Roland Dürre
Sonntag, der 7. März 2010

Freie Inhalte, geistiges Eigentum, Urheberschutz & Dilettanten

Ich bin immer froh, wen ich freie Inhalte finde. Ohne freie Inhalte wäre z.B. der Aufwand einen Blog zu illustrieren gigantisch hoch!

Ich weiß, dass bei „free content“ zahlreiche Menschen Bedenken haben. Wer schützt das Einkommen von Autoren und Fotografen? Vieles ist zu bedenken. Der Diebstahl geistigen Eigentums soll nicht unterstützt, zugelassen oder auch nur toleriert werden.

Dass es für den professionellen Fotografen nicht leichter wird, wenn er Konkurrenz durch Amateure bekommt, muss man akzeptieren. Wie oft hat der technologische und gesellschaftliche Wandel Berufe verschwinden lassen oder die Berufsgruppe drastisch reduziert?

Technologie, gesellschaftliche Entwicklungen und Globalisierung haben „die Welt“ verändert. Recht und Gesellschaft werden diesem Wandel folgen. Es scheint sinnvoll zu sein, dass Inhalte („content“) „per default“ frei sind. Und wer seinen Inhalt nicht frei gibt, soll dies explizit fordern. Und das soll dann auch respektiert werden.

Um Frau Helene Hegemann (das aktuelle deutsche Fräulein-Wunder) gab es vor kurzem eine interessante Diskussion. Sie hatte in den Kammerspielen in München einen umstrittenen Auftritt und wurde kritisiert, weil sie davon ausgeht, dass Autoren generell nichts Neues produzieren sondern nur Erlesenes und Erlebtes weiterverarbeiten.

Ist da nicht etwas Wahres dran? Ist es überhaupt realistisch anzunehmen, dass auch nur ein Mensch auf der Erde jemals etwas radikal Neues erdacht hat? Ist es vielmehr nicht so, dass auch unsere „großen“ Ideen und Schöpfungen letzten Endes zumindest zu einem wesentlichen Teil zufällige Ergebnisse unseres Lebens und unseres Erfahrens sind? Und profitieren wir in unserer „Genialität“ nicht von allen unseren privaten „Stakeholdern“? Sind wir nicht sowieso nur ein Produkt unserer Werdens und unserer Sozialität?

Ist es in letzter Instanz nicht schon fast unmoralisch, für die eigene Kreativität Geld zu verlangen, wenn diese ohne die Gemeinschaft gar nicht möglich gewesen wäre? Kann man wirklich so etwas wie geistiges Eigentum und Urheberrecht beanspruchen, wenn der gesamte für die Idee notwendige Input aus den Interaktionen mit anderen Menschen kommt?

Bemühen wir hier nicht vielmehr wieder ein vielleicht überholtes Bild des Gott ähnlichen Menschen, der ganz aus sich heraus so tolle Dinge schafft? Passt der Begriff des „geistigen Eigentums“ überhaupt noch in eine Zeit, in der es um um neue „Wichtigkeiten“ wie das Überleben des Planeten geht?

Wäre es nicht natürlich, alles was man von seiner Umwelt empfangen hat, dieser auch zurück zu geben? Auch wenn dieser idealistische Anspruch in eine einseitig materialistische Wertewelt nicht so richtig rein passt.

Ab und zu gibt sogar es Bestrebungen, Dilettanten das Recht zu verwehren, ihre mit viel Liebe produzierten Inhalte frei zur Verfügung zu stellen. Das finde ich besonders verwerflich. Dilettanten betreiben akribisch eine Kunstfertigkeit. Dies nicht aus kommerziellen Motiven sondern aus Liebhaberei. Die Ergebnisse der „Dilettanten“ sind oft besser als routinebasierend geschaffene Ergebnisse der Profis. Warum soll man das Schaffen von Dilettanten nicht umsonst nutzen dürfen?

RMD

8 Kommentare zu “Freie Inhalte, geistiges Eigentum, Urheberschutz & Dilettanten”

  1. Nico (Sonntag, der 7. März 2010)

    FULL ACK! Besonders der Gedankengang dass Kreativität aus der Interaktion mit der Umwelt entsteht.

