Roland Dürre
Montag, der 8. August 2011

Die Kurse fallen … weiter – Gedankensplitter

In den Medien wusste es jeder schon vorher. Und heute ging es dann den ganzen Tag hin und her – zwischen Aufatmen und dann wieder extremer Besorgnis. So hieß es in ADR.de

Börse reagiert hochnervös auf S&P-Abstufung

Und die Gründe wussten auch alle. Es war die Herabstufung des Schuldners USA durch S&P. Und der gute EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso war auch schuld, nur weil er ehrlich (und auch noch öffentlich) eine mehr als begründete Sorge ausgesprochen hat.

Nur verstehe ich nicht, warum die beiden (S&P und Barroso) die Schuldenböcke sein sollen.

Dass eine Rating-Agentur auf der langen Bonitätsskala von AAA bis D (mit  beliebig vielen Stufen dazwischen) den USA ein AAA gegeben hat, ist doch schon länger mehr als lächerlich. Genauso wie das jetzt vergebene und natürlich auch wieder viel zu gute AA+, das ja trotzdem die Hauptsache für die Verunsicherung der Börsenspieler sein soll!?

Der arme Barroso soll ja auch schuld gewesen sein. Hier ein Auszug aus einem Artikel der SZ dazu:

Heftigen Gegenwind spürt vor allem EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der am Donnerstag eine Überprüfung aller Elemente des Rettungsschirms EFSF einschließlich dessen finanzieller Ausstattung verlangt hatte. Der Vorstoß des Portugiesen provoziert nun anhaltende Kritik – über alle Parteien hinweg vor allem aus Deutschland.

Und dass man einem Mann wie Barroso seine Aussage vorwirft, dass der EURO-Schirm zu klein dimensioniert sein könnte, ist auch sehr befremdlich. Es weiß doch ein jeder, dass es unmöglich ist, einen Rettungsschirm zu bauen, der auch nur die PIGS-Länder vor steigenden Zinsen (und damit dem AUS) schützen könnte. Es scheint mal wieder so zu sein, dass der einzig (ein wenig) Ehrliche geprügelt wird.

Ein paar Gedanken drängen sich mir aber doch wieder auf:

In der FAZ vom Sonntag war auf der ersten Seite im Wirtschaftsteil Tabelle. Portugal wäre in Höhe von 83,3 Prozent des BIP 2010 verschuldet. Damit kann ich zuerst mal nicht viel anfangen.

Ein paar Zeilen tiefer in der Tabelle steht aber, dass die BRD in Höhe von 80 Prozent des BIP 2010 verschuldet ist. Jetzt fürchte ich, dass unsere Schulden (ich verdränge mal die vielen Bürgschaften) in 2011 überdurchschnittlich gestiegen sind. Und wenn wir noch mehr Rettungsschirm machen müssen, geht das ja so weiter?

Und dann denke ich mir auch noch, dass wir ja ein mehrfach höheres BIP als Portugal haben sollten. Das heißt wir reiche Deutsche haben ja viel mehr Schulden als die „armen“ Portugiesen. Wenn jetzt so eine Rating-Agentur ein bisschen hinter unsere glänzende Fassade schauen und und unser AAA klauen würde? Dann könnten unsere ja besonders günstigen Zinsen ein wenig steigen. Dann würde ich – wenn ich nicht eh glauben würde, dass wir den „point of no return“ schon länger überschritten haben –  so richtig Angst bekommen.

Wenn ich dann aber wieder an den DAX denke, dann stelle ich mir die Frage:

Warum sind unsere Regierungschefs nicht in tiefe Sorge gefallen, wie der DAX immer weiter gestiegen ist?

Da hätten sie ja auch eine Konferenz einberufen können, um das Steigen der Kurse zu beenden? Jeder weiß doch, dass die Ausschläge nicht nur in unserem Wirtschaftsleben aufgrund der Dynamik der Zeit häufiger und heftiger werden. Und je höher der Kurs wird, desto gefährlicher wird es.

Wenn Aktien steigen, wird kein Vermögen geschaffen. So wie jetzt auch keines vernichtet wurde. Die Börse ist doch schon seit langem zum nicht mehr relevanten Roulette-Tisch im großen Finanzkasino verkommen. An den anderen Tischen im Finanzkasino finden viel üblere Spiele als das Aktien-Roulette statt. Der Vergleich mit einem normalen Spielcasino hinkt allerdings, denn da geht es mit Sicherheit ehrlicher zu als in den großen Finanzkasinos dieser Welt.

Ich meine, die Börsenspiele werden völlig überbewertet, auch das, was zurzeit passiert. Real an der Börse ist doch nur, dass ein paar Reiche Geld verlieren und ein paar Finanzer sich so ihre Ferraris verdienen können.

