Roland Dürre
Montag, der 25. Januar 2016

Demokratische Meinungsbildung und -findung

Bild vom wunderbaren PM-Camp in Zürich.

Bild vom wunderbaren PM-Camp in Zürich.

Seit dem ich denken kann beeindruckt und verwirrt mich meine eigene Spezies. Wie sie liebt und hasst. Wie sie gemeinsam ausgelassen feiert und trauert. Wie sie sich wegen völlig unsinniger Konstrukte bis auf den Tod bekämpft und zu jeder Grausamkeit fähig ist. Wie sie sich streitet und zankt und dann wieder versöhnt. Wie sie sich widerspricht. Wie sie ab und zu ganz gut vorankommt und dann doch wieder zurück fällt. Wie sie an Konstrukte glaubt, die sie selber erfunden hat.

Je mehr ich gelernt habe, desto mehr erstaunen mich die Windungen der menschlichen Geschichte durch die Zeit. Über Jahrtausende ging es kreuz und quer, mal im Zickzack und immer wieder nach vorne und zurück. Es gab auch immer wieder kleine Fortschritte. Aber so richtig vorwärts gekommen sind wir nicht. Und so werden Menschen immer noch eingesperrt, zerstückelt und gequält. Und es wird geheuchelt, dass man es nicht glauben kann. Im Kollektiv wird im Namen Gottes oder des Volkes oder der Sache – wie auch immer – weiter gemordet und gebrandschatzt, so wie schon immer.

Es fasziniert, wie weit wir einerseits gekommen sind (damit meine ich die Aufklärung und ähnliche Fortschritte), was wir technologisch alles für tolle Spielzeuge entwickelt haben und wie absolut rückständig und un-weise (dumm) wir gleichzeitig geblieben sind. Und wie wir es ganz normal finden, dass wir dabei sind, ganz selbstverständlich unseren Planeten (und uns selber) zu zerstören. Obwohl ein anderes Leben wahrscheinlich viel schöner wäre.

Gerade im Kollektiv erscheinen wir mir so dumm, wie es ein einzelner gar nicht sein kann. So kann man getrost mit Gunter Dueck von einer ganz besonderen Schwarmdummheit sprechen. Dummheit als Gegenteil von Weisheit.

Trotz dieser bedrohenden Realität habe ich mir die Utopie einer gerechten Gesellschaft frei von Strafe und ohne Gewalt und Krieg bewahrt. Aber wie könnten wir dahin kommen? Wenn, dann doch nur durch Kommunikation und Verständigung.

Wäre es also nicht schön, wenn wir es schaffen würden, in Teams und Gruppen im Konsens friedlich Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen aller Art zu finden? Und diese dann auch noch gemeinsam umsetzen würden? Nach dem Motto Senecas:

Philosophie heißt nicht Reden sondern Handeln?

Meetings sind ja – wie wir täglich erleben – nicht das probate Mittel um voran zu kommen. Vielleicht geht es noch am besten mit peer-to-peer-Treffen, fixiert auf ein konkretes Thema. Denn alles beginnt zu zweit. Aber da fehlt dann der Gruppen- oder Team-Effekt.

So hat Habermas schon vor vielleicht 50 Jahren den redlichen Diskurs definiert. Den habe ich im Vortrag „Der Wandel im Management“ (am Ende des Artikel) beschrieben. Und dem sind wir hier und da schon ein wenig näher gekommen.

PMCampDOR Intro 2015Auch die Kollegen von Art of Hosting machen mir Mut, so wie auch die PM-Camps, bei denen ich dabei sein durfte.

Barcamps sind ganz „einfache“ Veranstaltungen. Die Gastgeber schaffen einen Rahmen, damit ihre Gäste gute Gespräche führen können. Die Menschen, die kommen, sind die richtigen und werden zu Teilgebern. Und bestimmen, wohin es geht. Es ist eine Un-Konferenz, das demokratische Gegenteil der Konferenz.

Barcamps oder ähnliche Formate wie „Open Space“ sind etwas Wertvolles. Tausende finden in Deutschland im Jahr statt. Zu vielen Themen: Mal geht es um die Wiederbelegung des Leben in der Stadt oder um die Lösung sozialer Herausforderungen. Weiter auf Barcamps beliebte Themen sind Arbeitswelt, Bildung, Familie, Forschung, Geschlechter, Gesellschaft, Gesundheit, Innovation, Leben, Mobilität, Unternehmertum, Veränderung, Vielfalt, Zukunft und vieles, vieles mehr.

Oft meine ich, dass es kein wichtiges Thema gibt, zu dem es nicht irgendwo ein passendes Barcamp gibt. Und mir wird immer mehr klar, dass es die Summe von Unkonferenzen wie Barcamps sind, mit denen Menschen Einfluss nehmen Zukunft gestalten können. Denn dort kommen Menschen zusammen, die gemeinsam Wissen und Erfahrung teilen – und sich dabei vernetzen!

Weil die vielen Barcamps so wichtig sind, bin ich froh, dass ich noch von keinem faschistischen oder rechtsradikalen Barcamp gehört habe. Kann es sein, dass die Methodik des Barcamps und „Faschismus“ sich widersprechen und gegenseitig ausschließen? Wäre das nicht wunderschön?

Meinem Freund und Partner Eberhard Huber habe ich diese Gedanken berichtet. Er hat mir dazu geschrieben:

Ich denke, dass sich Faschismus und Barcamp widersprechen. Faschismus ist immer mit einer Lehre verknüpft, die immer einen absoluten Wahrheitsanspruch hat. Lehren mit Wahrheitsanspruch brauchen Propheten, denen man zuhört. Der Status des Propheten könnte bei einer offenem Diskussion wie auf einem Barcamp nur bröckeln.

Das gibt doch Hoffnung. Und vielleicht gelingt es uns so doch eines Tages, die Bedingung von Bertrand Russell zu erfüllen. Der hat mal gesagt:

» Jeder Zuwachs an Technik bedingt, wenn damit ein Zuwachs und nicht eine Schmälerung des menschlichen Glücks verbunden sein soll, einen entsprechenden Zuwachs an Weisheit. «

Vielleicht schaffen wir mit neuer Kommunikation und neuen Formaten, endlich zu der dringend benötigten WEISHEIT zu gelangen. Und dürfen darauf hoffen, dass wenn unsere Generation ausgestorben ist, die nächsten Generationen es besser machen können.

RMD

1 Kommentar zu “Demokratische Meinungsbildung und -findung”

  1. Eberhard (Dienstag, der 26. Januar 2016)

    Danke fürs Zitieren. Eine gute Utopie, die Du hier skizzierst. Lass uns weiter daran arbeiten 🙂

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