Roland Dürre
Dienstag, der 30. April 2013

Der NSU-Prozess und die Medien

Von Systemen und ihren Agenten, Epikie und Zivilcourage

Jetzt wird ein Prozess in München wohl wieder verschoben. Das ist sicher für viele Menschen bitter, denn es geht um ein besonders trauriges Kapitel unserer Geschichte. Das sich nach dem Prozess unter Umständen als „noch trauriger“ erweisen wird.

Der NSU-Prozess ist aber auch ein gutes Beispiel für eine andere negative Entwicklung in unserer Gesellschaft: Unsere sozialen Systeme verselbstständigen und entpersonalisieren sich. Ihre Mitarbeiter werden zu Systemagenten und entfernen sich immer mehr von der Realität. Sie ignorieren die Erfordernisse der Gesellschaft und unterwerfen sich bei ihren Entscheidungen einer Überregelung, fragwürdigen Verordnungen und ihrer eigenen Paranoia.

So wird von vorne herein aus „Sicherheitsbedenken“ bei diesem Prozess ein zu kleiner Gerichtssaal gewählt. Wie weit sind wir aber gekommen, wenn wir im Gericht nicht mehr für eine vernünftige Sicherheit sorgen können? Darf die rechte Szene unsere Entscheidungsfreiheit wirklich in diesem Maße beeinträchtigen?

Da darf natürlich der Seitenhieb auf den Verfassungsschutz nicht fehlen, der vielleicht mehr für die Sicherheit unserer Judikative sorgen sollte als mit wahrscheinlich rechtswidrigen und höchst umstrittenen Aktionen seiner zwielichtigen V-Leuten unserer Demokratie einen Bärendienst nach dem anderen zu erweisen.

Und wegen den Ängsten vor einer fehlenden Revisionssicherheit des Urteils werden dann die Gesetze in einer Art ausgelegt, die mit dem praktischen Bedürfnis der Gesellschaft nichts mehr zu tun hat. Natürlich konnte es nicht angehen, dass zum Beispiel die türkische Presse zur Prozessbeobachtung nicht zugelassen wurde. Genauso wie es nicht sein kann, dass jetzt eine FAZ mit ihren vielen Lesern von der Berichterstattung ausgeschlossen werden soll.

Prozesse und Regeln hatten hier zu oft Vorrang vor gesundem Menschenverstand und vernünftigen Überlegungen. Lieber legte man den Wortlaut des Gesetzes maximal restriktiv aus und ignorierte die Absicht, das Ziel und den Sinn der Gesetze. An Stelle des Suchens nach sinnvollen und belastbaren Lösungen beugte man sich sklavisch vor dem vermeintlich Unabänderlichen.

Die Epikie, eine wichtige wenn auch wenig bekannte Tugend wird in unseren Systemen zu oft vergessen. Epikie heißt knapp formuliert, dass „man die Gesetze des Staates so einhält, wie ein vernünftiger Gesetzgeber es gemeint und gewollt hätte“. Für die Anwendung von Epikie ist oft eine weitere primäre Tugend notwendig, nämlich die Zivilcourage, auch Bürgermut genannt. Diese Tugenden brauchen wir, gepaart mit gesundem Menschenverstand, beides angewandt basierend auf gesellschaftlich anerkannten Werten.

Und ich meine, dass es in unserer Gesellschaft Teile gibt, bei denen diese Tugenden wie auch der gesunde und wertebasierte Menschenverstand immer mehr verloren gehen. Das macht aber nichts, weil es viele Menschen gibt, da ist dies alles vorhanden und kommt immer mehr zum Einsatz und zur Wirkung. Unter dem Strich bin ich so ganz optimistisch.

🙂 Meine Leser aber dürfen sich heraussuchen, welche Kreise ich da jeweils meine …

RMD

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3 Kommentare zu “Der NSU-Prozess und die Medien”

  1. Hans Bonfigt (Dienstag, der 30. April 2013)

    Es ist sehr schade, daß der Name einer traditionsreichen Neckarsulmer Automobilmarke mit unsympathischen Kriminellen aus der Ostzone beschmutzt wird.

    Allein schon die Erfindung eines eigenen Kürzels adelt das dumpfe Pack.

    Ansonsten kann ich das dumme Gerede um den „wichtigsten Prozeß des Jahres“ kaum verstehen, was macht die unsympathische Frau im schönen Bayern – kann man das Verfahren nicht wenigstens dort führen, wo sie herkommt ?

    Rechte Gewalttäter gehören speziell in der Ostzone zum Bodensatz, 15% mehr oder weniger verkappte Nazis und 25% SED-Anhänger – also, ich weiß grad‘ nicht, was schlimmer ist. Da muß Aufklärung ansetzen.

  2. Chris Wood (Dienstag, der 30. April 2013)

    What a stupid decision to allocate seats by lottery! The idea is obviously to avoid the least suspicion of partiality. But the idea is so stupid that even the organisers realised that it needed to be modified with some quotas. It would have been better to allocate seats where it was important, perhaps with a lottery for a few minor newspapers. Another good idea would be to sell seats at the highest prices possible. People would buy them where it really mattered to them. This would cover some of the costs, which have to be paid by taxpayers. Turkish media could get free tickets.
    Of course, live TV coverage would be good, and could also cover some of the cost.

  3. tural (Mittwoch, der 1. Mai 2013)

    Lieber Roland Dürre

    „Für die Anwendung von Epikie ist oft eine weitere primäre Tugend notwendig, nämlich die Zivilcourage, auch Bürgermut genannt.“

    Sie haben mich an ein Ereignis aus dem Jahre 1983, das ich mit organisiert hatte:

    http://content.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/1851623_0_8038_-1983-menschenkette-von-stuttgart-nach-ulm.html

    Zugegeben werde ich heute öfters nostalgisch, wenn ich an all die Menschen von 1 bis 100 J. zurückdenke, die mein Deutschland waren.

    Herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Wir müssen die Ignoranz in der gesellschaftlichen Mitte noch bewusster unter die Lupe nehmen.

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