Roland Dürre
Montag, der 30. Mai 2011

ERGO und die Nutten

Das ist wieder so ein Fall für die Heuchler in unserem Land. Da soll Ergo seinen besten Vertriebsleuten bei einem rauschenden Fest ein wenig Sex gegönnt haben. Und alle empören sich. Warum? Weil das so schrecklich unmoralisch ist? Weil ein gesellschaftliches Tabu verletzt wurde?

Ist GoKart- oder Bob-Fahren besser? Oder Hubschrauberfliegen? Nur weil es teurer ist? Oder schöne Einladungen ins Drei-Sterne-Lokal? Gemeinsames Kegeln? Oder zum medizinischen Kongress nach Mallorca reisen? Formel 1 in den Emiraten oder Eisrennen in Norwegen? Oder das Incentive in NY (USA) zum Briefing für die nächsten Vertriebsaktion? Das Rafting fürs Team Building? Oder was es da alles immer so gibt?

Ich betrachte das mal rein kaufmännisch.

Bei der ERGO-Party sollen 20 Prostituierte für 100 Spitzenvertriebler engagiert worden sein. Für einmal Sex sollen die Prostitutierten 1 Stempel bekommen haben, als Basis für die Abrechnung (Quelle ach wie schön BILD!).

Jetzt gehe ich mal davon aus, dass 50 % der Gäste das Angebot angenommen haben.

Auf diese Zahl komme ich, indem ich die Anzahl der Prostituierten mit der Anzahl ihrer Transaktionen pro Monat multipliziere. Und dann die Anzahl der geschlechtsfähigen männlichen Wesen durch diese Zahl dividiere. Ganz grob:

Nehmen wir an, eine Stadt hat eine Million Einwohner. Die Männer machen weniger als die Hälfte aus, die sexuell aktiven noch mal die Hälfte. Dann bleiben um die 200.000 potentielle Nutzer von Prostitution. Nehmen wir weiter an, in dieser Stadt gehen 1.000 Frauen regelmäßig der Prostitution nach und diese haben im Monat im Durchschnitt 100 Transaktionen.

Dann wären das insgesamt 100.000 Transaktionen im Monat. Wenn der Rhythmus der männlichen Nutzer durchschnittlich ein Mal im Monat wäre, dann kämen wir auf 100.000 Nutzer, also 50 %. Habe aber alles nur geschätzt. Statistiken sind willkommen.

Wenn also auf dieser Party jeder zweite Mann das Gratisangebot angenommen hat, dann wären auf die 20 Prostitutierten bei der Ergo-Party 50 Männer gekommen. Für so einen „Quicky“ auf einer Party dürfte eine Prostituierte in Ungarn um die 50 € pro „Stich“ und Stempel bekommen (willkürlich geschätzt, ich lasse mich gerne belehren). Da es da in Ungarn (noch?) Forint gibt, dürfte eine clevere Versicherung wie die ERGO auch noch den Währungsvorteil genutzt haben. Für die Damen wären das dann im Schnitt 2,5 Kunden. Also 125,- €. Auch nicht so richtig aufregend. Und für die ERGO 2.500 €. Selbst wenn noch eine „Antrittsgebühr“ bezahlt worden wäre (100 €), wären es nur 4.500 €.

Aber selbst wenn alle teilnehmenden Männer das Angebot genutzt hätten, dann hätten sich für die ERGO die Kosten in Grenzen gehalten.Das wären dann € 5.000,- gewesen (50 € x 100 Männer – für jede Dame im Schnitt 250. Auch 5.000 € (7.000 €) ist ein geringfügiger Betrag für eine Incentive-Veranstaltung für 100 Spitzen-Vertriebler.

Ich möchte nicht wissen, wie viel Provision es z.B. für einen Abschuss, Verzeihung Abschluss einer Lebensversicherung in Höhe von 250.000 € gibt. Ob da 2.500 genügen? Glaube kaum. Und auch welche Summen sonst bei solchen Veranstaltungen ausgegeben werden?

