Roland Dürre
Sonntag, der 12. Februar 2017

Die unumgehbare Unvorhersehbarkeit der Zukunft!

Großen Dank an Jan Fischbach, Meister der Agilität und hier mein Fotograf.

Am 10. Februar habe ich für FAV (Forum agile Verwaltung) in der Hochschule der Medien in Stuttgart einen Vortrag gehalten. Ich hatte eine wunderbare Zuhörerschaft, bei der ich mich an dieser Stelle noch mal ganz besonders bedanken möchte. Der Twitter-Tag war #fav17 – hier kann man auf angenehme Art mehr Informationen zur Tagung finden.

Es ging in meinem Vortrag um die „Unumgehbare Unvorhersehbarkeit der Zukunft“. Der Titel war – wie auch der folgende Untertitel – nicht von mir. Ich habe mich aber bemüht, den vorgegebenen Gedanken zu folgen:
Agile Methoden sind besonders dann von Nutzen, wenn die Unsicherheit in Bezug auf das zu erzielende Ergebnis groß ist. In der Privatwirtschaft nehmen Unsicherheiten zu. Gilt das auch für die Verwaltung? Haben agile Methoden hier wirklich eine Daseinsberechtigung?

Hier als Service für die Zuhörer und für die, dich nicht dabei waren, eine Zusammenfassung meines Vortrages. Ein wenig gerafft und zum Teil in Stichworten.

Ich begann den Vortrag mit einer Vorschau und begann mit Begriffen, die mir wichtig sind. So „pinnte“ ich zuerst ein Kreuz bestehend aus fünf Worten ans White Board. Im Zentrum stand „agil“, umringt von „digital“, „social“, „newwork“ und „network/community“. Ich habe diese Begriffe definiert und erläutert, wie sie in meinem Verständnis zusammen hängen.


Einschub: Am Anfang meines Vortrages bin ich immer ein wenig aufgeregt. So habe ich in Stuttgart die wichtigen Begriffe lean und open vergessen. Wenn ich wieder über „agile“ rede, werde ich mit dem zentralen „smarten“ Quadrat „agile“, „digital“, „lean“  und „open“ starten. Und das mit „social“ zum Pentagramm verknüpfen.


Unter #newwork zum Beispiel fasse ich all die Bestrebungen und Bemühungen zusammen, die Arbeit menschlich machen und uns so helfen, auch in modernen Arbeitswelten “keinen Burnout zu kriegen”. Es geht um Achtsamkeit, Kooperation, Wertschätzung, Teilhabe. Alles Werte, die Bewegungen wie „Augenhöhe“ (der Film), Gemeinwohlökonomie, intrinsify.me, „demokratisches Unternehmen“, „EnjoyWork“ und weitere einfordern. Unter „smart“ verstehe ich zum Beispiel die Kombination von „digital“ und „sozial“, digital ist die Basis von „network/community“ und die „Agilität“ wurde zweifelsfrei erst in der „digitalen Welt“ wieder entdeckt.

Der Digitale Wandel (digital) ist allerdings nur die logische Fortsetzung der Industriellen Revolution und so ganz einfach ein Teil des sich immer mehr beschleunigenden technischen Fortschritts. Die hohe Beschleunigungüberrascht nicht, denn wir haben dank der Digitalisierung immer mächtigere Werkzeuge in der Hand, so ist die Digitalisierung sicher die wesentliche Ursache für die so schnell vor sich gehende drastische Veränderung unserer Gesellschaft.

Ergänzt habe ich dieses Bild durch die zwei Begriffe  „Mut“ und „Freude“ – als Voraussetzung für ein gelingendes (Arbeit-)Leben (oben) – und durch zwei Begriffe „Impuls geben“ und „Inspirieren“ als die beiden zentralen agilen Führungsmittel (unten). Und dies abgerundet mit „Vertrauen“ (links) und „Wandel“ rechts. Und am Schluss mit „Glück“ und „Erfolg“. Denn mein Ziel ist, Mitmenschen – ob Zuhörer oder Mentées – zumindest ein klein wenig glücklicher und erfolgreicher zu machen

Dann ging es mit dem Vortrag in die folgenden sechs Etappen. Die beschreibe ich jetzt nur stichwortartig.

  • AGILITÄT
    Ich habe das ja von Software-Entwicklern erarbeitete “Agile Manifesto” vorgestellt und den Einfluss der IT auf Technologie und Gesellschaft besprochen.
    Wichtig war mir, herauszuarbeiten, dass Agilität keine Methode sondern eine Einstellung ist, die man auch „Philosophie“ oder „Lebensweise“ nennen könnte. Es geht nicht um einen ideologischen Streit darum, ob zum Beispiel „Scrum“ oder „Wasserfall-Methode“ (V-Modell) besser sind.  Agil ist eine natürliche, ursprüngliche und so sehr menschliche Vorgehensweise, in dem beide Methoden abhängig von der Anforderung nutzbringend sein können.