  2. Chris Wood (Montag, der 8. März 2010)

    Crazy stuff! This takes an idea and stretches it till it is ridiculous. Roland, should your life’s work have remained unpaid, because it could not have happened without the invention of computers? Would the Beetles have made so many people happy with their songs, if society had decided that creativity should remain unpaid? Do you put forward such ideas because you are sure nobody will take them seriously, or do you rely on my humourless comments? I would like to joke more, but I see too much foolishness in blogs and politics, where the people clearly mean it seriously.

  3. rd (Montag, der 8. März 2010)

    Hi Chris,

    es geht ja nicht um unbezahlt, sondern um eine angemessene Be-/Entlohnung. Und wie viel Komponisten und Autoren haben tolles geleistet und viele Menschen glücklich gemacht – und sind trotzdem ganz arm gestorben.

    Ich bin mal gespannt, wie die Menschheit solche Themen in 50 Jahren bewerten wird. Ich vermute, ziemlich diametral zur Bewertung vor 50 Jahren.

    Deine Kommentare haben aus meiner Sicht nur die Schwäche, dass sie immer im Heute beheimatet sind und davon ausgehen, dass die heutige Gewissheit immer gültig sein wird. Die Vergangenheit zeigt aber, dass die Gewissheiten sich ändern, und die Zukunft wird auf das „Rationale Denken“ von heute keine Rücksicht nehmen, sondern es wahrscheinlich wegspülen und staunende Ratlosigkeit hinterlassen.

    Bin auch überzeugt, dass viele Menschen diese Ideen sehr ernst nehmen. Allerdings gehört dazu die Fähigkeit, scheinbar Selbstverständliches in Frage zu stellen.

    RMD

  4. Chris Wood (Dienstag, der 9. März 2010)

    Hi Roland
    Firstly, you shift your ground. Your posting did not criticise too high payments. (I think that the earnings for Harry Potter were excessive). You suggested eliminating such payments.
    Secondly, it is you rather than I who live very much in the present. You think that we have little need to encourage clever new ideas, presumably because we have enough clever ideas already. You think that we need no rational thinking. Our present comfort derives from earlier rational thinking, which obviously took place without complete knowledge. The future wellbeing of mankind depends on current rational thinking (still with incomplete knowledge). But the gap between the rational thinkers and the policy makers remains wide. The policy makers are not keeping pace. This may well lead to disaster, and „wash away“ mankind.

  5. rd (Dienstag, der 9. März 2010)

    Hi Chris,

    das ist falsch!

    „Rational thinking“ muss vom „ethisches Denken“ gesteuert werden.

    und

    „Wir brauchen dringend neue Ideen“. Wichtiger als der technische ist (und war immer) der soziale Fortschritt. Die persönliche Bereicherung als wesentlicher Antriebsfaktor wird in einer vernetzten Welt nicht mehr funktionieren.

    RMD

  6. Chris Wood (Mittwoch, der 10. März 2010)

    Yes, Roland, I was commenting on what you wrote, not on what I believe you think.
    Ethical thinking should be steered largely by rational thinking. Look at what happens with irrational ethic.
    Social and technical progress have always gone hand in hand. One is not more important than the other. For instance when people first made tools, they needed a concept of personal property. With agriculture came the first villages, which needed new „laws“ for living together. With the contraceptive pill came a new sexual morality.

  7. rd (Mittwoch, der 10. März 2010)

    Lieber Chris,

    ich fürchte, wir reden völlig aneinander vorbei.

    Trotzdem ein letzter Versuch.

    Ethik und Moral müssen Technik steuern. Nicht andersherum. Und wenn die Technik davon galoppiert, dann müssen Ethik und Moral die Technik wieder einfangen.

  8. Sascha (Donnerstag, der 20. Januar 2011)

    Die Geschichte mit der Fotografensache ist mittlerweile jedem bekannt. Selbst die Landesflaggen sind Kopiergeschützt. Ich finde das meiner Meinung nach mehr als gut, immerhin gibt es genug Fotografen die diese Bilder an Internetseiten verkaufen. Manche Internetseiten denken nicht drüber nach und setzten keinen Kopierschutz drauf. Verständlich das sich die Fotografen somit rechtlich dagegen wehren.

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