Der Stammbaum des menschlichen Wissens zu Beginn von Band 1 der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, 28 Bände, vollendet im Jahr 1772

Der Stammbaum des menschlichen Wissens zu Beginn von Band 1 der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, 28 Bände, vollendet im Jahr 1772

Vor kurzem habe ich diesen Sommer auf einer Gartenparty einen Kollegen nach vielen Jahren wieder getroffen, der zur selben Zeit wie ich an der TUM Mathematik und Informatik studiert hat. Ich glaube mit dem Schwerpunkt Informatik. Nach dem Studium ging er dann zu einem großen Elektrokonzern – so wie ich auch. Er ist dort aber sein Leben lang geblieben – im Gegensatz zu mir, der ich nach gut vier Jahren das Weite suchte (glücklicher Weise).

Wir hatten uns viele Jahre nicht mehr getroffen und so haben wir uns bei dem einen oder anderen guten Bier gegenseitig so einiges berichten können. Besonders er hat mir viel aus seinem Leben erzählt. Was er heute so machen würde und wie es damals gewesen sei.

So hat er auch berichtet, dass er nach seinem Wechsel in den „Ruhestand“ eine Lebens-Bilanz gezogen habe. Und er dabei in der Retrospektive seines beruflichen Lebens alle seine direkten Vorgesetzten noch mal an seinem geistigen Auge vorbei ziehen hat lassen. Und wie er diese ganz ordentlich in zeitlicher Reihenfolge aufgeschrieben hätte.

Und siehe da, er hätte sich an alle noch sehr gut erinnern können. In der Summe seines Berufslebens wären es 26 (sechsundzwanzig) direkte Vorgesetzte gewesen, die ihn umsorgt und geführt hätten.

Und weil er gerade dabei gewesen wäre, hätte er eine Matrix gemalt. Da hätte er links die Namen seiner ehemaligen Chefs eingetragen und als Überschrift der Spalten daneben die nach seiner Meinung wichtigen persönlichen Qualitäten als Voraussetzung für gute Führungsarbeit aufgeschrieben.

Und dann habe er die Zeile eines jeden seiner Chefs mit Noten von 1- 6 (sehr gut bis ungenügend) ausgefüllt, so wie es auch in der Schule üblich ist. Und anschließend habe er den Notendurchschnitt pro Zeile (seiner Chefs) ermittelt.

Und siehe da, nur zwei (!) seiner sechsundzwanzig ehemaligen Chefs hätten von ihm eine Durchschnittsnote von besser als mangelhaft bekommen. Er hat mir dann auch die Namen seiner einzigen beiden fähigen Chefs gesagt. Ich kannte beide gut und konnte ihm nur zustimmen, weil ich diese beiden auch sehr wertgeschätzt habe.

Das Verhältnis hat mich aber bestürzt. So schlecht habe ich es persönlich nie empfunden. Wenn von 26 Chefs eines Berufsleben nur 2 (zwei) Chefs die nötigen Qualitäten für einen Vorgesetzten haben, was ist das für ein Zeugnis für das Unternehmen? Muss es mit einem Unternehmen, bei dem von den Chefs keine 10 % eigentlich normale Anforderungen an Führungskräfte erfüllen, nicht tatsächlich abwärts gehen?

Das könnte vieles erklären. Kann so ein Unternehmen denn überhaupt erfolgreich sein?

Mein Freund ist übrigens in meiner Wahrnehmung ein sehr objektiver und fairer Denker, vielseitig engagiert und alles anderer als ein Nörgler oder ähnliches – eigentlich ein richtig guter Typ. Insofern ist das was er mir da erzählt hat, Ernst zu nehmen.

Ich kannte auch den Unternehmensbereich, in dem er den weitaus größten Teils seines Lebens verbracht hat. Und muss gestehen, dass dieser in meinem Ansehen nicht unbedingt der Beste war. Auch das könnte eine Erklärung für das so schlechte Ergebnis gewesen sein.

Ich habe dann mal versucht, das Modell meines Freundes an meinem eigenen Erfahrungskreis anzuwenden. Und kam darauf, dass bei dem was ich so erlebt habe, zumindest so in etwa jeder dritte Chef unter dem Strich in Ordnung war. Das wären dann immerhin zum Vergleich 9 von 27. Aber eigentlich ist das auch kein gutes Ergebnis.

Im Abstand von ein paar Tagen hat mich diese Geschichte immer noch beschäftigt. Und ich habe mir die Frage gestellt: „Warum ist er solange bei diesem Unternehmen geblieben?“. Ich hatte ihn doch als einen fachlich und auch sonst sehr kompetenten Kollegen in Erinnerung.

Ich glaube die Antwort ist, dass diese großen Unternehmen so eine Art goldener Käfig waren (siehe auch meinen Artikel „Goldener Stacheldraht„). Die ersten zehn Jahre konnte man als „verantwortlicher Mensch“ wegen der sonst verloren gehenden Betriebsrente nicht kündigen. Und dann war man ein wenig freier, aber der Kündigungsschutz wurde die nächste „goldene Fessel“. Sie machte einen Wechsel zu einem neuen Unternehmen oder gar in die Selbstständigkeit zu einem Abenteuer, bei dem man doch ganz schön viel Sicherheit aufgeben musste und dann sehr mutig sein musste. um so einen folgenschweren Schritt zu machen.

RMD

P.S.
Die Illustration des Artikels stammt aus Wikipedia, Begriff „Hierarchie„.

Kommentar verfassen

*