Roland Dürre
Montag, der 4. März 2019

Agil, digitaler Wirbel – oder – des Kaisers neue Kleider!

Aebby
(Dr. Eberhard Huber)

Unter dieser Überschrift hat Aebby (Dr. Eberhard Huber) einen Artikel in seinem projekt (B)LOG veröffentlicht, der sich kritisch mit dem aktuellen „agilen Hype“ auseinandergesetzt.

„Agil“ ist eine Qualität, die für mich trefflich im agile manifesto beschrieben ist. Bedauerlicherweise ist ail (wie digital und innovativ) zum Inhalt des in deutschen Unternehmen vom Top-Management gegebenen Business Theaters geworden, das sich um alles mögliche kümmert, nur nicht um die Menschen im Unternehmen und seine Kunden.

Business Theater wird in der Regel vom (Top-)Management aufgeführt. Es ist eine Form von Selbstdarstellung, die in Unternehmen und Behörden ziemlich losgelöst von der Realität praktiziert wird. Die Folgen sind oft weltfremde Entscheidungen.

Das sieht bei unserem Thema so aus: Wenn agil in Mode ist, dann wird die Einführung von Agilität verordnet. Als ob das so einfach wäre wie die Anordnung, dass die Firmen-Kantine in einer neuen Farbe gestrichen wird.

Dann werden ein paar agile Evangelisten in HR (Human Ressource) eingestellt und diese beauftragt, das Unternehmen und seine Mitarbeiter nicht nur „innovativ“ sondern auch „agil“ zu machen.  Und weil man die „Agilisierung der Unternehmen“ genauso messbar machen möchte wie dessen Innovationsfähigkeit (und alles andere), bekommt irgend ein Berater-Vollpfosten den Auftrag, ein agiles KPI (Key Performance Indicator bzw. Leistungskennzahl) zu entwickeln. Ein immer wieder zwar spannendes aber eher belustigendes Schauspiel auf der Bühne des Business Theaters.

Sei es drum. Aebby spricht mir in seinem Artikel nicht nur mit den folgenden drei Thesen aus dem Herzen:

 


  • Agil hat nichts mit Methode und / oder Technologie zu tun.
  • Erfolgreiche Projekte waren schon immer agil.
  • Selbstorganisation ist nur eine Facette agiler Arbeit.

Da würde ich mal drei Ausrufezeichen hinter jedem Satz machen. Weiter zitiere ich Aebby – zu den “Sprints” schreibt er:

 


Zum Schluss mein grusliges Lieblingszitat:

Sprints – das hört sich so schön schnell an.

Sprint auf Sprint ohne abgesicherte Pause machen die Menschen kaputt.


 

Das ist alles schön und richtig formuliert. Ich empfehle das Lesen seines Artikels. In meinen Worten und Verständnis ist Agilität so etwas wie die “Kunst und Kultur des Lebens”. Zu Aebby’s Artikel noch ein paar Ergänzungen:

Schnell hört sich schön an. Schnell muss man aber heute sowieso sein. Und schnell hat nichts mit dem Begriff Sprint zu tun. Denn das Agile Manifesto würde von SW-Entwicklern geschrieben, so wie auch SCRUM in der SW-Entwicklung erfunden wurde. Und die SW-Entwickler wollten eine bessere Software entwickeln.

Das, was in Scrum mit Sprint bezeichnet wird, war der Abstand zwischen zwei Integrationen. Die Entwickler programmierten ihre Module zuerst mal getrennt. Wenn die Module einen bestimmten Stand hatten, wurden alles integriert und ein neuer Built erzeugt.

Bei großen Projekten betrugen die Abstände zwischen zwei Integrationstermien ein halbes Jahr – öfters auch mehr. Wenn der neue “Built” nicht funktionierte, musste durch Regression der Fehler gesucht werden, um wieder ein lauffähiges System herzustellen. Also die ganze Entwicklung seit der letzten Integration schrittweise zuück gesetzt werden. Der Aufwand an Arbeit und Zeit war immens hoch, so ich erinnere mich an ein Projekt, in dem wir so über ein halbes Jahr kein ablauffähiges System hatten. Und das ist natürlich fatal.

