Roland Dürre
Freitag, der 8. Juli 2011

Die Zehn Gebote

Detlev hat mir zehn Schreibgebote verordnet. So hat er mich nach vielen Jahrzehnten an die zehn Gebote erinnert. Die habe ich als Kind gelernt, aber nicht verstanden. Und sie so folgerichtig in frühester Jugend verdrängt und/oder vergessen.

Detlev hat mich neugierig gemacht. So schaue ich mir die Zehn Gebote im Abstand von 50 Jahren mal wieder an. Als Quelle finde ich die „Zehn Gebote“ auf der Website der evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Denn ich denke mir, dass die evangelische EKD aufgeklärter und reformierter ist als die Konkurrenz. Auf der website der EKD habe ich Zehn Gebote gefunden. Die sollten doch eine aktuelle und offizielle Fassung sein?

Gebote sollten nach meinem Verständnis immer klar aussagen, was zu tun ist. Ich nehme die Gebote wörtlich und kommentiere im eingefügten Zitat kursiv, was mir zu jedem Gebot durch den Kopf geht.

#Anfang des Originaltextes der EKD mit Kommentierungen

Die Zehn Gebote

(nach Martin Luthers Kleinem Katechismus)

Bei der Zählung der Gebote gibt es im Judentum und in den christlichen Kirchen unterschiedliche Traditionen. Die hier wiedergegebene Fassung folgt der lutherischen und römisch-katholischen Tradition. Eine andere Zählung ergibt sich dort, wo das Bilderverbot – „Du sollst dir kein Bildnis machen“ – als zweites Gebot aufgeführt wird, so in der anglikanischen, reformierten und orthodoxen Tradition. Dort werden dann „neuntes“ und  „zehntes“ Gebot als ein Gebot verstanden.

Das erste Gebot
Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir,

Das erste Gebot ist ein Hammer. Es gibt es eine Autorität über mir, die von mir kompromisslose Unterwerfung einfordert. Schluss mit Autonomie und freier Entscheidung. Der zweite Satz aber schon ist kein Gebot, sondern das erste Verbot. Konkurrenz wird nicht geduldet.

Das zweite Gebot
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.

Wieder kein Gebot sondern ein Verbot. Ich darf den Namen der Autorität, der ich mich unterwerfen muss, nicht missbrauchen. Also ein sehr unpräzises Verbot. Wie definiert man den Missbrauch eines Namens?

Das dritte Gebot
Du sollst den Feiertag heiligen.

Das ist zumindest ein Gebot. Aber was heißt es, einen Feiertag zu heiligen? Bewusst das Leben zu genießen? Zu leben? Könnte aber anders gemeint sein.

Das vierte Gebot
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Zumindest wieder ein Gebot. Ist aber wohl zu eng gefasst. Man sollte auch seine Kinder ehren. Dann kommt die „Ehre“ vielleicht auch wieder zu den Eltern zurück. Aber vielleicht sollte man auch seine Mitmenschen ehren? Und sogar die ganze Schöpfung?

Das fünfte Gebot
Du sollst nicht töten.

Schon wieder ein Verbot – mit der für Gebote typischen Abgrenzungsschwäche. Wen soll ich nicht töten? Menschen. Oder nur meine Freunde? Oder sind auch Tiere gemeint? Gibt es eine Güterabwägung? Darf ich andere in meinem Auftrag handeln lassen?

Das sechste Gebot
Du sollst nicht ehebrechen.

Schon wieder ein Verbot! Ich hatte doch Gebote erwartet, die mir sagen, was ich zu tun habe. Und keine Verbote, die mir eigentlich alles andere offen lassen.

Das siebte Gebot
Du sollst nicht stehlen.

Wieder Verbot!

Das achte Gebot
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Verbot!

Das neunte Gebot
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Verbot!

Das zehnte Gebot
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Verbot von Begehren! Aber ist doch in uns. Kann man etwas verbieten, das Teil von uns ist? Gut verbieten kann man alles. Die Frage ist nur, ob es sinnvoll ist.

#Ende des Originaltextes der EKD mit Kommentierungen

Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass ich die Zehn Gebote heute wie damals nicht verstehe. Genau genommen sind es auch keine 10 Gebote sondern 9 Verbote und 2 Gebote. Die Sprache erscheint mir als sehr unscharf.

Ich höre die Einrede, dass ich das ganze nicht so wörtlich nehmen darf, sondern als eine Sammlung von Metaphern mit der Notwendigkeit der Interpretation betrachten muss. Die Zehn Gebote sind aber die Basis einer mächtigen Religion, die von ihren Mitgliedern die totale Hingabe an ihren Herrn und Gott verlangt (siehe erstes Gebot). Und die ihre Existenzberechtigung ja genau aus diesem Regelwerk von interpretierbaren Metaphern ableitet, siehe wieder erstes Gebot. Das darf doch eigentlich nicht sein.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als frommes katholisches Kind am Samstag erleichtert von der Beichte aus der St.-Anton-Kirche in Augsburg zurück kam und am Sonntag dort der „heiligen Kommunion“ zugeführt wurde. Und bin heute noch überfroh, dass ich diese Phase schon vor dem Teenager-Alter überwunden hatte und meinen „Gott“ bei den großen Bäumen im wunderschönen Wittelsbacher Park zu Augsburg gefunden habe.

RMD

P.S.
Der Detlev hat es in seinen Geboten übrigens viel besser als die EKD gemacht. Der hat neun mal irrelevantes verboten und dann im 10. Gebot alles gesagt! Detlev wäre aber auch ein guter Papst.

