Wer hat das Radar erfunden? Angeblich gibt es da eine Reihe von Menschen, die dies für sich in Anspruch nehmen können. Auch ein deutscher Professor, der in den 50iger Jahren an der Technischen Hochschule München (heute Technische Universität München) lehrte, gilt als der verkannte Erfinder des Radars. Aber wer hat eigentlich den Warmstart erfunden? So geht meine Computer Vintage Geschichte also jetzt weiter:

Eines unserer hochspannenden Projekte Ende der 70iger Jahre war Dispol und wurde von der Bayerischen Landespolizei gemeinsam mit Siemens entwickelt. Der gesamte Fernschreibverkehr sollte in ein neues IT-basiertes System überführt werden. Dabei sollten echte Fernschreiber genauso am Netz funktionieren wie moderne Datensichtgeräte, für die es auch ein kleines Programm zur Emulation von Fernschreibern gab. Die physischen Fernschreiber waren richtige Bestien. Sie hatten Spannungen von 60 Volt plus/minus und waren schon damals für IT-Verhältnisse unendlich langsam (die Übertragungskapazität war wohl 50 Baud).

Es war noch die Zeit vor der Paketvermittlung. Datex-P (X25) war Zukunft, Datex-L war angesagt. Um ein Land wie Bayern flächendeckend zu versorgen, wurden 16 (die Zahl habe ich in Erinnerung – die Größenordnung sollte stimmen) Datenknotenrechner flächendeckend in Bayern aufgebaut und über verschiedene Wege durch Datex-L-Leitungen redundant verbunden, so dass die Funktion des Netzes auch bei Ausfall einer Leitung gewährleistet war. Obwohl auf Datex-L aufbauend vermittelten wir in den höheren ISO-Schichten Pakete, sogenannte „Buffer“. Es gab auf dem PDN auch eine lösungsorientierte Programmiersprache, die hiess APS (Anwenderorientierte Programmier Sprache), das waren die so genannten Y-Makros. Mit ybuff holte man sich einen Buffer, mit yput schickte man ihn dann auf die Reise. Kann sein, dass ich der ungekrönte APS-Weltmeister war (immerhin hatte ich die Sprache in meinem vorhergehenden Laborleben gemeinsam mit Kollegen entwickelt).

Die Rechner waren Transdata-Systeme der Serie 960 mit dem Betriebssystem PDN. Die Abkürzung von PDN weiß ich nicht mehr (Programmierung Daten Netze?). Wichtig ist, dass der Buchstabe „P“ für Programmierung stand, und eine programmierbare Schaltfunktion für Nachrichtenvermittlung war damals auch weltweit etwas völlig Innovatives. Die Netze gehörten damals noch den Leuten von der Hardware-Fraktion.

Transdata war eine geniale Technologie – wir waren viel moderner als die Konkurrenz von IBM mit SNA. Mit einer „konfigurationsorientierten Generatorsprache“ (genannt KOGS), die aus so genannten X-Makros bestand, konnten wir das Rechnernetz und die Software eines jeden einzelnen Systems des Netzes beschreiben und dann die Basis der Betriebssystem-Software für die verschiedenen Rechner generieren. Das erfolgte auf BS1000, später auch BS2000. Wir nannten das „cross-compilieren“. Die typischen Befehle von KOGS waren z.B. xpro (zur Definition eines Rechners im Netz über seine Prozessor- und Regionsnummer (das war einmalig bei Transdata – dem Konkurrenzprodukt von IBM’s SNA für System Network Architecture gab es nur Prozessornummern). xstat war das Makro, um eine am Rechner angeschlossene Station zu definieren wie einen Fernschreiber, ein Datensichtgerät oder ein komplexes Endgerät wie einen Drucker. xltng diente zur Beschreibung des Leitungsprotokoll, mit der das Endgerät an den Rechnern angeschlossen war. Natürlich gab es bei jedem x-Makro eine lange Reihe von Parametern, das ganze war nur etwas für echte Spezialisten.

Die generierten Betriebssysteme wurden in die verschiedenen Netzknoten-Rechner geladen, die Rechner bauten ihre Systemtabellen auf – und dann lief das Netz (meistens)!

