In diesem Jahr haben wir in Deutschland schon 800.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren. Und es geht weiter. Und da stellt sich die Frage: Können wir angesichts dieser massiven Verluste es uns noch leisten, ein Volk von Autofahrern zu bleiben?

*

Die Rückverlagerung von in Near- und Offshore-Länder verlegte Produktion passiert nur ganz selten. Der Trend geht ins Gegenteil. Die industrielle Fertigung von Produkten in Deutschland geht rasant zurück. Und deshalb verschwinden die industriellen Arbeitsplätze in Deutschland in beängstigendem Tempo.

Das ist einfach zu erklären. Klassische Produktion wird mittlerweile nicht mehr nur verlagert (Outsourcing, Near-Shore, Off-Shore), sondern gleich von vorneherein an spezialisierte Subunternehmer vergeben (Sourcing). D.h. man schreibt die Herstellung und das „Assembling“ von Produkten aus. Den Auftrag bekommt der,  der das beste Preis-Leistungs-Verhältnis anbietet. Und der kommt in der Regel nicht mehr aus Europa, geschweige denn aus Deutschland.

Der technische Fortschritt trägt auch zum Abbau von Industrie-Arbeitsplätzen in Deutschland bei. So verschwinden zurzeit die Glühlampenfabriken in Europa, nicht nur wegen der Ächtung der Glühlampe durch die EU, sondern weil das „Produkt Licht“ immer mehr durch LED erzeugt wird. Und LED sind Halbleiter. Halbleiterfabriken wiederum können von der Stange gekauft und innerhalb von kurzer Zeit auf der grünen Wiese installiert und zur Produktion gebracht werden. Bei den klassischen Industriegütern wie der Glühlampe war das anders, da war auch die Konstruktion der sehr proprietären Produktionsanlagen in der Hand des Produzenten.

Die Glühlampe ist ein Beispiel für vielfältig stattfindende ähnliche Veränderungen. Auch Automobile dürften in absehbarer Zeit nur noch ganz wenig in Deutschland produziert werden. An Fakten wie Sourcing und technologischem Wandel ändert auch die Beschwörung von Wachstum durch unsere politischen „Vordenker“ nichts. Vorschläge für einen gesellschaftlichen Entwurf, der dieser Entwicklung Rechnung trägt, wären angemessener und hilfreicher.

Jetzt ist die Frage, wie bei dieser Entwicklung der Lebensstandard in Deutschland gehalten werden kann.

Die Realität ist einfach. Der Lebensstandard wird auf breiter Ebene nicht gehalten werden können. Es wird enger. Entweder werden die Gegensätze zwischen Arm und Reich größer. Oder wir lösen den Wohlstandsabbau gemeinsam und sozial verträglich.

Glücklicherweise leben wir auf einem hohem Niveau und verfügen so über Wohlstandsreserven. Unsere wichtigste Reserve dürfte das Auto sein. Der Verzicht auf das Auto wird für viele Menschen und Familien ein möglicher Weg sein, ihren sonstigen Lebensstandard und Besitzstand zu bewahren.

So werden in Zukunft immer mehr Menschen auf ihr persönliches Auto verzichten müssen. Das geht auch auf dem Land, durch Fahrgemeinschaften, „shared car“-Initiativen oder flexible Sammeltaxis. Da Autos eh nur noch im geringen Anteil in Deutschland produziert werden, wird das auch volkswirtschaftlich nicht mehr das große Problem sein. Dafür werden im öffentlich Verkehr neue Arbeitsplätze entstehen.

Ich freue mich auf diese Zeit, die nach meiner Vermutung früher oder später kommen wird. Zum einen, weil ich Deutschland ohne den überbordenden Individualverkehr basierend auf  Hochleistungsfahrzeugen mit PS-starken Verbrennungsmotoren für lebens – und liebenswerter halte. Zum anderen weil ich das autofreie Leben seit Jahren aktiv in einem recht mobilen Job praktiziere.

Anstelle mit dem Auto bin ich wenn möglich nur noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad unterwegs. Und natürlich immer mit MacBook und Smartphone. Auch das Einkaufen gelingt mir exzellent ohne Auto, mit Fahrrad und Anhänger. Sogar das hat Vorteile, ich habe wirklich eine „End-to-end-Logistik“.

Der Tausch Auto gegen Fahrrad und öffentlicher Verkehr hat sich gelohnt. Auf meinen Reisen kann ich einen wesentlichen Teil meiner Arbeit erledigen, soziale Kontakte pflegen und gewinne so zeitliche Freiräume.

Und die immer mehr werdenden Kilometer, die ich mit dem Fahrrad zurücklege, sind Zeiten an frischer Luft und tun meiner Fitness gut. Der „Verzicht“ aufs Auto hat meine persönliche Zufriedenheit und Gesundheit gemehrt.

Viele Menschen verstehen das nicht und wundern sich, wenn ich morgens bei Regen ins Büro radele – und auch noch Spaß dabei habe. Für sie ist das unvorstellbar, dass man im Regen oder gar bei Schnee radeln kann. Dabei wird vergessen, dass das alles nur eine Frage der Gewohnheit ist, deren Einübung freilich ein gewisses Maß an Disziplin braucht.

Die meisten meiner Zeitgenossen fühlen sich ohne Auto wie behindert (wie übrigens auch mittlerweile ohne Mobiltelefon). Dazu fällt mir ein, dass es in unserer Jugend ähnlich war. Irgendwie war das Auto ein Teil von uns, fast wie ein Lebewesen, das uns verstanden und zu uns gehalten hat. Ich kann mich noch gut an einen lieben Freund erinnern, der bei Winterwetter die Heizung erst nach den ersten 10 Kilometer angedreht hat. Sein Motto war: lieber friere ich als mein Auto.

