu einem Mühle-, Dame- und auch Halma-Spiel zu überreden. Man muss zuviel denken, sagen sie. Außerdem sagen meine Kinder, dass sie immer nur verlieren. Und sich anstrengen und zu üben, um besser zu werden und mal zu gewinnen, das ist langweilig.

SchachMit meinen Vater habe ich sehr oft Dame, Mühle oder Schach gespielt. Es hat lange gedauert, bis ich mal gewonnen habe. Beim Schach waren es Jahre. Das dauert meinen Kinder zu lange.

In den unteren Klassen des Gymnasiums war ich ein schlechter und unkonzentrierter Schüler. Ich habe dann das Schachspiel entdeckt und bin einem Schachverein beigetreten. Meine Konzentrationsfähigkeit ist schlagartig gestiegen und die Noten wurden besser. So wurde ich ein leidlich guter Schachspieler und habe natürlich versucht, meinen Kinder die Lust am Schachspiel, dies auch pädagogisch recht geschickt, beizubringen.

Mehr als ihnen rudimentär die Regeln zu vermitteln ist mir aber in keinem Fall gelungen. Konkretes Nachdenken und vor einem Zug auch mal länger zu überlegen, ist zu anstrengend. Und „auf den Händen zu sitzen“, sprich nicht gleich impulsiv der erst besten Idee nachzulaufen sondern gründlich Varianten durchzurechnen und gegeneinander abzuwägen, ist nicht mehr Ding der Jugend.

Dafür gibt es jetzt die „Juniorspiele“ wie z.B. „Monopoly Junior“. Das sind light-Spiele, simplifizierte Kopien der Klassiker. Die brauchen nicht viel Zeit. Ein großer Vorteil, weil heute jedes Spiel, das ein wenig länger dauert, als „langweilig“ empfunden wird.

Diese vielen Spaß- und Lustspiele dürften mit eine der Ursachen für unsere katastrophale Bildungssituation sein (neben dem Konsum von viel zu viel Fernsehen und Computerspielen). Wenn man schon beim Spielen nicht mehr lernt, konzentriert auf ein Ziel hinzuarbeiten und den Verstand zu aktivieren, wie soll das dann noch funktionieren? In der Schule? Das glaube ich nicht.

RMD

P.S.
Habe gerade von einer Klasse in München gehört, wo sozial schwierige Schüler Schach in einer Arbeitsgemeinschaft zusätzlich zum normalen Unterricht lernen und spielen (Hauptschule). Nach einem Jahr hat sich der Notenschnitt dieser Klasse um 1,3 Punkte gebessert (!).

2 Kommentare zu “Das Spiel des Lebens, Gesellschaftsspiele, das königliche Spiel, die Bildung …”

  1. Chris Wood (Freitag, der 7. August 2009)

    That is a subject where I certainly must comment. I have wondered about this for decades. I come from a game-playing family. My father earned his living from chess (see http://en.wikipedia.org/wiki/Baruch_Harold_Wood).
    (I love wikipedia, but here we see a slight problem. We have tried hard and failed to find evidence of Jewish connections. I have twice removed Dad from the category „Jewish chess players“ but some idiot keeps putting him back in).
    I and my three siblings all learnt chess at about age four, and later studied at good universities. This confirms the benefits of chess for children, although none of us has made dramatic contributions to the world. Our mother saved us from taking chess too seriously. One sees that very few can make a living from chess, and people who play a lot as adults do not often fulfill the promise of their early years. A more physical sport is a better basis for a long healthy life.

    Other games can be useful preparation for life. I have recently taken up poker (Texas hold’em). This is nearer to „real life“ than chess, with more psychology, luck and guesswork, while still requiring calculation. But one must beware of playing all night and losing lots of money.
    The Chinese-Japanese game of GO is a wonderful board game, where I got half way towards master strength. But I have not played for years. It seems little known in Munich.
    Similarly bridge is a good game, which I have hardly played since my student days. It is more sociable than chess, but unfortunately one needs exactly four players.
    In England, Mike Basman, (see http://en.wikipedia.org/wiki/Michael_Basman), who played next to me in the England Student chess team, organizes a chess tournament for about seventy-thousand schoolchildren each year. He emphasizes the importance of channeling the competitiveness of children. This is particularly evident in small boys. The girls are more subtle about it. Maybe that is what I should have done with my life.
    Incidentally, my father was born in July 1909. To celebrate the centenary, reminiscences about him, his family, etc. were published in the magazine he founded. I can send a copy to anyone interested.

  2. Detlev Six (Montag, der 10. August 2009)

    Au weia, Roland, Kulturwandel ist ein großes Thema, auch wenn Du es im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch aufhängst. Die Autoren, die ich zu dem Thema kenne, gehen umgekehrt dran. Foucault und Adorno sehen den „Prozess der Modernisierung als Prozess der Disziplinierung“. Und zwar sehr kritisch. Genau so sieht es der Kulturanthropologe Wolfgang Reinhard in seinem Buch „Lebensformen Europas“. Jetzt würde ich einmal frei interpretieren, dass die Entwicklung vom triebgesteuerten Jäger und Sammler bis zum disziplinierten Denker (der auch richtig Arbeit in die Verbesserung seiner Denkfähigkeiten investiert) in unserer Generation den Höhepunkt erreicht hat und das Pendel nun in eine andere Richtung ausschlägt (ich weiß, dass ich gerade einen Kategorienfehler mache, in dem ich ein physikalisches Gesetz auf eine soziologische Betrachtung übertrage). Die Jugend ent-diszipliniert sich oder anders gesagt, nimmt locker. Warum? Vielleicht wird sie nicht mehr in Berufen gefordert, die Denkdisziplin verlangen. Aber obacht! mit der Übertragung vom Spiel aufs Leben. Meine Jungs spielen neben den Egoshootern auch einige sehr strategische Computerspiele und haben es dort zu ziemlichen Fähigkeiten gebracht, die auch auf die Brettspiele zurückschlagen. Nachdem ich sie bei „Risiko“ (als Schachspieler lachst Du natürlich über dieses Spiel) lange geschlagen habe, bin ich heute völlig chancenlos.

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