Roland Dürre
Montag, der 22. Februar 2010

Ein gerechter Staat

Irgendwie arbeiten die Vorfälle um die vielleicht real vorhandenen oder vielleicht nur virtuell erfundenen „Steuer-CD’s“ immer noch in mir.

Steuerbetrüger sind kriminell. Kriminelle müssen bestraft werden, bei schweren Delikten sogar ab ins Gefängnis mit ihnen. Man muss die CD’s kaufen.

So tönt es aus dem Busch und so hört man Volkes Stimme. Obwohl die Menschen, die ich persönlich kenne und mit denen ich darüber spreche, anderer Meinung sind. Die meinen, dass der Staat nicht so einfach zu fragwürdigen Methoden greifen und Denunziantentum immer hoffähiger machen sollte.

Und dann denke ich, dass es sich der Staat und die öffentliche Moral einfach zu leicht machen. Und komme auf komische Gedanken:

Ist wirklich der Steuersünder so eindeutig der Kriminelle? Oder trägt der Staat nicht zumindest eine Mitschuld, wenn er seinen Bürgern mit Hilfe eines undurchschaubaren Systems zu viel von ihrem Einkommen weg nimmt?

In meinem Verständnis – und so lese ich es auch z.B. in meiner Lieblingsverfassung, der Bayerischen – hat der Staat eine Reihe von Aufgaben. Er muss das Gewaltmonopol ordentlich verwalten. Er soll für die Bürger da sein. Er soll das wirtschaftliche Leben ordnen. Bildung, Sicherheit und ein gewisses soziales Netz sind Teil seiner Aufgaben. Er ist für eine ausreichende Infrastruktur zuständig …

Und so blöde Fragen stellen sich mir dann:

  • Was ist, wenn der Staat seine Aufgaben immer mehr vernachlässigt oder in eine Schieflage bringt. Darf er dann noch so viel Geld kassieren?
  • Darf er dann auch noch so viel Schulden machen, die ja „theoretisch“ (und wohl auch praktisch) die nachfolgenden Generation bezahlen müssen.
  • Warum soll ich die Infrastruktur für Dinge zahlen, die ich nicht brauche und die uns kollektiv mit großer Wahrscheinlichkeit schaden oder gar ruinieren werden?
  • Warum soll jemand fremden Leute einen Zuschuss zum Kauf und Betrieb eines Autos zahlen (25 Bürger haben zuletzt zusammengelegt jeweils 100 EURO aufgebracht, damit der 26. Bürger eine Abwrackprämie bekommt)?
  • Warum soll ich den Staat für Infrastruktur bezahlen, wenn er doch alles privatisieren will?
  • Warum soll ich den Krieg in Afghanistan finanzieren, der mit aller Wahrscheinlichkeit von der Geschichte genauso als völlig sinnlos beurteilt werden wird, wie die anderen Kriege der letzten 50 Jahre, sei es in Vietnam, im Irak oder sonst irgendwo.
  • Soll ich dafür zahlen, dass die pharmazeutische Industrie ihr Geschäft macht, obwohl ich aus Prinzip nur im Notfall ein Medikament einnehme und mich nie gegen Schweinegrippe impfen lassen würde?
  • Hat die Kirche nicht mal gesagt, dass eine gerechte Steuer das Zehnte des Einkommens betragen würde?
  • Ist es in Ordnung, dass ich die Zinserträge von Geld, dass ich ordentlich versteuert habe, dann auch noch mal versteuern muss?
  • Und wenn ich mein Vermögen an meine Kinder weitergebe, warum muss ich dann nochmal Steuer zahlen?
  • Und bin ich wirklich dafür verantwortlich, dass jeder Arbeit haben muss, obwohl das System den Rohstoff Arbeit in einer Art und Weise verteuert, so dass manches nur noch in Form von Schwarzarbeit zu funktionieren scheint?
  • Wie lange können wir uns überhaupt noch bei Rückgang unseres Wohlstandes soviel Steuern und Staat leisten?
  • Darf der Staat wirklich Unrecht begehen, um Unrecht zu bestrafen?
  • Oder begeht er das Unrecht nur, um sich (noch mehr) zu bereichern?
  • Folgt der Staat noch den Interessen seiner Bürger oder hat ihn eine vom Lobbyismus der Mächtigen und Eigeninteressen einer Oligarchie der Parteien gesteuerte Administration übernommen?

