Roland Dürre
Donnerstag, der 29. Mai 2014

Das Ziel ist im Weg …

Es passiert im Unternehmen oder auch in anderen sozialen Systemen immer wieder: Die Menschen leiden unter einem Missstand oder einer ständigen Verschlechterung, die eigentlich nicht nötig wäre. Vielleicht weil sich Prozesse und/oder die unterstützende Technik überholt haben. Vielleicht auch nur, weil technische Schulden aufgelaufen sind. Weil ein ehemals sehr nützliches System im Lauf der Jahre völlig veraltet ist. Ein System, das mal als gutes Werkzeug gedient hat, kann halt in die Jahre kommen.

Die engagierten Anwender im Unternehmen haben dies erkannt und sind mit dieser Situation unzufrieden. Wie auch die Verantwortlichen. So soll die alte Welt verbessert werden. Und alle ziehen an einem Strang, denn sie wissen ziemlich genau, was sie brauchen und haben wollen.

Und dann kommt der Auftrag an den Projektleiter. Er bekommt die große Aufgabe übertragen. Und soll einen unzufriedenen Zustand deutlich verbessern. Eigentlich scheint alles ganz einfach; die Nutzer des Systems wie die fachlich Verantwortlichen wissen genau, was sie wollen. Auch die „Leitung“ steht hinter dem Projekt. Und sogar das Budget ist vorhanden und scheint großzügig bemessen zu sein.

Aber dann kommen Eggheads und bringen ihre krusen Gedanken ein. Legal Service, Betriebsrat, Datenschutzbeauftragter, Qualitätspäpste, administrative Instanzen und diverse Prozessverantwortliche mischen sich ein. Zudem werden aufgrund persönlicher Interessen ganz lustig „Nebenkriegsschauplätze“ eröffnet.

Ein komplexes Requirement-Engineerung (RE) wird angeworfen. Die abenteuerlichsten Zusatzfunktionen entstehen als skurile Kopfgeburten. Und plötzlich stehen Funktionen in den Papieren, die man wahrscheinlich nie brauchen wird. Dafür werden dann elementare „Basics“ vergessen.

Dabei wird das Projektziel so pervertiert, dass es zum natürlichen Feind aller Projekttreiber wird. Natürlich verhakt sich das Projekt so von Anfang an. Und schon beim Start ahnen „kluge Köpfe“, dass das Ganze ein Desaster wird.

Die „klugen Köpfe“ schweigen aber lieber, denn sie wollen ja nicht als Nörgler da stehen. Denn sie wissen auch, dass ihre Kritik eh nicht gehört werden wird. Wie sie auch wissen, dass die morbide Vorfreude aufs Scheitern ja auch keinem hilft, sondern letzten Endes allen nur schadet. Also was machen?

Ist das nicht traurig?

Das von mir Geschilderte kommt übrigens gar nicht so selten vor. In meiner Beobachtung passiert genau dies bei mindestens der Hälfte aller Projekte. Die Blindleistung steigt ins Unendliche. Und nur weil es Helden gibt, die die Projekte dann schon wieder irgendwie zu Recht biegen, klappt es dann meistens doch, wenn auch mehr schlecht als recht.

Da träume ich dann wieder von einem von allen Beteiligten getragenen kontinuierlichen Verbesserungsprozess, bei dem in kleinen gemeinsamen Schritten einfache Verbesserungen wie Perlen an verschiedenen Ketten ganz pragmatisch aneinander gereiht werden. Und der Weg zum Ziel wird. Dies ganz „agile“, „lean“ und „open“.

Gerne mit Mobprogramming und ähnlichen Innovationen. Aber was Mobprogramming ist und dass das auch ein hilfreiches Kollobarationsmodell für Führungsteams sein kann, darüber schreibe ich dann ein anderes mal!

RMD

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