*

Ich habe versucht, in diesem Artikel die Dinge so zu beschreiben, wie sie valide sein könnten. Als Mensch einer Generation, die mehr vom Individualverkehr geprägt und gesteuert wurde als jede andere, zweifle ich selber an meinen nüchternen Überlegungen. Vielleicht kommt es ja auch ganz anders und die Menschen hungern lieber, als aufs Auto zu verzichten. Für zu viele Menschen hat das Auto eine irrationale Wichtigkeit. Mag sein, dass diese meine Thesen für einen kompletten Schmarrn halten.

Oder ich täusche mich und unserer Gemeinschaft fällt wieder etwas ganz neues ein, unseren Wohlstand zu halten. Das wird aber weltweit nur in wenigen Regionen gelingen. Immerhin hungern zurzeit schon 1 Milliarde Menschen, auch als Nebenkosten unseres Wohlstandes.

RMD

2 Kommentare zu “„Deindustralisierung einer Nation!“ oder „Ein Volk von Autofahrern?“”

  1. Wolfgang Stief (Dienstag, der 24. November 2009)

    Hach, wie schön wäre doch eine Stadt oder auch schon ein Dorf, wo es Straßen gibt, an denen keine Autos im Weg stehen. Vielleicht habe ich ja ein bisschen Glück und erlebe das noch. So 30-40 Jahre bleiben mir ja noch… 🙂

    Danke für diesen Blog-Artikel.
    wolfgang

  2. Enno (Donnerstag, der 26. November 2009)

    Moin moin Roland,

    deine Ansichten über Änderungen im Verkehr teile ich. Meines Wissens nach ist das Auto, seitdem es existiert, anderen Verkehrsmitteln in den wesentlichen Verbrauchsparametern unterlegen. Das liegt auch daran, dass Autos die meiste Zeit keine Fahr- sondern Stehzeuge sind.
    Autos scheinen mehr dem Bedürfnis nach Flexibilität und offen sichtbaren Prestigeobjekten (ob berechtigt oder nicht) zu entsprechen.

    Aber:
    Die Einschätzung, dass der Lebensstandard nicht gehalten werden kann, teile ich nicht.

    Outsourcing, Offshoring (ich beschränkt mit jetzt der Einfachheit halber auf das Outsourcing) etc. haben zum Ziel, die Kosten für das outsourcende Unternehmen zu senken. Das kann entweder durch Kostenverlagerung an den Auftragnehmer oder durch Kosteneinsparung geschehen.

    Im ersteren Fall gibt der Auftragnehmer die Kosten entweder seinerseits weiter (und beutet z.B. seine Arbeitskräfte aus) oder aber er bleibt auf ihnen sitzen. Unabhängig davon kann man davon ausgehen, dass die Kosten im Ausland verbleiben. Dadurch steigen die Gewinne der outsourcenden Unternehmen. Dafür sinkt der Wohlstand im „Partnerland“.

    Im zweiten Fall sinken die Kosten des outsourcenden Unternehmens, der Gewinn steigt dadurch. Gleichzeitig kann der Partner im Ausland ebenfalls seine Gewinne steigern.

    In beiden Fällen also steigt der inländische Gewinn, in einer Wettbewerbssituation müssen die Gewinne von den Unternehmen weitergereicht werden, z.B. über Lohnsteigerungen an Mitarbeiter oder Preissenkungen an Kunden.
    Es kommt also, sofern der Wohlstand nicht wieder ins Ausland transferiert wird zu einer Wohlstandssteigerung in Deutschland, wenn auch im ersten Fall auf Kosten der produzierenden Nation.

    So wird Deutschland durch die Umstellung von Glühlampen auf LEDs und das Outsourcing vermutlich auch nicht schlechter gestellt, denn das Bedürfnis nach Licht lässt sich nun deutlich günstiger befriedigen.

    Dass Deutschlands Produktion gut aufgestellt ist, zeigt sich unter anderem an dem seit Jahren hohen Exportaufkommen. Die positiven Nettoexporte zeigen, dass Deutschland derzeitig noch deutlich mehr für das Ausland produziert als dass im Ausland für uns produziert würde.

    Was sich ändert, ist die Verteilung der Wohlstandsänderungen innerhalb Deutschlands. Arbeiter in Glühbirnenfabriken mögen Wohlstandsverluste erleiden, während LED-Vertreiber Wohstandsgewinne erzielen können. Gebraucht werden Lösungen, wie die Umverteilung kompensiert bzw. wie steigende Einkommensungleichheit bekämpft werden kann.

    Sie beschreiben auch zwei Kanäle, die Outsourcingtendenzen entgegen wirken: Sinkende Wohlstandsdifferenzen zwischen Deutschland und (einigen) Entwicklungsländern, die zu Güterpreis- und -bedarfsangleichungen führen ebenso wie steigende Transportkosten, die das Sourcing aus fernen Ländern verteuern.

    Darüber hinaus noch eine Anmerkung:
    Die These, dass technischer Wandel zu Arbeitslosigkeit führt, ist zwar auch in den Wirtschaftswissenschaften weit verbreitet, ist aber bei genauer Betrachtung keine bisher belegbare makroökonomische Theorie. Das liegt daran, dass technischer Fortschritt als Produktivitätswachstum, das nicht durch Änderungen in Arbeit und Kapital erklärbar ist, gemessen wird.

Kommentar verfassen

*