Und wenn ich mir das so überlege, dann bin ich mir ab und zu gar nicht mehr sicher, ob am Ende der Straße nicht ein Unrechtsstaat drohen könnte. Und überlege mir, warum eigentlich immer mehr Deutsche auswandern.

Unsere Wirtschaftsordnung hat es ermöglicht, dass ein Manager nicht nur das 20-Fache sondern auch mal das 400-Fache seiner normalen Mitarbeiter verdienen kann. Und dass man als Autorennfahrer, Golf- oder Fußballspieler oder auch nur Autor oder Unternehmer in wenigen Jahrzehnten oder gar nur Jahren zum Milliardär werden kann.

Dass man aufgrund eines besonderem Talents, natürlich harter Arbeit und mit großem Glück so absurd reich werden kann, halte ich für eine gesellschaftliche Fehlentwicklung. Aber jetzt aus Neid nach dem Staat zu rufen, dass er den Menschen über Steuern dieses Geld wieder wegnehmen soll, kann es auch nicht sein.

Solche Gedanken überkommen mich in schwachen Momenten.

Fast wäre ich froh, wenn Sie mir diese Thesen endgültig widerlegen würden. Denn ich möchte nicht auch noch dem Virus der „Staatsverdrossenheit“ verfallen.

RMD

9 Kommentare zu “Ein gerechter Staat”

  1. Enno (Montag, der 22. Februar 2010)

    Leider haben Sie kaum Thesen, sondern überwiegend Fragen aufgestellt 😛

    Bezüglich kaufen oder nicht kaufen und Denunziantentum sollte man berücksichtigen, dass das in Form der Kronzeugenregelung doch schon Gang und Gäbe ist.

