Roland Dürre
Donnerstag, der 3. Dezember 2015

Erst normiert dann zertifiziert.

Oder:
Warum ich meine dass „Zertifizieren“ oft ein Quatsch ist.

Created by Barbara Dürre

Kreiert von Barbara Dürre, einer zertifizierten Zertifikat-Erstellerin 🙂

Um das Leben einfacher zu machen normieren die Menschen die Welt. Und erstellen Zertifikate, die bestätigen, dass das die Objekte dieser Welt sich im Rahmen einer festgelegten Norm bewegen oder dieser folgend erstellt wurden.

Ein positives Beispiel ist sicher die DIN (ehemals: Deutsche Industrie Norm). Sie wurde von einem Verein/Verband von Industrie-Partnern gestartet. Die Normierung von technischen Teilen hat einen wesentlichen Fortschritt gebracht.

Das hat wohl Sinn gemacht, wie auch eine einheitliche „Metrik“ in Europa oder gar der Welt für Eigenschaften von Objekten (Maße wie Entfernung, Gewicht, Größe, Volumen etc.) oder Zuständen (Druck, Geschwindigkeit, Temperatur, Zeit etc,) nützlich war.

Dem „Normieren“ folgt dann das „Zertifizieren“. Die verbindliche und geprüfte Angabe des konkreten Maßes eines Objekts ist die einfachste Form eines Zertifikates. Es gilt:

Zertifizierung kann es nur geben, wenn vorher eine Normierung erfolgt ist.

Wenn die Menschen in einem Bereich erfolgreich sind, dann wird die zu Grunde liegende Methode auch auf andere Bereiche angewandt. Auch wenn das vielleicht keinen Sinn macht. Zum Beispiel weil alles, was lebendig ist, eben nicht wie tote Masse sinnvoll normiert werden kann.

So normiert Brüssel (die EU) mittlerweile nicht nur Pflanzen und Früchte. Nein, in vielen Bereichen – und jetzt gerade da, wo es eben nicht geht – wird kräftig normiert und zertifiziert. So haben wir eine normierte Gurke und Nachhaltigkeit (und die dazugehörigen Zertifikate). Institutionen und Verbände aller Art „normieren“und zertifizieren fleißig mit – alles mögliche und für jeden Zweck. Meistens beginnen sie mit der Niederschrift von Sammlungen von (vermeintlichem) „Best-Practise“. Gewonnen hat man, wenn man eine verpflichtende ISO-Norm oder ähnliches geschafft hat. Und dann geht es los mit der Ausbildung der Auditoren und den Audits.

Aber wollen wir wirklich Menschen, ihr Zusammenwirken und das Leben an sich normieren? In den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten wurde die Metrisierung und Vermessung der Welt auf Menschen, die Natur und soziale Systeme ausgeweitet.

Unternehmen müssen jetzt mit Zertifikaten belegen, dass sie „richtig“ funktionieren, obwohl sie aus Menschen bestehen. „Richtig“ ist was im Sinne der Logik einer oft sehr komplizierten und sich widersprechenden Norm folgt. Und alles andere ist „Falsch“. Und dabei wird nur zu oft vergessen, was eigentlich beabsichtigt war oder das Problem ist.

Sogar auf Familien wollte man das ausdehnen. In den 60iger Jahren wurde diskutiert, ob man ohne einen Ehe-Führerschein überhaupt heiraten dürfe. Und ein Vater- bzw. Mutter-Führerschein wurde gefordert, um Eltern werden zu dürfen. (Führerscheine sind im übrigen auch nur Zertifikate). Sicher war das Ziel redlich, man wollte die Situation der Kinder verbessern.

Mir kam damals der zynische Gedanke, dass nach Zertifizierung von Vater und Mutter auch die Söhne und Töchter zertifiziert werden müssen. Damit sie ordentliche Kinder seien. Das ist ja heute ein wenig Realität geworden; die Schule etwa richtet auf Basis eines normierten Kinderbild ihre „Lehrpläne“ auf das Musterkind aus, ganz ohne zu berücksichtigen, wie verschieden Kinder sind.

Ich bin froh, dass der Elternführerschein dann doch nicht kam. Obwohl leider immer noch viele Kinder in einer trostlosen Situation leben. Der „Elternführerschein“ ist aber ein exzellentes Beispiel für die Grenzen von Normierung und Zertifizierung.

Familienrollen werden also noch nicht zertifiziert. Man versucht aber in anderen Gemeinschaften kräftig zu zertifizieren – zum Beispiel in Unternehmen beim Management. Man denke nur ans Projekt-, Wissens-, Qualitäts-Management etc. . Und bald wird sicher auch das BGM (Betriebsgesundheitsmanagement), die Gemeinwohl-Ökonomie und die CSR (Coporate Social Responsibity) zertifiziert. Und vorher natürlich normiert, was das ist.

Ich gehe davon aus, dass man nicht versuchen sollte, soziale Systeme, in denen Menschen agieren, zu normieren. Mir graut vor normierten sozialen Systemen. Ich glaube auch nicht, dass man Führung und Management normieren kann. Aber wie soll man etwas, das man nicht normieren kann, sinnvoll zertifizieren können?

Aber bleiben wir beim Projekt Management:
Eine Normierung von PM wird sinnvoll nicht möglich sein. Wie kann man das dann sinnvoll zertifizieren?

😉 Eigentlich ist das schade. Heißt das doch, dass auch die „Projekt Manager“ (wie z.B. die Programmierer) wieder – wie im Handwerk (craftsmanship) – so richtig von ihren Meistern lernen und viel üben müssen, um Könner zu werden.

Titel kann man mit Geld, durch den Besuch eines teuren Kurs und fleißigem auswendig lernen erwerben. Ein Meister wird  man jedoch nur über Fleiß und Schweiß. Und es könnte sein, dass man in Zukunft nur noch die Meister braucht.

RMD

P.S.
Es lohnt sich übrigens im Internet mal nach Zertifikaten zu browsen. Ich wurde von ihrer Vielfalt erschlagen und auch davon, wie absurd viele davon sind. Ich verzichte hier auf Beispiele, es würde kein Ende mehr nehmen.

1 Kommentar zu “Erst normiert dann zertifiziert.”

  1. Chris Wood (Samstag, der 5. Dezember 2015)

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