Von Stand-by-Jobs, Facilitation und Fahrerlosen U-Bahnen. Und vom Uli.

Vor kurzem habe ich Ulrich Sendler kennen gelernt. Uli ist „Unabhängiger Technologieanalyst“ und Musiker. Er schreibt Bücher (die sogar ins chinesische übersetzt werden und dort hohe Auflagen haben), hält Vorträge (so wie ich ihn erlebt hatte dürften die sehr kompetent aber auch unterhaltsam sein) und ist als Berater und Moderator unterwegs. Bei unserem Treffen hat er mir erzählt, dass er demnächst in Gütersloh eine „keynote“ zum Thema „Automated Society“ halten wird. Irgendwie erscheint das mir die logische Entwicklung unserer „Self-Service-Society“. Ich bestelle den Dienst im Internet und die Lieferung erfolgt oder Dienstleistung erfolgt dann automatisch.

„Automated Society“ und „Self-Service-Society“ sind für mich auch „buzz words“, die gerne als Merkmale unserer „neuen digitalisierten Gesellschaft“ in unserem „post-faktischen Alltag“ genannt werden.

Sie haben bei mir gleich ein paar Assoziationen und Gedanken ausgelöst:

Technologie hat das Ziel, dem Menschen Leben und Arbeit einfacher zu machen. Dafür gibt es auch ein schönes und heute oft verwendete buzz word:
Facilitation!
Im englischen Wikipedia wird das Wort zurzeit so definiert:
Facilitation is any activity that makes tasks for others easy, or tasks that are assisted.

Im alltäglichen Leben hat das dazu geführt, dass die Arbeit von uns Menschen durch viele technologisch Errungenschaften erleichtert wird. Das kann auch dazu führen, dass wir gar nichts mehr zu tun haben.

Denken wir an einen Piloten der Lufthansa. Die sind zurzeit wegen ihrer Streikleidenschaft öfters in der Presse. Der arme Pilot darf auf einem Langstreckenflug wie in die Karibik wohl nur noch 10 Minuten – beim Einleiten und Durchführen von Start und Landung. Den Rest schaut er zu, wie der Flieger so vor sich hin fliegt. Der arme Pilot darf seine Langweile auch nicht mit Computer-Spielen vertreiben. Alkohol wird ihm auch verboten sein wie bestimmt auch der Damenbesuch im Cockpitz.B. durch eine Stewardess. Was übrige bleibt ist dann Langeweile.

Wecker1Ich nenne solche Berufe „Stand-by-Jobs“. Da ich als Programmierer tätig war ist das für mich, wie wenn ich dem Computer 8 Stunden beim Programmieren zu schauen muss und dann in fünf Minuten kurz überprüfe, ob das entstandene Programm den Vorgaben entspricht. Ich stelle mir so einen Job eher grausam vor. Kann gut sein, dass so ein Stand-by-Job depressiv macht.

Vor ein paar Jahrzehnten hatte ich nach einem Job-Wechsel beim neuen Arbeitgeber gut zwei Wochen nichts zu tun. Von Morgens bis Abends saß ich im Büro, langweilte mich und versuchte verzweifelt mich sinnvoll zu beschäftigen. Und die Zeiger der Uhr schienen so richtig dahin zu schleichen.

So unglücklich wie damals war ich nie in meinem Arbeitsleben.

Münchner U-Bahnhof Dietlindenstraße (U6) - Urheber: FloSch - Eigenes Werk unter CC BY 2.5 (2005)

Münchner U-Bahnhof Dietlindenstraße (U6) – Eigenes Werk von FloSch, unter CC BY  2.5 veröffentlicht in Wikipedia (2005)

Die Stadtwerke München (SWM) betreiben unter anderem das Münchner U-Bahn-System. Die SWM sind intelligente Arbeitgeber, die wissen, dass Menschen „Stand-by-Arbeit“ nicht mögen. U-Bahnfahrer ist auch zum „Stand-by-Job“ geworden. Die Stadtwerke wollen glückliche U-Bahnfahrer haben, die ihren Job motiviert erfüllen. Vor kurzem habe ich gelernt, dass ein U-Bahnfahrer an jeder Haltestelle aussteigen muss um die Befüllung des Zuges zu kontrollieren und dann wenn diese erfolgreich erfolgt, die Abfahrt frei geben darf. Das ist seine wesentliche Aufgabe.

Die Maßnahme dient der Sicherheit am Bahnsteig. Vor allem aber dient sie dem Fahrer, denn so wird sein Job wieder verantwortungsvoller, abwechslungsreicher und er hat sogar ein wenig Bewegung. Das tut Seele und Körper gut.

Nur, die U-Bahnen in Nürnberg fahren seit Jahren ohne Zugführer. Und die in Lyon schon seit Jahrzehnten. Und in beiden Fällen scheint das System sehr gut zu funktionieren, sogar besser als mit Fahrer.

Die Schlussfolgerungen überlasse ich meinen Lesern.

RMD

P.S.
Gestern bin im mit dem Bus 210 des MVG von Neuperlach Bahnhof nach Ottobrunn, Haltestelle Jahnstr. gefahren. Der Fahrer saß ziemlich abgegrenzt vorne in seinem dunklen Kabäuschen. Der Kontakt vom Fahrzeug zu den Menschen war automatisiert, die Anzeige und die Ansage der Haltestellen. Der Fahrer ist nur noch der Lenker, er hält an, wenn er Menschen an der Haltestelle sieht oder ein Fahrgast auf den Knopf drückt. An diesem Abend hatte ich Glück, der Fahrer ist sehr vernünftig gefahren und hat auf starkes Beschleunigen und heftiges Bremsen verzichtet. Das war mir angenehm. Es gibt aber auch Fahrer, bei denen geht es so richtig rund. Dann hat so ein selbstfahrender Bus schon auch seinen Vorteil… Technisch sollte es ja heutzutage möglich sein.

 

3 Kommentare zu “Digitalisierung – Heute: „Automated Society“ und weitere buzzwords.”

  1. Hans Bonfigt (Sonntag, der 4. Dezember 2016)

    Ja, lieber Roland,
    die Botschaft hör‘ ich schon, allein, es gibt das Wissen…

    Glauben Sie ernsthaft, eine Gesellschaft, die das Gefahrenpotential eines breitbandig angeschlossenen Internetrouters nicht erkennt und folgerichtig nichts dagegen unternimmt, wäre in der Lage, ein selbstfahrendes Fahrzeug zu bauen?

    Eine Gesellschaft, die das Potential eines Transrapid verkennt und stattdessen plan- willen- und ziellos in die Sackgasse „Elektroantrieb“ abbiegt – die bekommt doch keine sinnvollen Konzepte auf die Reihe?

  2. rd (Sonntag, der 4. Dezember 2016)

    Gute Frage!

  3. Chris Wood (Dienstag, der 6. Dezember 2016)

    Yes, my worst job experience, (except for the odd disaster), came when I was persuaded to take the “standby” mobile telephone for a weekend. In an emergency, a customer could call it. None did, so I got paid for doing nothing. But it ruined my weekend! The worst aspect was that, if a customer called, there was little chance that I could help. As a developer, my knowledge was too specialised for trouble-shooting.
    I am reminded that a professional sportsman can have a similar problem. The goalkeeper whose team loses 0-1 after dominating the game is one case. Even worse is the case of the “slip fielder” in cricket. He waits up to 6 hours in a day for a ball to come off the edge of the bat, so he can catch it. He needs to concentrate only when the ball is bowled. But that means a few hundred times in the day, with perhaps only one or two difficult catch chances.

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