    • Die Kathedralen des Mittelalters und auch das Colloseum in Rom wurden „agil“ gebaut
      Bauherr, Meister und Gesellen kamen zusammen (Vernetzung)
    • Nicht Agil: Daimler Museum
      (Bau erst möglich durch neue Rechnergeschwindigkeiten, um die Statik des Gebäudes zu berechnen. Aber dann kam der Brandschutz dazwischen.)
    • Wie die Agilität verloren ging:
      Die industrielle Revolution hat das Weltbild verändert. Henry Ford kam bei einer Besichtigung des Schlachthofes in Chicago auf die Idee, auch Autos am Fließband herzustellen. Seine mächtigen Fabriken hatten einen großen Bedarf an Arbeitern, die es aber nicht gab. Zeitgleich wurden in der Landwirtschaft auf Grunde des verstärkten Einsatzes von Maschinen viele Bauern arbeitslos. Die waren aber “ dumm”, nicht einmal mit  “Zeit” waren sie vertraut. So musste die Kaste der Ingenieure alles regeln. So entstand die „Kaste der Ingenieure“, die „alles“ für ihre Untergebenen vor denken mussten. Hierarchie gepaart mit extremer Arbeitsteiligkeit (Taylorismus) wurde zur wegweisenden Organisationsform für Unternehmen.
    • Beispiel Werner von Siemens, geboren 1817: Er organisiert sein Unternehmen (Siemens) nach dem Muster der Deutschen Reichswehr.
    • Dazu kommt: Zeit ist ein besonderes Gut. Wenn sie weg ist, dann ist sie weg. Jetzt wird sie auf einmal vermessen. In Einheiten wie Kilogramm!
      Anmerkung: Die Segelschifffahrt kannte keinen Fahrplan. Das gab es nur für Postkutschen. Erst die Dampfschifffahrt und die Eisenbahn ermöglichten Fahrpläne. So entstand die Forderung nach einer „gemeinsamen Zeit“ in zusammenhängenden Räumen.
    • Uhren waren vor der industriellen Revolution vor allem notwendig für die Navigation auf hoher See. Jetzt beginnt die Zeit, das Leben zu dominieren (beherrschen).
    • In den Fabriken gab es eine gemeinsame Zeit. Um den Takt nicht zu gefährden, mussten Uhren am Werkstor abgegeben werden. Das Abschiedsgeschenk zur Pensionierung war dann eine eigene Uhr. “Der Mensch bekam die Zeit zurück”.
    • Vor der industriellen Revolution gab es kein Gefühl für Zeit. Noch um 1900 gab es nur in ganz wenigen Ländern eine gemeinsame Zeit. Für Planung ist der Parameter Zeit von höchster Bedeutung.
    • In einer agilen Welt treten Communities an die Stelle von Organisationen
      Beispiel: Bewegungen wie für #newwork versus Gewerkschaft.
    • In einer agilen Welt gehen die Bedürfnisse der Kunden vor den im Pflichtenheft vertraglich festgelegten Funktionen.
      Beispiel S21 – Volksentscheid war zustimmend, weil die Menschen verstanden hatten, dass schon vollendete Tatsachen allein schon aufgrund der vertraglicher Verpflichtungen geschaffen worden durch Auftragsvergabe.
    • Schein-Agilität
      Ein gutes Beispiel ist das Auto als Träger des individuellen Verkehrs. Ein PKW ohne Fahrer macht nicht frei. Was passiert, wenn alle Automobilisten das bemerken und “agil” werden möchten? Angeblich bricht dann die Wirtschaft zusammen. Das ist aber Blödsinn, weil “Innovation kreative Zerstörung ist.
  • AGIL LEBEN
    Agile Menschen haben in der Regel weniger Angst. Denn Angst findet im Kopf statt. Agile Menschen erkennen in der Regel den Punkt, an dem man aufhören muss, weiter Argumente abzuwägen sondern mit dem Ausprobieren beginnen muss. Agile Menschen wissen, dass sie nur über Gewissheiten aber nicht über Wahrheiten verfügen. Sie sind bereit zuerst mal Vertrauen zu geben (“erst geben dann nehmen”).
    Agile Menschen haben mehr Spaß und Freude an der Arbeit und sind bescheidener und glücklicher. Vielleicht auch demütiger und dankbarer. Faustregeln sind: Je mehr Angst desto weniger Agilität und versus vice. Die Voraussetzung für Agilität ist eine souveräne Gelassenheit. Diese wächst durch agiles Leben. So sind agile Menschen in der Regel glücklicher und erfolgreicher.
  • ZUKUNFT
    In den beiden letzten Jahrhunderten des letzten Jahrhunderts haben Menschen und Manager geglaubt, dass man die Zukunft vorhersehen kann. Man müsse nur über ausreichend Informationen verfügen und diese präzise auswerten. Dann wäre es möglich gültige Szenarios auch für die Zukunft zu entwickeln (mit Hilfe z.B. von Thinktanks) und könne dann ganz rational die richtigen  Lösungen und Entscheidungen fällen
    So würde ein Unternehmen (wie eine Behörde) zu einem determinierten System, das Input bekommt und Output liefert  –  und welches vom Management durch das Drehen an den richtigen Stellschrauben optimal gesteuert werden kann.
    Welch ein überholter Standpunkt!
    Zukunft ist nicht vorhersagbar. Aber wie will man die Zukunft planen und steuern, wenn man in sie nicht hineinschauen kann?