  2. Chris Wood (Dienstag, der 23. Februar 2010)

    I agree with Roland that his questions are mostly stupid.
    FDP is the only significant German party that is serious about reducing taxes. With this they fooled the electorate into getting them into the government. Since the election they have declined in popularity, as people have seen what stupid ideas they have. Recently they have regained 2% through a campaign against the unemployed. This has shocked very many, but convinced a few right-wing workers. Is Merkel now unhappy to have sided with the FDP? Perhaps it was a clever move to discredit politics right of the Christian Union. Anyway the great majority of voters must think that the current rate of taxation is about right.
    Here Roland reminds me of an Anarchist Hyde-Park speaker that I met. He really wanted to have no police. Having a judo black belt, he himself might have managed without police. Being a single self-employed goldsmith, he needed little infrastructure, (as long as rich people could find him). Being an independent alpha-animal, he thought everybody should be like himself. At the start of November, his group were planning how to celebrate their tragic hero, Guy Fawkes).
    I suspect that Roland’s polemic is dangerous. But perhaps his blog readers are too clever to fall for it. I shall try to answer some of his questions:-
    • If the state’s performance kept getting worse, we should all be in a mess. It would probably need more taxes, to have a chance to get us out of the mess. Anarchy would be the worst attempt at a solution. Perhaps it would be best to start a little war and then unconditionally surrender. Then another nation would have to solve our problems.
    • I am not a lawyer, but state debts do seem to be legal.
    That about the „following generations“ is something of a red herring. The purpose of the borrowing was to maintain prosperity, (keep people in jobs). Following generations should benefit from this. Of course one may believe that the state overreacted to the financial crisis, but the experts seem to believe that the crisis management was quite good. (The mistake was to let the crisis happen). State debts will be paid back via increased inflation, which will come soon. This will reduce the value of people’s bank accounts, etc. So all people with money savings will contribute. This will be compensated by higher interest rates, but only partly, since interest is taxed. Something must then be done to make certain that interest is taxed fairly. This will reduce the incentive for people to save. In turn, this will limit new private investment. Probably poorer countries will be most affected.
    • Paying for what others need is solidarity, which is eventually good for everybody. It would take too long to explain why.
    Paying for what will damage us is bad. We have a political system which tries to avoid this. Of course it is not perfect. It involves people.
    • The car premium tried to avoid unemployment in the car industry, and to maintain a strong car industry for the time after the crisis. It seems to have worked to some extent. In coming decades, we need to reduce CO2 production and dependency on oil. But to do this drastically in a couple of crisis years would not be a good idea.
    • The state does not want to privatise everything. The idea behind privatising is that some things will then run more efficiently, but it is very difficult to get this right long term, i.e. to privatise the right things. Anyway some state control is always needed. The control is financed via taxes, in the hope of some degree of independence.
    • I suspect that occasional little wars are needed, in order for the good nations to keep in practise, and so that the bad nations do not think they can get away with anything. The Falkland war may have brought democracy back to Argentina. Similarly the Turkish invasion of Cyprus got rid of the dictatorship in Greece.
    Things seem to be getting better in Iraq.
    Getting rid of the Taliban regime was a good idea, if only for the sake of the Afghan women. Of course the difficulties were badly underestimated.
    • Yes, the pharmaceutical industry is a long way from optimum as regards keeping the world healthy at reasonable cost. But it is doing quite well for people in rich countries. In this it is like every other major industry.
    • The world has changed a lot since the church set 10% as the universal tax rate. There is a strong positive correlation between tax rate and living standard.
    • Yes, unearned income should be taxed. It would be reasonable to tax it at a high rate. It is dubious to tax pseudo-income produced by inflation. This is a sort of wealth tax, which discourages saving; see above.
    • Inheritance tax is good, because it reduces the disadvantage of children in poor families. Inheriting a fortune probably does not make people happy. The rules (in Germany) about who can inherit how much free of tax are very dubious. One can consider them as racist. Of course one can get round them by leaving money to charities.
    • Everybody should have work. Almost everybody likes to have something useful to do, and this benefits the rest too. I regard it as ridiculous that it is so difficult to find a job after one reaches pension age. OK, I would need some nice person to organise a job for me. Even when I was young, I was not good at being self-employed.
    • How long can the state collect the same taxes, while the prosperity declines? This depends how fast prosperity declines. Historically prosperity has tended to increase. Currently it is stagnating in Germany and the world, so current taxation rates can continue until things change.
    • I think a small injustice to avoid a large injustice is OK. I think whistle blowers are generally treated too badly rather than too well. But I can see why Germans worry about too much state control.
    Incidentally, I sympathised with the policeman who threatened a prisoner with torture, in order to try to save a victim. (I would not have sympathised with torture).
    • Germany has a good democracy, which could be better. Democracy works badly, but better than all the alternatives.

    Roland does not make clear whether he just wants to reduce taxes, or whether he wants refusal to pay tax in proportion to individual disapproval of how the taxes are used.

  3. rd (Dienstag, der 23. Februar 2010)

    Leider überzeugen mich die Anworten von Chris nicht. Im Gegenteil, sie machen meine Sorgen noch größer. Denn er bringt auf vermeintlichen Sachzwängen aufbauende Argumente, die uns den Mut zu vernünftigen Reformen nehmen und so den vorhandenen Teufelskreis verstärken.

    Demnächst werde ich einen Artikel zu dem Thema schreiben, welches mich vielleicht am meisten beunruhigt:

    So wie es aussieht, wird ein nicht privilegierter Mensch (ohne Erbe und ohne besondere Ausbildung/Status) in unserem System es auch mit vielen vielen Jahr(zehnt)en fleißiger Arbeit nicht mehr schaffen können, eine vernünftige Rente zu erwerben oder einen entsprechenden Kapitalstock anzulegen! Und eine normale Familie hat gar keine Chance mehr. Darf das sein?