Deshalb mache ich mir keine Sorgen und betrachte die gegenwärtige Situation mit derselben Freude wie das 0:1 der Bayern zum Start gegen Mönchengladbach. Die Bayern brauchen keine Ferraris, weil sie Audis haben. Und mit ihrem vielen Geld wollen sie sich endlich mal wieder den Titel kaufen. Dabei haben sie aber dummerweise vergessen, dass zu erfolgreichem Fußball immer ein Team und Charakter gehört.

So dürften die Nachrichten von der Börse von derselben Wichtigkeit oder besser Unwichtigkeit sein wie die Berichte von der Fußball-Bundesliga. Ich persönlich finde die zweiten interessanter.

RMD

P.S.
🙂 Wichtig ist doch nur, dass Haching gewinnt (Offenbach – Haching 1:4).

 

 

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5 Kommentare zu “Die Kurse fallen … weiter – Gedankensplitter”

  1. Chris Wood (Dienstag, der 9. August 2011)

    Roland,
    I have heard that S&P admits to a mistake of $ 2 billion in their calculation, so they are „slightly“ guilty.
    Of course you Germans have more debts than the Portuguese, there are more of you! Perhaps you wanted to refer to BIP per head?
    Incidentally, for most of my adult life, my debts (mortgages) exceeded my annual earnings.

    Of course stock price indexes are relevant to normal people, including those who do not consider buying shares. Rising indexes correspond to a willingness to invest, which normally means more jobs. Unemployment causes unrest, which damages everybody. We have seen this in 2011 in N, Africa. I assume too that the work situation has largely caused the riots this week in England. Large wealth differences destabilise less, as long as people are kept busy. One sees that the Chinese government has a drastic strategy in this area. They keep their currency cheap, giving them a huge trade surplus. This keeps employment up and consumption down in China. It produces the opposite effects in other countries, such as USA.

    Of course, these are short-term influences. Private investment produces more jobs only when the people can outperform machines. For this, steadily higher educational standards are needed (including social learning). Even then, the supremacy of the machines can only be resisted for a few more decades.
    Of course too, global production and consumption have been increasing too fast for sustainability. This is a natural result of unregulated competition between firms and countries. Roland is absolutely right to be worried by stock indices that rise by 10% or more per year. Our world is not organised to sustain such growth.
    I expect some drastic changes in world organisation in the next 50 years.

  2. rd (Dienstag, der 9. August 2011)

    Lieber Chris, Du verwechselst wieder manches:

    Zuerst mal ist natürlich nicht zwingend, dass ein Land mehr Schulden hat, weil es mehr Menschen hat (Deutschland/Portugal). Wenn ich alles richtig lese, hat zum Beispiel China mehr Menschen als Deutschland, aber wohl weniger Schulden. Ähnliches soll sogar für Schwellenländer wie Indonesien gelten.

    Weiter kann ich das BIP eines Landes absolut oder pro Kopf nehmen ebenso wie ich die Schulden des selben Landes absolut oder pro Kopf nehmen kann. Aus beiden Zahlen (insgesamt wie pro Kopf) kann ich das Verhältnis zwischen Schulden und BIP berechnen (als Bruch oder als Prozentsatz).

    Wenn ich das deutsche BIP durch 80 Millionen und die deutschen Schulden durch 80 Millionen teile, bleibt das Verhältnis zwischen BIP/Kopf und Schulden/Kopf gleich. Das gilt auch für Portugal. Wenn ich dort BIP und Schulden durch 10 Millionen (es sind nur ein paar Menschen mehr) teile, bleibt das Verhältnis auch gleich. Ist hier vielleicht durch die runde Zahl von 10 Millionen noch besser einzusehen.

    Das lernen die bayerischen Kinder in den unteren Klassen in der Schule (Dreisatz).

    Auch Schulden (debt) und Zinsen (mortage) sind völlig verschiedene Sachen. Die Schuld ist ein negativer Vermögensbestandteil, Zinsen sind Ausgaben (eigentlich Kosten, leider steuerlich nicht immer als solche anerkannt).

    Wahrscheinlich meinst Du, dass Deine monatliche Rate für Eure Wohn-Immobilie höher war als Dein monatliches Netto-Gehalt.

    Diese Rate bestand aber aus Zins und Tilgung, also echten Ausgaben und Rückzahlungen, die der Reduzierung Deines Darlehens (negativen Vermögenswertes) dienen. Das ist der Unterschied zwischen Aktiva und Passiva und Gewinn&Verlustrechnung, also einfachste Buchführung.