    • Hans Ulrich (der Erfinder des St. Gallener Management Modells stellt 1982 in seinen „Thesen zum Wandel im Management als erste These fest: „Zukunft ist nicht vorhersagbar!“
    • In St. Gallen stellen BWL-Wissenschaftler die Frage, wie es denn sein könne, dass Manager à priori richtige Entscheidungen fällen können, wenn es à posterio oft nicht möglich ist, zu bewerten, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war
      (Definition für Entscheidung: Sie ist betreffend der Folgen wesentlich und findet unter Unsicherheit statt).
    • Vuca (volatility, uncertainty, complexity, ambiguity)
      Plötzlich tauchen solche Begriffe als Abkürzung für die „reale Welt“ auf. Aber war die Welt nicht immer schon so?
    • Zukunfts-Forschung:
      Ich habe selbst Analysten geglaubt (Diebold, Gardner), besonders wenn sie meine eigenen Annahmen (Vorurteile) bestätigt haben. Die Vorhersagen waren fast immer falsch:
      Zwei Beispiele, die auch mich geschädigt haben:
      Bildschirmtext (BTX) und Print on Demand (PoD). Damals waren die Marktvorhersagen völlig falsch. Die Unternehmer, die diese geglaubt haben, haben falsch investiert.
    • Zwei persönlichen Freunden aus dem Kreis der Zukunftsforscher lohnt es zu folgen:
      Klaus Burmester (@foresight_lab) und Lars Thomsen (future-matters.com/lars-thomsen/). Beide gehören wohl zu den weltweit führenden SZukunftsforschern. Klaus ist eine Twitterempfehlung. (#FF).
      Matthias Horx (www.horx.com/) ist recht bekannt, persönlich kenne ich ihn nicht.
    • Einschub zu Lars und Vorhersagen zur Elektro-Mobilität:
      Vortrag auf Biike-Treffen in Sylt vor mehreren Jahren von Unternehmern, Managern, Beratern. Thema ist Innovation & Wandel, auch E-Mobilität.
      Lars begeistert uns mit seinem Vortrag zu E-Mobilität. Zwei Jahre später sind fast 20 % der Teilnehmer stolzer Besitzer eines Teslas, aber alle Prognosen von Lars waren total daneben.
    • Definition von Zukunftsforschung ist übrigens Lars folgend die Verlängerung von Trendforschung. Aufbauend auf dieser wird Zukunftsforschung zur Suche nach dem Tipping Point (https://de.wikipedia.org/wiki/Tipping-Point) von Technologien definiert.
    • Mein Schluss: Zukunftsforscher helfen uns nicht, in die Zukunft zu schauen.
    • Die von allen so gerne beschworene Innovation kann man am besten als “kreative Zerstörung” beschreiben.
    • Die so oft geforderte Reform bedeutet nur „gewaltfreie Veränderung“.
    • Und immer mehr Buzzwords sind im Umlauf:
      Transition, Transformation, Revolution, disruptive Veränderungen, Anti-Fragilität, VUCA …
      Das ist aber alles nichts neues und „Agilität“ ist das einzige, was helfen kann.
  • UNTERSCHIED von UNTERNEHMEN und VERWALTUNG
    Unternehmen sterben, wenn sie mit Veränderung und Wandel nicht zurecht kommen. Da gibt es gerade in der IT so viele Beispiele. Manche Unternehmen melden „nur“ Insolvenz an, andere hinterlassen – auch wenn sie jahrelang sehr erfolgreich Profite privatisiert haben – gelegentlich hohe Schäden, die sie dann elegant sozialisieren (siehe EVUs – jahrelang waren sie die betreffend Dividendenausschüttung die Helden im DAX. Jetzt versuchen sie die Altlasten wie Kernkraftwerke in den öffentlichen Bereich zu verschieben.
    Behörde und Verwaltung kann sich aber nicht davon stehlen, wenn sie den Wandel verschlafen hat. Denn das Leben in der Kommune geht weiter. So müssen die Behörden – auch aufgrund  des politischen und gesellschaftlichen Auftrags – mit jedem Wandel zurecht kommen.
    Wie soll das Überleben der Verwaltung aber gelingen, wenn nicht mit einer agilen Denke als Grundeinstellung? Die eine agile Philosophie als handlungsleitenden Wert hat und eine agile Kultur entwickelt und lebt …
  • TREIBER von VERÄNDERUNG
    Das Bewusstsein wächst, dass Zukunft und der kommende Wandel nicht vorhersagbar sind. Planung versagt schon heute immer häufiger und zwar in erstaunlichem Ausmaß  (Zahlreiche IT-Großprojekte, S21, BER). Die Annahme, dass in Zukunft Veränderung häufiger und heftiger werden, ist wohl korrekt. Der Trend scheint das zu Bestätigten. Wir nehmen in vielen Bereichen eine ungeheure Beschleunigung wahr, das Tempo nimmt weiter zu.
    Treiber von Veränderung könnten beispielsweise sein:

