Roland Dürre
Mittwoch, der 23. September 2015

DIESEL-GATE

20150923_120134_resizedDer Berg hat gekreisst und gebar ein neues Wort: DIESELGATE!

Die deutsche Aktie fällt, ein als sakrosankt geltender Vorstand stürzt. In allen Gazetten und Medien liest man darüber. Man hat den Eindruck, dass in der deutschen Wirtschaft etwas ganz schlimmes passiert sein muss.

Das ist es nach meiner Meinung auch. Nur habe ich von dem Aspekt, den ich meine, noch nirgends gelesen. Deshalb schreibe ich über Diesel-Gate, denn mir scheint, dass wieder einmal eine Schranke durchbrochen wurde.

Nicht, dass ich der Automobil-Branche solch einen Schwindel nicht zugetraut hätte. Traue ich doch keiner Branche mehr. Die Machenschaften der Banken kennen wir. In der Pharmazie fallen immer wieder Medikamente auf, denen bei der Zulassung vor Jahren eine hohe Wirksamkeit und keine nennenswerten Nebenwirkungen testiert wurden. Und bei denen sich herausstellt, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Dass Ölunternehmen sehr schmutzige Hände haben, ist bekannt. Dass es bei der Nahrungsmittelindustrie auch nicht besser aussieht, wissen wir. Und dass meine eigene Branche, die IT, nicht sauber ist, ist auch mir klar. Man muss nur darüber nachdenken, wie liebevoll Spam und Viren geschützt werden, damit man halt viele Server und sonstige Hardware für völligen Quatsch verkaufen kann.

Nein, dass Industrie ganz allgemein nicht nur durch Lobbyismus die Politik steuert und vor ihren Karren spannt, dass sie mit Werbung manipuliert und bei Bedarf auch mal betrügt, das weiß ein jeder und ist für mich kein Grund, diesen Artikel zu schreiben. Für mich gibt es da etwas viel Wesentlicheres.

Denn, so wie ich diesen Fall von „Manipulation“ an der Software verstehe, ist hier eine Schwelle überschritten worden. Den Begriff Manipulation habe ich in „Anführungszeichen“ gesetzt, weil es ja keine Manipulation war. Sondern eine ganz zielgerichtete Entwicklung – bestimmt brav im Pflichtenheft spezifiziert und im V-Modell oder ähnlichem festgelegt, wie zu testen.

Nein hier ging es um in professionelle Steuer-Software vorsätzlich implementierte Betrugs-Funktionen. Mit dem Ziel, mit diesen andere Technologie zu täuschen zu können, um einen technisch zumindest aktuell nicht machbaren Sachverhalt vorzugaukeln.

Irgendwie habe ich darauf vertraut, dass es eine digitale Verlängerung von analoger Redlichkeit gibt. Ich habe vertraut, dass Steuerungssoftware von mechatronischen (analog-digitalen) Systemen nicht zum vorsätzlichen Betrug eingesetzt wird. Und das wurde jetzt kategorisch widerlegt.

Somit hat die neue Unredlichkeit auch in der Software-Industrie eine bisher nicht von mir wahrgenommene Dimension erreicht. Und mein – vielleicht naives – Vertrauen auf technisch-digitale Technologie ist jetzt dahin.

RMD

P.S.
Dieser Vorfall ist im übrigen wieder ein Grund mehr, massiv die Offenlegung aller Software einzufordern.

2 Kommentare zu “DIESEL-GATE”

  1. Andreas Zeuch (Donnerstag, der 24. September 2015)

    Hi Roland,

    danke für Deine Gedanken. Ich sehe allerdings noch mindestens einen weiteren Aspekt: Warum wurde denn die täuschende Manipulationssoftware entwickelt und installiert? Meine vage Vermutung: Wer das wirklich kreative und inspirierende Unternehmensziel vorgibt, bis zum Jahre X der größte Autobauer der Welt zu sein, muss natürlich Gas geben. Der Verkauf muss immer weiter wachsen. Und dazu bedarf es dann eben einiger Tricks und Kniffe.

    Insofern ist das Ganze doch nur eine absolut logische Konsequenz der wirklich großartigen, enkelsicheren Zielsetzung und Art und Weise der Unternehmensführung und -gestaltung. Wer sein kompetetives Verhältnis zu seinen Genitalien zum Unternehmensziel und -zweck macht, hat entweder selber Hand angelegt oder darf sich zumindest nicht wundern, wenn ein paar Etagen weiter unten alles getan wird, die Ziele zu erreichen. Schließlich hat der liebe Herr Winterkorn seinen FK, die die Zielvorgaben nicht erfüllten, wohl kaum Anerkennung und Wertschätzung für die trotzdem geleistete Arbeit gezeigt.

    Ich für meinen Teil hatte mich schon über diese infantil-postpubertäre Zielsetzung vor Jahren öffentlich lustig gemacht. Interessanterweise wurde das Streben nach der „Nummer 1“ weder in der Fachpresse noch in der Öffentlichkeit allzu kritisch betrachtet. Und jetzt schreit die ganze Welt. Ulkig. Und verlogen.

    HG
    Andreas Zeuch

  2. rd (Donnerstag, der 24. September 2015)

    Lieber Andreas, es gibt noch mehr erstaunliche und erschreckende Dimensionen an diesem Skandal, die man ja überall lesen kann.

    Mich bewegt in meinem Artikel natürlich die Sicht des Software-Mannes, der hier eine Büchse der Pandorra geöffnet sieht – und Dich in Deinem Kommentar die des Psychologen.

    Diese sehe ich allgemein so, dass es viele Menschen gibt, die irgend etwas äußerliches brauchen, um überhaupt (über-)leben zu können. Beim kleinen Mann ist das dann oft der Golf als ein einzig wahrer Freund und beim großen halt dann der Konzern.

    Wobei – wie Du sicher verstanden ist – Auto und Konzern hier nur eine Metapher für die Krücke ist, die wir brauchen um am Leben vorbei zu leben.

    Danke für Deinen Kommentar!

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