Roland Dürre
Sonntag, der 25. Mai 2014

Ein Splitter meiner medizinischen Geschichte …

Die Mandeln müssen raus!

DiakonissenhausMehr als 50 Jahre meines Lebens habe ich bewusst erlebt. So habe ich natürlich auch eine medizinische Geschichte. Damit meine ich meine Interaktionen mit Ärzten und Krankenhäusern wie auch die Eingriffe von Ärzten in meinen Körper.

Die Liste der Eingriffe von Medizinern an meinem Körper ist glücklicherweise kurz. Glücklicherweise, weil das Verhältnis von nützlichen zu schädlichen medizinischen Maßnahmen und Behandlungen bei mir so 1 : 2 ist. Und meine besten Arztbesuche immer die waren, wenn der „Gottinweiß“ gesagt hat, dass „man da etwas machen kann, aber nicht muss“ und ich daraufhin sehr froh war, der Behandlung zu entkommen..

Hier eine meiner schlechten Erfahrungen. Ich erzähle es, weil es mir gut tut, es mir von der Seele zu schreiben.

Im Winter in der Zeit meiner letzten Klasse in der Volksschule (1959/1960) hatte mich eine Erkältung besonders heftig erwischt. Nicht weil ich ein schwächliches Kind gewesen wäre, sondern eher weil ich immer unartig war und die vielen guten Ratschläge meiner „erwachsenen Umwelt“ ignoriert habe. Und dann bei Frost eben doch keine Mütze aufgesetzt habe, so wie es mir aufgetragen war. Meine Eltern pflegten dann zu sagen „Wer nicht hören will, der muss fühlen!“ oder auch nur „Selber schuld!“.

So war ich im Alter von 9 Jahren nach Weihnachten eine Zeitlang ziemlich erkältet und musste so öfters zum Arzt. Unser Hausarzt Dr. Halbeck (ob ich den Namen so ganz richtig in Erinnerung habe, weiß ich nicht) war ein gütiger älterer Herr, der sich – in meiner Wahrnehmung – durchaus bewusst war, wie schwierig das mit der Gesundheit, Medizin, Ursachenerkennung und der richtigen Behandlung so ist.

Deswegen hat er mich auch zum Spezialisten, dem wohl berühmtesten HNO-Arzt (Hals-Nasen-Ohren-Arzt) von Augsburg, einem Dr. Harlander, überwiesen. Auch diesen Namen habe ich mehr so genau im Kopf, ob der Name dieses Herrn also ganz richtig ist weiß ich nicht. So wie ich auch nicht weiß, ob Dr. Halbeck von Dr. Harlander ein „Kick-back“ für die Überweisung bekommen hat …

Dr. Harlander empfing uns freundlich in seiner Praxis, waren wir doch als Beamten-Familie privat versichert. Dr. Harlander hatte eine eindrucksvolle Residenz in einer großen Villa, er war wohl ein ganz reicher und wichtiger Mann in Augsburg. Und im Diakonissen-Haus (einem ganz besonders scheußlichen Krankenhaus in Nähe des Augsburger Hauptbahnhofs) hatte er einen ganzen Satz sogenannter Beleg-Betten.

Und der Dr. Harlander war ein medizinisches Genie. Sofort hat er erkannt, wo es bei mir mangelt! Es sind die Mandeln – die müssen raus! war sein schnelles Urteil. Und meinen Eltern versicherte er, dass ich dann im nächsten Winter nach meinem bevorstehenden Wechsel ins Gymnasium deutlich weniger krank sein würde, was meine Chancen das Abitur zu erreichen deutlich erhöhen würde. Das hat meinen Eltern gut gefallen und so wollten sie, dass er diese bösen Mandeln doch gleich entfernen möge.

Jetzt waren aber die Belegbetten im Diakonissen-Haus des Dr. Harlanders für viele Wochen im voraus belegt. Denn der Dr. Harlander war ein sehr erfolgreicher Arzt, der so seine Ansprüche hatte. Und da auch für Ärzte gilt„ohne Fleiß kein Preis“ hat er operiert, was das Skalpell hergegeben hat. Ein leeres Belegbett war bei Dr. Harlander ausgeschlossen, die mussten immer gut gefüllt sein. So kam ich auf die Warteliste.

Nach dem Winter kam der Frühling und ich war wieder gesund. Aber denkste, das Belegbett war im Wonnemonat für mich reserviert. Und so musste ich bei schönstem Sonnenschein und kerngesund einrücken ins Diakonissenhaus.

An die Operation wie an die restlichen Umstände habe ich keine guten Erinnerungen. Allerdings bekam ich (nach der Operation) täglich ein Eis. Und meine Eltern habe mir ins Krankenhaus auch ein Geschenk mitgebracht. Wiking-Autos im Maßstab HO waren damals meine große Liebe. So bekam ich drei Plastik-Autos in einem hässlichen Cellophan-Beutel zur Belohnung geschenkt, weil ich so tapfer war.

Die drei Autos sahen billig aus. Sie waren auch keine Wiking-Modelle, sondern ein Sonderangebot aus einem der Supermärkte, die damals gerade aufkamen. Sehr plumpe „Fakes“ mit vielen Schwächen im Detail. Ich war enttäuscht. Und musste ab diesem Zeitpunkt ohne Mandeln durchs Leben gehen. Und mag seitdem auch keine „Fakes“ mehr.

Dafür habe ich bis heute häufig und chronisch Halsschmerzen und Rachenbeschwerden. So richtig fit fühle ich mich im Hals eigentlich immer nur, wenn ich mal ein paar Tage am Meer bin. Und kaum bin ich wieder im hohen München oder in klimatisierter Umgebung (Flieger, ICE, modernes Gebäude), schon geht es meinem Hals schlecht.

Heute lese ich, dass es gar nicht so gut ist, wenn Menschen die Mandeln entfernt worden sind. Dass unter anderem bei Menschen ohne Mandeln die Krebserkrankungen im Rachenraum der Statistik folgend etwas häufiger vorkommen.

Dem einen oder anderen unserer 7 Kindern wollte auch der eine oder andere HNO-Spezialist mal die Mandeln entfernen. Und da haben wir immer „Nein“ gesagt. Heute sind alle Sieben erwachsen, haben ihre Mandeln noch und sind zumindest soviel ich weiß kerngesund.

RMD

P.S.
🙂 Das Bild zeigt den Blick auf den Krankenhauskomplex in Augsburg. Mit Blick von der Riegele Brauwelt, die sich direkt neben dem Hauptbahnhof befindet.

1 Kommentar zu “Ein Splitter meiner medizinischen Geschichte …”

  1. Chris Wood (Dienstag, der 27. Mai 2014)

    I too had my tonsils removed as a child, because I had a cold too often, (le jeun Anglais avec son sang froid habitue). In those days, the developed world believed in it. I think the doctors in England did not greatly profit from it. My brothers still have their tonsils.
    I was in hospital rather a long time, because I was constipated, probably due to the hospital food and lack of activity!
    Since then my health has been good.

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