Als das Dispol-Netz nach ein paar Jahren des Aufbaus stand, ging der Abnahme-Test los. Mit der den Bayerischen Behörden eigenen Akribie wurde der gesamte Fernschreibverkehr des alten Fernschreibnetzes um einige Tage zeitversetzt im neuen Netz (mit doppeltem Personal) nachgefahren – es war ein Test mit der echten und nur zeitversetzten Last. Das Service Level Agreement (SLA – so etwas gab es damals schon, obwohl es den Begriff noch nicht gab) war sehr streng, die down-time musste für damalige Zeiten extrem niedrig sein. Das Netz galt als abgenommen, wenn es 6 Wochen am Stück unter der erlaubten down-time im nachgelagerten Parallelbetrieb lief. Und die zulässige Ausfallzeit lag im unteren einstelligen Prozentbereich.

Das Netz war eigentlich ziemlich stabil. Abstürze waren selten. Aber – wenn ein Absturz eines Rechners erfolgte, dann musste der Rechner wieder hochfahren, und das war eine langwierige Angelegenheit. Der Rechner lief und lief, die Lichter blinkten und nach meistens mehr als einer halben Stunde konnte er dann wieder seine Aufgabe erfüllen. Das dauerte so lange, weil der Rechner ja erst das generierte Basissystem über eine Leitung laden und dann recht aufwendig seine Sytemtabellen aufbauen musste. Mit einer so langen Wiederanlaufzeit war das „SLA“ natürlich nie zu erreichen. Immer gab es nach einigen Tagen guten Betriebs einen Rückschlag und die 6-Wochen-Frist fing an von vorne an zu laufen. Die Verzweiflung erreichte bei unserem Projektmanager ihren absoluten Höhepunkt.

Dann kam die erlösende Idee: Wir schauen einfach mal, bis zu welchem Zeitpunkt (bzw. Befehlszähler) die Erzeugung des für den Betrieb notwendigen Images identisch abläuft. Dann wird der Rechner angehalten, der Speicher gedumpt und auf eine Floppy gespielt und natürlich der Befehlszähler gemerkt. Die Rechner bekamen Floppylaufwerke – auch das war ein Novum bei diesen Systemen. Und wenn der Rechner dann wieder mal abstürzte, so wurde automatisch der Dump von der Floppy in den Speicher geladen, der Rechner auf den richtigen Befehlszähler gesetzt und los ging der Warm-Start. Nach weniger als drei Minuten war das System wieder online und oft merkte der Kunde gar nicht, dass einer der Netzknotenrechner ein wenig „hustete“. Wir mussten dann bei einer Änderung am Netz nur neue Floppies produzieren – und haben dann die 6 Wochen ohne Probleme geschafft.

Jetzt weiß ich nicht mehr genau, wer von unserem Team zuerst auf den genialen Gedanken kam, aber das Projekt war gerettet und wir waren die echten und einzigen Erfinder des Warmstarts!

RMD

P.S.

Meine Aufgabe in dem Projekt damals war so eine Art „Mädchen für alles“. Ich entwickelte die Netz-Topologie, unter anderem führte ich die vordefinierten logischen Verbindungen ein (siehe xkon von KOGS – das für die Transdata-Insider), schraubte am Fernschreiberport herum, der mit den polizei-eigenen Fernschreibsystemen größte Probleme hatte, lehrte neuen Kollegen APS und KOGS und vor allem, ich suchte Fehler ohne Ende. Oft gab es dann um Mitternacht beim Griechen nicht weit weg von der Maillingerstraße eine große Siegesfeier, wenn wir wieder einen eintscheidenden Blocking-Point überwunden hatten. Und wir waren ein wunderbares Team, die Kollegen von der Bayerischen Polizei und wir von Siemens. Wir alle erinnern uns auch heute noch sehr gerne an das Projekt DISPOL, besonders an die schönen Feiern auf dem Sudelfeld – und immer wenn wir uns treffen haben wir großen Spaß!

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2 Kommentare zu “Erfindung des Warmstarts oder wie Dispol laufen lernte – Computer Vintage #2”

  1. fhl (Dienstag, der 1. Juli 2008)

    Wenn Transdata „Vintage“ ist (Leo sagt einerseits „altmodisch“, andererseits aber auch „hervorragend“), was ist dann die Z3 ;-)?
    Immer in bester Erinnerung: unsere gemeinsame Zuse-Tour: http://fhlconsult.blogspot.com/2008/06/computer-vintage.html

  2. jg (Mittwoch, der 20. Januar 2010)

    ad „Die Abkürzung von PDN weiß ich nicht mehr (Programmierung Daten Netze?)“ –
    Antwort:
    Programmsystem für Datenfernverarbeitung und Netzsteuerung

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