So war der Hauptgrund für die kürzeren Integrationstermine, dass man immer über ein lauffähiges System mit dem aktuellen Entwicklungsstand zu verfügen wollte. Und nie den „Boden unter den Füßen“ verlieren wollt. Also war es nötig, die Zeit zwischen zwei Builts deutzlich zu verkürzen. Dafür steht der Begriff SPRINT. Er ist irreführend, weil es nicht um Schnelligkeit sondern Stabilität ging. In SCRUM wurde er wohl gewählt, weil er so toll dynamisch klingt. Es nicht darum, schnell zu sein. Mit kleinen Schritten kommt man oft effizienter ans Ziel als mit großen.

Agiles Arbeiten erlaubt natürlich kein Arbeiten ohne Plan und Konzept. Wobei ich an Stelle von Planung lieber von einem wohlüberlegtem und sehr aufmerksamen Vorgehen sprechen würde. „Agil“ bezeichnet so die Fähigkeit des Beobachten und Lernen. Es fordert die Fähigkeit ein, immer mit zu denken und mit besonnenen Reaktion auf Fehlentwicklungen zu reagieren.

Die konkrete Ausprägung innovativer Produkte mit völlig neuen Funktionen kann zum Start noch gar nicht bekannt sein. Besonders wenn neue Technologien genutzt werden sollen, die disruptiv wirken und so einen hohen Forschungsanteil ins Projekt einbringen, dann ist die Entwicklung nur agil möglich. Das war in der IT oft so. In diesem Fall könnte man an Stelle von agil besser von einer “iterativen Kultur des Ausprobierens” sprechen. Das bedeutet, stabile Prototypen bauen, ausprobieren, lernen und verbessern.

RMD

P.S.
Der Artikel von Aebby war übrigens auch Teil der Blogparade des Projekt Magazins.

2 Kommentare zu “Agil, digitaler Wirbel – oder – des Kaisers neue Kleider!”

  1. Hans Bonfigt (Dienstag, der 5. März 2019)

    *meld*
    Alle erfolgreichen Projekte waren seit jeher agil?

    Hier das Gegenbeispiel:

    Der Ultralangwellensender „Goliath“.
    Mit unvorstellbaren Leistungen wurde seinerzeit mit etwa 10 Kilo(!)hertz gesendet, also im hörbaren NF-Bereich.
    Die Anlage, die sich über hunderte von Quadratkilometern erstreckte, ist bis zum heutigen Tage unerreicht in Bezug auf ihren Wirkungsgrad.

    Die so ganz und gar nicht agilen Nazis übertrugen die Aufgabe
    – an EINEN HF-Techniker und
    – an EINEN Architekten.


    To make a prairie
    it takes a clover and a bee.
    One clover, and a bee,
    and revery.

    The revery alone will do
    if bees are few

    Ein phantastisches Anti-Agile-Manifesto.

  2. rd (Dienstag, der 5. März 2019)

    Alle erfolgreichen Projekte sind / waren agil?
    Habe ich nicht geschrieben.

    Dazu – makaber aber wohl richtig:
    Die Rüstungsindustrie im 3. Reich gilt als die effizienteste Wirtschaft (gerade während der ersten Kriegsjahre) aller Zeiten. In meinem Artikel zum Motivationsbusen habe ich zeigen wollen, dass man auch mit maximaler Unzufriedenheit sehr erfolgreich sein kann.

    Die damaligen Arbeitsbedingungen dürften als das absolute Gegenteil von #newwork beschreiben. Es war ein System, in dem die Menschen mit Zwang und unter maximaler Unzufriedenheit zur Arbeit angetrieben wurden.

    Die Durchführung der Produktion unter schwierigsten Umständen dürfte aber hoch agil gewesen sein. Mit diesem Beispiel möchte ich nur zeigen, dass der Begriff „agil“ oft falsch verwendet wird. Er hat nichts mit #newwork und ähnlichem zu tun.

    Ich gehe mal davon aus, dass der HF-Techniker und der Architekt aus dem Beispiel von Hans ihr Projekt hoch agil angegangen sind.

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