    Du musst aber in dieser Zeit noch weitere Einkommen gehabt haben (Ausbeutung einer Frau, Raubüberfälle auf Banken oder Tankstellen, Zinsen aus Staatsanleihen …), sonst wärst Du verhungert. Und das bist Du ja offensichtlich nicht, sondern hast immer gut gelebt (und so wesentliche weitere Kosten gehabt).

  3. Chris Wood (Mittwoch, der 10. August 2011)

    Dear Roland, once again, when I point out a simple mistake in your posting, you bring a long argument about how I am confusing things. I wish you would not do this! If you mean „BIP pro Kopf“, you should write „BIP pro Kopf“.
    „Wenn ich das deutsche BIP durch 80 Millionen und die deutschen Schulden durch 80 Millionen teile, bleibt das Verhältnis zwischen BIP/Kopf und Schulden/Kopf gleich“. I know roughly what you mean, but this sentence means roughly nothing.
    You want to say that the German state’s debt is more per head than the Portuguese. (You want to avoid saying „a little more“ because that would weaken your polemic). I agree with this, and it is then interesting to consider why the market trusts the German debt more than the Portuguese. I think that the market has more trust in the German people and system of government to work their way out of this situation. The market may well be right. The current democracy in Portugal (and incidentally in Greece) is even younger than in Germany, and has not had the advantage of initial intensive Anglo-Saxon instruction. I am sure that the doubts about the AAA status of USA stem largely from the lost ability of the parties to compromise.

    GB is another interesting case. The country can afford even less than others to be regarded as a dubious debtor. GB makes a lot of money out of financial business in „the city“. The government and the market know this, and react accordingly. (It was very different governments, with Blair and particularly Brown that built up so much debt). The government has introduced stringent economy measures, and the market has rewarded this with continued AAA status. But now we have riots, surely triggered by the stringency. If they are not quickly brought under control, GB will surely lose AAA status. GB has coped with dramatic culture changes in the past, but this time I am rather worried.

    If you look up „mortgage“ in your dictionary, you will see that it means „Hypothek“, not „Zinsen“. This makes nonsense of your four paragraphs on the subject.
    Of course my earnings were always more than my interest and life insurance payments. (I have never had a mortgage with „Tilgung“).
    Do you have QuickDic or equivalent installed?

    Perhaps I should help you by writing German comments.

  4. rd (Mittwoch, der 10. August 2011)

    Sorry, in der Tat habe ich Dich falsch verstanden.

    Meinte, dass Deine Ausgaben für die Hypothek Deine Einnahmen überschritten haben. Das bei einigen Menschen so, die leben dann z.B. vom Gehalt der Ehefrau.

    Mein Fehler war, dass ich bei „mortage“ gleich an die „interest“ dafür dachte. Und deshalb schloss, dass Deine monatliche Belastung höher als Dein Gehalt war.

    Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass man in Deutschland eine Hypothek ohne Tilgung bekommen kann. Zumindest war das früher nicht denkbar.

    Das man beim Besitz einer Immobilie mehr Schulden als ein Jahreseinkommen hat, ist selbstverständlich. Ist auch nicht so schlimm, weil bei Hypotheken auf selbst genutzte Immobilien man ja die Miete spart. Man hat also auch einen echten Ertragsbestandteil, den man gegen die Belastung durch Zins und Tilgung rechnen kann.

    Die Schulden und das BIP habe in der Tat nicht pro Kopf sondern die Summen gemeint, weil das fürs Verhältnis von Schulden und BIP gleichgültig ist. Und nur darum ging, dass dieses nur um 3,3 Punkte in Portugal höher ist als in Deutschland.

  5. Chris Wood (Mittwoch, der 10. August 2011)

    Ok Roland, but you can see that the relationship of mortgage to year’s income is similar to the relationship of state debt to annual BIP. I just wanted to point out that one-to-one is not terribly unusual. I could have failed to find work, and would have been „Pleite“ as regards cash flow. I could have then tried to sell the apartment. Similarly, a world financial crash would make cash flow problems for many states, and some could go broke, not managing to raise enough taxes to pay their interest. (George Brown got rid of the British gold reserves).

    Yes the interest on the mortgage is compensated by not having to pay for rented accommodation. In theory, a state that borrows money should invest it reasonably or at least use it to stimulate demand, thus increasing employment and collecting more tax. But some politicians use it to reward themselves and helpers, such as civil servants or military.

    In Germany as elsewhere, one can link a mortgage to a life insurance. I have done this several times. The life insurance payments take the place of „Tilgung“.

    I assumed you meant BIP per head, because otherwise your comment about rich Germans makes little sense. Regarding total dept divided by BIP, Germany and Portugal are effectively equal. Since the living standard is a bit higher in Germany, this means that the state debt per head is a bit higher in Germany.

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