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4 Kommentare zu “Die Zehn Gebote”

  1. Chris Wood (Freitag, der 8. Juli 2011)

    Can somebody give a reference where to find the 10 commandments in the Bible? It is not as easy as I thought. They must be in one of the five books of Moses. The first reference that I have found is in Exodus 34, where Moses wrote them. But they are not listed. The first commandment then mentioned (Exodus 35) is not to work, or light a fire on each seventh day, (under penalty of death). (I read that some early refugees from England wanted to impose this death penalty in USA; they were fleeing religious tolerance)! There are lots of other commandments in the Bible, for instance regarding animal sacrifices. So „do not kill“ must be understood in this context. I have read that the most often repeated commandment is that one should not cook a kid in its mother’s milk, („kid“ meaning young goat).
    Dawkins wrote that the Old Testament God is the most unpleasant of all fictional characters.

    Philosophically there is hardly a difference between telling people what to do or what not to do. For instance, one could say „avoid killing“ or „try not to kill“. So „Gebote“ is OK, but the English „Commandments“ is perhaps better.

    Two or three mighty religions are based on the Ten Commandments; the two are Judaism and Islam. Christ distanced himself from them, but made things even harder. One should love God, and also love one’s neighbours as much as oneself.

  2. rd (Freitag, der 8. Juli 2011)

    @Chris zu „Philosophically there is hardly a difference between telling people what to do or what not to do„.

    Der Unterschied ist ganz einfach. Ich mache Dir ein Beispiel:

    Denke an einen schönen englischen Rasen in einem Park in Deutschland. Da steht dann wahrscheinlich ein Schild mit einem typisch deutschem Verbot: „Rasen betreten verboten!

    Dem folgend kannst Du mit und auf dem Rasen einiges Unerwünschtes machen (z.B. Dich am Wegrand hinsetzen und auf den Rasen sch…..!). Du darfst ihn ja nur nicht betreten.

    Ein Gebotsschild „Bitte den Rasen pfleglich behandeln!“ würde natürlich vieles an Missbrauch ausschließen, aber auch ein vorsichtiges und den Wetterverhältnissen angepasstes Betreten erlauben.

    Ich gebe gerne zu, dass ein konstruktives Gebot an Stelle eines präzisen Verbotes besser funktioniert, wenn die Nutzer des Verbotes/Gebotes willens und in der Lage sind, sozial zusammen zu leben. Das allerdings habe ich ja bei Christen, die freiwillig den Zehn Geboten folgen, implizit vorausgesetzt.

    Will aber mit dem Beispiel nur zeigen, dass in der Tat ein wesentlicher (philosophischer) Unterschied zwischen einem Verbot und einem Gebot gibt. Um aus einem Verbot ein Gebot (oder andersherum) zu entwickeln, genügt es eben nicht nur ein \neg (Negation, not) vor die Aussage zu setzen. Mach das mal im Beispiel: Du darfst den Rasen \neg nicht betreten 🙂 .

  3. Enno (Samstag, der 9. Juli 2011)

    Roland, das war keine Glanzleistung. Du schreibst, dass du die zehn Gebote nicht verstehst, lässt es dir aber trotzdem nicht nehmen, eine vernichtende Meinung zu ihnen zu haben.

    @Chris: „Durchgezählt“ finden sich die Gebote gar nicht in der Bibel, und sie stehen zumindest in den Büchern Moses nicht so exponiert, dass man sie als abgeschlossene Liste verstehen müsste.
    Finden kannst du sie in 2 Mose 20 und 5 Mose 21.
    http://www.bibleserver.com

    Das Verständnis wird tatsächlich nur im Zusammenhang möglich (wie Chris auch schreibt, ist teilweise sehr detailliert genannt, WIE der Sabbat zu heiligen ist), am besten noch mit dem Römerbrief zusammen… Dort versucht Paulus mit „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“ als Essenz der Zehn Gebote diese mit Jesus Forderung in Einklang zu bringen.

    Keine Religion leitet ihre Existenzberechtigung aus den 10 Geboten her.

  4. six (Montag, der 11. Juli 2011)

    @Enno: Die Existenzberechtigung einer Religion leitet sich ganz sicher nicht von den 10 Geboten ab – das wäre kein machtvoller Gründungsmythos, mit einer Verbotsliste daherzukommen. Aber die Wirkung auf unser heutiges Rechtssystem geht weit über eine rein theologische Ethik hinaus. Beispiel: Selbstmord. Im Tanach (der hebräischen Bibel) lautet das Gebot „Du sollst nicht morden“, das später in die römisch-katholischen 10 Gebote übersetzt wurde, in „Du sollst nicht töten“. Luther hat dann die ursprüngliche Bedeutung „morden“ bei seiner Verdammung des „Selbstmordes“ wieder eingeführt – und so hat sie (die ursprüngliche Bedeutung) Eingang in die Rechtssprechung gefunden. Wenn sich heute also jemand selbst tötet, heißt es nicht Selbsttötung, sondern Selbstmord und hat das Stigma von Verbrechen. Es kann nicht sein, im christlichen Glauben, dass jemand sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und nicht Gott entscheiden läßt. Wenn es darum geht, an religiösen Grundlagen der modernen Rechtssprechung festzuhalten, dann sagt das auch etwas über die Existenzberechtigung von Religionen aus. Die Scharia ist nicht ganz so exotisch, wie wir immer tun.

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