Roland Dürre
Donnerstag, der 8. November 2012

Deutschaufsatz

Am meisten habe ich in der Schule im Fach Deutsch gelitten.

Eigentlich fand ich mich in Deutsch gar nicht schlecht. Konnte ich doch zumindest nach meiner Meinung die Rechtschreibung besser als viele meiner Klassenkameraden. Und auch meine Fähigkeit mich auszudrücken fand ich nicht unter dem Klassendurchschnitt.

Nur habe ich viel zu häufig das „Falsche“ gedacht.

😉 Zumindest waren meine Deutschlehrer dieser Meinung.

Schuld war der Deutschaufsatz. Schon die Aufgabenstellungen und vorgegebenen Überschriften waren eigenartig. Überhaupt, einem jungen und kreativen Menschen eine Überschrift vorzugeben. Das fand ich ungehörig. Würde ich doch viel lieber zu einem Thema Stellung nehmen und dann die Überschrift zu meiner Schulaufgabe kreativ und passend zum Geschriebenen festlegen.

Nein, da wurden von 24 Schülern Aufsätze zu ein und derselben oft fraglichen und gekünstelten Überschrift künstlich generiert und dann von einem Lehrer benotet. Gelegentlich mussten wir auch uns sehr fremde Texte – von bekannten oder weniger bekannten Autoren – interpretieren. Wir durften aber nicht schreiben, was uns persönlich an dem Text bewegt oder warum wir ihn vielleicht verabscheuten, nein – wir sollten die Lehrmeinung wiedergeben. War natürlich nicht so unbedingt meine Sache.

Die Geschichten von großen Erzählern fand ich zum Teil grauenhaft. Kann mich an Meisterwerke von Kleist erinnern, die ich echt krank fand. Aber der große Meister war in der Schule in Deutsch über jeden Zweifel erhaben. Und mein Kritisieren seiner mir zum Teil doch zu sehr geschwubbelten und nach Effekten heischenden Sprache führt nur zu Unverständnis – und in der Folge zu einer schlechten Note.

Noch schlimmer war es, wenn es in den Themen der Schulaufgabe um Werte, Moral, Ethik und ähnliches ging. Wie oft wurde mir bewusst, dass der Deutschlehrer ein ganz anderes Werte-System hatte. Diffizile abstrakte Begriffe hatten bei Lehrer (ihm) und Schüler (mir) eine ganz andere Bedeutung. In der Bewertung, was „gut“ und „schlecht“, „richtig“ oder „falsch“ sei, lagen wir meilenweit auseinander.

Und spätestens bei der Korrektur des Deutschaufsatzes prallten dann die Weltbilder von Lehrer und Schüler aufeinander. Mal bewusst – der Lehrer konnte oder wollte nicht begreifen, was da geschrieben stand. Oft gab es nur eine unbewusste Ablehnung, weil die Gedanken des Schülers so gar nicht zum Weltbild des Lehrers passten. Bestenfalls hatte der Lehrer ein kopfschüttelndes Unverständnis beim Lesen meiner Arbeit – und ließ dann aus seiner Sicht Gnade vor Recht ergehen. Alles das war nicht förderlich für die Deutschnote.

So wurde für mich Deutsch das Fach, an dem man am besten erkennen kann, wie veraltet unsere Schul- und Lernprozesse sind. Es geht immer wieder nur darum, Dinge ohne Überzeugung zu lernen und wieder zu vergessen. Man muss sich anpassen an die Vorurteile von Lehrern und bereit sein, vorgefertigte Meinungen zu übernehmen. Wehe aber, man zeigt Zivilcourage oder Kreativität oder schlimmstenfalls Beides, schon ist man in der Regel unten durch. Und die Deutschnote im Keller. Da ist Mund halten schon erfolgsorientierter.

Auch eine Frechheit: Unsere Deutschaufsätze blieben Eigentum des Lehrers oder der Schule! Ich wollte mal einen – auf dem ich eine schlechte Note bekommen hatte – in der Schülerzeitung veröffentlichen. Das gab richtig Ärger.

Auch mein Meisterstück – den Abitur-Deutschaufsatz – durfte ich nicht behalten. Man konnte damals äußersten Falls die Benotung mit Rechtsmitteln anzweifeln und bekam dann unter Umständen das Recht zur Einsichtnahme. Das erforderte einen gewaltigen bürokratischen Aufwand – änderte aber nichts, dass mein „Geistiges Eigentum“ weg war – beschlagnahmt vom Freistaat Bayern und das auf Nimmer Wiedersehen!

🙂 Soviel zum Recht des geistigen Eigentums.

RMD

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