    • Anforderungen von Politik / Gesetzgeber
      Trump, „Gesetze“ die sofort umgesetzt werden müssen …
    • Wirtschaftliche Veränderungen
      Autoindustrie, Exporteinbruch, Gewerbesteuer …
    • Infrastruktur & Gewohnheiten
      Mobilität, Konsumverhalten …
    • Rahmenbedingungen
      Zins steigt, Verarmung …
    • Disruptive Ereignisse
      Flüchtlinge, Klima (Erwärmung & Kälte, Wasser&Trockenheit …), Epidemien, Krieg (Terror) ???
    • Technologie
      smart solutions, Virtualisierung, Elektrifizierung, Personalausweis als App
    • und manches mehr.
  • DIGITALER und WANDEL
    Die Digitalisierung als rasante Fortsetzung des „technologischen Fortschritts“ hat gerade erst begonnen – wie auch der davon verursachte gesellschaftliche Wandel. Kulturtechnologien wie „Rechnen können“ (ob im Kopf oder auf Papier) verschwinden.
    Maschinen werden „intelligent“. Mit „intelligenten Maschinen“ können wir Maschinen bauen, die anders nicht gebaut werden könnten und die wieder noch „intelligentere Maschinen“ bauen. Die technologische Beschleunigung durch den digitalen Fortschritt nimmt so weiter zu.
    Die „Büchse der Pandora“ ist vielleicht eine schöne Metapher für Digitale Technologie. Die Büchse steht auf eine Tisch. Der Tisch vibriert immer heftiger, die Büchse beginnt zu wackeln. Schon liegt der Deckel schief auf der Büchse und es beginnt heraus zu kriechen. Denn in der Dose rumort es.
    Bald wird der Deckel von der Dose fallen, dann wird die Dose umkippen. Ihr Inhalt wird sich auf dem Tisch ausbreiten. Noch wissen wir nicht, ob das, was da alles raus krabbeln wird, Raupen sind, die zu schönen Schmetterlingen mutieren werden. Oder sind es bösartige Würmer, die uns Medusa gesandt hat?Ich hoffe mal auf viele schöne Schmetterlinge.

Das war der Vortrag. Da er den Zuhörern gut gefallen hat, werde ich ihn sicher ein paar mal wiederholen, wahrscheinlich umgebaut mit den Schwerpunkten „agile Mobilität“ oder „agiles Unternehmen“.

RMD

2 Kommentare zu “Die unumgehbare Unvorhersehbarkeit der Zukunft!”

  1. Chris Wood (Montag, der 13. Februar 2017)

    Planning is replacing uncertainty by error.

    (Perhaps this posting already said that).

  2. Chris Wood (Montag, der 13. Februar 2017)

    You are right Roland. Today, I read in your blog from the time of the Brexit vote. It predicted that the result would have no real effect, because the government would effectively ignore it. I don’t know the effect now, but the pound immediately lost about 15% against the dollar. The result seems to be taken very seriously. Companies are planning to leave England, and various other countries are sinking into nationalism.
    It was also predicted that the details would be decided in secret. This seems probably correct.
    So the future is really unpredictable. One cannot even assume that all predictions will be false.

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