Da tritt sie wieder zu Tage, die Heuchelei. Sobald es um Sex und gar noch käuflichen geht, wird sich empört. Und zwar sehr moralisch. Dass Versicherungen verkauft werden, bei denen sich die Kunden beim Ablauf nur ärgern, spielt keine Rolle. Dass Vertriebler raue Typen sind, die auch mal Dinge verkaufen, die keiner braucht, ist auch normal. Auch wenn dann die Opfer lebenslänglich zahlen müssen.

Der Drückervertrieb, der ab und zu Existenzen ruiniert, ist in Ordnung. Shareholder Value ist in Ordnung. Spekulation mit Rohstoffen ist in Ordnung. Alles was Profit macht ist in Ordnung. Aber wehe, wenn Sex auch noch als Vertriebskosten von der Steuer abgesetzt wird. Dann gehen beim Spießbürger die roten Lampen an. Oft denke ich mir, dass der kollektive Schrei des Abscheus eher Neid ist, eben nicht bei der ERGO als Vertriebsmann damals dabei gewesen zu sein.

RMD

P.S.
Habe gelesen, dass Ergo wegen dieses Vorfalls seine Werbung ausgesetzt hätte. Wenn ich aber durch München radele, leuchtet mir die Ergo komischerweise überall entgegen. Und glaube fast, dass die ERGO sich klammheimlich freut, dass sie jetzt ins Gespräch gekommen ist und wahrscheinlich sogar an Sympathie gewonnen hat (Nachdem bayerischen Motto „Hund san’s scho“)! Also – alles nur Marketing? Mal ganz viral?

P.S.1
🙂 Ich habe übrigens nichts von männlichen Prostituierten gehört. Weder für die weiblichen Versicherungsverkäuferinnen noch für eventuell homosexuelle Gäste! Das heißt, die ERGO hat auch noch Frauen und Homosexuelle diskriminiert im Sinne der Gleichstellung!

Be Sociable, Share!

3 Kommentare zu “ERGO und die Nutten”

  1. E2E (Sonntag, der 29. Mai 2011)

    Ich verstehe die Empörung auch nicht. Hier wurde niemand gezwungen und alles waren erwachsene Menschen. Wenn man ihnen das Geld gegeben hätte und sie hätten sich selber die Damen gesucht, wäre es weniger verwerflich gewesen?

  2. Chris Wood (Montag, der 30. Mai 2011)

    I have heard that the party cost €80,000 and was (legally) set against tax.
    The Church, especially Catholic has had a strange view of sex for a very long time. Look at the unlikely belief that Mary remained a virgin.
    Other main religions make restrictions too.
    Of course there are good reasons for society to try to restrict unmarried sex. It spreads diseases, and often disadvantages children of those involved. The Pope’s teachings on contraception have these bad effects too, but contribute to the success of Catholicism, in terms of numbers relative to other religions. In general, religious people tend to have more children.

  3. rd (Montag, der 30. Mai 2011)

    @Chris:

    Diese Aktion wurde insofern legal versteuert, weil jeder Teilnehmer laut Medien 3.000 € als geldwerten Vorteil versteuert haben soll. Das heißt, dass die ERGO ihren Kollegen quasi Sachanlagen als erweitertes Gehalt ausgezahlt hat und die Mitarbeiter diese wie Gehalt versteuert hätten, ähnlich wie beim Firmen-Pkw.

    Die 3.000 € verstehe ich aber wieder nicht, denn dann hätte die Veranstaltung bei 100 Teilnehmern ja 300.000 € kosten müssen.

    Ich vermute, dass das ein Übertragungs- oder Tippfehler ist und die Mitarbeiter nur 300 € als geldwerten Vorteil versteuert haben. Das wären dann bei den 100 Mitarbeitern immerhin noch 30.000 €, der Rest könnte dann die Kosten z.B. von Anreise etc. gewesen sein, die dann „normal“ als Kosten abgesetzt worden sind. Ist natürlich auch alles Spekulation. Sicher ist nur, dass die 3.000 € Quatsch sind.

Kommentar verfassen

*