    RMD

  4. rd (Dienstag, der 23. Februar 2010)

    @Enno: Nicht alles, was gang und gäbe ist, muss richtig sein 🙂

    Ja, und das mit Thesen oder Fragen, ich weiß es wirklich nicht. Aber ich bekomme immer mehr Zweifel.

    RMD

  5. Chris Wood (Mittwoch, der 24. Februar 2010)

    I do not understand how my answers can worry Roland so much, if they are unconvincing.
    He should realise that no German government in the next ten years can make decisions that will ensure a comfortable old age for people now starting work.
    Particularly Germany, export world champion, cannot prosper independently of the rest of the world.
    The world has serious problems such as climate, overpopulation, resource shortages, ignorance and superstition. It will take good ideas and good management to overcome them. This may not happen.
    Germany has extra problems, such as a declining population of people at working age, and the poor education of people from poor families.
    That the world is full of weapons and has dreadful inequalities, may be a problem, or may help solve the problem of overpopulation.

  6. Chris Wood (Donnerstag, der 25. Februar 2010)

    The world has less than 50 years to solve the serious problems, either gently or brutally, either by population growth reduction (see China) and clean energy, or by massacre and mass starvation, (not to mention biodiversity). If one looks at the relatively small problems that have been festering that long, the chances of a gentle solution seem poor:-
    • N. Korea with its nasty dangerous regime,
    • Burma, just as nasty,
    • India and Pakistan play cricket together but are bitter nuclear enemies,
    (both also have huge internal problems),
    • Israel and Palestinians struggling for survival,
    • Africa with rampant disease and various nasty dictators,
    • Afghanistan, just a mess,
    • Weapons and addictive drugs as huge (growing) industries,
    • No rise in the proportion of people living in democracies,
    • Increasing depletion of resources,
    • Nuclear proliferation
    You see, Roland, the current German tax system and debt level of the state are not very important factors regarding the lives of the next two generations.

  7. Enno (Donnerstag, der 4. März 2010)

    Bin ich der einzige, der das Gefühl hat, dass es mir ganz ok geht?

  8. Enno (Donnerstag, der 4. März 2010)

    Bin ich der einzige, der das Gefühl hat, dass es mir ganz ok geht?

    Die zunehmenden Fortzüge von Deutschen aus Deutschland finde ich momentan übrigens noch nicht bedrohlich und auch nicht so überraschend: http://doku.iab.de/arbeitsmarktdaten/wanderungen.pdf .
    In den Zahlen sind doch von Jahr zu Jahr starke Schwankungen, da mag der aktuelle Ausschlag auch zufällig sein.

  9. rd (Donnerstag, der 4. März 2010)

    Hallo Enno,

    den privilegierten Menschen (dazu dürften wir beide gehören) und natürlich auch den „überprivilegierten“ Menschen geht es natürlich gut. Es gibt aber immer mehr nicht privilegierte Menschen auch in Deutschland. Und die bekommen immer ein Problem, immer mehr davon fallen den sozialen Versorgungssystemen zur Last. Und die Chancen für die Jungen sinken zurzeit gewaltig (Ausbildung, Altersversorgung …).

    Das Thema des Artikels war „Ein gerechter Staat“! Gerecht ist aber nicht, wenn es Privilegierte gibt, denen es immer besser geht und Unterprivilegierte, die keine Chance mehr haben, vorwärts zu kommen.

    Zur Migration:

    Mir geht es um den Trend. So hat sich z.B. die Situation in der Migration zwischen Deutschland und Österreich massiv gedreht. Wie ich jung war, kamen die Österreich in großen Zahlen zum Arbeiten nach Deutschland. Mittlerweile ist es umgekehrt.

    Den Link habe ich mir angeschaut. Und finde ihn schon bedenklich, erst recht, wenn ich die Sondereffekte wie Heimatdeutsche aus ehemaliger UDSSR abziehe.

    RMD

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