Roland Dürre
Mittwoch, der 18. September 2019

Die smarte Maske des digitalen Kapitalismus.

In den Bergen des Peloponnes auf dem Wege nach Vatyna.

Anfang der Woche kam ich zurück von drei Wochen in Italien und Griechenland. Zwei Wochen davon haben auf dem Peloponnes gezeltet. Ich hatte mir vieles vorgenommen.

Der erste Vorsatz-Block war täglich schwimmen, radeln oder wandern und das Leben zu genießen. Dieser Block ist mir so gut gelungen wie selten.

Als zweites hatte ich mir vorgenommen, ein paar Artikel zu schreiben. Besonders wichtig war mir da die Rezension eines Buches von Timo Daum, das am 7. Oktober 2019 im Oekom-Verlag erscheinen soll.

Das hat leider nicht geklappt. Eine wonnige Lethargie hatte mich erfasst. Aber immerhin habe ich das Buch zu fast zwei Drittel gelesen, Material gesammelt und bin sehr optimistisch, die Rezension vor dem Erscheinungstermin zu schaffen.

Das Buch von Timo Daum hat den Titel »Das Auto im digitalen Kapitalismus. Wenn Algorithmen und Daten den Verkehr bestimmen« und hat mich zu vielen Gedanken inspiriert. Aber dazu in der Rezension dann mehr.

Als ich erfahren habe, dass der Autor auch eine »Kritik der digitalen Ökonomie« geschrieben hat (die ich noch nicht gelesen habe aber für die er sehr gelobt wird), ist mir plötzlich klar geworden, dass es einen neuen digitalen Kapitalismus gibt. Dieser scheint mir noch mächtiger und brutaler zu sein als der uns so gut bekannte aus dem letzten Jahrhundert.

Der digitale Kapitalismus ist auch deswegen so erfolgreich, weil er das „humane Antlitz“ gegen eine »smarte Maske« getauscht hat, hinter der er sich auf geniale Art und Weise verbirgt.

Die smarte Maske soll uns glauben machen, dass Digitalisierung die Welt verbessern würde. Sie gibt dem Mega-Raubtierkapitalismus ein humanes Antlitz und verspricht uns eine saubere elektrische Welt, Gemeinwohl-Ökonomie, „shared economy“, das Teilen von Wissen, ein tolles Design, menschen- und umweltfreundliche Produkte und vieles mehr von schönen Dingen. Also ein smartes Leben in einer smarten Welt und Gesellschaft. Smart life in einer smart city. Smart, smart, smart!!! Aber in Wirklichkeit geht es mehr als je zuvor ums Geld, im alten Europa genauso wie im neuen China.

Einen neuen Begriff wie „smart“ mag ich nicht einfach so nutzen, Also frage ich mich zuerst:

Was das bedeutet eigentlich, smart?

Von einem Mitgründer von NextHamburg habe ich eine schöne Definition gehört. Er meinte, das smarte Lösungen ein soziales Ziel mit Digitalisierung lösen. Die Formel hieße:

Sozial + Digital = Smart !!!

Das klingt gut, ist aber eine Mogelpackung. Meine chinesischen Freunde sind da viel pragmatischer. Für die sind alle Produkte smart, wenn sie nur über eine WLAN-Vernetzung und einen Internet-Anschluß verfügen. Ganz gleich ob das ein Kochtopf oder eine Personenwaage ist.

Der vielleicht mächtigste und geldgierigste Konzern der new economy hat sich als handlungsleitend gegeben:
“Don’t be evil!”
Das hat uns gefallen.

Dann haben sie  die Arbeit „gamifiziert“ und die Büros zum Vergnügungspark und in eine zur Spasswelt und umgewandelt, in dem freilich härter gearbeitet wurde. Die Maske strahlt.

Auch Microsoft hat schöne Spielsachen. Sie haben schon ganz früh mit Windows, „wysiwyg“ und vor allem Solitär gepunktet. Und sie haben uns die Frage gestellt:  Where do you want to go today?

Und Apple hat den Kult zur Religion gemacht,

Wir sind darauf reingefallen. Als Programmierer hatten wir unsern leidenschaftlichen Spaß und waren überrascht, dass wir soviel Geld dafür bekamen. Unsere Stundensätze waren um ein mehrfaches höher als die der Ingenieure. Zumindest hatten die auch ihren Spaß.

Wir haben uns an Open Source und Agilität berauscht. Das „Moorsche Gesetz“ schien die Naturgesetze ausser Kraft zu setzen. Mit Themen wie Blockchain und KI werden Zukunftshoffnungen generiert, die genauerer Betrachtung nicht standhalten.

Nach dem Rausch kommt immer wieder der Kater. Noch mehr Möglichkeiten benötigen noch mehr Infrastuktur, noch mehr Energie und Rohstoffe, noch mehr (elektrische) Autos, noch mehr Konsum- und Kulturwelt. Hinter der smarten Maske lässt sich trefflich die totale Digitalisierung als Teil einer totalen Technologiesierung unserer Welt verstecken.

Und heute lernen wir, dass die Zielsetzung noch stärker als je zuvor „cash generieren“ heißt. Und das auch das Versprechen der „neuen digitalen Welt“ den „Planeten zu retten“ ein leeres ist. Und im neuen smarten Tollhaus geht es mehr als je zuvor um Wachstum und Kohle.

So definiere ich „smart“ als Strategie schnell viel Geld zu verdienen. Ein Begriff, der mit Nachhaltigkeit aber auch gar nichst zu tun hat.

RMD

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