Roland Dürre
Montag, der 27. Dezember 2010

Empirische Daten & Offene Fragen

Gestern lese ich, dass zumindest in Bayern der Umsatz im Gaststättengewerbe steigt:

Der Umsatz im bayerischen Gastgewerbe ist im Oktober im Vergleich zum Vorjahreszeitraum preisbereinigt um 2,8 Prozent gestiegen. Im Beherbergungsgewerbe nahm er um 3,6 Prozent und in der Gastronomie um zwei Prozent zu, wie das Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung am Donnerstag in München mitteilte. Auch die Zahl der Beschäftigten im Gastgewerbe stieg. Im Oktober lag sie um 3,9 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten stieg dabei um 4,6 Prozent, die der Vollzeitbeschäftigten um 2,9 Prozent.
(T-Online-Nachrichten)

Was könnten die Ursachen dafür sein?

Ich denke natürlich gleich mal an das strenge bayerische Gesetz zum Nichtraucherschutz. Endlich können jetzt auch Nichtraucher und Familien mit Kindern in eine Gaststätte gehen. Könnte doch gut die Ursache für den Zuwachs ausmachen.

Aber halt:

Warum sind die Umsätze im Beherbergungsgewerbe (ja was ist das denn für ein Gewerbe) dann viel stärker als bei den Gaststätten gestiegen? Schon sehe ich vor meinem geistigen Auge unseren Guido an seine ewige Männerbrust klopfen und dieses Wachstum auf die umstrittene Mehrwertsteuersenkung für Hotels zurückzuführen.

Oder folgt der Umsatzzuwachs nur dem riesenhaften „Aufschwung“, der uns zurzeit in Deutschland auf einer Welle der Euphorie tanzen lässt? Und wäre der Umsatzzuwachs der Gaststätten ohne das Nichtraucherschutzgesetz noch viel höher ausgefallen?

Das ist das Problem mit den empirische Daten!

Man kann viel daraus schließen und weiß am Schluss doch nichts.

Ich glaube übrigens fest daran, dass das Nichtraucherschutzgesetz mittel- und langfristig die Umsätze der Gastronomie beflügeln wird. Die Nichtraucher brauchen nur ein wenig Zeit, um zu entdecken, dass die Restaurants und Jazzclubs mittlerweile wieder besuchbar sind. Und gehen dann auch wieder mehr essen oder aus.

Der Einwand, dass dieses Gesetz auch Verlierer generiert, mag richtig sein. Das ist bei jeder Veränderung so. Die sich am besten und schnellsten anpassen, sind die Gewinner. Und dass manche auf der Strecke bleiben, das ist halt so. Aber es sollte in der Gastonomie mehr Gewinner als Verlierer geben – und das wäre ja in Ordnung.

Aber über den Aufschwung bei den Hotels und Pensionen mache ich mir schon so meine Gedanken. Die hatten ja schon immer Nichtraucherzimmer. Das Gesetz zum Nichtraucherschutz kann es also nicht sein.

Profitieren die vielleicht vom Aufschwung und haben so wieder mehr Geschäftsreisende – trotz Internet und toller Kommunikationsmöglichkeiten? Oder hilft ihnen, dass sich viele keinen teuren Auslandsurlaub mehr leisten können?

Oder stellt sich der Freistaat Bayern so wie Österreich erfolgreich auf immer mehr Tourismus-Industrie um? Liegt es an einer langsamen Änderung des Bewusstseins der Einheimischen, die die Alpen auch schön finden und nicht mehr so unbedingt in die DomRep müssen?

Meine persönlichen Erfahrungen sagen mir etwas anderes. Ich nehme wahr, dass die „Beherberger“ ihre Preise trotz Mehrwertsteuererleichterung im letzten Jahr drastisch erhöht haben und dass dies der Grund für das gemeldete Wachstum ist. Die Preisbereinigung des Bayerischen Amtes für Statistik und Datenverarbeitung bezieht sich ja nicht auf die Übernachtungspreise direkt sondern auf die (fiktive) allgemeine Inflationsrate. Und was ich so erlebe, sind die Preise für Übernachtungen im letzten Jahr deutlich höher gestiegen als die bereinigten 3,6 % Umsatzzuwachs.

Seufz – es ist schon sehr schwierig mit dem Empirismus. Und da ich merke, wie wenig ich weiß, bin ich so richtig froh, dass unsere Regierung und vor allem unsere Kanzlerin auf allen Gebieten im Besitz der absoluten Wahrheit ist.

RMD

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4 Kommentare zu “Empirische Daten & Offene Fragen”

  1. Enno (Montag, der 27. Dezember 2010)

    Die Beschäftigung erhöht sich jedenfalls nicht aufgrund der Preise, was darauf hindeutet, dass es tatsächlich zu einem erhöhten Absatz gekommen ist. Interessant wären natürlich noch Übernachtungszahlen.

    Und so kompliziert die Empirie sein mag, ohne geht es nicht.

  2. rd (Montag, der 27. Dezember 2010)

    @Enno Stimmt!

    Dass mit den Beschäftigten ist sowieso interessant. Nicht zuletzt weil der Anstieg der Beschäftigten (+3,9; +2,9/4,6) größer ist als der Umsatzanstieg (+2,8) – beides im Gastgewerbe. Da die Gehälter auch im Gastgewerbe wohl eher gestiegen sein dürften, bedeutet das was? Weniger Ergebnis? Oder ist das in der Preisbereinigung enthalten?

    Da könnte man auch wieder auf komische Ideen kommen wie z.B. Wandlung von Schwarzarbeit in Teilzeit aufgrund stärkerer Kontrollen?

    Oder: Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast? 🙂

  3. Enno (Dienstag, der 28. Dezember 2010)

    Das kann ein geringeres Ergebnis bedeuten, muss aber nicht, weil durch ein Umsatzwachstum die Deckungsbeiträge zunächst ansteigen. Ein Teil des Deckungsbeitrages wird dann in die gestiegenen Lohnkosten fließen (die möglicherweise überproportional angestiegen sind), aber andere Fixkosten, für andere Fixkosten, wie bspw. die Miete, bleibt aber ein erhöhter Deckungsbeitrag übrig, so dass möglicherweise das Ergebnis verbessert wird.

    Ich habe den Eindruck, dass du empirische Methoden mit quantativen Methoden gleichsetzt. Das ist aber ja nur ein Teil der empirischen Forschung, auch die qualitativen Methoden sind empirisch.

  4. rd (Samstag, der 8. Januar 2011)

    Lieber Enno!

    Wir gehen immer gerne ins Althaching zum Mittagessen. Das mittags immer gut besuchte Restaurant hat ein Wochenmenü. Die Limitierung für den Umsatz sind Raum und Leistungsfähigkeit der Küche, nicht die Nachfrage.

    Der Preis für das Mittagsgericht vor einem Jahr war 5 €. Dann wurde er auf 5,50 € erhöht. Heute kostet das Mittagsgericht 5,90 €. Das ist eine Preissteigerung von 18 %. Wenn ich die 2,x % offizielle Inflationsrate abziehe, bin ich dann im Produktsegment Wochenmenü bei der Annahme eines gleichbleibenden Essensausstoß bei einer Umsatzmehrung von 15,y %.

    🙂

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