Roland Dürre
Sonntag, der 7. November 2010

Frust und Lust

Immer wieder passiert mir Erstaunliches. Ich entdecke bei manchen Menschen oft ganz überraschende Seiten. Früher hat mir das weh getan. Mittlerweile weiß ich, dass das ganz normal ist und versuche damit konstruktiv umzugehen.

Das habe ich auch mit mir sympathischen Menschen erlebt. Mit lieben Freunden, guten Kollegen, zuverlässigen Partnern, geachteten Lehrern und geschätzten Vorgesetzten. Mit Menschen, die ich schon länger kannte und schätzte. Im Alltag klug und freundlich, mit vernünftigem Reden und integriertem Handeln. Mit zuvorkommenden und hilfsbereiten Menschen.

Und dann, ganz plötzlich, ist das alles weg. Es müssen nur ein paar Worte wie Ausländer, Islam, Terrorismus, Verfremdung, Volksentscheide oder Zigeuner fallen.

Schlagartig verändern solche Reizthemen die Stimmung. Und schon knallt es im Gespräch oder in der Diskussion. Eben noch offenen Menschen machen zu und sind vernünftigen Argumenten nicht mehr zugänglich. Und wenn ich mich dann nicht schnell und vorsichtig zurückziehe, entsteht leicht bitterer Streit.

Ich erlebe dann, dass demonstrierte Toleranz um schlägt in aktive Intoleranz. Ich fühle förmlich die Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien und die Bereitschaft zur Pflege irrationaler Sorgen. Alltägliche Gefahren werden überhöht, fremde Kulturen und Religionen als Bedrohungen empfunden. Xenophobie gewinnt die Oberhand.

Das gerade noch positive formulierte Weltbild ändert sich in ein negatives, der Gesprächspartner entzieht den Menschen und der Menschheit kollektiv das eben noch ausgesprochenes Vertrauen.

Anstelle des Vertrauens reagiert plötzlich Misstrauen, der Wunsch nach Freiheit wird der Forderung nach Obrigkeit untergeordnet. Die es bitteschön richten möge! Mehr Belohnung und vor allem härtere Strafen werden gefordert.

Aufgeklärte Standpunkte erliegen populistischen Thesen, Angst machende Positionen werden spontan und emotional übernommen. Soziales Verständnis weicht asozialem Hass, die gerade noch gelebte Menschenfreundlichkeit kippt in Feindseligkeit um.

Und die gerade noch positiv gefühlte Stätte der Entfaltung wird zu einem bedrohlichen Unort der Unterdrückung. Und schon kommt die Forderung nach Law&Order und Todesstrafe …

Dann wird mir Angst und Bange. Und ich merke, dass Angst und Feindseligkeit wohl Teil des Menschseins sind. Und fühle wieder, wie sehr wir uns täglich bemühen müssen, mit Mut der Angst, mit Menschenfreundlichkeit der Feindseligkeit und mit Liebe dem Hass zu begegnen. Und dass wir mit aller Kraft unsere Feigheit bekämpfen und Zivilcourage aufbringen müssen.

Wir wollen doch alle nur ein wenig mehr Lust haben und weniger Frust empfinden, privat wie gesellschaftlich. Und das sollten wir uns einfach mal eingestehen und nicht vor uns selbst davon laufen.

RMD

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2 Kommentare zu “Frust und Lust”

  1. Chris Wood (Sonntag, der 7. November 2010)

    Stop worrying Roland; I can reassure you! You just have strange friends and colleagues! In all my decades in Germany, (not to mention England), I have never encountered such strong reactions. It is not that I carefully avoid provoking them. As you can see from my blog comments, I am fairly outspoken.
    In a pub 20 or 30 years ago, I met two young men from Dachau who said the concentration camp there was not so bad. It had got an unfair press! I admit that I did not argue.
    A Greek who had lived for years in Munich complained that Greece was overrun with foreigners. (More recently, I have heard that there is a serious problem in Greece due to ugly European rules for handling asylum seekers).
    The worst case I experienced was with an elderly local in the Hofbräuhaus. He kept telling me that the English were the scum of the Earth, who had brought more misery to the world than any other nation. This might have been a topic for discussion, but he just kept repeating himself. In the end, he bought me a beer, shook hands and left.
    Those are the only cases I can remember that went in the direction you describe. I suspect that you move in a higher social circle than I do, and that people there tend to have and express stronger views than the great majority. (Of course there are people with strong views in all social circles).
    I worry more about the comfortable selfishness of every country in the world, whereby most are worse than Germany. Of course the poorer nations have more excuse for being selfish, but most of these have very selfish ruling classes. Of course, living in Germany, I am glad to profit from this selfishness. Perhaps 5% of all tax should be spent on sensible foreign aid.

  2. rd (Sonntag, der 7. November 2010)

    Lieber Chris,

    ich möchte Dich nicht verunsichern. Könnte aber gut sein, dass Du einer von diesen Menschen bist, von denen ich rede. Es gibt Punkte, da werden Deine Reaktionen eigenartig.

    Allerdings reagierst Du sympathisch, immer kontrolliert – eben wie ein englischer Gentleman.

    Aber wahrscheinlich bin ich auch einer von diesen Menschen.

    Es hängt immer nur vom Thema ab ;-(

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